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Barrierefreiheit in der Kultur: Zugang für alle

Wie kann Barrierefreiheit in der Kultur gewährleistet werden? Einige Gedanken zu den Themen Zugänglichkeit und Inkulusivität im Museums- und Kulturbereich.

Ob im Ausstellungsbetrieb, im Bereich der Sammlung oder mit Blick auf den Bildungs- und Vermittlungsauftrag – Museen sind gezwungen, sich mit digitalen Entwicklungen im Kulturbereich auseinanderzusetzen, wenn sie mittel- und auch langfristig für ihr Publikum relevant bleiben wollen. Barrierefreiheit in der Kultur und Inkkusivität müssen dabei ein integraler Bestandteil der digitalen Entwicklung sein.


Das Forum of Equality in Culture

Als ich vor einigen Jahren in Helsinki am „Forum of Equality in Culture: Accessibility 3.0“ teilnahm, lernte ich ein neues Wort: kaikille. Es bedeutet auf Finnisch „für alle“ oder „für jeden“. Teilnehmende konnten im Rahmen der Workshops, Diskussionen und Präsentationen viel lernen – aber die Art und Weise, wie das Forum selbst organisiert war, war für mich die wichtigste Lernerfahrung. Es war sehr durchdacht, wie die Teilnahme an der Veranstaltung für alle ermöglicht werden konnte, die sich für das Thema interessierten. Jede mögliche Barriere, die den Zugang zu den Inhalten beeinträchtigen könnte, wurde dabei bedacht. Sowohl der Raum als auch die Inhalte selbst wurden deshalb bestmöglich für das gesamte Publikum zugänglich gemacht. Insbesondere das recht komplexe System der Simultanübersetzung der Inhalte ermöglichte es uns allen, dem Forum zu folgen und trug zu einer wirklich positiven Erfahrung bei.

Das Highlight war für mich die Diskussionsrunde „Digitalisierung als Priorität und die Zugänglichkeit von Kultur“. Auch wenn wir eigentlich Tage gebraucht hätten, um tiefer in die Materie einzusteigen, gelang es uns zumindest in der Kürze der Zeit die Fragestellungen aller Beteiligten vorzustellen und zu einigen Schlussfolgerungen zu kommen. Meiner Meinung nach war die wichtigste Schlussfolgerung die Notwendigkeit einer besseren Kommunikation zwischen allen am Prozess der Digitalisierung der Kultur beteiligten Parteien, um ein zugängliches Ergebnis zu erzielen.


Umfassende Zugänglichkeit zu Kulturinhalten ermöglichen

Für die Vermittlung von Kulturinhalten können zwei zentrale Faktoren bestimmt werden:

  • Barrierefreiheit steht an erster Stelle, denn sie bedeutet, allen Mitgliedern der Gesellschaft die Teilnahme am kulturellen Leben zu ermöglichen.
  • Inklusivität bedeutet darüber hinaus, das kulturelle Leben nicht nur zugänglich, sondern auch attraktiv für alle Menschen zu machen.

Eine offene Gesellschaft braucht öffentliche Kulturräume, die zugänglich und inklusiv sind. Es sollte klar sein, dass es ungerecht ist, einen Teil der Gesellschaft vom kulturellen Leben auszuschließen. Aber was noch wichtiger ist: Eine inklusive Kultur ist automatisch auch eine reichere. Wenn man den kulturellen Prozess möglichst allen Menschen unserer Gesellschaft zugänglich macht, kann man einerseits ein breiteres Publikum ansprechen und andererseits mehr Beteiligung erzeugen. Dies führt sowohl zu mehr Konsumenten als auch zu mehr Kulturschaffenden.

Darüber hinaus gewinnen kulturelle Medien, wenn sie inklusiv konzipiert sind, automatisch einen neuen pädagogischen Aspekt. Ein inklusives Kulturleben kann eine Kultur der aktiven Partizipation erzeugen. Denn die Gesellschaft profitiert von der schöpferischen Kraft aller ihrer Mitglieder, ebenso wie vom Abbau von Konfliktpotenzial, der mit der Akzeptanz von Vielfalt einhergeht.


