Signe Pierce: Hyperrealismus, Feminismus und die Spice Girls

Flüssige Bilder, unendlich wirkende Projektionen und hyperrealistische Brechungen der Realität: Was die US-amerikanische Künstlerin Signe Pierce (* 1988) aktuell in ihrer ersten Einzelausstellung in Deutschland zeigt, ist schillernd und provokativ. Mit „REFLEXXXIONS“ im Berliner EIGEN + ART Lab hinterfragt Pierce, die sich selbst als Reality Artist bezeichnet, was Pop und was Kunst ist, wo die Grenzen zwischen physischer und digitaler Welt verlaufen, und was im virtuellen Raum noch als real gelten kann. Wir trafen die Künstlerin jetzt zum Interview…


Das EIGEN + ART Lab zeigt mit „REFLEXXXIONS“ die erste Einzelausstellung von Reality Artist Signe Pierce in Deutschland

„Soup du Jour“ zum Gallery Weekend Berlin

Am 25. April 2019, kurz vor dem Start des Gallery Weekend Berlin, postete Candice Breitz eine Warnung bei Facebook: „ACHTUNG: WEISSWURST!!!!!“ Die in Berlin lebende Foto- und Video-Künstlerin verwies in ihrem Posting darauf, dass es sich bei rund 75 % der beim Berliner Gallery Weekend präsentierten Kunstschaffenden um weiße Männer handeln würde. Sie schloss mit dem Insider-Tipp: „Weisswurst is the key ingredient in that other favourite traditional dish that we all love to consume in endless flow: Pimmelsuppe“.

Von „Dick Soup“ wird immer dann gesprochen, wenn Museen und andere Kulturinstitutionen wieder einmal ausblenden, dass unsere Gesellschaft auch aus Menschen besteht, die keine Männer sind. In vielen Kunstmuseen und Galerien erhalten andere künstlerische Positionen noch immer eher selten eine repräsentative Aufmerksamkeit. Ein Beispiel hierfür war das Gallery Weekend Berlin, das auch im Jahr 2019 bewies, dass Vielfalt im Kunstbetrieb weiterhin eine Ausnahme und nicht die Regel ist. Kein Wunder, dass hier Kritik laut wurde. Eine anonyme Gruppe aus Kuratoren, Museums-Akteuren und Kultur-Aktivisten mit dem Namen „Soup du Jour“ platzierte in Berlins Straßen, pünktlich zum Gallery Weekend, Sticker von Weißwüsten mit der Aufschrift „Wie viel Weisswurst geht noch?“

Künstlerinnen im Fokus

Es überrascht vor diesem Hintergrund, dass die Organisatoren des Gallery Weekend in der Pressemitteilung besonders den „starken Auftritt junger Künstlerinnen“ betonten, dieser sei geradezu „auffallend“. Was auffallend war, ist in jedem Fall die Unterzahl der Frauen. Nur 15 der 45 beteiligten Galerien zeigten Werke von weiblichen Kunstschaffenden. Zu den Künstlerinnen, die beim Gallery Weekend Berlin hervorstachen, zählen etablierte Akteure wie Jana Euler (Galerie Neu), Camille Henrot (König Galerie) oder Alice Aycock (Galerie Thomas Schulte), aber auch Akteurinnen wie Henrike Naumann (KOW), Raphaela Vogel (BQ Berlin) oder Signe Pierce (Eigen + Art Lab).

Insbesondere Pierce hat den weiblichen Körper ins Zentrum ihrer Arbeit gerückt. Im Interview mit uns betont die Künstlerin, dass ihr Name auch wie „sign pierce“ klingen kann, was so viel wie „durchbohrendes Zeichen“ bedeutet. Eigentlich spricht man ihren Vornamen „Sig-Nee“ aus, das steht sogar in der Beschreibung ihres Twitter-Accounts @sigggnasty. Aber der Gedanke, wie sie mit ihrer Kunst, mit Installationen, Fotografien, Performances und Texten, die Gesellschaft „durchbohren“ kann, der beschäftigt sie schon lange.

