Berufsperspektiven für Geisteswissenschaftler – How low can you go?

„Was nichts kostet, ist nichts wert.“ Dieses Zitat stammt von Albert Einstein. [1] Schaut man sich die Gehälter in Berufen an, für die ein geisteswissenschaftliches Studium die Voraussetzung ist, welche Schlussfolgerungen lassen sich hieraus ziehen?

Märkte werden von Angebot und Nachfrage bestimmt; wo zu viel Angebot ist und zu wenig Nachfrage, sinken die Preise. Warum für etwas viel Geld ausgeben, was man auch günstig bekommen kann? Man hat schließlich nichts zu verschenken, man muss Mittel einsparen, Ausgaben reduzieren und wenn man schon keine Gewinne erwirtschaften kann, muss man zumindest das Defizit minimieren. In kaum einem Bereich ist das so zutreffend wie im Kultur- und Bildungswesen, also in den Branchen, in denen überwiegend Geisteswissenschaftler arbeiten.

 

Mit dem Zweiten bewirbt man sich besser

Im Frühjahr 2015 machte das ZDF in der Netzcommunity und auch in den Medien von sich reden. Man suchte eine/n „Sachbearbeiter/in (Corporate Social Media Manager)“. Das Wort „Sachbearbeiter“ beschreibt den Kern des Problems, wie Henner Knabenreich bei personalmarketing2null treffend feststellte, denn hieraus  lässt sich der Stellenwert ableiten, den das ZDF dieser Tätigkeit beimisst. Auch wenn der Begriff später aus der Stellenausschreibung entfernt wurde, der „Sachbearbeiter“ bleibt negativ im Kopf – zumindest denjenigen, die in Sozialen Netzwerken unterwegs sind, also der Hauptzielgruppe der Stellenausschreibung.

Umso trauriger erscheint jetzt die Stellenausschreibung der Stiftung Haus der Geschichte Bonn (u.a. bei H-Soz-Kult), denn auch hier wird ein/e „Sachbearbeiter/in für die Online-Redaktion (Entgeltgruppe 9b TVöD)“ gesucht. Bei der Stiftung blieb die Debatte um die Art und Weise der ZDF-Stellenausschreibung vor wenigen Monaten offensichtlich nicht im Kopf – oder war nicht bekannt. Wie sonst ist es zu erklären, dass wieder das Wort „Sachbearbeiter“ fällt? Wie ist es außerdem zu erklären, dass – genau wie beim ZDF – auch bei der Stiftung Haus der Geschichte Bonn zu lesen ist: „Von E-Mail Bewerbungen bitten wir Abstand zu nehmen.“ ?

Screenshot vom 02.09.2015 - http://www.hsozkult.de/job/id/stellen-11995

Screenshot vom 02.09.2015 – http://www.hsozkult.de/job/id/stellen-11995

 

An den erwarteten Qualifikationen wird nicht gespart

Ein Onlineredakteur, der sich nicht online bewerben darf und als Sachbearbeiter gilt – sorgt das bei potentiellen Bewerbern für positive Aufmerksamkeit und für einen Anreiz die Jobchance zu ergreifen? In jeder anderen Branche würden geeignete Kandidaten um diese Stelle einen großen Bogen machen. Doch es geht um den Kultur- und Bildungsbereich. Vom Traumjob für viele Geisteswissenschaftler schreckt weder die Berufsbezeichnung, noch der Bewerbungsweg und auch sicher nicht das Gehalt ab.

 

Folgende Anforderungen sollte ein Bewerber mitbringen:

„Gesucht werden Bewerber/innen mit einem abgeschlossenen Magister- bzw. Master-Studium der Geschichte, Politik- oder Medienwissenschaft mit nachgewiesenen Kenntnissen der deutschen Zeitgeschichte oder einem Magister- bzw. Masterstudium der Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Kulturgeschichte. Webaffinität, sicheres und zielgruppenspezifisches Schreiben, gute Kenntnisse in der Bildbearbeitung, Erfahrungen im Umgang mit Datenbanken und Content Management Systemen sowie ein ausgeprägtes technisches Verständnis sind Einstellungsvoraussetzung. Erwünscht sind Erfahrungen mit Medien in Ausstellungen.“

 

Für eine anspruchsvolle Tätigkeit, werden umfangreiche Qualifikationen vorausgesetzt, und zwar nicht nur ein einschlägiger Hochschulabschluss (kein B.A.), sondern auch praktische Kenntnisse, wie sie etwa im Rahmen eines Volontariats vermittelt werden. Die Ausschreibung legt nahe, dass es sich nicht um eine Einstiegsposition handelt, sondern um eine Position für Young Professionals mit erster Berufserfahrung (z.B. durch ein Volontariat.) Die Vergütung beträgt (laut Gehaltsrechner für den Öffentlichen Dienst – Entgeltgruppe E 9b, Stufe 1 im Bereich Bund, Tabelle 01.03.2015 – 29.02.2016) im Grundgehalt 2.586,77 Euro. Netto blieben in Lohnsteuerklasse I dann 1.692,55 Euro.

