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Von Monet bis Tillmans: „Natureculture“ in der Fondation Beyeler

In der Sammlungspräsentation „Natureculture“ thematisiert die Fondation Beyeler das Verhältnis von Natur und Kultur in der Kunst.

Bloggerreise/Werbung – In welchem Verhältnis steht die Natur zur Kultur? Dieser Frage widmet sich die Fondation Beyeler in ihrer aktuellen Sammlungspräsentation „Natureculture“. Zu sehen sind zahlreiche Highlights der Sammlung, unter anderem Werke von Claude Monet, Pablo Picasso, Alberto Giacometti, Louise Bourgeois, Mark Rothko, Tacita Dean und Wolfgang Tillmans. Erstmals zu sehen sind auch einige Neuzugänge der Sammlung.


Die Sammlungspräsentation "Natureculture" nimmt Bezug auf die parallel gezeigte immersive Installation "Life" von Olafur Eliasson.
Die Sammlungspräsentation „Natureculture“ nimmt Bezug auf die parallel gezeigte immersive Installation „Life“ von Olafur Eliasson.

Der Schneemann im Kühlschrank

Wie ambivalent das Verhältnis zwischen Kultur und Natur ist, zeigt sich bereits auf dem Weg zum Eingang der Fondation Beyeler. Hier ist rechts hinter dem Haupttor zum Berower Park, eingebettet in eine Hecke, ein Schneemann platziert. In einem Kühlschrank trotzt der freundlich grinsende „Snowman“ des Schweizer Künstlerduos Fischli/Weiss den Temperaturen über alle Jahreszeiten hinweg. Seit November 2020 kann man den Schneemann, der klassisch aus drei Schneekugeln besteht und dessen Gesicht schlicht in den Kopf gemalt wurde, in seinem Kühlbehälter betrachten. An den Wänden des Behältnisses türmt sich das Eis; im Park der Fondation Beyeler herrscht aktuell bestes Sommerwetter. Ohne die Intervention durch Kultur, also die Unterbringung im Kühlschrank, wäre der „Snowman“ schon lange verschwunden. Natur ist vergänglich, außer man konserviert sie durch einen kulturellen Akt. Obwohl ein Schneemann, wie der Künstler Peter Fischli feststellt, etwas ist, das „fast jeder herstellen kann“, indem man einfach drei Schneekugeln rollt und stapelt, hat die Skulptur von Fischli/Weiss nichts Einfaches an sich. Der „Snowman“ ist für den Fortbestand auf eine ständige Energieversorgung angewiesen.

Ursprünglich konzipierten die Künstler die Skulptur 1989/90 im Zusammenhang mit einer Ausstellung im öffentlichen Raum in Saarbrücken. Da ihnen für ihr Werk ein Ort neben einem neu eröffneten Wärmekraftwerk zugewiesen wurde, wollten sie etwas erschaffen, das von der Energie des Kraftwerks abhängig war. Die Skulptur kam zunächst nicht zustande, auch ein Grobentwurf, der Ende der 1990er Jahre auf Einladung des Walker Art Center in Minneapolis entstand, wurde nicht realisiert. Erst 2016 nahm der „Snowman“ seine Form an und reiste unter anderem in den Skulpturengarten des Museum of Modern Art New York und auf die Terrasse des Art Institute Chicago. Längst ist die Skulptur, von der es insgesamt vier Ausführungen gibt, zum Sinnbild für den fortschreitenden Klimawandel geworden.

Der Schneemann, der aktuell in der Fondation Beyeler besichtigt werden kann, ist übrigens nicht nur das einzige in Europa und der Schweiz gezeigte Exemplar dieser Skulptur, sondern auch der erste, dessen Betrieb mit Solarenergie ermöglicht wird.


Im ersten Raum der Ausstellung "Natureculture" in der Fondation Beyeler hängen die Kunstwerke dicht an dicht.
Im ersten Raum der Ausstellung „Natureculture“ in der Fondation Beyeler hängen die Kunstwerke dicht an dicht, etwa „Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope“ (1898/1905) von Henri Rousseau.

Zum Verhältnis von Natur und Kultur

Mit seiner aufwändigen Installation „Life“ hinterfragt der Künstler Olafur Eliasson in der Fondation Beyeler aktuell das Verhältnis von Natur und Kultur. Von April bis Juli 2021 scheint die Natur in das Museum einzudringen, der vordere Teil des Gebäudes ist mit fluoreszierend-grünem Wasser geflutet. In die Räume, in denen normalerweise Gemälde, Fotografien oder Skulpturen ausgestellt werden, können nun Vögel hinein fliegen; im Wasser tummeln sich Tiere auf den hier temporär angesiedelten Wasserpflanzen. Es ist jedoch nicht so, als hätte sich die Natur den Kulturraum selbständig zurückerobert. Vielmehr ist es ein kultureller Akt, der es der Natur erlaubt hat, hier vorübergehend Einzug zu halten. Noch im Juli wird dieses Aufeinandertreffen von Kultur und Natur wieder beendet sein. Olafur Eliassons Installation wird bald verschwinden; die Museumsräume werden dann wieder ihre ursprüngliche Funktion übernehmen.

An Olafur Eliassons Installation „Life“ knüpft die Sammlungspräsentation „Natureculture“ in der Fondation Beyeler an. Sie ist noch bis 21. September 2021 zu sehen. Auch hier geht es um die vielfältigen Beziehungen zwischen Natur und Kultur, verdeutlicht in Gemälden von Landschaften, in Stillleben und Portraits, durch Skulpturen und Media-Installationen. Die Ausstellung zeigt über 170 Kunstwerke des 19., 20. und 21. Jhd. – von Vincent van Gogh über Ferdinand Hodler bis hin zu Peter Doig. Neben den Hauptwerken der Sammlung wie „Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope“ (1898/1905) von Henri Rousseau oder Claude Monets „Le bassin aux nymphéas“ (1917-20) sind auch selten gezeigte Werke zu sehen, etwa Olafur Eliassons Glasskulpturen-Serie „Polar fall fade“ (2013). Auch Neuerwerbungen der Fondation Beyeler werden gezeigt, u.a. „With a Rhythmic Instinction to be Able to Travel Beyond Existing Forces of Life“ (2018) von Philippe Parreno, eine Installation aus Hunderten von Schwarz-Weiss-Zeichnungen eines Glühwürmchens, die über einen LED-Bildschirm flackern.


Auch Thomas Schüttes Skulptur eines Hasen (2013) im Park hinter der Fondation Beyeler zeigt die Verschränkung von Natur und Kultur.
Auch Thomas Schüttes Skulptur eines Hasen (2013) im Park hinter der Fondation Beyeler zeigt die Verschränkung von Natur und Kultur.

Die Sammlungspräsentation „Natureculture“

In insgesamt 12 Ausstellungsräumen zeigt die Fondation Beyeler mit „Natureculture“ die seit vielen Jahren umfangreichste Sammlungspräsentation. Kurator und Museumsdirektor Sam Keller folgt hier bewusst keiner Chronologie, vielmehr lädt er dazu ein, ästhetische, formale oder konzeptionelle Verbindungen zwischen den Werken zu entdecken.

Bereits im Foyer der Fondation Beyeler hängt Maurizio Cattelans Skulptur eines präparierten kopflosen Pferdes („Untitled“, 2007), so als würde es mit dem Kopf voran durch die Museumswand springen. Ein erstes brutales Aufeinandertreffen von Natur und Kultur – als würde das Tier mit aller Macht aus dem Kulturraum fliehen wollen. Cattelans Pferd ist hier einzeln in der Umgebung des White Cube platziert und wirkt so umso surrealer, weil Bezugspunkte zu anderen Kunstwerken fehlen. Im Kontrast dazu steht der erste Ausstellungsraum, der auf grau gestrichenen Wänden eine Petersburger Hängung präsentiert. Dicht an dicht drängen sich hier insgesamt 90 Bilder aus drei Jahrhunderten. Kurator Sam Keller hat den Raum geradezu mit Kunst überfrachtet. Doch nur auf den ersten Blick wirkt diese Präsentation überwältigend; auf den zweiten Blick lassen sich Bezüge zwischen den Werken erkennen, die man so vorher vielleicht noch nie wahrgenommen hat.

