Die Zukunft der Kulturarbeit – fair statt prekär

#Werbung / Was ist Kulturarbeit heute noch wert? Für umgerechnet weniger als 3 Euro pro Stunde führt die Doktorandin Aika Diesch in der Stadt Rödermark eine Grabungsdokumentation durch und arbeitet archäologische Befunde auf. Nicht nur die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e.V. empörte sich über diese Arbeitsbedingungen. Ihre Vorgängerin musste die Stelle vorzeitig abbrechen – „aus persönlichen Gründen“, wie es in einer Meldung des Landesamts für Denkmalpflege Hessen hieß. Es wäre nicht überraschend, wenn die prekären Beschäftigungsbedingungen ihre Entscheidung beeinflusst hätten.

Solche Fälle werfen die Frage danach auf, wie sich Kulturarbeit in Zukunft gestalten soll. Werden es sich in 20 Jahren nur noch Kinder reicher Eltern leisten können, in Forschungsprojekten, Museen, Galerien, Konzerthäusern oder Theatern zu arbeiten? Wird das Feld der „Hochkultur“ irgendwann den bürgerlichen Eliten überlassen, die eine Art modernes Mäzenatentum ausüben, indem sie ihre Sprösslinge in den Kulturbereich entsenden und sie finanziell unterstützen, weil diese von der Kulturarbeit nicht leben können?


MusErMeKu sprach für die Blogparade #visionengestalten mit Geisteswissenschaftlern und Vertretern verschiedener Kulturinstitutionen darüber, wie sich die berufliche Situation im Kultursektor verändern muss, um prekäre Arbeitsbedingungen in Zukunft zu verhindern. Zu Wort kommen dabei nicht nur Volontäre und Trainees, sondern auch ein Vertreter des Deutschen Museumsbund e.V. sowie eine Sprecherin des AK Volontariat.

 

Problematische Bedingungen für Kulturarbeit

Nicht nur die Beschäftigung von Doktoranden an Universitäten und in Forschungsprojekten ist oft prekär. Auch in Kulturinstitutionen herrschen teils mangelhafte Bedingungen. So veröffentlichte im Februar 2017 der Arbeitskreis Volontariat NRW die Ergebnisse einer Stichprobenbefragung von 42 Volontären aus dem Kulturbereich. 43,9 % der Befragten gaben dabei an, dass ihr Volontariat inhaltlich nicht strukturiert sei, weitere 24,4 % gaben an, dass Absprachen nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden. Auch was die Fort- und Weiterbildungssituation angeht, zeigten sich Probleme. So betonten 22% der Befragten, nur an internen Fortbildungen teilnehmen zu können. 4,8% haben sogar überhaupt keine Möglichkeit, sich weiterzubilden. Entsprechend würde knapp ein Drittel der Befragten das Volontariat auch nicht als „Ausbildung“ bezeichnen. Dass vor diesem Hintergrund die geringe Vergütung zudem als unangemessen empfunden wird, überrascht nicht. 37 der 42 Befragten schätzten ihr Gehalt als zu gering bzw. als deutlich zu gering ein.

Auch hier im Blog berichteten in den vergangenen Monaten immer wieder Volontäre und Trainees von den prekären und teils haarsträubenden Arbeitsbedingungen, die sie als Berufseinsteiger im Kulturbereich erfahren mussten. Statt Weiterbildungen zu bekommen, wurden sie in ihrer sogenannten „Ausbildung“ zur Telefonakquise für neue Aufträge eingespannt, mussten Abteilungsleiter-Aufgaben übernehmen, obwohl ihr Gehalt nur knapp über dem Hartz IV-Satz lag, oder waren für Projekte zuständig, für die sie rechtlich nicht abgesichert waren.

Wird sich die berufliche Situation für Berufseinsteiger im Kulturbereich in Zukunft noch verschlimmern? Werden weiter feste Stellen abgebaut und durch gering bezahlte Volontariate ersetzt? Werden gar Volontariate in Zukunft durch unbezahlte Pflichtpraktika ausgetauscht, um trotz fortschreitender Mittelkürzungen in der Kultur das System am Laufen zu halten? Wir wollen im folgenden diskutieren, was sich heute und in den nächsten Jahren in der Kultur- und Bildungsbranche verändern muss, um Kulturarbeit fair gestalten zu können.

