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Wem gehört das Museum?

In der Talk-Reihe “Wem gehört das Museum?” der OÖ Landes-Kultur GmbH wurde darüber diskutiert, wie Museen sich für ein breiteres Publikum öffnen können.

#Werbung / Ende Mai 2020 startete die OÖ Landes-Kultur GmbH eine Talk-Reihe zu einer Frage, die im Museumsbereich häufig implizit oder explizit diskutiert wird: Wem gehört das Museum? Nun könnte man sagen: Zumindest staatliche Museen haben einen Bildungsauftrag und sind Akteure der öffentlichen Daseinsfürsorge im Kulturbereich. Insofern lässt sich die Frage, wem das Museum gehört, theoretisch leicht beantworten: Das Museum gehört allen.

Eine praktische Antwort auf diese Frage ist jedoch nicht so einfach, denn nicht alle Menschen in unserer Gesellschaft finden einen Zugang zu Museen. Tatsächlich erreichen Museen häufig nur ganz bestimmte Zielgruppen. Wenn aber Museen wirklich ihrem allgemeinen Bildungsauftrag nachkommen wollen, müssen sie sich aktiv damit auseinandersetzen, wie sie sich mit ihren Inhalten und Angeboten weiter öffnen können. Um genau diese Diskussion von Ideen zur Entwicklung eines demokratischeren Museums geht es in der Talk-Reihe “Wem gehört das Museum?”.


Verschiedene Blickwinkel

Im Rahmen des Video-Formats #OÖStorys der OÖ Landes-Kultur GmbH wurde mit wechselnden Akteuren aus dem Kulturbereich darüber diskutiert, wie ein Museum “für alle” zugänglich gemacht werden kann und wie bisher bestehende Barrieren beseitigt werden können. Begleitend zu den Talks, die als Live-Format auf der Facebook-Seite OÖ Kunst mitverfolgt werden konnten, waren auch Kulturinteressierte Nutzer im Netz dazu aufgerufen, sich an der Diskussion zu beteiligen und Fragen zu stellen, die in den Talks aufgegriffen werden sollten.

Nachdem wir die ersten beiden Talks bereits mit Interesse verfolgt haben, hat uns bei mus.er.me.ku natürlich auch interessiert, wie unser Netzwerk aus Museums- und Kulturakteuren zur Frage “Wem gehört das Museum?” steht. Deshalb haben wir im Vorfeld des dritten Talks über unseren Twitter-Account @musermeku dazu eingeladen, mit uns über diese Frage zu diskutieren.

Twitter-Diskussion im Vorfeld

Bei Twitter entwickelte sich im Vorfeld des dritten Live-Talks eine interessante Diskussion, in der Tine Nowak vom Museum für Kommunikation Frankfurt zu Beginn betonte:

“Ich bin ein Fan der Idee eines ‘Museums für Alle’, selbst wenn das in der Praxis mehr Leitgedanke als ein realisierbares Ziel ist. Wenn ich ein Museum öffne, verliere ich u. U. angestammtes Publikum des Museums als aurat. Ort der Kunst und Geschichtserzählung. /

Aber bei all den Debatten wird gern so diskutiert, als ob alternative Museumskonzepte immer gleich Pflicht für alle würden. Bei fast 7000 Museen gibt es Raum für Musentempel, Labore, dritte Orte, Schaudepots und und und… /

Wir brauchen unterschiedliche Orte für unterschiedliche Menschen. Ich wünsche mir kein Museum für Alle, sondern Museen für Alle. Man muss sich als Haus ggf. bewusst machen, dass man Personen ausschließt. Und das auch diese Entscheidung eine politische ist.”

Tine Nowak @tinowa

Annabelle Hornung vom Museum für Kommunikation Nürnberg ergänzte:

“Bin ganz bei der Idee MuseEN statt MuseUM für alle, aber sicher wird sich das Verhalten der Besucher*innen nach der Erfahrung der letzten Monaten, der Schließung & Wiedereröffnung nochmals ändern – und wie die Zeit, die vor uns liegt, wird, kann man ja noch gar nicht abschätzen”

Annabelle Hornung @AB_Hornung

Judith Eilers, Kulturvermittlerin aus Düsseldorf, verwies im Rahmen der Diskussion auf Twitter auf ein Interview mit Nora Sternfeld zum Thema “Partizipation und der Dritte Raum” und auf die Diskussionen bei Art + Museum Transparency. Als Antwort auf Tine Nowak ergänzte sie:

“Zum Thema Museen für alle / Kultur für alle fällt mir schnell @norasternfeld ein, die immer wieder formuliert hat, wie diese Ansätze die Institutionen selbst unangetastet lassen. Die betont, dass die Spielregeln der Institution selbst transformiert werden müssen. /

Infragestellen reicht nicht mehr aus. Kultur FÜR alle ist unzulässig und Kultur MIT allen scheint auch nicht auszureichen. Es muss an die Substanz der hegemonialen Institutionen gegangen werden. /

Am liebsten wäre mir, ihr könnt es euch denken, eine ausgeprägtere Basisdemokratie. Man wird ja noch träumen dürfen…”

Judith Einers @judith_eilers

Ebenfalls Bezug nehmend auf Tine Nowak betonte die Berliner Kuratorin Ariane Karbe:

“Die Balance ist meiner Meinung nach elementar: weil es noch zu viele exklusive Museen gibt, ist die Öffnung so immens wichtig. Das darf aber nicht heißen, dass es keine Vielfalt mehr gibt, im Gegenteil: noch viel, viel vielfältiger muss die Museumslandschaft werden.“

Ariane Karte @A_Karbe

Die in der Schweiz und Deutschland aktive Kuratorin Anabel Roque Rodríguez verwies in ihrem Kommentar zur Diskussion auf ein Interview mit dem verstorbenen Kurator Okwui Enwezor mit dem Titel “There are code words to push back against change” sowie auf Diskussionen im Rahmen des Twitter-Formats #MuseumHour. Schließlich sprach sie auch das Problem bestehender Barrieren in Museen an:

“Warum gehen Menschen nicht in Museen? Sie fühlen sich nicht willkommen, die Kommunikation geht an ihnen vorbei, Eintrittsgelder… Gründe sind vielfältig. Viele Programme in Museen wären freier würde man Besucherzahlen nicht mit Relevanz verwechseln & würde man andere Faktoren einschl[ießen] /

[…] Wir müssen besser werden zu erklären warum wir bestimmte Geschichten in Museen zeigen, auf veränderte Gesellschaften eingehen und Mitarbeiter mit vielfältigen Hintergründen einstellen”

Anabel Roque Rodríguez @anabelroro

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Wem gehört das Museum?

Alfred Weidinger und Wiltrud Hackl im Gespräch

Am 23. Juni 2020 trafen sich der Direktor der OÖ Landes-Kultur GmbH und die Geschäftsführerin der OÖ Gesellschaft für Kulturpolitik im Kulturquartier in Linz, um der Frage nachzugehen, wem Museen gehören – und was Institutionen tun können, um sich letztendlich wirklich für alle zu öffnen. Konkret wurde die Frage diskutiert: Warum gehen Menschen ins Museum? Damit verbunden stand auch die Frage im Raum: Wer geht nicht ins Museum – und weshalb nicht? Sind die Inhalte vielleicht zu weit weg von bestimmten Zielgruppen bzw. fühlen sich bestimmte Gruppen nicht oder nicht ausreichend repräsentiert in den Museen? Liegt es eventuell auch an den Veranstaltungs- und Vermittlungsprogrammen oder an den digitalen Angeboten der Museen, die einfach für bestimmte Zielgruppen nicht ansprechend sind?

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Museumsstrukturen hinterfragen

Der Talk beginnt mit einem Statement von Wiltrud Hackl. Für sie gehört ein öffentliches Museum im Prinzip der gesamten Öffentlichkeit. Doch wenn Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sozialen Gruppe oder Kultur sich nicht in Museen vertreten sehen – warum sollten sie dann Museen besuchen? Der Anspruch, diese in Museen “unsichtbaren” Gruppen sollten den Institutionen als Publikum zu Verfügung stehen, sieht sie als “undemokratisch”.

Warum bestimmte Gruppen sich in Museen nicht ausreichend repräsentiert fühlen, kann für sie verschiedene Gründe haben: es ist zum einen die Geschichte der Institution selbst, geprägt durch ein historisch gewachsenes Selbstverständnis, und es ist zum anderen auch abhängig von der Struktur des Museumspersonals, bis hin zur Museumsleitung. Letztendlich läuft die Frage für Wiltrud Hackl aber eigentlich nicht darauf hinaus, wem das Museum “gehören” soll, sondern wer das Museum nutzen möchte – und ob hier alle potenziellen Nutzer angesprochen werden.

Talk-Moderatorin Dagmar Höss bringt daraufhin ein Statement des Museumstheoretikers Gottfried Fliedl in die Diskussion ein, der in einem Artikel betont hatte, dass Museen überwiegend Werte und Ideen der dominierenden Kultur vermitteln würden. Die hegemoniale Funktion von Museen bestünde darin, diese dominierende Kultur als allgemein verbindlich und gültig darzustellen.

Alfred Weidinger stimmt zu, dass dies die allgemeine Meinung über Museen widerspiegeln würde. Doch für ihn ist unsere Gesellschaft nun an einem Punkt angekommen, an dem man genau diese Haltung hinterfragen sollte. Tatsächlich, so betont Weidinger, sei er als neuer Direktor zur OÖ Landes-Kultur GmbH gekommen, um sich genau mit diesem Thema offensiv zu beschäftigen. Er hält gegenwärtige Museen für zu autokratisch und ist sich sicher, dass sich Institutionen von vielen bisherigen Werten verabschieden müssen, um sich wirklich einem breiteren Publikum öffnen zu können:

“In vielen Punkten sind wir im 19. Jahrhundert stehengeblieben. […] Ich denke, es ist jetzt wirklich an der Zeit dies zu hinterfragen. Gerade auch die aktuelle Situation, die Krise die wir jetzt durch Corona haben, […] es ist auch eine Chance. Was ich feststelle ist, dass wir uns in diesen wenigen Wochen und Monaten als Gesellschaft verändert haben. Wir haben eine andere Herangehensweise an viele Dinge. Und das ist auch eine gute Motivation, Dinge zu ändern. […] Denn was ich weiß ist, dass ein Museum alles andere als demokratisch ist. Und ich finde das nicht befriedigend, weil ich glaube, dass das vorbei ist.”

Alfred Weidinger

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Hierarchien aufbrechen

Auch Wiltrud Hackl sieht die Struktur in Museen als streng hierarchisch an. Eine Demokratisierung von Museen könne erst erreicht werden, wenn die Institutionen bereit sind, an ihren eigenen Strukturen zu arbeiten. Hinsichtlich einer größeren Diversität und Heterogenität dürfte man nicht nur auf die Inhalte und Sammlungen der Museen blicken; für sie sind beides Aspekte, die bereits beim Team des Museums beginnen müssen. Zudem stellt sie die Frage in den Raum, warum Museen eigentlich nicht schon längst ihre Strukturen hinterfragen.

Die Schwierigkeit dieses Prozesses liegt natürlich darin, dass Museen ihre Komfortzone verlassen müssen, wie Alfred Weidinger betont. Talk-Moderatorin Dagmar Höss merkt hier richtig an, dass auf Museums-Tagungen und Konferenzen diese Diskussionen schon seit einigen Jahren auf einem fachlichen Niveau geführt werden. Doch in der Praxis scheitert dann oft die Umsetzung in den Museen oder verläuft nur sehr schleppend.

Als Möglichkeit, den Transformationsprozess von Museen anzustoßen, spricht Dagmar Höss in diesem Zusammenhang das Projekt “360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft” der Kulturstiftung des Bundes an, in dessen Rahmen Stellen für sogenannte Community Curators geschaffen werden. Diese arbeiten für Museen, um die Diversität der sich verändernden Stadtgesellschaft im Museum sichtbar zu machen – in den Programmangeboten, im Personal und im Publikum.

Als Direktor des MdbK – Museums der bildenden Künste in Leipzig hat Alfred Weidinger diese Fördermöglichkeit bereits genutzt. In der Erklärung des Museums heißt es hier: “Als städtische Einrichtung wie als Museum will das MdbK den Integrations- und Inklusionsprozess der Stadt mitgestalten.” Weidinger lobt hier die Initiative des Bundes und betont, dass er im Austausch mit der 360°-Mitarbeiterin im MdbK viele Impulse für sich mitnehmen konnte. Nun plant er, eine ähnliche Stelle auch für die OÖ Landes-Kultur GmbH zu schaffen.

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Eine Haltung der Dominanzkultur?

Auch wenn Personen bestimmter, bisher in Museen unterrepräsentierter Gruppen mit in die Entwicklung von Ausstellungen und Vermittlungsprogrammen mit einbezogen werden, gibt Wiltrud Hackl zu bedenken, dass weiterhin in Museen eine Haltung der Dominanzkultur zum tragen kommt. Sie mahnt, dass Museen hier nicht einem Exotismus verhaftet bleiben dürfen. Es könne nicht damit enden, sich nur vorübergehend “Stimmen von außen” ins Museum zu holen. Neben inhaltlicher Diversität müssen auch innerhalb der Häuser Strukturen hinterfragt werden. Das müsse, so Hackl, bereits bei der Betrachtung der Beschäftigungsstruktur des Teams beginnen:

“Wie geht man mit den unterschiedlichen Anstellungsverträgen um? Wie geht es den Leuten überhaupt? Was macht man mit prekär Beschäftigten? […] Man muss immer die Ohren offen haben und zuhören und fragen: Was braucht ihr, um gut arbeiten zu können? Es gibt nichts Schlimmeres als ein Haus voller Leute, die das Gefühl haben, sie werden nicht gehört. Im Team fängt es ja an.”

Wiltrud Hackl

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Zur Ermächtigung von Zielgruppen

Die Talk-Moderatorin Dagmar Höss stellt im Anschluss die Frage, wie Zielgruppen direkt an den Prozessen im Museum beteiligt werden könnten, ganz nach dem schon vor Jahrzehnten geäußerten Motto: Nicht nur ein Museum FÜR alle, sondern ein Museum VON allen. Wiltrud Hackl hält diesen Ansatz für in die Jahre gekommen, denn bisher sind eben hier nicht “alle” einbezogen worden; es bleibt für sie die Perspektive der Dominanzkultur. Sie plädiert daher für einen radikaleren Schritt zur offenen, transparenten und selbstkritischen Vorgehensweise der Museen. Dies müsse, ihrer Meinung nach, im Übrigen auch für allen anderen Institutionen der Wissensproduktion gelten, wie etwa für Universitäten.

Alfred Weidinger stimmt dieser Notwendigkeit des selbstkritischen Hinterfragens zu, betont aber auch, wie schwierig dies sei. Als Beispiel nennt er die aktuelle Diskussion des ICOM – International Council of Museums zu einer Neudefinition des Museumsbegriffs. Für Weidinger besteht ein vielversprechender Ansatz in der Etablierung von Outreach-Projekten, um vielfältigere Stimmen in Museen zu bringen. Seiner Erfahrung nach, suchen Menschen vor allem den Dialog – und hier müsse man auf das Publikum zugehen. Man könne sich als Museum natürlich auch zurücklehnen, Blockbuster-Ausstellungen organisieren und dann abwarten, bis Besucher kommen, so Weidinger. Doch für ihn reicht dies heute nicht mehr aus. Nur durch den aktiv gesuchten Dialog mit Menschen könnten Museen die Bedürfnisse diverser Zielgruppen kennenlernen und sich diesen dann auch öffnen.

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TALK: Wem gehört das Museum? #3 – OÖ Stories via YouTube

Talk-Reihe “Wem gehört das Museum?” bei #OÖStorys

Alle Vidos der Reihe “Wem gehört das Museum” sind auf der Website der OÖ Landes-Kultur GmbH im Bereich #OÖStorys abrufbar oder direkt bei YouTube:

  • Talk I, 26.05.2020: Es diskutieren die Architektin Margit Greinöcker und der Künstlerische Leiter des Museum Arbeitswelt Steyr, Stephan Rosinger.
  • Talk II, 09.06.2020: Es diskutieren die Künstlerin Hannah Stippl und Katharina Serles, die stellvertretenden Geschäftführerin der KUPF.
  • Talk III, 23.06.2020: Es diskutierten Alfred Weidinger, der Direktor der OÖ Landes-Kultur GmbH, und Wiltrud Hackl, die Geschäftsführerin der OÖ Gesellschaft für Kulturpolitik.

Dieser Beitrag entstand im Auftrag der OÖ Landes-Kultur GmbH.


Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburger Kunsthalle, 2020


Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.