Kann ein Selfie bei Instagram Kunst sein?

Wer bestimmt den Blick auf den weiblichen Körper in der Kunst? Die Aktivistengruppe der Guerilla Girls wies schon in den 1980er Jahren darauf hin, dass im Metropolitan Museum of Art 85% der Aktgemälde Frauen zeigten, während aber nur 5% der ausgestellten Künstler der Moderne weiblich waren. Im Frühjahr 2018 sah die Bilanz im Museum der bildenden Künste Leipzig ganz anders aus. Auch hier spielte die Auseinandersetzung mit dem Körper eine wichtige Rolle – die männlichen Künstler waren dabei aber deutlich in der Unterzahl. Die Ausstellung „Virtual Normality“ widmete sich den „Netzkünstlerinnen 2.0“. Dabei ging es um weit mehr als nur um Instagram-Selfies und Selbstdarstellung für die digitale Zielgruppe. Das zeigt auch die Publikation, die begleitend zur Ausstellung erschienen ist.


Feminismus in Social Media

In den 1970er Jahren begannen Künstlerinnen wie Judy Chicago, Carolee Schneemann oder Valie Export mit körperbezogenen Arbeiten den (nackten) Frauenkörper von den männlichen Künstlern zurückzuerobern. Doch auch über 40 Jahre später sieht sich die nächste Genration von Künstlerinnen mit den gleichen gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. [1] Das weibliche Selbstbild wird nun jedoch nicht mehr nur in Galerien oder Performances gegen die Vereinnahmung durch den männlichen Blick verteidigt, sondern auch im Internet – bei Instagram, Tumblr oder Snapchat.

Besonders seit der #MeToo-Bewegung werden nicht nur in der klassischen Presse, sondern auch in Sozialen Medien feministische Themen vermehrt diskutiert. Für die Kunstkritikerin Gabriele Schor, die den Begriff „feministische Avantgarde“ prägte, zeigt sich hier, was auch heute noch Feminismus bedeutet: Frauen verschiedenen Alters, verschiedener Religionen und verschiedener Herkunft stehen dafür ein, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. [2] Das Schweigen über die Ausnutzung von Machtverhältnissen, Gewalt und Missbrauch wird gebrochen – auch und vor allem durch die Thematisierung dieser Zustände über Social Media.


Die Selfie-Kultur als künstlerisches Thema

Netzkünstlerinnen experimentieren mit der Erfahrung des Selbst. Sie setzen sich mit Stereotypen in der Gesellschaft auseinander, überspitzen diese und stellen sie damit infrage. Dabei beeinflusst die Auseinandersetzung mit Sozialen Medien sehr stark die Ästhetik. [3] Ein Beispiel sind die Selbstportraits der Japanerin Izumi Miyazaki, die international durch die Social Media Plattform Tumblr bekannt wurde. In ihren Werken begegnet sie dem Massenphänomen Selfie nicht mit Selbstverliebtheit, sondern mit Selbstironie. Miyazakis Selbstinszenierungen vor dem Spiegel oder mit Essen – typische Motive der „Selfie-Kultur“ – sind so überspitzt, dass sie ins groteske und surreale abgleiten. [4]

Anders ist die Bildsprache der Schwedin Arvida Byström sowie der Amerikanerinnen Molly Soda und Petra Collins. Ihre Ästhetik ist häufig „mädchenhaft“, pink und pastellig. Auch hier wird der „weibliche Blick“ auf Fotografie hinterfragt. [5] Dabei spielt auch Zensur eine Rolle, denn einige Netzkünstlerinnen haben bereits die Erfahrung machen müssen, dass ihre Werke z.B. von Instagram gelöscht wurden, weil sie nicht den Community Guidelines des Netzwerks entsprechen.

Arvida Byström und Molly Soda gingen in ihrem Buch „Pics or It Didn’t Happen. Images Banned from Instagram“ der Frage nach, was heute auf Social-Media-Plattformen hinsichtlich der Darstellung des weiblichen Körpers als „angemessen“ gilt. Gleichzeitig schufen sie damit ein Forum für Künstlerinnen, die hier ihre Bilder zeigen konnten, die z.B. von Instagram gelöscht wurden. Dieser Prozess zeigt nicht nur, wie der weibliche Körper von der Gesellschaft reglementiert wird, sondern dass auch Soziale Medien nicht frei genutzt werden können, um selbstbestimmt Inhalte öffentlich zugänglich zu machen. [6]


„Instagrammiger“ Feminismus in Pastell und Pink

Eine weitere Dimension, nämlich die politische, spricht die Künstlerin Nakeya Brown an. Die Amerikanerin distanziert sich sogar vom Feminismus, da dieser farbige Frauen bisher unterdrückt habe. Ihre Arbeit sieht die Künstlerin nicht als traditionell feministisch, da es ihr nicht primär um Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen geht, sondern um die Identität schwarzer Frauen. Doch auch Nakeya Brown bedient sich, wie andere netzfeministische Künstlerinnen, pastelliger Farben als Zeichen von Weiblichkeit. [7]

