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Neue Perspektiven für die Kunstvermittlung

Immer mehr Museen beziehen Stimmen außerhalb der Wissenschaft in ihre Ausstellungen mit ein und eröffnen so neue Perspektiven für die Kunstvermittlung.

Man findet sie schön, langweilig, hässlich oder provokant – jeder Mensch hat eine eigene Meinung zu Kunst und verbindet mit manchen Inhalten vielleicht sogar eine persönliche Geschichte. Wenn Museen Kunstwerke präsentieren, erfährt man meist aber nur von der Meinung ganz bestimmter Menschen. In der Regel äußern sich die Kuratoren und ordnen ein Werk ein, oft darf die Museumsleitung dann nochmal zu Wort kommen, die Expertise aus der Wissenschaft wird gehört und in der Kunstvermittlung kommen dann die Verantwortlichen aus der Museumspädagogik zu Wort. Das war es dann aber auch schon. Was zum Beispiel das Hausmeisterteam des Museums über ein Kunstwerk denkt, das erfährt man meist nicht. Manchmal erfährt man es aber nun doch…


Wie denkst du über den Makart?

Am 1. Oktober 2020 eröffnete die Hamburger Kunsthalle die Sammlungspräsentation „Making History. Hans Makart und die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts“. Im Zentrum der Ausstellung steht ein 50 Quadratmeter großes Gemälde mit dem Titel „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“ aus dem Jahr 1878 von Hans Makart (1840–1884). Das Bild zählt zu den bekanntesten Werken in der Hamburger Kunsthalle. Besonders daran ist nicht nur seine enorme Größe, sondern auch dessen Inhalt: Im Bild zu sehen sind zahlreiche nackte junge Frauen, die den Festeinzug des Habsburger Kaisers Karls V. in Antwerpen am 23. September 1520 begleiten. Dieses historische Ereignis hat so natürlich nie stattgefunden. Wissenschaftlich wird das Werk als „provokante Inszenierung“ eingestuft, als typisches „Skandalbild“ jener Epoche, das einen Höhepunkt der Malerei des Historismus markiert.

Um das in Fachkreisen diskutiere Bild von Makart zu präsentieren, zusammen mit rund 60 weiteren Gemälden und Skulpturen des 19. Jahrhunderts, hat die Hamburger Kunsthalle ein partizipatives Vermittlungskonzept entwickelt, das unter dem Motto steht: „Hinterfragen Sie Kunst, machen Sie sich selbst ein Bild und teilen Sie Ihre Meinung mit!“ Zur Diskussion wird zum einen direkt über Objektschilder und ein Begleitheft vor Ort angeregt, zum anderen soll auch in Social Media unter dem Hashtag #MakartNow diskutiert werden.

Um die Debatte in Gang zu bringen, hat das Museum bekannte Persönlichkeiten aus der Medienlandschaft, aus der Geschichtswissenschaft, aber auch aus dem eigenen Team gebeten, sich zum Kunstwerk zu äußern. Die Website zu #MakartNow versammelt ausgewählte Statements, etwa von der Wissenschaftlerin Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray, von den Kunsthistorikern Wolfgang Ullrich und Hubertus Kohle oder eben von den gängigen Akteuren aus dem Museum, die sich sonst auch immer zur Kunst äußern würden: der Direktor, der Sammlungsleiter oder Vertreterinnen aus den Bereichen Kommunikation und Kunstvermittlung.

Nicht namentlich genannt, aber zumindest als Gruppe „Hausmeisterteam“ gekennzeichnet, kommt auf der Website der Hamburger Kunsthalle zum Makart-Gemälde aber auch das technische Personal zu Wort. Sie schrieben ins Gästebuch zur Ausstellung:

„Unser Makart. Wir finden es eine tolle Sache, dass unser größtes Bild aus dem 4-jährigen Winterschlaf erweckt wurde. Es ist ja auch ein beeindruckend großes Bild mit viel Diskussionspotenzial. Ganz egal aus welchem Alter, Gesellschaftsschichten, oder Epochen, die Besucher kommen. Dieses Bild erweckt auf jeden unterschiedlichen Blickwinkel, freudige, aber auch harte Diskussionen. Dieses Bild ist eine tolle Anregung (Provokation) und unterstreicht, wie unterschiedlich Moral und Werte bewertet werden können.“

Hausmeisterteam der Hamburger Kunsthalle zum Gemälde „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“ von Hans Makart

Leider ein etwas allgemein gehaltenes Statement, bei dem man nicht erfährt, was das Hausmeisterteam denn nun wirklich über das Bild denkt bzw. was einzelne Personen davon halten. Ein 60-jähriger männlicher Hausmeister aus Neumünster hat vielleicht eine andere Meinung dazu als eine 18-jährige Auszubildende aus dem migrantisch geprägten Hamburg-Wilhelmsburg – falls es diese Diversität im Hausmeisterteam des Museums gibt. Insofern war es hier gut gemeint von der Hamburger Kunsthalle, auch das Hausmeisterteam zu Wort kommen zu lassen. Es hätte aber nur einen wirklichen Mehrwert zur Diskussion gegeben, wenn hier Personen mit einer konkreten Aussage zum Werk in Erscheinung getreten wären. Diese individuellen Perspektiven hätte man dann auch im Rahmen der Kunstvermittlung besser aufgreifen können.


Menschen kommentieren ihr New York

Die New-York Historical Society folgt in ihrer aktuellen Ausstellung „Scenes of New York City“ einem ähnlichen partizipativen Ansatz. Um mehr Diversität in die Ausstellung zu bringen und neue Perspektiven zur Kunstvermittlung aufzuzeigen, wurden zahlreiche Menschen aus New York dazu eingeladen, sich zu bestimmten Kunstwerken zu äußern, zu deren Inhalten sie einen persönlichen Bezug haben. Als Kuratorin Wendy Nalani E. Ikemoto den Wandtext zum Bild „Central Park Hack“ (1945) von Gifford Beal vorbereitete, das eine Pferdekutsche zeigt, kam sie auf die Idee, einen Kutscher zu dem Gemälde zu befragen, der selbst im Central Park Fahrten anbietet. Wie die New York Times berichtete, sprach sie den Kutscher Nurettin Kirbiyik an – sein Statement ist nun im Museum als Objektbeschriftung zu lesen. Unter den üblichen Angaben zum Kunstwerk heißt es hier:

„Ich bin Pferdekutscher und dieses Bild erinnert mich an den Frühling im Central Park, wenn die Blätter am hellsten sind und die Sonne scheint. Es erinnert mich daran, auf meinem Pferd Leyla zu reiten und eine gute Zeit mit meinen Kunden zu haben, während ich das warme Wetter nach einem kalten Winter genieße.“

Bildtext von Nurettin Kirbiyik, Pferdekutscher im Central Park

Zu den ausgestellten Kunstwerken von u.a. Marc Chagall, Edward Hopper, Jacob Lawrence, Georgia O’Keeffe und Andy Warhol wurden vom Museum jeweils zum Werk passend Personen aus der Arbeitswelt, dem Sport, dem Kulturbereich oder aus der Wissenschaft befragt. Einige der Objektbeschriftungen ermöglichen dabei ganz persönliche Einblicke in das Leben der zu Wort kommenden Personen. So schreibt Ellen Weinberg, die regelmäßig in den Gewässern der Großstadt New York schwimmen geht, zum Gemälde „East River“ (1951) von Reginald Marsh, das eine Schwimmerin in Badeanzug und roter Badekappe in urbaner Umgebung zeigt:

„Dieses Bild erinnert mich daran, wie glücklich ich jedes Mal bin, wenn ich im East River um die Wette schwimme. Ich bin eine Urbane Schwimmerin. Die Leute fragen mich, wie ich es schaffe, nicht krank zu werden. Mein Geheimnis ist, dass ich nach dem Schwimmen einen Schuss Tequila trinke, um meinen Körper zu reinigen!“