Fragt man Absolventen anderer Fachrichtungen oder diejenigen, die eine Berufsausbildung absolviert haben, ob dies ihrem Ermessen nach eine attraktive Vergütung sei, sollte man sich von deren Reaktionen nicht überraschen lassen. Fakt ist, Geisteswissenschaftlern erscheint diese Vergütung durchaus attraktiv, besonders wenn sie ihr Studium gerade abgeschlossen haben oder ein Volontariat mit einer Vergütung von meist zwischen 1.100,- und 1.550,- Euro absolviert haben – wohl gemerkt brutto.

Die Stiftung Haus der Geschichte Bonn wird sich keine Sorgen um einen Mangel an qualifizierten Bewerbern machen müssen. Es werden vermutlich auch zahlreiche Kandidaten mit abgeschlossener Promotion darunter sein, die bereit sind, für dieses Gehalt zu arbeiten. Alternativ lockt sonst eine zeitgleiche Ausschreibung für Volontariate in der selben Institution, für die eine abgeschlossene Promotion Bewerbungsvoraussetzung ist.

 

Angebot und Nachfrage für Geisteswissenschaftler

Der Kultur- und Bildungsbereich bleibt für die meisten Geisteswissenschaftler das Berufsziel erster Wahl, davon abgesehen, dass viele das Berufsfeld als einzig denkbares für ihre Qualifikation wahrnehmen, obwohl vergleichbare Stellen in anderen Branchen deutlich anders vergütet werden. Die Nachfrage nach Stellen im Kultur- und Bildungsbereich übersteigt dennoch nach wie vor bei weitem das Angebot. Verfolgt man die Jobbörse des Deutschen Museumsbunds fällt auf, dass zwar stets Volontariate angeboten werden, die auch häufig im Bereich zwischen TVöD 11 bis 13 (50%) angesiedelt sind, doch Anschlusstellen sind deutlich rarer.

Ein genauerer Blick auf diese Stellen zeigt zudem oft, dass sie mit Entgeltgruppe 9 oder 10 ausgeschrieben sind, insbesondere wenn es um Marketing/ Öffentlichkeitsarbeit (inklusive Social Media) im Museumsbereich geht. Stellen mit TVöD 13 sind in der Branche selten – und wenn, dann ist mehrjährige Berufserfahrung notwendig. Wie diese nach dem Volontariat erworben werden soll, bleibt ein Rätsel.

Gerade im Bereich Marketing/ Öffentlichkeitsarbeit/ Social Media klafft im Kultur- und Bildungsbereich eine große Lücke zwischen Volontariaten und Anschlusstellen. Wie zu Beginn erwähnt, scheint hier die Überlegung zu bestehen: Warum sollte man für etwas mehr Geld ausgeben, das man günstiger haben kann? Man betraut Praktikanten mit dem Community Management, Volontäre erarbeiten ganze Social Media Strategien und App-Konzeptionen. Häufig sind es zudem nicht die Institutionen, die ihre „Auszubildenden“ qualifizieren, sondern es sind die Praktikanten und Volontäre, von deren Social Media Kompetenz profitiert wird.

Statt ausgebildet zu werden (mit einer Vergütung unter dem Mindestlohn), ist in einigen Institutionen das Verhältnis eher umgekehrt: Der Praktikant erklärt den Mitarbeitern Twitter und der Volontär arbeitet andere in WordPress ein. Und wo auf jede Prakikums- und Volontärsstelle im Kultur- und Bildungsbereich mitunter 3-stellige Bewerberzahlen auflaufen, warum sollte man angemessen bezahlte Anschlusstellen einrichten? Es geht immer günstiger…

Der Wert von etwas wird oft daran bemessen, was es kostet. Wenn Geisteswissenschaftler im Bildungs- und Kulturbereich nur gering bezahlt werden, muss man aber die Frage stellen, was diese Qualifikation dort letztendlich wert ist.

 

_____________________________________

[1]  Aphorismus, 20. Juni 1927, Einstein-Archiv 36-582, In: Alice Calaprice (Hg.), Anita Ehlers (Übers.): Einstein sagt. München 1996, S. 125 – Nach: de.wikiquote.org/wiki/Albert_Einstein

Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburg, 2015

____________________________________________________

Ähnliche Themen: