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Die viel zu erfolgreiche Kunst-App, Storytelling im Museum und Berliner Typos

Nicht-Newsletter – Nr. 43, 09/2019

Frage des Monats
Kann eine Kunst-App zu erfolgreich sein?

Thema des Monats
Tipps für besseres Storytelling im Museum

Twitter des Monats
Berlin Typography

Instagram des Monats
Alexey Kondakov

Tumblr des Monats
Lisa Czech


Frage des Monats

Kann eine Kunst-App zu erfolgreich sein?

Viele Apps, die mit Kunst in Verbindung stehen, leiden ja eher daran, dass sie keiner nutzt. Man kennt das Problem von vielen Museums-Apps, die einfach niemand herunterladen möchte, wenn sie nur reine Informationen bieten. Und selbst wenn Apps so etwas Spielerisches wie eine AR-Anwendung via Smartphone versprechen, nutzen Menschen solch eine App lieber nicht auf dem eigenen Gerät.

Dann gab es in der Vergangenheit auch eine Kunst-App, die sich großer Beliebtheit erfreute, aber aus Datenschutz-Sicht in Verruf geriet: Die Google Arts & Culture App benötigt nur den Upload eines Selfie und schon wird ein Kunst-Doppelgänger zugeordnet. Aber ach, biometrische Daten an Google übermitteln… Die App ist in Europa (und in einigen US-Bundesstaaten mit strengem Datenschutz) nicht verfügbar. Nun ging eine Kunst-App an den Start, die aus all diesen Fehlern lernte – und wegen ihres großen Erfolges schnell wieder offline gehen musste.

Eine App, die aus Fehlern gelernt hat

Das digitale Angebot “Ai Portraits” knüpft im Prinzip an die Google Arts & Culture App an: Nutzer können ein Selfie hochladen und die App liefert einen Kunst-Doppelgänger. Das Besondere: Statt wie bei der Google-App, wo das Gesicht mit real existierenden, online zugänglichen Kunstwerken aus Museen abgeglichen wird, erschafft “Ai Portraits” ein neues Kunstwerk, das es vorher noch nie gegeben hat. Im Stil verschiedener Kunst-Epochen entstehen so individuelle Kunstwerke mit den Gesichtern der Nutzer. Als hätte z.B. Rembrandt einen portraitiert. Na ja, fast.

Anders als die Google Arts & Culture App, hat “Ai Portraits” jedoch einen Fokus auf Datenschutz. Keine Bilder sollen gespeichert werden, die biometrischen Daten der Nutzer werden nicht weiter verarbeitet, wie die Website aiportraits.com versprach. Womit wir schon beim zweiten Fehler wären, den diese App vermeidet: “Ai Portraits” stellt eine Web-App für die Nutzer bereit. Ein Download der App ist also gar nicht notwendig; die Nutzung erfolgt ganz einfach über den Browser.

Die viel zu erfolgreiche Kunst-App

Hinter “Ai Portraits” stecken der Technologie-Gigant IBM mit dem Watson AI Lab und das MIT – Massachusetts Institute of Technology. Die Idee der Web-App ist es, Fotos von Gesichtern mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI oder auf engl. AI – Artificial Intelligence) in künstlerische Portraits umzuwandeln. Die AI legt dabei nicht einfach nur einen Filter über das hochgeladene Foto, wie es etwa von der App Prisma bekannt ist, sondern sie analysiert das Foto und interpretiert es in einem Kunststil neu. Als Basis dient eine Datenbank mit rund 45.000 Bildern.

Die Web-App “Ai Portraits” ermöglicht den Upload verschiedener Bild-Formate und den Download des neu kreierten Bildes, entweder einzeln oder in Kombination mit dem Original-Foto zum Vergleich. Das neu entstandene Bild kann dabei, je nach Vorlage des Fotos, von der AI in verschiedenen digitalen Maltechniken umgesetzt werden. Einige Bilder erinnern an Ölgemälde, andere an Tuschezeichnungen und wieder andere sehen aus, als wären sie mit Wasserfarben gemalt worden. Verantwortlich hierfür sind Generative Adversarial Networks (GAN), zwei neuronale Netze: das eine ist für das Erkennen von Porträts zuständig, das andere lernt, neue Portraits zu generieren.