Vor dem Hintergrund der beim Gallery Weekend überproportional vertretenen männlichen Künstler, erscheint „REFLEXXXIONS“ von Signe Pierce tatsächlich wie ein Zeichen: in Neonfarben, digital, herausfordernd und unübersehbar weiblich.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Signe Pierce – Hyperreality Girl – ARTE x Tracks Interview

REFLEXXXIONS im EIGEN + ART Lab

Mit „REFLEXXXIONS“ ist die erste Einzelausstellung von Signe Pierce in Deutschland zu sehen. Kuratiert wurde die Ausstellung von Anika Meier und Marie Louise Gerbaulet für das EIGEN + ART Lab. Das Lab, der Projektraum der Galerie EIGEN + ART in der Berliner Torstraße, versteht sich als Experimentierfeld für zeitgenössische künstlerische Positionen. Noch bis zum 15. Juni 2019 sind hier aktuelle Arbeiten von Signe Pierce zu sehen. Ihr eigenes Leben und ihr Körper dienen der Künstlerin als Oberfläche. Im sozialen Zusammenhang stellt ihr Körper eine Projektionsfläche für Erwartungen, Fantasien und Urteile dar. Doch Pierce nutzt sich selbst auch im wörtlichen Sinne als Leinwand für Projektionen. Als Performerin zeigt sich die Künstlerin damit als provozierende, wie sie selbst sagt hyperreale Version von sich selbst, die die gesellschaftliche Haltung gegenüber Weiblichkeit und die Wahrnehmung von Sexualität bewusst konfrontiert.

Bekannt wurde Signe Pierce durch den Kurzfilm „American Reflexxx“ (Regie: Alli Coates, 2015). Der Film dokumentiert ein soziales Experiment in South Carolina. Pierce ist hier mit einer verspiegelten Maske und einem Minikleid zu sehen, während sie den Myrtle Beach, South Carolin Boardwalk hinab läuft und tanzt. Was ihr entgegenschlägt, sind Missgunst, Hass und Aggression, die sogar in einem körperlichen Übergriff endet. Pierce spielt in dieser dokumentierten Performance mit Geschlechterstereotypen und deckt eine erschreckende Mob-Mentalität auf, die Fragen zur Gewaltbereitschaft in der US-amerikanischen Gesellschaft aufwirft. Mit ihrer verspiegelten Maske hielt sie ihrem Gegenüber – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Spiegel vor, denn die Aggression wurde durch die Reflektion der Maske für die Akteure selbst ersichtlich.

Mit „REFLEXXIONS“ präsentiert Signe Pierce nun in Berlin eine neue Installation sowie eine Werkgruppe, die Licht, digitale Projektionen und Selbstporträts mit reflektierenden Oberflächen und leeren Leinwänden verbindet. Die Bilder, Licht und Ton werden zu einem immersiven Raum verdichtet, der den Betrachter einen Einblick in die Realität der Künstlerin gewährt.

Wir trafen Signe Pierce im Berliner EIGEN + ART Lab bei den Vorbereitungen für ihre Ausstellung „REFLEXXXIONS“

Signe Pierce im Interview

Signe, du bezeichnest dich selbst als „Reality Artist“. Was bedeutet für dich Realität in deiner Kunst?

SP: Der Begriff „Reality Artist“ beschreibt ein Paradox, mit dem ich als Künstlerin spielen will. In meinen Arbeiten geht es um all das Paradoxe, was Realität im 21. Jahrhundert ausmacht. Ich meine, es war schon schwierig genug, Realität vor dem Tech-Zeitalter zu definieren. Jetzt existieren wir in einer Art Hyperspektrum und es wird immer schwieriger zu verstehen, was Realität eigentlich bedeutet. Vielleicht ist es sogar unmöglich.

Als Reality Artist möchte ich diese Paradoxien der Realität erforschen. Ich möchte Diskurse anregen, in denen es darum geht, wie uns die Realität zunehmend entgleitet. Ich finde, wir müssen unser digitalisiertes Umfeld stärker hinterfragen, anstatt uns einfach zu fügen. Ich bin 1988 geboren und gehöre damit zur letzten Generation, die noch eine Kindheit ohne Internet erlebt hat. Deshalb ist es für mich faszinierend zu beobachten, wie wir heute die Realität und Normalität hinter uns lassen und immer weiter in eine Hyper-Singularität gleiten. Darauf konzentriere ich mich in meiner Arbeit.

________________

Für deine Ausstellung im EIGEN + ART Lab hast du den Titel „REFLEXXIONS“ gewählt. Was verbirgt sich dahinter?

