Virale Museums-Postings, Instagrammer als Zielgruppe und britische Mülltonnen

Nicht-Newsletter – Nr. 38, 04/2019

Frage des Monats
Wie geht man als Museum viral?

Thema des Monats
Instagrammer als Zielgruppe für Museen

Twitter des Monats
Bits of Pluto

Instagram des Monats
govbins.uk

Tumblr des Monats
the camera in the mirror

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.

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Frage des Monats

Wie geht man als Museum viral?

Einmal viral gehen – davon träumt sicher das eine oder andere Museum. Wenn sich Inhalte wie ein Virus rasend schnell über Soziale Netzwerke verbreiten und enorme Reichweite und Interaktionen in Form von Likes und Kommentaren erhalten, dann hat man es als Museum geschafft. Von Social Media ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Presseberichterstattung. Einmal einen viralen Hit landen, und schon weiß die ganze Welt bescheid, dass man ein tolles Museum ist. Doch wie funktioniert das mit dem „viral gehen“?

Viraler Museums-Content

Medienexperten betonen, dass man Inhalte, die sich viral in Medien verbreiten, nicht planen kann. Wäre es so leicht, würde schließlich jeder ständig virale Inhalte produzieren. Tatsächlich helfen viele ihren „viralen Hits“ auf die Sprünge, etwa indem sie die Online-Verbreitung mit Budget zunächst anschieben. Haben die (bezahlten) Inhalte erst einmal eine gewisse Reichweite erzielt, kommt auch eine organische, also unbezahlte Verbreitung hinzu. Die wahre Herausforderung ist es aber, Inhalte zu schaffen, die sich von Anfang an organisch verbreiten – auch ohne Budget.

Eines der wenigen Museen, das diese Kunst der viralen Content-Produktion beherrscht, ist The Museum of English Rural Life, kurz MERL. Bereits im Januar haben wir das Museum hier in unserem Nicht-Newsletter Nr. 35 als „Twitter des Monats“ kurz vorgestellt. Berühmt wurde das Museum bei Twitter im April 2018 durch das Foto eines Widder mit einer Anspielung auf das Meme „Absolute Unit“. Das Meme entstand bei Twitter als Kommentar zu Fotos von sehr großen bzw. massiven Objekten, Personen – oder eben Tieren. Mit seinem Widder-Tweet erzielte das MERL innerhalb von 72 Stunden bereits über 98k Likes.

The MERL vs. Elon Musk

Mittlerweile hat das Museum bereits über 130.000 (!) Follower bei Twitter und landet tatsächlich einen viralen Beitrag nach dem nächsten, etwa im Januar 2019 mit dem Aufruf: „hey @britishmuseum give us your best duck“ (über 3.580 Retweets und 13.580 „Gefällt mir“-Angaben).

Der virale „Endgegner“ fand sich aber jetzt im April: Tesla-Gründer Elon Musk (mit über 26 Mio Followern) machte den „Absolute Unit“ Widder des MERL zu seinem Profilbild. Das Museum konterte geschickt: Konsequenterweise wurde sofort ein Foto von Elon Musk zum Profilbild des Museums mit dem Kommentar: „Two can play at this game“. Und schon berichteten auch die klassischen Medien, etwa die BBC. Ein viraler Hit, wie er im Buche steht, war vollendet.

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Thema des Monats

Instagrammer als Zielgruppe für Museen

Auch wenn das Thema Fotografieren im Museum (besonders in Deutschland) nach wie vor umstritten ist, haben viele Kulturinstitutionen mittlerweile verstanden, dass es für die meisten Museumsbesucher heute einfach dazu gehört. Wer etwas Schönes erlebt, will es auf einem Foto festhalten – vielleicht um die Bilder Freunden zu zeigen, vielleicht nur für sich selbst, aber vielleicht auch, um die Fotos aus dem Museum online zu stellen. Über Soziale Netzwerke, wie Facebook, Pinterest oder Instagram, können so Eindrücke von einem Museumsbesuch mit der Öffentlichkeit geteilt werden und sogar ein weltweites Publikum erreichen.

Instagram-Fotos als Besuchermagnet

Bilder auf Instagram erzeugen Sehnsucht – nach materiellen Produkten wie Mode und Autos, aber auch nach Erlebnissen. Ein schöner Ort im Urlaub wird ebenso gepostet wie ein besonderer Moment, den man erlebt. Es überrascht nicht, dass auch Kultur-Erlebnisse hier ihren Platz finden, etwa ein Museumsbesuch. Instagrammer dokumentieren die beeindruckende Architektur von Museumsgebäuden ebenso wie die Schönheit von ausgestellten Museumsobjekten und Kunstwerken. Das erweckt Neugier und Interesse bei anderen Kultur-Fans, das gleiche Erlebnis zu erfahren und wiederum selbst zum Smartphone oder zur Kamera zu greifen, um die eigene Perspektive festzuhalten.