In einer Zeit, in der Pink die Farbe von Barbie und Prinzessinnen ist, in der die stereotype Farbzuweisung Rollenklischees zu zementieren scheint, überspitzen Netzkünstlerinnen diese Stereotypie. Wenn Mädchen Ponys, Einhörner und Glitzer zugeschrieben wird, wenn die Gesellschaft Niedlichkeit, Schönheit und Harmlosigkeit von Frauen erwartet, zeigen Künstlerinnen in Social Media, wie etwa Signe Pierce, dass die Farbe Pink auch aggressiv feminin sein kann. Bei Pierce trifft Pornoästhetik auf Popkultur. Die Performancekünstlerin reklamiert so die Identität der Farbe Rosa für sich, um konsumorientierte Genderklischees zu hinterfragen. [8]


Aktivismus durch Kunst in Social Media

Kunstkritiker Holland Cotter betonte 2007 in der New York Times, dass vom Feminismus die einflussreichsten Impulse in der Kunst des späten 20. und des beginnenden 21. Jhd. ausgegangen seien. Auch heute noch ist das Interesse an feministischer Kunst groß, denn die Generation, die in den 1970er Jahren jung war, interessiert sich heute für ihre eigene Geschichte. Ebenso beschäftigen sich aber auch nachfolgende Generationen mit diesem Thema und auch junge Künstlerinnen entwickeln eigene Zugänge zum Feminismus. [9]

Dabei ist es ein Fehler, nur aufgrund der Nutzung von Social Media, diese künstlerischen Arbeiten als Selbstdarstellung oder Narzissmus abzutun. Natürlich ist ein Selfie nicht zwangsläufig Kunst. Das Genre der Selbstportraits, die in Sozialen Medien geteilt werden, wird nicht von Künstlern dominiert, sondern von ganz normalen Nutzern. Die zwanglosen, spontanen und improvisierten Selbstbildnisse sind oft nicht „für die Ewigkeit“, sondern nur für den Moment gedacht. [10] Was die künstlerische Arbeit ausmacht und von den Postings normaler Nutzer unterscheidet, ist jedoch die Selbstbehauptung, als Künstler*in Kunst zu schaffen. Der Erscheinungsort – auch wenn es sich „nur“ um Social Media handelt – entscheidet dabei nicht über die Definition von Kunst oder Nicht-Kunst. [11]


Der Begleitband zur Ausstellung „Virtual Normality – Netzkünstlerinnen 2.0“, herausgegeben von Alfred Weidinger und Anika Meier, ist 2018 im VfmK Verlag für moderne Kunst erschienen (ISBN: 978-3-903228-56-6). Der Band auf Englisch mit deutscher Übersetzung enthält u.a. Beiträge von Anika Meier, Ronja von Rönne, Kathrin Wessling, Charlotte Jansen, Karim Crippa, Philipp Hindahl, Sabrina Steinek und ein Interview mit Gabriele Schor. Darüber hinaus sind Raumansichten der Ausstellung und zahlreiche Werkabbildungen in der magazinartigen Publikation enthalten.


MusErMeKu dankt dem MdbK – Museum der bildenden Künste Leipzig für die kostenfreie Überlassung des Begleitbands zur Ausstellung „Virtual Normality“ als Rezensionsexemplar.


Header-Bild: Ausschnitt eines Werks von Signe Pierce, Rückseite „Virtual Normality“, VfmK Verlag für moderne Kunst GmbH


Fußnoten:

[1] Alfred Weidinger: Virtual Normality. Der weibliche Blick im Zeitalter des Internets. Vorwort, In: Virtual Normality – Netzkünstlerinnen 2.0, Hg.v. Alfred Weidinger und Anika Meier, VfmK Verlag für moderne Kunst 2018, S. 177

[2] Anika Meier im Interview mit Gabriele Schor: Der Kunst ihre Freiheit. Der Kunst ihr Medium!, Ebd. S. 184 – 186, hier S. 184

[3] Ebd. S. 185

[4] Anika Meier: Izumi Miyazaki / Selfie, In. Ebd., S. 201

[5] Anika Meier: Arvida Byström / Der weibliche Blick, In: Ebd., S. 198

[6] Anika Meier: Pics or it didn’t happen / Zensur, In: Ebd., S. 199

[7] Anika Meier: Nakeya Brown / Die politische Dimension, In: Ebd., S. 198

[8] Pink, In: Ebd., S. 197

[9] Anika Meier im Interview mit Gabriele Schor: Der Kunst ihre Freiheit. Der Kunst ihr Medium!, Ebd. S. 184 – 186, hier S. 185

[10] Anika Meier: Izumi Miyazaki / Selfie, In. Ebd., S. 201

[11] Anika Meier im Interview mit Gabriele Schor: Der Kunst ihre Freiheit. Der Kunst ihr Medium!, Ebd. S. 184 – 186, hier S. 185