 

Nein zum Volontariat oder Nein zum Kulturbereich?

Wer den oft prekären Arbeitsbedingungen im Kulturbereich von vorneherein aus dem Weg gehen möchte, könnte natürlich in Betracht ziehen, ein Volontariat oder eine Trainee-Stelle nicht erst anzutreten. Dies empfiehlt Michelle van der Veen,  die nach ihrem Bachelor in Kunstgeschichte und Skandinavistik an der WWU Münster direkt die Marketingleitung des Kerber Verlag übernommen hat. Für sie kam ein Volontariat nie infrage: „Das System der Volontariate, häufig eine volle Stelle ohne Ausbildungsplan, dafür aber mit mickrigem Gehalt, hat mich nie überzeugt“, betont sie. Ihrer Meinung nach kann ein erfolgreicher Berufseinstieg auch ohne Volontariat gelingen, solange man zum Beispiel durch Nebenjobs Erfahrungen sammelt, die beruflich relevant sind. „Ich selbst habe während des Studiums als Werkstudentin in zwei Museen gearbeitet, zwei stARTcamps organisiert sowie meinen Blog begonnen und damit genug Erfahrung für den Berufseinstieg gesammelt“, so van der Veen. Trotzdem waren auch ihr zunächst Volontariats-Stellen angeboten worden, die sie aber immer ausgeschlagen hat. Sie betont: „Wer von den eigenen Leistungen überzeugt ist, sollte in diesem Punkt standhaft bleiben und auf eine faire Bezahlung bestehen.“

Eine faire Bezahlung ist im Kulturbereich jedoch oft als Berufseinsteiger nicht zu finden, was eine Tätigkeit außerhalb der Kulturbranche auch für Geisteswissenschaftler um so attraktiver erscheinen lässt. Auch hier erfolgt der Start in den Beruf zwar teils über Trainee-Stellen, diese sind jedoch meist mit einem angemessenen Einstiegsgehalt vergütet und liegen nicht im Bereich des Mindestlohns (oder darunter), wie es bei Kulturinstitutionen bei Volontariaten und Trainee-Jobs der Fall ist. Für die Option den Kulturbereich zu verlassen, entschied sich Helen May. Nach ihrem Bachelor in Anglistik und Psychologie sowie ihrem Master in North American Studies an der Uni Bonn trat sie eine Trainee-Stelle als Scrum Master/ Projektmanagerin in der Softwareentwicklung an.

„Ich würde meine Stelle jederzeit wieder annehmen, auch weil die Bezahlung absolut angemessen ist“, betont May im Interview mit MusErMeKu. „Es gibt viele interessante Stellen außerhalb der ‚klassischen‘ Geisteswissenschaftsdomäne Kultur und mein Job gehört dazu“, so May weiter. Als Trainee zählt bei ihr weniger das Detailwissen über postmoderne Literatur- und Medientheorie aus dem Studium, dafür aber gute (Selbst-)Organisation und Kommunikation. „In die technischen Themen kann man sich schnell einarbeiten und notfalls fragt man eben die Kollegen um Rat. Ich wiederum helfe beispielsweise dabei, Themen intern zu kommunizieren – so, dass es auch nicht-Techies verstehen“, berichtet May. Auch wenn viele Geisteswissenschaftler noch im Studium der Überzeugung sind, einzig im Kulturbereich die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung zu  finden, muss das nicht unbedingt stimmen. Zu dieser Erkenntnis kam auch Helen May, die als Trainee bereits mehr verdient als so manche Kulturschaffende in einem festen Job jenseits des Volontariats: „Ich kann meine Ideen einbringen und das Produkt, an dem mein Team und ich arbeiten, sehen täglich Tausende“, so May. Im Kulturbereich ist es nicht anders – mit dem Unterschied, dass die Stellen hier häufig befristet und deutlich geringer bezahlt sind.

