Kunst im Zeitalter von Instagram

Bloggerreise/Werbung – Es scheint Künstler zu geben, deren Werke wie gemacht sind für Instagram. Wenn Ausstellungen von Yayoi Kusama, James Turrell oder Ólafur Elíasson angekündigt werden, kommen Besucher längst nicht mehr nur für das passive Kunsterlebnis. Andächtig in einer Installation zu verharren – das war einmal. Heute erlebt man Kunstwerke nicht mehr nur mit den Augen. Alle Eindrücke digital zu dokumentieren, sie auf dem Smartphone festzuhalten und in Sozialen Netzwerken zu posten, ist für viele Menschen selbstverständlich geworden. Einem Künstler, dessen Werk „so instagrammable“ ist, widmet die Fondation Beyeler jetzt eine Ausstellung. Der Südtiroler Rudolf Stingel (*1956) liefert mit immersiven silbernen Räumen, mit Teppich verkleideten Wänden und Bildern im bunten Geschenkpapier-Look das vermeintlich perfekte Setting für Instagram-Content. Doch wer nur auf der Jagd nach Likes ist, versäumt die Ironie hinter Stingels Werken…

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Mehr als Instagram-Ästhetik: Die Fondation Beyeler zeigt einen umfassenden Überblick über die vielfältige künstlerische Praxis von Rudolf Stingel

Mehr Instagrammability

Wenn Museen ein vorwiegend junges, gerne auch digital mitteilungsfreudiges Publikum in eine Ausstellung locken wollen, scheinen sie aktuell gut beraten zu sein, auf „Instagrammability“ zu setzen. Das bedeutet, dass Ausstellungen – bzw. die Werke darin – so gestaltet sein müssen, dass sie auf Fotos besonders eindrucksvoll wirken. Immersive Installationen, farblich oder geometrisch ansprechende Raumgestaltungen und interessante Strukturen überzeugen nicht nur Besucher vor Ort, sondern auch digitale Besucher – besonders bei Instagram. Spannende und optisch ansprechende Räume versprechen viele Likes in Social Media. Kein Wunder also, dass sich Instagrammer bereitwillig in entspreche Ausstellungen begeben, um darüber online zu berichten.

Auch wenn „Instagrammigkeit“ in den letzten Jahren eher mit den sogenannten Pop-Up „Museen“ in Verbindung gebracht wurde – man denke an das Museum of Ice Cream oder an Dream Machine – scheint das Konzept zunehmend auch klassische Museen zu überzeugen. Zwei Beispiele von 2018 sind „Willkommen im Labyrinth“ im Marta Herford (23.06. – 23.09.2018) und „Space Shifters“ in der Hayward Gallery in London (26.09.2018 – 06.01.2019). Beide Ausstellungen entpuppten sich als Magneten für eine Foto-freudige Zielgruppe, die ihr Kunsterlebnis nur zu gern mit ihren Social-Media-Kontakten teilte. Grund war die Instagram-Tauglichkeit der Ausstellungsräume und der gezeigten Kunstwerke.

In beiden Fällen war die Instagrammability wohl von den Kuratoren eigentlich gar nicht beabsichtigt, sondern ergab sich aus den ausgewählten Werken. Doch auch wenn es nicht geplant war, Soziale Netzwerke mit den Ausstellungen zu erobern – man war über den Online-Erfolg auch nicht besonders überrascht. Cliff Lauson, Senior Curator der Hayward Gallery, betonte im Interview mit The Art Newspaper, dass es doch völlig normal sei, dass Menschen einzigartige Erfahrungen mit anderen (über Social Media) teilen wollen: „The show was about artists using innovative materials in a way that creates a unique experience and makes the viewer part of the work. […] The compulsion to document, photograph and share with your friends might be an extension of that, in that it is, in one sense, an experience-based economy that we live in.“

Rudolf Stingel in der Fondation Beyeler: Immersive Raumgestaltungen und interessante Strukturen überzeugen nicht nur Besucher vor Ort, sondern auch digitale Besucher – besonders bei Instagram

Geplante Instagram-Ästhetik

Auf der Suche nach neuen Zielgruppen und noch mehr Besuchern liegt es auf der Hand, dass immer mehr Museen nun zumindest über das Thema Ausstellungs-Ästhetik verstärkt nachdenken. Je trockener das Thema, je wissenschaftlicher die Sammlungspräsentation oder je theoretischer das Ausstellungskonzept, umso größer wird das Bedürfnis nach einer ansprechenden Gestaltung. Wenn der Inhalt schon schwer vermittelbar ist, dann soll wenigstens die Optik leicht konsumierbar sein.