Dass ein gut gemachter Instagram-Account eines Museums eine ideale Plattform ist, um seine Inhalte zu präsentieren und damit Besucher anzulocken, ist längst bekannt. Doch immer mehr Museen wollen auch, dass Besucher ihre Erlebnisse mit anderen teilen, um ein breiteres Publikum für Ausstellungen zu erreichen. Dabei geht es nicht unbedingt nur um die Kooperation mit Influencern. Jeder Museumsbesucher kann schließlich ein „Influencer“ sein, wenn er anderen von seinem Kultur-Erlebnis berichtet – und damit Interesse am Museum weckt.

Sollten Museen „instagrammig“ werden?

Immer wieder wird diskutiert, wie „instagrammig“ Museen und Galerien sein sollten. Damit ist nicht nur gemeint, das Fotografieren in Ausstellungen zu erlauben und auch zu forcieren, dass die entstandenen Fotos in Social Media veröffentlicht werden. „Instagram-tauglich“ bedeutet vor allem, dass Ausstellungen so gestaltet werden, dass sie auf Fotos besonders gut aussehen. Zwei Beispiele des letzten Jahres sind hier „Willkommen im Labyrinth“ im Marta Herford (23.06. – 23.09.2018) und „Space Shifters“ in der Hayward Gallery in London (26.09.2018 – 06.01.2019). Beide Ausstellungen wurden für die Besucher zu regelrechten Selfie-Attraktionen, da die gezeigten Kunstwerke sich als äußerst ansprechend für Instagram-Fotos erwiesen. In beiden Fällen war die Instagrammability jedoch von den Kuratoren eigentlich gar nicht beabsichtigt.

Cliff Lauson, Senior Curator in der Hayward Gallery, betonte im Interview mit The Art Newspaper, dass es wenig überrascht, dass Menschen einzigartige Erfahrungen mit anderen (über Social Media) auch teilen wollen: „The show was about artists using innovative materials in a way that creates a unique experience and makes the viewer part of the work. […] The compulsion to document, photograph and share with your friends might be an extension of that, in that it is, in one sense, an experience-based economy that we live in. So it’s no surprise that people felt compelled to do those things that they do quite usually.“ Zu einem ähnlichen Fazit kam auch Roland Nachtigäller, Direktor des Marta Herford, im Bezug zur Labyrinth-Ausstellung.

Hauptsache mehr Besucher?

Die Frage in Zukunft wird sein: Werden Museen es einfach als angenehmen Nebeneffekt mitnehmen, wenn ihre Ausstellungen besonders fotogen sind – und damit auch Instagrammer als Zielgruppe anlocken? Oder werden Ausstellungen zunehmend bewusst daraufhin konzipiert, Instagram-tauglich zu sein, damit sich ein größerer Besuchererfolg einstellt?

Die Frage zielt dabei letztendlich auch darauf ab, wie Museen ihre Besucher sehen: Werden Museumsbesucher weiterhin nur als Rezipienten von Inhalten wahrgenommen – also als „Endkunden“? Oder sind es doch auch potenzielle Mittler und „Werbebotschafter“, die man dafür einspannen kann, das Museum und seine Inhalte bekannter zu machen?

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Twitter des Monats

Bits of Pluto

Wer sich den Nicht-mehr-Planeten Pluto etwas genauer ansehen möchte, hat bei Twitter die Gelegenheit dazu. Bis zum März 2019 veröffentlichte der Account Bits of Pluto alle 6 Stunden ein Bild des Zwergplaneten. Das Fotomaterial stammt von der NASA, genauer gesagt von der Raumsonde „New Horizons“. Diese wurde im Januar 2006 ins All auf ihre Reise geschickt. Am 14. Juli 2015 passierte die Sonde schließlich Pluto in 12.500 km Entfernung. Die entstandenen Bilder sind faszinierend.

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Instagram des Monats

govbins.uk

Der Brexit verschiebt sich. Deshalb empfehlen wir diesmal einen Instagram-Account, der sich mit britischen Mülltonnen befasst. Keine Ahnung, wie wir darauf jetzt kommen… Jedenfalls, bei govbins.uk gibt es jede Menge „wheelie bins“ aus Großbritannien – von Bath and North East Somerset bis Wokingham. Seit 2016 fotografiert der Designer Harry Trimble die bunten Tonnen seines Landes. Sein Ziel: „to catalogue a nation’s bins“. Mit dem Hashtag #govbins können auch Fotos für den Account eingereicht werden.

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Tumblr des Monats

the camera in the mirror

Der Künstler Mario Santamaria deckt in seinem Tumblr die ganze Wahrheit hinter Google auf! Google Arts & Culture ist dafür bekannt, dass Museen und historische Orte fotografisch erfasst und online zugänglich gemacht werden, ähnlich dem Street View Angebot. Unterwegs sind dafür Kameras, die in Gebäuden auf fahrbaren Robotern durch die Räume und Flure gesteuert werden. Aber was, wenn ein Spiegel oder ein Kunstwerk mit spiegelnder Oberfläche ins Feld der Kamera gerät? Dann ist der Kamera-Roboter natürlich mit abgebildet! Mario Santamaria hält diese Roboter-Spiegelungen fest und sammelt sie in seinem Tumblr – vom Bolschoi Theater in Moskau bis hin zum Weißen Haus in Washington D.C. Eine Sammlung technischer Art Selfies sozusagen.