 

Strukturelle Änderungen für die Zukunft der Kulturarbeit

In Anbetracht der unsicheren Berufsperspektiven und geringen Bezahlung im Kulturbereich wird die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich zunehmend Geisteswissenschaftler gegen die Branche entscheiden und statt dessen eine Tätigkeit in einem sicheren Berufsumfeld vorziehen. Um jedoch zu verhindern, dass in Zukunft immer mehr Fachkräfte aus der Kultur abwandern – oder es sich nur noch die Kinder reicher Eltern leisten können hier zu arbeiten – müssen sich die Strukturen im Kulturbereich mittel- und langfristig deutlich verändern.

 

Finanzielle Stabilität

Ein erster wichtiger Faktor für die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen im Kulturbereich ist die Vergütung. Volontariate und Trainee-Stellen fallen nicht unter den gesetzlichen Mindestlohn. Das bedeutet, dass sie mit einem Stundenlohn von weniger als 8,84 Euro (seit 01.01.2017) bezahlt sein können – und oftmals auch werden. Ein Geisteswissenschaftler, i.d.R. mindestens mit Master-Abschluss, oft sogar mit Promotion, verdient also teils unter 1.550,- Euro brutto monatlich. Man könnte darüber streiten, ob ein Volontariat oder eine Trainee-Stelle, in der oft sehr verantwortungsvolle Aufgaben übernommen werden und teils sogar Abteilungs- oder Institutionsleiter vertreten werden, nicht deutlich höher vergütet sein müssten. Unstrittig sollte jedoch sein, dass sie mindestens in das Mindestlohngesetz fallen sollten, damit der Kulturnachwuchs nicht trotz Vollzeitstelle mit Überstunden und Wochenendarbeit teils mit nur 900,- Euro netto monatlich zurück bleibt.

 

Strukturelle Regelung des Ausbildungsverhältnisses

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen im Kulturbereich ist die strukturelle Regelung eines Ausbildungsplans. Nur so kann sichergestellt werden, dass Volontäre und Trainees nicht als kostengünstige Arbeitskraft ausgenutzt werden, sondern tatsächlich fachgerecht ausgebildet werden. Wir sprachen dazu mit Jens Bortloff, seit 2007 Kaufmännischer Direktor des TECHNOSEUM, Stiftung Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim. Er ist Mitglied im Vorstand des Deutschen Museumsbund e.V. und seit Mai 2016 Sprecher des Arbeitskreises Verwaltungsleitung. Im Interview mit MusErMeKu betont Bortloff, dass einem wissenschaftlichen Volontariat ein Ausbildungsplan zugrunde liegen muss, „andernfalls wäre es kein Volontariat, sondern eine reguläre Arbeitsstelle“. Die geringere Vergütung sei allein der Tatsache geschuldet, dass die Ausbildung des Volontärs oder Trainees im Vordergrund stehen soll, und nicht dessen Arbeitsleistung.

Aus diesem Grund muss das Ausbildungsverhältnis genau definiert werden: „Einen Ausbildungsplan sehen sowohl das Gesetz (Berufsbildungsgesetz) als auch die programmatischen Empfehlungen der Kultusministerkonferenz und des Deutschen Museumsbundes vor“, so Bortloff. Er räumt jedoch ein, dass dieser Ausbildungsplan nicht zwangläufig ausführlich sein muss: „Es reicht aus, im Sinne einer inhaltlichen und zeitlichen Gliederung festzuhalten, welche Fachbereiche der Auszubildende im Museum kennenlernen soll“, so Bortloff weiter. Eines sei dabei jedoch wichtig: Im Rahmen eines Volontariats oder eines Trainee-Jobs müssen verschiedene Bereiche der Institution durchlaufen werden und Weiterbildungen müssen ein essentieller Bestandteil sein. „Einseitige Tätigkeiten, etwa ausschließlich in der Öffentlichkeitsarbeit, wären schädlich. Auch die Teilnahme an internen bzw. externen Fortbildungsveranstaltungen müssen im Ausbildungsplan geregelt sein“, betont Bortloff.

Und was ist, wenn eine Kulturinstitution das Ausbildungsverhältnis nicht inhaltlich regelt? Bortloff findet hierzu klare Worte: „Sollte eine Institution keinen Ausbildungsplan zugrunde legen, spricht dies dafür, dieses Volontariat gar nicht erst anzutreten.“ Es gibt jedoch auch Fälle, in denen von Kulturinstitutionen eine Ausbildung beabsichtigt ist, aber bislang aus Gewohnheit kein Ausbildungsplan als erforderlich angesehen wurde. „In dieses Fällen kann es sinnvoll sein, die Institution vor Aufnahme der Tätigkeit um die Erstellung eines Ausbildungsplans zu bitten“, rät Bortloff. Und welche Möglichkeiten bleiben denjenigen, die sich bereits in einem Beschäftigungsverhältnis ohne Ausbildungsplan befinden? „Läuft das Volontariat schon, kann man nur auf das Gesetz und die o. g. Empfehlungen verweisen. Zur Einhaltung des Ausbildungsplans ist es ratsam, das Gespräch mit der Institutionsleitung zu suchen“, empfiehlt Bortloff. Weitere Informationen dazu finden sich in Bortloffs Essay „Das Recht des wissenschaftlichen Volontariats an Museen“.

 

Individuelle Regelungen treffen

Schwierig ist die Situation für Volontäre und Trainees im Kulturbereich auch deshalb, weil die Stellen im rechtlichen Sinne nicht als Ausbildungsstellen definiert sind. Auf diese Problematik verweist Jeannine Harder, die seit Februar 2016 im AK Volontariat des Deutschen Museumsbund e.V. aktiv ist. Die Kunsthistorikerin, die ihren Magister an der Uni Leipzig absolvierte, ist zur Zeit wissenschaftliche Volontärin im Bereich Sammlungen bei den Museen für Kulturgeschichte der Landeshauptstadt Hannover. Beim AK Volontariat ist sie zuständig für die Vernetzung der Landesvertretungen der Volontäre untereinander und mit dem Arbeitskreis.

Harder betont: „Volontariate an Museen sind keine Ausbildungen, in denen man einen staatlich anerkannten Ausbildungsberuf lernt und die mit einer Abschlussprüfung beendet werden. Obwohl sie zwar Ausbildungscharakter haben sollen, sind die zu erwerbenden Kompetenzen daher nicht notwendigerweise in einem Ausbildungsplan festgehalten“, so Harder weiter. Auch wenn viele (zukünftige) Volontäre sich eine striktere Regelung des Ausbildungsverhältnisses an Kulturinstitutionen wünschen würden, sieht Harder dies jedoch als schwierig an: „In Museen kommt eine Vielfältigkeit von beruflichen Profilen zusammen, zudem bringen Volontäre eine Vielschichtigkeit von Kenntnissen und Arbeitserfahrungen mit. Die Erstellung eines verbindlichen Curriculums für Museumsvolontariate, welches alle Bereiche in befriedigender Weise in dem üblichen Volontariats-Zeitraum von zwei Jahren abdecken soll, ist deshalb schwierig vorstellbar“, betont sie.

Wenn es keine übergeordnete Regelung geben kann, müssten eigentlich individuelle Ausbildungspläne festgelegt werden. Dies tun die Kulturinstitutionen jedoch überwiegend nicht, wie Harder berichtet: „Aus dem Kontakt mit einer Vielzahl anderer Volontäre und auch aus unserer Debatte auf der letzten Herbsttagung des AK Volontariats ist mir bekannt, dass das Vorhandensein eines Curriculums/ Ausbildungsplans für das Volontariat die Ausnahme ist.“ Von Nachteil muss dies aber nicht zwangläufig sein, wie sie hinzufügt: „Ein fehlender Ausbildungsplan wird in der Regel nicht als Manko empfunden, wenn gewährleistet ist, dass es einen kompetenten Ansprechpartner für alle das Volontariat betreffenden Belange gibt“, so Harder. Ein Problem besteht nur, wenn die Institutionen nicht ihrer Ausbildungspflicht nachkommen und Volontäre oder Trainees keine Weiterbildungen erhalten, wie in Interviews mit MusErMeKu immer wieder von Betroffenen berichtet wurde.

Ebenso wie Jens Bortloff empfiehlt auch Jeannine Harder Betroffenen deshalb, eine unzureichende Ausbildungssituation im Volontariat oder als Trainee nicht einfach hinzunehmen, sondern mit der Institution das Gespräch zu suchen: „Nach der Form der Betreuung des Volontariats kann der Interessent sich spätestens beim Vorstellungsgespräch erkundigen. Wenn sich im Laufe des Volontariats zeigt, dass die Betreuung unzureichend durch die Arbeitgeberinstitution wahrgenommen wird, sollte man als Betroffener darauf verweisen, dass das Volontariat als Ausbildungsverhältnis einzustufen ist und dass einem deshalb – wie bei anderen Auszubildenden – Zeit für individuelle Betreuung zusteht. Falls dieses keine Wirkung zeigt, ist der (hoffentlich bestehende) Betriebsrat die richtige Anlaufstelle“, so Harder.

 

Gewerkschaftliche Vertretung und Netzwerkbildung

Fehlt ein Betriebsrat, wie es in vielen kleineren Kulturinstitutionen der Fall ist, kann die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft helfen. Dies empfiehlt Lucas Frederik Garske, Doktorand an der FU Berlin und Mitglied der GEW. Direkt nach seinem Studium der Politikwissenschaft in Leipzig trat er in seiner ersten Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bei. Seitdem hat er sich gewerkschaftlich in unterschiedlichen Projekten engagiert. „Ich bin der Auffassung, dass eigentlich jeder, der seine Arbeit als Berufung versteht, sich gewerkschaftlich organisieren sollte. Es gibt schlicht keine wirklich effektivere Möglichkeit die Arbeitsbedingungen mitzugestalten oder zumindest sicherzustellen, dass sie nicht nur von Arbeitgebern gestaltet werden“, betont Garske. „Was auch wichtig ist, ist dass Gewerkschaften ihren Mitgliedern eine Arbeitsrechtschutzversicherung anbieten, d.h. im Ernstfall erhält man so juristische Beratung und Unterstützung. Eine Gewerkschaft ist außerdem auch als Berufsnetzwerk sehr praktisch. Man bekommt so einfacher mit, was bei Kollegen anderswo passiert und kann sich darauf beziehen“, fügt er hinzu.

Garske selbst engagiert sich neben der Gewerkschaft auch im Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss). Das Netzwerk soll die Stimme von Initiativen und Aktiven im Mittelbau bündeln und versteht sich dabei als Dach unter dem sich die vielen existierenden Mittelbau-Initiativen vernetzen. Zum „Mittelbau“ zählen studentische Mitarbeiter, Promovierende, Stipendiaten, Privatdozenten, WiMis, Lehrbeauftragte und Juniorprofessoren. Dem Netzwerk geht es darum, in Erfahrungsaustausch zu treten und die Kräfte auf gezielte Aktionen und Kampagnen zu konzentrieren.

Nach diesem Vorbild könnten sich auch Volontäre und Trainees organisieren, damit nicht nur im Museumsbereich durch den AK Volontariat des Deutschen Museumsbund e.V. eine Vertretung besteht, sondern damit auch die Interessen von Volontären und Trainees aus Galerien, Konzerthäusern oder Theatern besser vertreten und koordiniert werden können.

 

Feste Definition des Ausbildungsverhältnisses

Die oft undefinierte Situation von Volontariaten und Trainee-Stellen im Kulturbereich könnte dadurch aufgehoben werden, indem sie auch rechtlich als Ausbildungsverhältnisse anerkannt werden. Ähnlich einer Berufsausbildung müsste auch für Volontariate und Trainee-Stellen folgendes festgelegt werden:

  • Es muss eine inhaltliche und strukturelle Gliederung der Ausbildung geben, die dann zwar individuell je Institution gestaltet sein kann, aber vor Ausbildungsbeginn definiert werden muss. Ein Orientierungspunkt – zumindest für Museen – kann die Empfehlung der Initiative „Vorbildliches Volontariat“ des AK Volontariat sein.
  • Die Dauer der Ausbildung sollte einheitlich geregelt werden. (Bisher gibt es unterschiedliche Regelungen von 6 bis 24 Monaten.)
  • Jedem Auszubildenden sollte ein fester Ansprechpartner zugewiesen werden, der die inhaltliche und organisatorische Durchführung der Ausbildung begleitet und sowohl bei fachlichen als auch bei strukturellen Fragen unterstützt.
  • Der Ausbildungsort sollte verbindlich geregelt werden. Im Fall von abweichenden Einsatz- oder Ausbildungsorten muss eine Übernahme von Fahrt- bzw. Umzugskosten geregelt sein.
  • Die Bereitstellung von notwendigem Arbeitsmaterial muss gewährleistet werden, z.B. Diensthandy mit entsprechendem Datenvolumen, wenn eine Betreuung von Social Media vorgesehen ist, oder eine Kamera, wenn das Anfertigen von Fotos oder Videos zu den Aufgaben gehört.
  • Die Dauer der regelmäßigen Arbeitszeit sollte festgelegt sein sowie Zusatzvergütungen im Fall von Überstunden und Sonntags- sowie Feiertagsarbeit.
  • Urlaubs- und Freistellungsansprüche im Fall von Weiterbildungen sollten einheitlich definiert sein.

 

Mehr Vielfalt im Kulturbereich

Abschließend sei an dieser Stelle noch auf einen weiteren wichtigen Faktor verwiesen, der bei der finanziellen und strukturellen Verbesserung der Situation von Volontären und Trainees im Kulturbereich eine Rolle spielt: eine größere Vielfalt in der Mitarbeiterstruktur. Bei der Diskussion um prekäre Bedingungen von Kulturarbeit darf nicht vergessen werden, dass dadurch von vorneherein oft Nachwuchskräfte ausgeschlossen werden, die man dringend für die Umsetzung von vielfältigen Forschungs- und Vermittlungsperspektiven benötigen würde.

Unter prekären Beschäftigungsbedingung der Kulturbranche leiden nämlich besonders Geisteswissenschaftler mit einem finanziell schwachen Hintergrund, deren Familien das geringe Einkommen im Kulturjob nicht kompensieren können. Dies führt dazu, das häufig Interessenten aus bestimmten sozialen Schichten abgeschreckt oder sogar daran gehindert werden, sich beruflich im Kulturbereich einzubringen. Dies wäre aber für die Zukunft der Kulturarbeit dringend notwendig, denn nur durch eine mittel- und langfristige Steigerung der Diversität in Kulturinstitutionen kann letztendlich auch besser auf die Bedürfnisse von verschiedenen Rezipienten-Zielgruppen eingegangen werden.

Eine Reform des Volontariat- und Trainee-Systems zur Beseitigung prekärer Beschäftigungsverhältnisse in der Kultur würde sich damit letztendlich auch positiv auf das Kulturangebot in der allgemeinen Gesellschaft auswirken. Die Teilhabe an Kultur darf in Zukunft keine Frage des Geldes sein – weder auf der Seite der Rezipienten noch auf der Seite der Akteure.

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Weil am Rhein, 2017


Dieser Beitrag entstand im Auftrag der PLATFORM München. Im Rahmen der Blogparade #visionengestalten / #designingvisions befassen sich verschiedene Autoren mit Gedanken, Sichtweisen und Ideen zur Zukunftsgestaltung und zu Zukunftsperspektiven, u.a. Anke von Heyl, Anika Meier oder Tanja Praske.