Als zentrales Werk wird Max Ernsts „Swampangel“ (1940) zu Beginn des Raumes platziert. Seit 2010 befindet sich das surrealistische Gemälde in der Sammlung der Fondation Beyeler. Es zeigt Ernsts Partnerin, die Künstlerin Leonora Carrington, als Sphinx-haftes Wesen inmitten einer blau-braunen, sumpfartig überwucherten Kulturlandschaft. In unmittelbarem Bezug zu diesem Werk sind Gemälde platziert, in denen ebenfalls Menschen in der Natur verortet werden, etwa eine Strandszene von Paul Gauguin, Badende von Paul Cezanne oder das Bild eines Mannes in einem Wasserfall von Peter Doig. Der gesamte Raum besteht aus solchen Gegenüberstellungen und thematischen Gruppierungen, die weder chronologischen noch stilistischen Kriterien folgen.


Der letzte Raum der Ausstellung "Natureculture" ist den Arbeiten von Wolfgang Tillmans gewidmet. Der Künstler selbst übernahm die Hängung der Werke.
Der letzte Raum der Ausstellung „Natureculture“ ist den Arbeiten von Wolfgang Tillmans gewidmet. Der Künstler selbst übernahm die Hängung der Werke.

Durchbruch des Kulturraumes

Der Begriff „Natureculture“ wurde von der Philosophin und Autorin Donna J. Haraway geprägt. Der Mensch wird hier als Teil der Welt betrachtet, die er nicht beherrscht, sondern die er mit anderen Lebewesen in wechselseitiger Abhängigkeit bewohnt. Haraway versteht Natur und Kultur als untrennbare Einheit, wobei Menschen in gewisser Weise beiden Seiten zugeordnet werden können.

Die Ausstellung in der Fondation Beyeler greift in Anlehnung daran verschiedene Aspekte des Lebens und der Natur auf. Im zentralen großen Ausstellungsraum geht es etwa um das Thema Wasser und Licht. Hier erwarten den Besucher Claude Monets Seerosenbilder, aber auch Glasskulpturen von Roni Horn und Olafur Eliasson, die in Bezug zueinander gestellt werden. Hier verweist die Ausstellung auch auf den Blick in den Garten vor dem Gebäude, in dem Thomas Schüttes Skulptur eines Hasen (2013) sich in einem Teich spiegelt. Ein Verweis darauf, dass auch der Naturraum außerhalb des Museums mit zum Kulturraum zählt.

Weitere Ausstellungsräume widmen sich u.a. den Arbeiten von Philippe Parreno, Henri Matisse, Alberto Giacometti oder Louise Bourgeois. Im letzten Raum stehen die Arbeiten von Wolfgang Tillmans im Mittelpunkt. Die Fotografien aus der Sammlung der Fondation Beyeler wurden für „Natureculture“ vom Künstler selbst im Raum arrangiert. Alle Bilder spiegeln auf eine gewisse Art das Verhältnis von Natur und Menschen, wobei besonders das Bild eines geöffneten Fensters auffällt. Es ist so platziert, als würde es sich tatsächlich in der Wand der Fondation Beyeler befinden und einen Blick ins Grüne des Parks hinter den Mauern ermöglichen.


Natureculture

Sammlungspräsentation in der Fondation Beyeler
13.06.-21.09.2021

mus.er.me.ku dankt der Fondation Beyeler für die Einladung zu einem Besuch der Ausstellung und für die Übernahme der Kosten der Reise.


Bilder: Angelika Schoder – Fondation Beyeler, 2021


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Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.


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