Ein Beispiel hierfür ist aktuell eine New Yorker Ausstellung über die Tiefsee. In „Ocean Cube“ geht es u.a. um das etwas sperrige Thema Nachhaltigkeit und Verschmutzung der Meere. Das klingt zunächst nach einer Ausstellung, die man sich als Schüler eher zwangsweise im Unterricht ansehen müsste. Interessant wird es erst, wenn man erfährt, dass man im „Ocean Cube“ in fünf aufwändig gestaltete und äußerst fotogene Räume eintauchen kann, um deren Besuch man von jedem Instagram-Follower beneidet werden wird. Ziel der Ausstellung ist es, wichtige gesellschaftliche Themen interaktiv und spielerisch zu vermitteln – dabei hilft eine ästhetische Präsentation.

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RUDOLF STINGEL – via Fondation Beyeler bei YouTube

Rudolf Stingel in der Fondation Beyeler

Um Interaktion und spielerische Auseinandersetzung mit Kunst geht es auch in der aktuellen Ausstellung in der Fondation Beyeler. Doch auch wenn das Museum hier den Zeitgeist trifft – die Werkschau des Künstlers Rudolf Stingel folgt nicht dem aktuellen Trend zur Instagram-Tauglichkeit. Tatsächlich ist Stingel vielmehr einer der Vordenker der Instagrammability. Seine Werke sind perfekte Foto-Settings. Doch der Künstler schuf vieles davon bereits einige Jahre bevor man sich unter dem Begriff „Social Media“ überhaupt etwas vorstellen konnte. Zahlreiche seiner immersiven Rauminstallationen und fotogenen großformatigen Gemälde entstanden lange bevor man auf die Idee gekommen wäre, man würde in ein Museum gehen, um dort zu Fotografieren.

Heute nutzen viele Pop-Up Stores oder szenige Events interaktive und Instagram-geeignete Installationen, um Besuchern den perfekten Selfie-Hintergrund oder Posting-Anlass zu bieten. Kommuniziert in Verbindung mit einem Brand-Hashtag ist die Verbreitung von Fotos dieser Szenerien die beste Werbung, die man als Marke erhalten kann. Interessant ist dabei die Überlegung, dass Nutzer hier nicht unbedingt völlig selbstbestimmt handeln, sondern sich nur an gewissen vorgegebenen Rahmenbedingungen orientieren. Vermeintlich eigenes kreatives Handeln ist tatsächlich eher eine Art Handlung auf Anweisung.

Genau um dieses Thema der eigenen, vermeintlich kreativen Handlung aufgrund einer Anleitung geht es bei Rudolf Stingel. Der 1956 im Nord-Italienischen Meran geborene Künstler spielt mit den Erwartungen des Publikums, überspitzt Motive und experimentiert mit interaktiven Elementen. Stingel hinterfragt dabei stets die konstruierenden Prinzipien des Mediums Malerei und ihrer unterschiedlichen Darstellungsformen.

Das Restaurant in der Villa Berower neben der Fondation Beyeler hat Rudolf Stingel in eine schimmernde Installation verwandelt. Hier können Besucher ihre Spuren hinterlassen und Zeichnungen oder Schrift in die mit Isolierplatten verkleideten Wände ritzen

Vielfalt der Methoden

In 9 Räumen, die Gastkurator Udo Kittelmann in Zusammenarbeit mit dem Künstler entwickelte, eröffnen sich dem Besucher in der Fondation Beyeler spannungsvolle Gegenüberstellungen. Von Gemälden und Triptycha über Skulpturen aus Metall und Styropor bis hin zu mit Teppich und Dämmplatten ausgekleideten Wänden, zeigt die Ausstellung einen umfassenden Überblick über die vielfältige künstlerische Praxis von Rudolf Stingel.

In seinem Werk hinterfragt der Künstler, was Malerei definiert. Er experimentiert mit verschiedenen künstlerischen Verfahren, mit unterschiedlichen Materialen und Formen. Dabei variiert Stingel klassische Bildthemen, übertreibt und verfremdet diese – auch durch Einbeziehung des Publikums.