11 Antworten auf „Die Zukunft der Kulturarbeit – fair statt prekär“

  1. Liebe Angelika,
    wie immer ein wichtiger und kritischer Beitrag. Danke dafür. Nach wie vor gibt es zu wenig Menschen, die die Missstände außerhalb von Tagungs-Kaffeepausen oder persönlichen Netzwerken ansprechen. Zwei Punkte würde ich gern anmerken:
    1. glaube ich nicht, dass Volontariate durch unbezahlte Pflichtpraktika ausgetauscht werden. Vielmehr scheint es andersherum zu sein: Während Praktika nach Mindestlohn bezahlt werden müssen, müssen Volontariate das nicht. Und da die meisten Studenten nur ein Pflichtpraktikum absolvieren müssen, ist das „Angebot“ an solchen unbezahlten Mitarbeitern deutlich gesunken, während die Zahl an mehr oder weniger verzweifelten Absolventen gleich bleibt. Deshalb vermute ich, dass es im Umkehrschluss eher so kommt, dass Volontariate mit einer Dauer von 6 Monaten o.Ä. als billigerer Ersatz für Praktikanten dienen können.
    2. sind Volontariate rechtlich ein Ausbildungsverhältnis. Sie sind keine Berufsausbildung nach IHK, aber eine Ausbildung, die eben unter Mindestlohn bezahlt werden darf. Das ist das Problem. Der Hochschulabschluss ist Voraussetzung, wird aber nicht als solcher anerkannt. Ein fehlender Ausbildungsplan oder die Tatsache, dass viele Volontäre schlicht als Ersatz für volle Stellen dienen, kann dann zwar ein ausreichender Grund sein, im Nachhinein ein volles Gehalt einzuklagen. Natürlich ist das nicht der beste Weg, aber zumindest gibt es mit dem MiLoG hier eine gewisse rechtliche Absicherung, die es vorher nicht gab. Und im Zweifelsfall sollte diese Gefahr dazu führen, dass sich die ausbildenden Institutionen stärker mit dem Thema Ausbildung beschäftigen, Ausbilder ausbilden, sich Gedanken um zu erlernende Kompetenzen usw. machen sollten. Dieses Argument sollten auch Institutionen wie der Museumsbund stärker gegenüber den Institutionen und der Politik anbringen, denn anscheinend bringen ethische Argumente einfach nichts.
    Und mit der wichtigen Frage, ob die Kultur (und auch die Wissenschaft) mit dieser Praxis nicht die besten Mitarbeiter vergrault, wird sich bisher leider gar nicht beschäftigt. Quantität statt Qualität. Traurig.
    Trotzdem sonnige Grüße, schließlich geht es um #visionengestalten,
    Kristin

    1. Liebe Kristin,

      danke für dein Feedback. Man muss sicherlich sehen, wie sich die Lage entwickeln wird, falls mehr BA und MA-Studiengänge in Zukunft Pflichtpraktika in Form eines Praxissemesters integrieren werden. Bisher ist dies mit 6 Monaten zum Ende des Studiums hin (plus oft 2x 6 Wochen zu Beginn des Studiums) v.a. an Fachhochschulen der Fall. Aber es könnte auch an Universitäten darauf hinauslaufen. Dann hätte man ein noch größeres Angebot an Bewerbern, denen man nichts zahlen muss.

      Zum Thema Ausbildung ohne Ausbildung: Es wäre in der Tat spannend, wenn ein Volontär sich (z.B. mit gewerkschaftlicher Unterstützung) zum vollen Lohn klagen würde, falls keine Ausbildung erfolgt sondern eine reguläre Vollzeitstelle ausgeübt wird. Es bräuchte einen Präzedenzfall – und weitere, die dem Beispiel folgen.
      Wobei – vielleicht würden dann endgültig nur noch Pflichtpraktikanten eingestellt…

      Viele Grüße, Angelika

    1. Hallo Bernd,

      Glückwunsch zur Auszeichnung! Als Einrichtung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sollte bei der DASA auch ein besonderes Bewusstsein dafür herrschen, wie wichtig es ist, gute Arbeitsbedingungen zu bieten – oder im Fall von Volontariaten gute Ausbildungsbedingungen. Die „herausfordernden Tätigkeiten“ und „eigenständig abzuwickelnden Projeke“ dürften im Rahmen eines Volontariats eben nämlich nicht das Ausmaß einer regulären Stelle einnehmen – denn dann handelt es sich nicht um eine Ausbildung, sondern sollte wie eine reguläre Vollzeitstelle bezalt werden. Knackpunkt ist ja häufig (besonders im Kulturbereich), dass die Tätigkeiten im Volontariat nicht rechtfertigen, warum die Stelle nur mit 40 oder 50% TVL o.ä. vergütet ist, statt mit 100%.

