Kategorien
Deutsch Medien

Fehler bei Online-Ausstellungen, gratis Social-Media und Sexualkunde bei Twitter

Nicht-Newsletter – Nr. 44, 10/2019

Frage des Monats
Sind Online-Ausstellungen von Museen in der digitalen Sackgasse?

Thema des Monats
Der Mythos vom kostenlosen Social-Media-Account

Twitter des Monats
Whores of Yore

Instagram des Monats
Christopher Smith

Tumblr des Monats
Conscientious Redux


Frage des Monats

Sind Online-Ausstellungen von Museen in der digitalen Sackgasse?

Vor einigen Wochen stieß Swantje Dogunke auf eine 9 Jahre alten Präsentation von Werner Schweibenz. Unter dem Titel “Wie gestaltet man in bester Absicht eine schlechte Online-Ausstellung?” fasst Schweibenz hier Fehler zusammen, die fast eine Dekade später noch immer von einigen Museen begangen werden. Zur Zeit der Entstehung der Präsentation gab es bezüglich der Gestaltung von Online-Ausstellungen noch wenig fundierte Forschung, wie der Autor betont. Er beklagt, dass in Foren, Mailinglisten oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda scheinbar bewährte Faustregeln oder gar Geheimtipps propagiert werden – doch die Online-Ausstellungen, die auf dieser Basis entstehen, seien oft aus Benutzersicht schlecht gestaltet.

Inhalte als Herausforderung

Und heute? Fast 10 Jahre nach der Veröffentlichung von Schweibenz’ Präsentation gibt es nun einiges an Forschung zur Konzeption und Umsetzung von Online-Ausstellungen. Es gibt mittlerweile auch diverse Beispiele – von den Digitorials der Schirn, des Städel Museum und des Liebieghaus bis hin zu den Online Dossiers der Stiftung Historische Museen Hamburg. Und dennoch: Einige Museen scheinen bis heute nicht gelernt zu haben, wie man die Fehler der vergangenen Jahre bei Online-Ausstellungen vermeidet. Die rein technische Umsetzung ist längst nicht mehr die größte Herausforderung, schließlich gibt es Angebote von Google Arts & Culture, wie etwa das Angebot zur Ausstellung “Utrecht, Caravaggio und Europa” in der Alten Pinakothek. Im Oktober 2019 ging jetzt zudem DDBstudio online, ein Service der Deutschen Digitalen Bibliothek, um mit virtuellen Ausstellungen Geschichten zu erzählen.

Wenn also die Technik nicht mehr die größte Herausforderung ist (auch wenn z.B. am DDBstudio noch technische Verbesserungen notwendig sind), könnten sich Kulturinstitutionen nun stärker auf die Aufbereitung von Inhalten konzentrieren. Es bietet sich deshalb an, noch einmal einen Blick zu werfen auf die von Werner Schweibenz vorgestellten “13 häufig propagierten und scheinbar bewährten Faustregeln für angeblich erfolgreiche Online-Ausstellungen” von 2010. Hier eine Auswahl bekannter Fehler:

Häufige Fehler in der Umsetzung
von Online-Ausstellungen

1) Besucher sollen nicht dazu gezwungen werden, sich selbständig auf Entdeckungsreise zu begeben.

  • Studien haben längst gezeigt, dass virtuelle Besucher wenig Interesse an Interaktivität haben. Sie wollen sich nicht erst umständlich zurechtfinden und orientieren. Willkommen sind bereits aufbereitete Inhalte, die direkt und ohne Umwege genutzt werden können.

2) Nicht alles muss immer sehr interaktiv sein.

  • Interaktivität ist mehr als Scrollen und Klicken. Es geht darum, dass Nutzer Zusammenhänge verstehen, und nicht darum, dass einfach die Finger beschäftigt werden.

3) Content allein ist nicht King. Es kommt auch auf den Kontext an!

  • “Besucher suchen nicht nur Content, sondern Kontext, der um die Objekte gewoben wird”, wie Schweibenz betont. Es kann also nicht nur um reine Inhalte gehen, sondern im Vordergrund muss eine Vermittlung mit Mehrwert stehen.

4) Ein Informationsdesign passt nicht für alle Nutzergruppen.

  • Museen haben unterschiedliche Zielgruppen – nicht nur vor Ort, sondern auch online. Die unterschiedlichen Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen müssen daher auch online berücksichtigt werden.

5) Es muss nicht zwanghaft immer die neueste Technologie sein.

  • Die neueste Technologie hindert häufig bestimmte Benutzergruppen am Zugang zum Angebot, etwa wenn bestimmte Software oder Hardware notwendig ist.

6) Social Media führt zu Kontrollverlust. Na und?