Wegen Erfolg geschlossen

Um die digitalen Kunstwerke zu schaffen, orientiert sich “Ai Portraits” an Bildern aus der Renaissance bis hin zur Moderne. Aus diesem Grund können hochgeladene Selfies auch nicht 1:1 als Kunstwerk abgebildet werden. Das Ergebnis erinnert vielmehr an ein typisches Renaissace-Portrait oder an ein Werk des 19. Jhd. Dazu gehört es auch, dass Brillenträger ohne Sehhilfe dargestellt werden, denn auf Kunstwerken vergangener Epochen wurden Brillen fast nicht dargestellt. Zudem kann das digitale Kunst-Portrait kein Lachen abbilden, denn klassisch portraitierte Personen wurden nie mit einem breiten Grinsen dargestellt, wenn es sich nicht um groteske oder komödiantische Darstellungen handelte. Mehr als Mona Lisas Andeutung eines kleinen Lächelns war etwa bei Ranaissance-Portraits nicht angesagt.

Die Web-App, die im Juli 2019 online ging, bekam schnell einen enormen Zulauf. Nutzer aus aller Welt fingen nicht nur an, eigene Selfies hochzuladen; auch Fotos von prominenten Persönlichkeiten wie Kim Kardashian oder Beyoncé waren der Renner. Jeder wollte die Magie der AI auch an bekannten Gesichtern testen. Doch die Server hinter “Ai Portraits” kamen mit den Tausenden Nutzerzugriffen nicht zurecht. Die Masse der hochgeladenen Fotos überlastete schnell das System. Zunächst dauerte der Upload noch extrem lange, schließlich war aiportraits.com nach nur wenigen Tagen komplett offline. Die Betreiber des Projekts versprachen, baldmöglichst wieder online zu gehen, doch seit Wochen ist die Web-App nicht mehr erreichbar.


Thema des Monats

Tipps für besseres Storytelling im Museum

Museen sind Geschichtenerzähler – sie sammeln, bewahren und vermitteln menschliche Erfahrungen, Schicksale und Erlebnisse. Durch diese Geschichten können Besucher eine neue Perspektive erhalten, Zusammenhänge besser verstehen und sich in persönliche Schicksale hineinversetzen. In ihrem Beitrag für MuseumNext erläutert Museumsberaterin Anna Faherty, wie Geschichten Menschen verbinden und wie Museen ihr Storytelling verbessern können.

Vom Suchen und Finden von Geschichten

Für Museen sieht Faherty im Storytelling auch einen Nutzen über reine Inhaltsvermittlung hinaus. Gute Geschichten helfen, Fördermittel einzuwerben, sie schaffen Interesse in der Öffentlichkeit für ein Thema und eine Institution oder können sogar zu höheren Einnahmen führen. Schließlich können Geschichten sogar zu sozialen Veränderungen anregen.

Für Museen ist es nicht schwer, geeignete Geschichten zu finden – von der Geschichte der Gründung der Institution über die Geschichte des Gebäudes bis hin zu den Geschichten, die mit den Sammlungsobjekten zusammenhängen, und schließlich haben sogar die Museumsmitarbeiter Geschichten über ihre Arbeit zu erzählen. Bei der Auswahl einer passenden Geschichte, die vermittelt werden soll, geht es letztendlich immer darum, welches Zielpublikum damit angesprochen werden soll und was mit der Geschichte für ein Ziel verfolgt wird.

Wie findet man die richtige Story?

Anna Faherty empfiehlt in ihrem Beitrag sechs Fragen, die dabei helfen sollen, die richtigen Geschichten für Ausstellungen, Veranstaltungsprogramme oder Social Media zu finden:

1) Um wen geht es in der Geschichte?

Statt um Objekte sollte es in Geschichten immer um Menschen gehen, denn das Publikum kann leichter einen Bezug zu persönlichen Storys aufbauen. Wer neue Zielgruppen erreichen möchte, sollte darauf achten, dass sich auch Menschen dieser Zielgruppen in den Geschichten wiederfinden.

2) Welcher Blickwinkel wird eingenommen?

Der Blickwinkel bestimmt die Geschichte. Deshalb muss entschieden werden, ob aus der Ich-Perspektive einer Person erzählt wird oder aus einer Außenperspektive. Je nach Thema kann es wichtig sein, dem Charakter seine eigene Stimme zu geben.

3) Was geht schief?

Storytelling wird dann spannend, wenn die Person um die es geht, mit Schwierigkeiten oder Überraschungen konfrontiert wird. Es können äußere Umstände sein oder persönliche Überlegungen und innere Konflikte. Diese Elemente helfen dem Publikum, sich in die Geschichte hineinzuversetzen und Neugier am Thema zu entwickeln.

4) Wie kann die Geschichte weiter entwickelt werden?

Eine Story muss nicht chronologisch entwickelt werden, sondern kann auch strategisch erzählt werden. Wie erzielt man einen Spannungsbogen, der das Publikum fesselt? Es darf nie zu viel verraten werden – die Erklärungen präsentieren sich erst nach und nach bis hin zur Auflösung aller offenen Fragen.

5) Welche Informationen werden vermittelt?

Geschichten benötigen Kontext und Fakten, um Informationen zu vermitteln und die Handlung durch Details anschaulich zu gestalten. Das Verhältnis in einer Story muss immer ausgeglichen sein: Es dürfen nie zu viele Infos auf einmal präsentiert werden und es darf nicht zu detailreich werden. Das eine würde das Publikum überfordern, das andere würde das Publikum zu sehr von der eigentlichen Handlung ablenken.

6) Wie endet die Geschichte?

Alle Fragen einer Story und alle Herausforderungen, mit denen die zentralen Personen in einer Geschichte konfrontiert sind, müssen am Ende nachvollziehbar erklärt und aufgelöst werden. Das Ende kann dabei positiv, negativ oder irgendwo dazwischen sein. Auch im wahren Leben ist schließlich selten etwas eindeutig. Ein gutes Ende regt in jedem Fall zum Nachdenken an.


Twitter des Monats

Berlin Typography

Diese Twitter-Empfehlung ist gleichzeitig auch eine Blog-Empfehlung. Denn Berlin Typography hält nicht nur bei Twitter Fotos von Beschriftungen in der Hauptstadt bereit, sondern bietet im dazu gehörenden Blog auch nähere Einblicke in die Welt der Gebäude-, Haltestellen- und Geschäfts-Typographien Berlins. Hier gibt es etwa die Serie “In Depth”, in der die Vielfalt von Beschriftungen in einem bestimmten lokalen Umfeld gezeigt wird. Im Laufe des Jahres 2019 läuft außerdem eine Beitragsserie mit dem Motto “Colours of Berlin”, die sich auf Schriften in eine Farbe konzentriert.


Instagram des Monats

Alexey Kondakov

In den Arbeiten des gebürtigen Ukrainers Alexey Kondakov treffen Personen aus historischen Kunstwerken auf die Realität unserer aktuellen urbanen Gesellschaft. Engel fahren U-Bahn, Präraffaelitische Damen shoppen im Supermarkt oder Spätmittelalterliche Herren hängen vor einem Club ab. “Art History in Contemporary Life” heißt die Serie passenderweise.


Tumblr des Monats

Lisa Czech

Die Kanadierin Lisa Czech malt in ihrem meist schwarz-weißen Comic-Stil vor allem Personen. Über ihre Motive sagt sie, Menschen seien ihre liebsten Tiere. Sie mag es zu beobachten, welches Chaos Menschen verursachen und wie sie dann damit zurechtkommen, in diesem Chaos zu leben.



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.