9 Alternativen zum Storytelling im Kulturbereich

Storytelling wird besonders im Kulturbereich häufig als ultimativer Weg zum Erfolg beschworen wird, ohne jedoch dessen Sinn und Unsinn zu hinterfragen. Ein Großteil dessen, was viele für Storytelling halten, ist es jedoch nicht. Und das ist auch gut so, denn Kulturvermittlung hin oder her, die meisten Inhalte kommen auch gut ohne das große Geschichtenerzählen aus.

________________

Das Storytelling-Missverständnis

Nicht jeder Text, der aus zusammenhängenden Sätzen besteht, ist gleich „Storytelling“. Ebenso wenig gilt das für eine Abfolge von Bildern, die aufeinander aufbauen. Applaus für jeden, der in der Lage ist, nicht zusammenhanglose Inhalte zu produzieren, sondern es vermag, die Inhalte in eine logische Reihenfolge zu bringen. Für die Verleihung des Titels „King of Storytelling“ reicht das aber leider bei weitem nicht. Die gute Nachricht: Auf Storytelling lässt sich meist – und das zudem noch sinnvoll – komplett verzichten, denn es gibt genug Möglichkeiten, Inhalte aufzubereiten, auch ohne gleich die ganz große Geschichte zu inszenieren.

Besonders im Kulturbereich wird viel zu schnell von Storytelling gesprochen, denn jeder Inhalt ist ja irgendwie mit einer Geschichte verbunden. Storytelling ist vermeintlich überall… Aber ist das wirklich so? Tatsächlich ist es ein großes Glück, dass nicht jeder Inhalt in Form einer durchkonzipierten Geschichte vermittelt wird (bzw. mittels eines Plots, wie Kerstin Hoffmann betont), denn die Rezipienten wären schlichtweg völlig überfordert. Storytelling bedeutet nämlich, Inhalte auszuschmücken, eine Dramaturgie zu verfolgen und nicht schnell, sondern unterhaltsam zum Punkt zu kommen.

________________

Was macht Storytelling aus?

Der Weg ist das Ziel, es geht also darum, dem Erzählen genug Raum zu geben, sich zu entwickeln. Ein kurzer Überblick, schnelle Informationen, knappe Inhalte – das alles ist im Storytelling nicht gewollt. Man nimmt sich Zeit, eine Geschichte umfangreich aufzubauen, mit den Protagonisten in die Tiefe zu gehen und beim Publikum Emotionen zu wecken. Das braucht seitens der Rezipienten Geduld – die sie oft nicht haben.

Nicht jeder hat unentwegt Zeit, in Geschichten einzutauchen – egal wie spannend diese auch sein mögen. Meist, und das gilt auch für die Zielgruppen von Kulturinstitutionen, möchten User einfach nur unkompliziert an Informationen gelangen oder auf die Schnelle unterhalten werden. Und auch bei den Kulturinstitutionen selbst stehen kaum die Ressourcen zur Verfügung, laufend Geschichten zu konzipieren und umzusetzen. Insofern kann und sollte Storytelling nur selten zum Einsatz kommen – neben der Vielzahl anderer Formate zur Inhaltsvermittlung:

________________

9 Formate zur Kulturvermittlung – ganz ohne Storytelling

1) Die Serie

Eine Serie sind Beiträge, die inhaltlich aufeinander aufbauen und meist einer ähnlichen Struktur folgen. Anders als im Storytelling gibt es hier keine zentralen Charaktere, sondern es wird entweder ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet oder es werden zusammenhängende Einzelthemen nach und nach betrachtet.

________________

Beispiel:

Das Archäologische Museum Hamburg entwickelte eine Beitragsserie um die „feindlichen Klarchologin“ Lena. Im Blog des Museums berichtete sie unter dem Hashtag #EiszeitenHH von ihrem studentischen Praktikum und den Vorbereitungen zur Ausstellung „EisZeiten“.


2) Der Einblick

Völlig zu Recht weit verbreitet ist bei Kulturinstitutionen das Format des „Blicks hinter die Kulissen“. Der strukturierte Inhalt steht hier im Vordergrund und nicht die Erzählweise. So lassen sich Fakten zeitsparend und unmissverständlich vermitteln.

________________

Beispiel:

Im Blog des historischen museum frankfurt werden in Form von Einblicken beispielsweise Zielsetzungen, Pläne und Hintergründe vorgestellt und erläutert, etwa zu „Stadtlabor unterwegs“.


3) Das Interview

Angeblich sind Interviews bei Rezipienten weniger gefragt und werden weniger gut angenommen. Dies hält Institutionen jedoch nicht davon ab, dieses Format regelmäßig zu nutzen. Im Prinzip ist das völlig legitim, denn als Content-Format sind Interviews unverzichtbar, wenn es darum geht, einen bestimmten Akteur ins Zentrum eines Inhalts zu setzen. Auch wenn es in den Interviews teilweise um Geschichten und Hintergründe geht: In der Regel handelt es sich dabei um die Schilderung subjektiver Erfahrungen und damit um das Gegenteil eines konzipierten Storytelling.

________________

Beispiel:

Die Fondation Beyeler erstellt regelmäßig Video-Interviews und lässt darin Kuratoren, Künstler und andere Akteure zu Wort kommen.


4) Die Fragestellung

Storytelling folgt einem im Voraus geplanten Konzept, wobei die Dramaturgie in der Regel in sich geschlossen ist. Anders funktioniert das Format der Fragestellung, das auch offen gestaltet werden kann, um das Feedback von Rezipienten mit einzubeziehen.

________________

Beispiel:

Das Stattmuseum Stuttgart stellte in seinem Blogbeitrag „wir sind jetzt mal bei ‚wünsch dir was‘!“ Fragen rund um die konzeptionelle Ausrichtung und Zielsetzung des Museums. Zum einen wurden die Fragen selbst vom Blogautor aus subjektiver Sicht beantwortet, zum anderen wurden auch die Leser befragt, um Feedback einzuholen.


5) Gamification

Wer eher trockene Kulturinhalte vermitteln möchte, muss nicht immer auf Storytelling zurückgreifen, auch wenn sich dessen emotionalisierende Charakteristika hierfür gut eignen würden. Eine Alternative hierzu ist das Angebot eines Quiz oder eines Spiels – Schlagwort Gamification.

________________

Beispiel:

Burg Posterstein entwickelte das #MascherMarchenMemory, mit dem die Ausstellung zum Portraitmaler Friedrich Mascher begleitet wurde. Dieser malte Bäuerinnen und Bauern, im Altenburgischen „Marche“ und „Malcher“ genannt, relativ einheitlich in traditioneller Tracht vor blauem Himmel. Das Memory-Spiel greift ironisch die Tatsache auf, dass die Portraits auf den ersten Blick identisch aussehen und schärft zugleich das Auge des Betrachters für die Details und damit auch die Verschiedenheit der Bilder.


6) Das Tutorial

Do It Yourself-Anleitungen (kurz DIY) und Tutorials zählen zu den beliebtesten Content-Formaten im Netz. Sie sind quasi das genaue Gegenteil von Storytelling, denn sie zielen in erster Linie darauf ab, konkrete Fragen zu beantworten oder bei der Lösung eines Problems zu unterstützen – der Unterhaltungswert ist, anders als beim Storytelling, nur sekundär. Leider nutzen bisher nur wenige Kulturinstitutionen das Format, vermutlich weil die Suche nach einem geeigneten Inhalt sich teilweise schwierig gestaltet.

________________

Beispiel:

Das Format passt perfekt zum DDR Museum, schließlich war die Deutsche Demokratische Republik das Land der Bastler und Improvisations-Experten. Im Blog gibt das Museum praktische und sozusagen „historisch überlieferte“ Tipps, etwa wie man ein Sonnensegel bastelt oder wie man Topflappen näht.


7) Das Maskottchen

Ein immanenter Bestandteil von Storytelling sind Charaktere, um die sich eine Geschichte rankt, deren Weg begleitet wird und mit denen das Publikum mitfiebern, sich vielleicht sogar identifizieren kann. Fehlen diese Merkmale, also taucht einfach immer nur ein Charakter inhaltlich auf und zeigt Präsenz, spricht man eher von einem Maskottchen.

________________

Beispiel:

Im Instagram-Account des Caveman-Theaterprojekts (@cavechannel) taucht der „Caveman“ als Papercut-Maskottchen in verschiedenen Situationen auf.


8) Der Listicle

„Diese 10 Dinge sind so schockierend, dass du es kaum glauben wirst“ – Listicles, also Artikel in Form einer Liste, sind dank Buzzfeed, Bento und Co. als Clickbaits verschrien. Kulturinstitutionen meiden diese Form der Inhaltspräsentation häufig, im Prinzip aber völlig zu Unrecht. Im Gegensatz zum ausschweifenden Storytelling ermöglichen Listicles eine komprimierte und übersichtliche Form der Vermittlung von Fakten.

