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Wissensdinge: Objekte aus dem Museum für Naturkunde Berlin

In der Publikation „Wissensdinge“ stellt das Museum für Naturkunde Berlin ungewöhnliche Sammlungsobjekte und die Geschichten dahinter vor.

Rezension/Werbung – Die Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin liefert seit mehr als 200 Jahren Antworten auf Fragestellungen, die auf die Geschichte unseres Planeten ebenso verweisen wie auf aktuelle naturhistorische Themen. In der Publikation „Wissensdinge. Geschichten aus dem Naturkundemuseum“, die jetzt in einer aktualisierten und erweiterten Auflage erschienen ist, stellt das Museum eine Vielzahl an Geschichten und Objekten vor, die zeigen, welcher Wissensschatz sich hinter den Mauern des Museums verbirgt.


„Die Wissensdinge stehen für unterschiedliche Zeiten und Räume, aber auch für unterschiedliche Perspektiven. […] Dies eröffnet Freiräume für eigene Interpretationen, Assoziationen und andere Formen der individuellen Aneignung.“ [1]

Anita Hermannstädter, Ina Heumann und Kerstin Pannhorst

Der König der Schreckensechsen

Der wissenschaftliche Name Tyrannosaurus rex soll „König der Schreckensechsen“ bedeuten. Tatsächlich versetzte der Schädel des T. Rex „Tristan Otto“ das Team des Museums für Naturkunde Berlin wirklich in Angst und Schrecken. Im Jahr 2015 plante man eine Sonderausstellung mit dem 2010 von Craig Pfister im amerikanischen Montana gefundenen Dino-Schädel. Mit „Tristan Otto“ sollte zum ersten mal in Europa ein originales Tyrannosaurus-rex-Skelett gezeigt werden. Am 9. Juli 2015 erreichten die Knochen in drei Holzkisten das Berliner Museum.

Sofort wurde der Erhaltungszustand jedes der gelieferten Knochens geprüft, die einzelnen Fossilienteile identifiziert und mit der Packliste verglichen. Immerhin handelte es sich um einen Versicherungswert in Millionenhöhe. Dann der Schock: Gezählt wurden 47 gelieferte Knochenteile des T. Rex. – zu wenige! Nun setzte sich eine Geschichte in Gang, welche von den Kuratoren Linda Gallé und Uwe Moldrzyk als eine „Mischung aus Horror- und Detektivstory“ beschrieben wird. [2] Vier E-Mails von vier Experten enthielten unterschiedliche Aussagen zur Anzahl der Knochen, mal war von 50 die Rede, mal von 52 erhaltenen Knochen von insgesamt 56, aber auch 51 von 54 oder 50 von 55. Der Supergau! Waren etwa beim Transport aus den USA nach Berlin Knochenteile verloren gegangen? Panik machte sich breit, es kam zu Beschuldigungen und sogar Betrusgvorwürfe wurden laut.

Schließlich nach Tagen die Auflösung: Nicht jeder Knochen des T. Rex-Schädels ist ein einzelnes Knochenstück. Einige Stücke sind durch den Fossilierungsprozess miteinander verschmolzen. Es waren 47 Teile die korrekt 50 Schädelknochen entsprechen. Damit ist der Schädel von „Tristan Otto“ wohl eines der „Wissensdinge“ des Museums für Naturkunde Berlin mit einer besonders aufregenden Geschichte.


„Naturkundliche Sammlungen beherbergen nicht nur einen Reichtum an Wissen, dem wir erst jetzt nach und nach auf die Spur kommen können. Sie sind Archive der Natur und der Beziehung des Menschen zur Natur.“ [3]

Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin

30 Millionen Sammlungsobjekte

Die Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin umfasst rund 30 Millionen Objekte. Einige dieser sogenannten Wissensdinge sind Milliarden Jahre alt; sie stammen aus der Entstehungszeit unseres Planeten oder sogar aus dem Weltall. Andere Objekte zeugen von einer Flora und Fauna, die seit Millionen von Jahren ausgestorben ist. Und wieder andere Exponate stammen aus der Gegenwart und zeugen davon, dass es noch immer Dinge auf der Erde gibt, die noch entdeckt und erforscht werden können.

Viele der Objekte im Museum für Naturkunde Berlin wurden in den letzten 400 Jahren gesammelt, doch es kommen regelmäßig auch immer wieder neue Wissensdinge zur Sammlung hinzu. Moderne technische Entwicklungen und ein fortschreitender Forschungsstand ermöglichen es, aus den Sammlungsobjekten teilweise neue Erkenntnisse abzuleiten und Antworten oder Hinweise zu bisher ungeklärten Fragestellungen zu finden. So lassen sich aus der Untersuchung von Strahlentierchen aus dem Erdfrühalter etwa Rückschlüsse auf den jetzt immer stärker fortschreitenden Klimawandel ziehen. Und DNA-Proben von Fledermäusen helfen, ihr Sozialverhalten und mögliche Übertragungswege von Viren auf Menschen nachzuvollziehen – ebenfalls ein aktuell drängendes Thema, wenn es um die Erforschung des Ursprungs der SARS-CoV-2 Coronavirus geht.