Kultur barrierefrei und inklusiv gestalten

Kultur sowohl zugänglich als auch inklusiv zu gestalten, ist keine leichte Aufgabe. Mindestens drei Bereiche müssen dabei berücksichtigt werden: der kulturelle, der konzeptionelle und der technische Bereich.

Der kulturelle Bereich

Kulturelle Barrieren haben oft mit einer konservativen und elitären Sichtweise auf Kultur zu tun, verbunden mit einem toxischen Anspruchsdenken, welches Zugänglichkeit als Verschwendung von Ressourcen und Inklusion als Gefahr für die Kultur selbst begreift. Jeder Mensch, der im Museums- und Kulturbereich arbeitet, sollte sich dieser Art von kulturellen Barrieren bewusst zu sein und verstehen, warum diese höchst problematisch sind.

Der konzeptionelle Bereich

Hier geht es darum, mögliche Barrieren zu erkennen, Menschen mit ihren unterschiedlichen Einschränkungen zu verstehen und ihre Bedürfnisse zu erkennen. In manchen Fällen kann dies scheinbar einfach zu beantworten sein. Aber genau hier könnten Vorurteile zum Vorschein kommen. Um zu versuchen, verschiedene Arten von Einschränkungen zu verstehen, sollten Kulturschaffende ihr Bestes tun, um mit allen möglichen Zielgruppen zu kommunizieren und dabei einen offenen Geist zu bewahren. Nur wenn wir bereit sind, von denen, mit denen wir kommunizieren, zu lernen, werden wir in der Lage sein, Kultur auch allen zu vermitteln.

Der technische Bereich

In diesem Bereich werden Methoden entwickelt und angewandt, um mögliche Barrieren zu minimieren oder, wenn möglich, die Barriere ganz zu vermeiden. Gerade die Digitalisierung bietet hier eine Vielzahl an Möglichkeiten und Chancen. In den meisten Fällen ermöglichen die technischen Lösungen, die notwendig sind, um bestimmten Zielgruppen den Zugang zur Kultur zu ermöglichen, sogar für alle ein weitaus reicheres und angenehmeres Kulturerlebnis.


Zur Überwindung von Barrieren

Es gibt viele Barrieren, die ein potenzielles Publikum davon abhalten, Zugang zu kulturellen Inhalten und Themen zu erlangen. Barrierefreiheit sollte daher das Fundament einer jeden (digitalen) Strategie bilden, wobei hier nicht nur technische, sondern auch gesundheitliche und soziale Aspekte berücksichtigt werden müssen. Nur so können Inhalte so nutzerfreundlich wie möglich gestaltet und zugänglich gemacht werden.

Finnland ist hier wahrscheinlich das fortschrittlichste europäische Land wenn es darum geht, Inklusivität im Online-Kulturbereich umfangreich umzusetzen. In Finnland arbeiten Archive, Bibliotheken und Museen an der Entwicklung übergreifender Serviceangebote und an der Verknüpfung von Sammlungsbeständen. Eines der zentralen Projekte ist das Finna-Portal, welches Teil der Nationalen Digitalen Bibliothek ist und seine Metadaten wiederum der Europeana zuliefert. Europeana.eu ist eine digitale Bibliothek, die den Onlinezugang zu Inhalten ermöglicht, welche von kooperierenden europäischen Institutionen zugeliefert werden. Das Portal erfasst hierbei nur die Metadaten und Vorschaubilder zu digitalisierten Objekten; die eigentlichen Digitalisate verbleiben bei den beteiligten Institutionen. Durch eine Kontextsuche via Europeana gelangen Nutzer dann in die Datenbanken der kooperierenden Einrichtungen.

Das Finna-Portal umfasst Millionen von Einträge, u.a. Journale, Bilder, Objekte, Audio-Files, Videos, Bücher, Forschungsarbeiten, Kunstwerke, Karten, Partituren oder Dokumente. Die Inhalte des Portals können online durchsucht, aber auch reserviert und ausgeliehen werden. Dies ist übergreifend zwischen verschiedenen Institutionen möglich und von jedem Ort aus.