Bildtext von Ellen Weinberg, Urbane Schwimmerin in New York

Die Idee, Stimmen außerhalb der Wissenschaft und der klassischen Museumswelt in eine Ausstellung zu integrieren, ist dabei nicht neu. Regelmäßig sammeln Museen Besucherfeedback aus Social Media oder in klassischen Gästebüchern vor Ort, machen eine Auswahl davon wiederum in der Ausstellung zugänglich und nutzen diese auch gezielt als Ankerpunkte im Rahmen der Kunstvermittlung. Insofern hat User Generated Content in Museen schon eine gewisse Tradition. Diesen Stimmen aber direkt auf den Objektbeschriftungen einen prominenten Platz einzuräumen, wie es die New-York Historical Society nun bei der Ausstellung „Scenes of New York City“ tut, ist eher selten.


Diverse Perspektiven für die Kunstvermittlung

Auch das Middlebury College Museum of Art im US-Bundesstaat Vermont hatte vor kurzem für die Überarbeitung seiner Objektbeschriftungen diverse Studierende eingeladen, ihre Perspektive einzubringen – unabhängig davon, ob sie kunsthistorische Vorkenntnisse mitbrachten oder völlig fachfremd waren. Die Intention des Museums war es, dadurch die Zugänglichkeit zu den Inhalten des Museums für weitere Zielgruppen zu öffnen und auch neue Ansatzpunkte für die Kunstvermittlung zu finden. Ergänzend wurde im Sommer 2020 eine Arbeitsgruppe mit Studierenden eingerichtet, die ein Jahr lang darüber beriet, nach welchen Kriterien die Dauerausstellung des Museums gestaltet werden sollte. Ziel war es auch hier, die Diversität gezeigter Werke zu erhöhen und neue Themenfelder anzusprechen, anhand derer in der Kunstvermittlung aktuelle gesellschaftliche Debatten aufgezeigt und diskutiert werden können.

Zusätzlich zu rein beschreibenden Objektbeschriftungen etablierte das Museum eine „Label Talk Initiative“. Im Rahmen dieses Projekts antworten drei Personen je auf ein ausgewähltes Kunstwerk aus einer persönlichen, beruflichen oder akademischen Perspektive. Das Museum hofft, dass durch das Aufzeigen von drei verschiedenen Standpunkten für die Besucher deutlich wird, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, Kunst zu betrachten. Gleichzeitig soll verdeutlicht werden, dass das Museum ein Ort ist, an dem viele Stimmen willkommen sind. Um die Debatte fortzuführen, hat das Museum neben den Werken QR-Codes angebracht. Wer diese scannt, gelangt in den Blog des Museums, in dem eigene Statements zu dem jeweiligen Kunstwerk als Kommentar hinterlassen werden können. Und es können natürlich auch alle bisherigen Kommentare gelesen werden.


Wessen Stimme ist im Museum sichtbar?

Immer wieder wird in Museen – vor allem in Kunstmuseen – diskutiert, wie umfangreich Bildbeschriftungen sein sollten, ob sie überhaupt notwendig sind und wenn ja, was und wie hier formuliert werden sollte. Einerseits sind Objektbeschriftungen oft der einzige Anhaltspunkt für Museumsbesucher zu einem Werk, andererseits gibt es auch bei einigen Kuratoren die Meinung, die Beschriftungen dürften nur nicht zu umfangreich ausfallen, weil sie sonst vom eigentlichen Werk ablenken könnten.

Gerade wenn aber kritische Themen in Ausstellungen aufgegriffen werden – oder wenn Werke selbst umstritten sind, wie etwa das Gemälde „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“ von Hans Makart in der Hamburger Kunsthalle – stehen hinter einer Bildbeschreibung eben immer auch die Fragen: Wer ist in der Lage, Positionen zu diesem Werk zu kommunizieren? Für wen wird diese Beschriftung geschrieben? Und wie kann das Museum zu einer Plattform für Menschen werden, die bisher zum Thema nicht gehört wurden?


Making History. Hans Makart und die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts

Hamburger Kunsthalle, Lichtwark-Galerie
01.10.2020-31.12.2023


Header-Bild: Angelika Schoder – Making History. Hans Makart und die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts, Hamburger Kunsthalle, 2021


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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