Seit den späten 1980ern setzt sich Rudolf Stingel mit der Rolle der Rezipienten und ihrem Verhältnis zur Kunst auseinander. Bereits in seinem ersten Künstlerbuch „Anleitung“ von 1989 lieferte er eine Beschreibung, wie jeder ein Kunstwerk in seinem Stil erstellen kann. Wer der Anleitung folgt, erhält am Ende jedoch keine eigenständige Kunst – schließlich handelt man auf Anweisung des Künstlers und setzt nur dessen Idee um. Dies erinnert an die „Instructions“ von Yoko Ono.

In den 1990ern begann Stingel dann ortsspezifische Installationen umzusetzen, bei denen Ausstellungsbesucher in Kontakt mit seinen Werken treten sollten. Er ließ Teppich auslegen, auf dem Menschen ihre Fußspuren hinterließen, oder ließ Wände mit Teppich überziehen, damit Besucher mit den Händen hier die Fasern in beliebige Form bringen konnten. Alle Spuren erweisen sich hier als temporär. Malerische Gesten verwischen mit der Zeit und werden von der Aktion anderer Besucher überlagert, zerstört oder wiederholt.

Das Künstlerbuch zur Ausstellung greift in seiner Gestaltung zwei Werke von Rudolf Stingel auf: Der samtige Einband verweist auf Stingels Teppich-Installation in Orange und die silberne Schnittverzierung verweist auf die Rauminstallation mit Isolierplatten

Anleitung und Aneignung

Seit Anfang der 2000er arbeitet Rudolf Stingel auch mit silbernen Dämmplatten. Mit diesen lässt er Räume auskleiden – wie auch aktuell in der Fondation Beyeler und im nahegelegenen Restaurant im Berower Park. Es wirkt hier, als würde man einen Spiegelsaal betreten. Nur dass man eben nicht in einem prunkvollen Bauwerk steht, sondern in einem Gastraum. Rudolf Stiegels Installation weitet den Blick und lässt einen kurzen Moment der Irritation aufkommen. Geschickt spielt der Südtiroler Künstler mit den Erwartungen der Rezipienten.

In gewisser Weise fungieren die silbernen Rauminstallationen als Spiegelkabinette im weitesten Sinne. Sie reflektieren nicht nur den Besucher selbst, sondern auch dessen Gedanken und Aktionen. Die eingeritzten Botschaften der Besucher zeigen ihre Ideen und Impulse auf. Die Zeichnungen und Worte stehen in keinem inhaltlichen Bezug zum Werk – und werden dennoch zum Teil dessen. Denn die Besucher können kollektiv zwar an der Veränderung einer Oberfläche und damit an der Entstehung eines Kunstwerks mitwirken, doch dabei sind nicht sie selbst die Künstler. Sie handeln nur innerhalb der Rahmenbedingungen, die durch Rudolf Stingel vorgegeben werden.

Vielleicht ist es deshalb nur eine konsequente Folge, dass Besucher mit Stingels Werken nicht nur so interagieren, wie vom Künstler beabsichtigt. Statt nur vor Ort ihre Spuren in Teppichen und Isolierplatten zu hinterlassen, fotografieren und filmen sie ihr Handeln, um ihre „künstlerische Interaktion“ für Soziale Netzwerke zu dokumentieren. Rudolf Stingels großflächige Werke dienen zudem als instagrammiger Selfie-Hintergrund – Formen, Farben und Strukturen bieten immerhin interessante Kontraste.

Es wäre nicht überraschend, wenn sich der Künstler dieses Verhalten der Ausstellungsbesucher irgendwann wieder aneignen würde, in Form einer Anleitung: Interagiere mit dem Werk. Mach ein Selfie und poste es bei Instagram. Plötzlich würde sich eine autonome kreative Handlung wieder nur in die Erfüllung einer Anweisung verwandeln. Statt selbst künstlerisch tätig zu werden, würde man der Idee eines Künstlers folgen – und den eigenen Instagram-Account in gewisser Weise zu einer fremdbestimmten Plattform machen.

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Rudolf Stingel

Fondation Beyeler
26.05. – 06.10.2019
Weitere Infos zur Ausstellung

Der Beitrag entstand im Rahmen der Bloggerreise #MeetBeyelerStingel, die am 1. und 2. Juni 2019 stattfand und die von der Fondation Beyeler initiiert und finanziert wurde.


Fotos: Angelika Schoder – Fondation Beyeler, 2019