      Viele Grüße, Angelika

  2. Liebe Angelika,
    wie du weißt besteht über die Hälfte des PLATFORM-Teams aus Volontär*innen – daher ist für uns, aber auch für das Pilotprojekt PLATFORM, dass von dir angesprochene Thema höchst relevant. Und deine Fragen sind total berechtigt und wichtig, so sehe ich das zumindest.
    Nach dem Studium und endlosen Bewerbungen sind viele froh, dass sie „wenigstens“ eine Volontariatsstelle bekommen. Das heißt 40 Studnen pro Woche arbeiten und im Monat Mindestlohn erhalten – bittere Realität. Dass es da nur wenige Ausnahmen gibt ist erschreckend. Wie wird das wohl weitergehen? Sollen die Studienabgänger nur noch „faire“ Volontariats- oder Trainee-Stellen annehmen? Sollte das System boykottiert werden? Denn schließlich machen „alle“ mit und man hört leider immer mehr Negatives als Positives. Anders gedacht & gefragt: wie ist es möglich mehr finanzielle Mittel zu beschaffen? Damit hergehend auch die Frage nach mehr Personal bzw. ausreichend Personal, dass für Volontäre auch als Ansprechpartner da ist und auch genügend Zeit hat, Volontäre zu qualifizieren. … Ich möchte jetzt hier kein Essay schreiben (auch wenn ich gerne noch mehr „loswerden“ wollen würde) – doch dein Text hat mich zum Nachdenken angeregt und somit vielen Dank dafür, aber auch Danke, dass du dieses wichtige Thema mit in die Blogparade #visionengestalten gebracht hast.
    Liebe Grüße aus der PLATFORM von der Clara

    1. Liebe Clara,

      diese Fragen ergeben sich natürlich zwangsläufig aus dem Thema. Ich halte es in der Tat für durchaus machbar, dass Absolventen nur noch Volontariate und Trainee-Stellen unter fairen Bedingungen akzeptieren und andere Angebote ablehnen. Ich kenne Fälle, in denen so das Gehalt erhöht wurde, weil die Bewerber darauf beharrten, dass sie die angebotene Stelle nicht unter 50% TVL 13 annehmen werden. Der Bewerbermarkt scheint zwar für Geisteswissenschaftler – gerade im Kulturbereich – überfüllt zu sein. Aber dennoch lohnt es sich, seine Position dem potentiellen gegenüber klar zu machen.

      Fakt ist auch, dass man, wenn man nachweisen kann, dass man nicht ausgebildet wurde, sondern zu 100% eine reguläre Stelle ersetzte, das entsprechende Gehalt auch in voller Höhe versuchen kann einklagen. Gäbe es hier Präzedenzfälle, die Institutionen würden dann sicher penibel darauf achten, die Kriterien für eine Ausbildung zu erfüllen, um nicht verklagt zu werden. Alleine für die arbeitsrechtliche Unterstützung würde sich da schon eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft anbieten, denn hier bekommt man Beratung und im Notfall auch rechtlichen Beistand.

      Es ist sicher ein Problem, dass v.a. im Kulturbereich nur ein geringes Budget für Personalkosten zur Verfügung steht. Aber was ist die Alternative: Gering bezahlt und mit Überstunden das personelle Defizit auszugleichen – oder einfach weniger Stellen auszuschreiben, weil sie nicht finanziert werden können? Es muss doch auffallen, dass in den einschlägigen Jobbörsen deutlich mehr Volontariate ausgeschrieben werden, als es Folgestellen gibt. Es scheint, man möchte hier personelle Engpässe mit billigen Arbeitskräften ausgleichen – nicht notwendigen Nachwuchs ausbilden. Wie sonst kommt es, dass kaum Volontäre übernommen werden, sondern nach dem Ende der Stelle einfach der nächste Volontär nachrückt – und immer so weiter?

      Vertretbar wäre es eigentlich nur, wenn nur so viele Volontäre ausgebildet werden, wie danach auch übernommen werden können. Ja, das würde dazu führen, dass es sehr viel weniger Volontariatsstellen gäbe. Aber die Volontäre hätten im Anschluss wenigstens einen Job. Ich kenne so viele Ex-Volontäre, die sich im Anschluss entweder notgedrungen selbständig gemacht haben, die Kulturbranche verlassen haben oder noch immer, auch nach Monaten, arbeitslos sind. Ist das eine Perspektive?

      Viele Grüße, Angelika

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