________________

Beispiel:

Das Imperial War Museum vermittelte mit seinem Listicle „12 Things You Didn’t Know About Women In The First World War“ Fakten auf eine kurzweilige und informative Art.


9) Die Story (z.B. via Instagram)

Man kann Fotos oder kurze Videos bei Instagram oder Facebook zu einer „Story“ zusammenfügen, die dann 24 Stunden abrufbar ist. Nur weil das Format „Story“ heißt, bedeutet das aber noch lange nicht, dass hier Storytelling stattfinden würde. Die meisten Kulturinstitutionen posten erfahrungsgemäß eher mehr oder weniger zusammenhängende Inhalte – Videos von Veranstaltungen, Fotos von Kunstwerken mit lustigen Texten oder Emojis dekoriert, kurze Statements in die Kamera gesprochen.

________________

Beispiel:

Das Story-Format wird u.a. vom Internationalen Maritimen Museum Hamburg (@maritimesmuseum) genutzt.


Storytelling im Kulturbereich

Die Orgelmaus

Im Kulturbereich ist es schwer, gelungene – oder überhaupt existierende – Beispiele für Storytelling zu identifizieren. Genannt werden kann hier etwa das „Projekt Orgelmaus“ von 2015, das ein Team um Wibke Ladwig, Frank Tentler und Christian Spieß als „Bildungs- und Kulturkommunikationsprojekt“ in Trägerschaft der Bayerischen Sparkassenstiftung in Kooperation mit dem Kulturreferat der Stadt Regensburg umsetzte. Zielgruppe waren „ältere Kinder und Jugendliche“, wobei letztendlich sicherlich auch eher ältere Social Media Nutzer aus dem Kulturbereich Gefallen an dem Projekt fanden. Inhaltlich befasste sich „Projekt Orgelmaus“ mit einer 1627 gefertigte Orgel aus dem Bestand des Historischen Museums Regensburg – erzählt anhand einer Geschichte um eine Orgelmaus, verwoben mit historischen und musikalischen Fakten. Das Storytelling des „Projekt Orgelmaus“ war relativ umfangreich und fand in insgesamt 12 Kapiteln statt.

Micro-Storytelling bei Snapchat

Wie Micro-Storytelling funktioniert, zeigt das Los Angeles County Museum of Art – eines der wenigen Museen, das gelegentlich Storytelling innerhalb einer Snapchat-Story umsetzt. Das Museum (Snapchat: @lacma) bedient sich dabei eines Tricks: Da das zeitlich begrenzte Format von Snapchat kaum Raum lässt, eine Geschichte umfangreich aufzubauen und zu vertiefen, greift das LACMA auf Geschichten zurück, die den Usern bereits bekannt sind, z.B. J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Spätestens seit den Hollywood-Filmen sollte die Handlung des Fantasy-Epos den meisten geläufig sein, bis in die vorwiegend junge Zielgruppe bei Snapchat hinein.

Aufbauend auf die Vorkenntnisse des Publikums gelang es dem Museum mit nur wenigen Snaps, die gefährliche Reise von Frodo Beutlin und seiner Gefährten bis nach Mordor nachzuerzählen, anhand von Kunstwerken aus dem Museum, die zur Kulisse wurden für den Emoji-Hobbit sowie seine Freunde und Feinde. Fairerweise muss man sagen, dass das eigentliche Storytelling hier aber nicht in den wenigen Sekunden bei Snapchat stattfand, sondern Bezug genommen wurde auf den 3 Bände umfassenden Roman bzw. auf die rund 12 Stunden lange Filmtrilogie, deren Kenntnis bei den Followern vorausgesetzt werden konnte.

________________

Fazit zum Storytelling im Kulturbereich

Storytelling ist großartig – aber es ist auch nicht alles. Wie Stephan Goldmann bei Lousy Pennies betont: ein Thema kann auch „zu Tode gemenschelt, zu Tode erzählt“ werden. In der Kulturvermittlung ist es eben nicht die Lösung für alles, sondern im Idealfall eine anspruchsvolle Ergänzung.


Header-Bild: Poster mit Ankündigung eines Maskenballs im Casino von Paris mit Porträts von Cha-u-kao und Yvette Guilbert, Henri de Toulouse-Lautrec (1892) – Rijksmuseum, RP-P-1949-623Public Domain