Von den beteiligten Institutionen in Finnland werden hierbei zum einen Aspekte technischer Barrierefreiheit berücksichtigt. Es wird gewährleistet, dass Digitalisate und deren Daten in Verwaltungssysteme integriert werden können und über Portale den Nutzern frei zur Verfügung gestellt werden. Zum anderen wird auch der soziale Aspekt von Barrierefreiheit berücksichtigt. Durch eine Reihe an Maßnahmen werden Nutzer mit verschiedenen Anforderungen und Bedürfnissen in die Aktivitäten der Kultureinrichtungen mit eingebunden. Dies hilft dabei, die kulturellen Angebote zu verbessern und leichter zugänglich zu machen.


Zusammenarbeit mit relevanten Nutzergruppen

Für das Portal Finna wird seit 2013 mit der Aalto-Universität zusammengearbeitet, um Strategien zur Nutzbarkeit und technische Konzepte zu erarbeiten. Es wird zudem mit Celia kooperiert, einer Bibliothek für Menschen mit Lesebeeinträchtigungen, sowie mit diversen Nutzern. Diese werden im alltäglichen Anwendungskontext beobachtet und es werden konzeptuelle Fragebögen erfasst und Interviews geführt. Zudem werden Experten-Analysen mit einbezogen und es findet eine Reihe an Usability-Tests statt.

Durch diese Maßnamen konnten bei Finna zahlreiche Barrieren identifiziert werden, die bis 2014 behoben wurden. Bei einem Update 2016 wurde die Barrierefreiheit dann von Beginn an berücksichtigt. In den Folgejahren folgten weitere Evaluationen, um in enger Zusammenarbeit mit Nutzern das Angebot weiter zu verbessern.


Zur Entwicklung barrierefreier Kulturangebote

Ausgangspunkt einer Entwicklung inklusiver Kulturangebote muss die Erkenntnis sein, dass es den „Standard-Nutzer“ nicht gibt. Jenseits von Online-Statistiken über technisches Nutzerverhalten und direktem Feedback ist es quasi nicht möglich festzustellen, welche Personen die (digitalen) Angebote bereits nutzen oder gerne nutzen würden, aber vielleicht aufgrund unterschiedlicher Barrieren davon abgehalten werden. Bei der Gestaltung barrierefreier kultureller Angebote sollten daher verschiedene Einschränkungen berücksichtigt werden – sowohl technische als auch soziale Aspekte. Wichtig bei der Planung und Entwicklung barrierefreier Angebote ist es, mit verschiedenen Interessenvertretungen, Organisationen und Vereinen zusammenzuarbeiten.

Im Vorfeld müssen hierfür zu den vordefinierten Zielen passende Kooperationspartner identifiziert und kontaktiert werden. Im Anschluss sollten Methoden bestimmt und Arbeitsweisen entwickelt werden, auf deren Grundlage die Kooperation erfolgen kann. Wichtig ist parallel auch eine Bestimmung der personellen und finanziellen Ressourcen innerhalb der Institution. Im Verlauf des Projektes gilt es dann, Flexibilität zu bewahren um auf inhaltliche oder konzeptionelle Richtungsänderungen reagieren zu können. Alle Prozesse sollten im Verlauf dokumentiert werden, um den Ablauf zu verbessern und aus möglichen Fehlern lernen zu können. Letztendlich sollte auch nach dem Abschluss eines Projekts der Kontakt zu den beteiligten Verbänden, Vereinen oder Initiativen aufrecht erhalten werden und auch weiteres Feedback sollte immer willkommen sein.


Barrierefreiheit in der Kultur spricht alle an

Kosten, zeitliche oder lokale Beschränktheit, physische Barrieren, komplexe Verständlichkeit oder Plattform-Beschränkung – es gibt viele Barrieren mit denen sich Museen und andere Kulturinstitutionen auseinandersetzen müssen. Je mehr Faktoren in einer digitalen Strategie berücksichtigt und abgebaut werden können, um so mehr Menschen können mit Kultur-Inhalten und -Themen erreicht werden. Von Barrierefreiheit und Inklusivität können am Ende alle gemeinsam profitieren.


Header-Bild: Angelika Schoder – Musées royaux des Beaux-​Arts de Belgique, 2019


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Damian Moran Dauchez

Über den Autor

Bei mus.er.me.ku schreibt Damián Morán Dauchez über Geschichtsthemen, Ausstellungs- und Museumsdesign sowie über Erinnerungskultur.

@musermeku

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