SP: „REFLEXXXIONS“, mit drei X, steht für eine hyper-mediierende Wahrnehmung von Realität. Wir verlassen die Realität und begeben uns in eine Art Tech-Singularität. Was ich an den aktuellen Arbeiten mag, ist, dass die Fotografien, die ich dafür nutze, bereits Reflektionen sind. Ausgangspunkte sind keine direkten Aufnahmen von mir, sondern indirekte Fotos meiner Reflektion, die ich in meinem Studio aufgenommen habe. So wirken die Bilder verzerrt, auch wenn sie still stehen und nicht digital verzerrt werden. Das zeigt, wie leicht die eigene Wahrnehmung manipuliert werden kann.

Die Idee hinter den Bildern sind diese klassischen Centerfold-Pinups. Es hat etwas Voyeuristisches. Meine Idee dahinter ist, dass ich durch die Nutzung von Reflektionen gleichzeitig die Beobachtete, aber auch die Beobachtende bin. Ich bin Objekt und Subjekt, Muse und Künstlerin. Ein anderer Punkt ist für mich das Thema animalisches Verlangen, das sich durch unser Leben zieht. Dieser Aspekt wird oft vernachlässigt, wie ich finde. Aber für mich ist es ein wichtiger Aspekt der Realität, den wir konfrontieren müssen.

Zum Gallery Weekend Berlin zeigt Signe Pierce neue Arbeiten: „Liquid Paintings“ und eine immersive Installation aus Licht und spiegelnden Projektionsflächen

Du erlangst durch die Umkehr der Perspektive auch ein Stück weit Kontrolle darüber zurück, wie dein Körper gesehen wird. Siehst du deine Arbeit vor diesem Hintergrund als feministisch?

SP: Ich habe mich immer mit Feminismus identifiziert, schon als ich noch sehr jung war. Ich glaube, mein erster Berührungspunkt waren die Spice Girls mit ihrer „Girl Power“.

________________

Wer war dein Lieblings-Spice Girl?

SP: Definitiv „Ginger Spice“, also Geri. Aber „Scary“ mochte ich auch. Geri und „Scary“. Mein Vater mochte „Scary“ und ich fand das cool. Meine Eltern haben immer feministische Ideale vertreten und das hat mich sehr geprägt. Es war toll, einen Vater zu haben, der diese Idee unterstützt. Er ist Biologe und meine Mutter engagiert sich im sozialen Bereich. Deshalb haben mich naturwissenschaftliche und soziale Ideen schon immer beeinflusst.

Wenn es um Feminismus geht, würde ich sagen, dass er tief in meiner künstlerischen Vision und in meiner Sicht auf die Welt verankert ist. Mir war immer sehr bewusst, dass ich aufgrund meines Geschlechts anders behandelt werde. Von oben herab, als Objekt betrachtet zu werden, beobachtet zu werden – Frauen sind dem konstant ausgesetzt. In meiner Arbeit lehne ich mich gegen diese Mechanismen auf. Also ja, Feminismus ist integraler Bestandteil meiner Arbeit. Ich finde den Begriff Techno-Feminismus passend.

________________

Für die aktuelle Ausstellung hast du neben den „Liquid Paintings“ auch eine neue Installation konzipiert. Aus Projektionen, Reflektionen, Licht und Kamera-Livestreams entsteht ein immersiver Raum, der ein bisschen an die „Infinity Rooms“ der Künstlerin Yayoi Kusama erinnert…

SP: Die Idee war es, ein bestimmtes Spektrum der Wahrnehmung einzufangen. Ich wollte auch hier ein Element meiner eigenen Reflektion integrieren. Wenn ich mich mit Konzepten zu Realität und mit der Quantifizierung von Realität befasse, nutze ich mich selbst gerne als Parameter. Ich sehe mich als eine Art Nullpunkt, um den sich alles in einem Orbit befindet.

Ich glaube, die Menschen werden es aber auch mögen, in der Ausstellung selbst mit der Installation zu interagieren und mit den eigenen Reflektionen zu spielen.

Danke für das Gespräch.

Signe Pierce. REFLEXXXIONS

24.04. – 15.06.2019
EIGEN + ART Lab

Mehr zur Künstlerin im Monopol Magazin


Fotos: Angelika Schoder – „Signe Pierce. REFLEXXXIONS“ im EIGEN + ART Lab, Berlin 2019


Kulturblog-Tipps