  • Museen müssen damit umgehen, dass sie Online-Inhalte nie vollständig kontrollieren können. Die Ermöglichung eines Austauschs über Social Media ist ein wichtiger Aspekt für viele virtuelle Besucher.

7) Online-Inhalte werden Menschen ganz sicher nicht von einem Museumsbesuch abhalten.

  • Zunehmend informieren sich Menschen vor einem Ausstellungsbesuch online darüber, was sie vor Ort erwarten wird. Mehr Informationen sind daher eher von Vorteil. Zudem lassen sich durch Online-Ausstellungen auch ganz andere Zielgruppen erreichen, für die ein Besuch vor Ort nicht möglich ist. Virtuelle Besucher sollten durch ein Vorenthalten von Informationen nicht zu Besuchern Zweiter Klasse degradiert werden.

Thema des Monats

Der Mythos vom kostenlosen Social-Media-Account

Einen Account bei Twitter anzulegen, eine Seite bei Facebook zu eröffnen oder ein Profil bei Instagram zu erstellen, kostet zunächst kein Geld. Man gibt eine E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer an, wählt einen Benutzernamen und ein Passwort – und schon kann das Abenteuer Social Media beginnen. Wenn Museen aber denken, nur weil der Zugang zu Sozialen Medien frei ist, dass deshalb auch die Nutzung gratis sei, dann begehen sie einen großen Fehler. Dies betont Colleen Dilenschneider in einem ihrer aktuellen Beiträge. Sie mahnt: “If you still think social media is cheap or free, then you are doing it wrong.”

Zeit ist Geld, gute Mitarbeiter kosten Geld, die notwendige Technik zur Erstellung von Inhalten kostet Geld, die Analyse von Social Media zur Optimierung der eigenen Aktivitäten kostet Geld – und seit einigen Jahren kostet auch Reichweite Geld, wenn man möchte, dass die Zielgruppen die erstellten Inhalte überhaupt zu sehen bekommen. Überraschung: Die Nutzung von Social Media kostet Institutionen also doch eine Menge Geld. Wenn also wieder einmal eine Führungskraft in einem Museum oder einer anderen Kulturinstitution der Meinung ist, man brauche kein Budget, denn Social Media sei gratis, dann sollte man dieser Person dringend diesen hier im Folgenden verlinkten Text empfehlen.


Twitter des Monats

Whores of Yore

Der Twitter-Account Whores of Yore begleitet ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das sich der Geschichte der Sexualität widmet. Gegründet wurde das Projekt 2016 von Kate Lister als Archiv zur Sexualitätsforschung, das nicht nur von Wissenschaftlern, Aktivisten, Sexarbeitern und Archivaren genutzt wird, sondern auch als Fundgrube für Social Media dient. Über Twitter, Instagram & Co. erreicht das Projekt mit historischen Bildern, Anekdoten, Dokumenten und Hintergundinfos mittlerweile auch ein breites Publikum. Die Beiträge zeigen, wie historische Entwicklungen sich häufig bis heute auf aktuelle Debatten zur Sexualität auswirken.


Instagram des Monats

Christopher Smith

Der Fotograf Christopher Smith postet bei Instagram Selfies. Das klingt zunächst nicht weiter ungewöhnlich, schließlich veröffentlichen viele Menschen auf der Social-Media-Plattform Bilder von sich selbst. Doch die Fotos von Smith sind anders. Für jedes Bild inszeniert er sich in einer anderen Rolle: als Obst-Lieferant im Stil der 1920er Jahre, als Punk der späten 70er oder als moderner Skater-Boy. Smith wird aber auch zur Viktorianischen Lady, zur 60s Diva oder zur verstümmelten Leiche.

Vor einigen Wochen berichtete The New Yorker über seine “Transformationen im Kinderzimmer”. Denn was man den aufwändigen Inszenierungen der Bilder nicht ansieht: Alle Aufnahmen entstehen nicht etwa in einem professionellen Fotostudio, sondern in der kleinen Wohnung, die sich Christopher Smith mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern teilt. Als Teenager begann der Künstler damit, sich zu fotografieren, zunächst beeinflusst durch die Arbeiten von Edward Steichen oder Man Ray. Erst später entdeckte er Cindy Sherman, an die man sich beim Betrachten seiner Bilder zuerst erinnert fühlt.


Tumblr des Monats

Conscientious Redux

Der Tumblr ist ein Ableger des Conscientious Photo Magazine, eine Publikation von Jörg M. Colberg, die sich zeitgenössischer Fotografie widmet. Während das Online-Magazin Texte über Fotografie, Künstler-Interviews oder Fotobuch-Rezensionen bietet, ist der Tumblr für alles mögliche Weitere gedacht, oder wie der Autor selbst schreibt: “all kinds of irregular content, often from the cutting-room floor”.



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.