„Wissensdinge sind gemacht und regen gleichzeitig wissenschaftliche Fragen oder Handlungen und museale Praktiken an. Sie sind einerseits passiv, andererseits aktiv, sie sind fixiert und trotzdem wandelbar – also in vielfacher Hinsicht von doppelköpfigem Charakter.“ [4]

Anita Hermannstädter, Ina Heumann und Kerstin Pannhorst

Die Vielfalt der Forschung

In der Publikation „Wissensdinge. Geschichten aus dem Naturkundemuseum“ werden 101 Objekte aus der Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin beleuchtet. Ihre Geschichten zeigen, wie naturkundliches Sammeln in Theorie und Praxis funktioniert, wie Forschungsprozesse ablaufen, aber auch wie Interpretationen angewendet werden und Darstellungs- und Präsentationsarten sich im Laufe der Zeit verändern. Im Hintergrund geht es dabei immer auch um politische, gesellschaftliche oder kulturelle Zusammenhänge, in denen die Objekte verortet werden.

Als „Wissensding“ werden dabei Objekte definiert, die auf eine Art zu einem Teil der wissenschaftlichen Arbeits-, Forschungs- und Kommunikationsprozesse wurden. Es sind Exponate, die gesammelt, bewahrt, erforscht und ausgestellt werden und deren Hintergründe auch durch Vermittlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ziel ist es dabei immer, Wissenslücken zu schließen und Ordnungssysteme zu vervollständigen, um Fragen zu beantworten oder naturkundliche Zusammenhänge zu erschließen.

Als Einblick in die umfangreiche Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin wurden für die Publikation „Wissensdinge“ exemplarische Objekte ausgewählt, welche für die Vielfalt der Natur stehen, etwa anhand neu entdeckter Arten oder außergewöhnlicher Entdeckungen. Es sind so faszinierende Exponate wie ein 1885 in Glas nachgebildeter Röhrenwurm, das Bruchstück eines 1492 gefundenen Meteoriten, dem man im Elsass böse Kräfte zuwies, eine mit Erfahrungen von Berlinern bestickte „Nachtigallendecke“ aus dem Jahr 2018 oder gefälschte Bernsteinfossilien aus dem 16. Jhd. Sie alle unterscheiden sich in Alter, Materialität und Geschichte.


„Museale Wissensdinge speichern Vergangenheit, stehen für gegenwärtige Interessen zur Verfügung – und sind Forschungsressourcen für die Zukunft.“ [5]

Anita Hermannstädter, Ina Heumann und Kerstin Pannhorst

101 Wissensdinge

Die Wissensdinge des Museums für Naturkunde Berlin sind Gesteins- und Staubproben, historische Dokumente und Aufbewahrungen, Raupen-, Muschel- oder Etiketten-Sammlungen, in Alkohol eingelegte Präparate, Modelle, Zeichnungen oder Lehrobjekte. Die Publikation des Museums stellt Wissensdinge als Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit dar, ebenso aber als Ausgangspunkt weiterer Forschung. Ergänzt werden sie durch wissenschaftliche Instrumente, Akten, Notizbücher und Bilder als Zeugnisse des materiellen Erbes naturwissenschaftlicher Forschung.

Die 101 Geschichten in der Publikation „Wissensdinge“ sind dabei Momentaufnahmen. Sie verdeutlichen, wie eine naturkundliche Sammlung entsteht und wer alles daran beteiligt ist: von Sammlern, die um die ganze Welt reisen, Händlern, Seefahrern und Industriellen bis hin zu Menschen in der Bevölkerung, die sich an Citizen Science beteiligen. Das Buch erzählt von Zufallsfunden und Glücksmomenten, Fälschungen und Intrigen, von der Konkurrenz wissenschaftlicher Interessen und letztendlich auch von der Ausstellungspraxis im Museum für Naturkunde Berlin.


Die Publikation „Wissensdinge. Geschichten aus dem Naturkundemuseum“, herausgegeben von Anita Hermannstädter, Ina Heumann und Kerstin Pannhorst, ist 2021 in aktualisierter und erweiterter Auflage im Dietrich Reimer Verlag erschienen (ISBN: 978-3-496-01650-2). Der Band stellt die Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin und ihre historischen Hintergründe vor.


mus.er.me.ku dankt dem Museum für Naturkunde Berlin für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Cinnabarit – Hwa Ja Götz – Museum für Naturkunde Leibniz-Institut für Evolutions- und BiodiversitätsforschungCC BY-SA 4.0



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.


Fußnoten

[1] Anita Hermannstädter, Ina Heumann und Kerstin Pannhorst: Fisch und Wissensding. Zur Bedeutung naturkundlicher Objekte, In: Wissensdinge. Geschichten aus dem Naturkundemuseum, Hg.v. von Anita Hermannstädter, Ina Heumann und Kerstin Pannhorst, Berlin 2021, S.10-27, hier S. 22f.

[2] Linda Gallé und Uwe Moldrzyk: König der Schreckensechsen, In: Ebd, S. 275.

[3] Johannes Vogel: Vorneweg, In: Ebd., S. 8f, hier S. 9.

[4] Anita Hermannstädter, Ina Heumann und Kerstin Pannhorst: Fisch und Wissensding. Zur Bedeutung naturkundlicher Objekte, In: Ebd., S. 18.

[5] Ebd., S. 21.


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