Virtual Reality im Kulturbereich, die Gefahren von Kunst und Zeitungs-Twitter

Nicht-Newsletter – Nr. 36, 02/2019

Frage des Monats
Kann Virtual Reality den Kulturbereich retten?

Thema des Monats
Wenn Kunst krank macht

Twitter des Monats
Ethics in Bricks

Instagram des Monats
Things I have drawn

Tumblr des Monats
#printtwitter

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.

________________

Frage des Monats

Kann Virtual Reality den Kulturbereich retten?

Viele Kulturinstitutionen zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie mehr Besucher für sich gewinnen können. Wobei es nicht nur generell um mehr Besucher geht, sondern um ganz bestimmte Besucher – nämlich um mehr „junge Menschen“. Allseits bekannt ist, dass „diese jungen Leute“ doch immer nur mit ihren Spielkonsolen, Smartphones, Instagram und Netflix hantieren. Also muss es das sein, was Millennials, auch Generation Y genannt, wollen. Folglich beschließen Kulturinstitutionen, man könne diese Zielgruppe mit Gamification, einer App oder am besten mit Virtual Reality anlocken. Aber stimmt das?

Technik um ihrer selbst willen

Digitale Angebote können nie für sich selbst stehen, sondern müssen immer als Bestandteil einer Gesamtstrategie gedacht werden. Technik um ihrer selbst willen ist fast schon automatisch zum Scheitern verurteilt – das haben diverse Museums-Apps in der Vergangenheit gezeigt. Der neue Hype im Kulturbereich scheint Virtual Reality zu sein. Allein, weil etwas vorhanden ist, muss sich das Publikum dafür automatisch interessieren – so die Annahme. Ein Beispiel ist die Digitale Kunsthalle, die ZDFkultur vor kurzem ins virtuelle Leben rief. Das Angebot ist erst Mitte Februar 2019 gestartet und es muss sich noch zeigen, ob dieser Online-Ausstellungsraum überhaupt Besucher findet. Werden Nutzer die Digitale Kunsthalle so interessant finden, dass sie häufiger wiederkommen werden, um sich hier wechselnde Ausstellungen anzusehen? Das eher hakelig zu bedienende Angebot lässt daran zweifeln, dass es wirklich einem realen Museumsbesuch vorgezogen werden könnte.

Virtual Reality im Kulturbereich wird nicht mit offenen Armen empfangen, nur weil es angeboten wird. Das gilt sowohl für die „junge Zielgruppe“ als auch für die klassische Kern-Zielgruppe von Kultureinrichtungen, die oft etwas älter ist. Ein gut konzipiertes Angebot sollte schließlich alle ansprechen – weil es einen echten Mehrwert bietet. Daten-Expertin Colleen Dilenschneider betont dazu in ihrem Blog: „I’m not saying that virtual reality cannot be engaging and that it won’t help fulfill certain goals. I’m saying that if we don’t take the time to think about it strategically, it cannot be engaging or fulfill certain goals. Like anything else, VR can indeed be deployed in ways that do not accomplish anything meaningful at all.“

Was sollten Kulturinstitutionen beachten, wenn sie VR einsetzen wollen?

1) Apps sollten als warnendes Beispiel betrachtet werden!

Besonders Museen entwickelten in der Vergangenheit häufig Apps, die keinen wirklichen Mehrwert boten. Gemeint sind Apps, die reine Inhalte bereitstellten und die keine Interaktion ermöglichten. In diesen Fällen hätte man auch einfach einen Flyer drucken können – dieser liefert auch Informationen ohne Interaktion und ist dabei noch preisgünstiger als eine App. In Bezug auf Virtual Reality im Kulturbereich sollte man daraus ableiten, dass das Angebot einen wirklichen Mehrwert liefern muss, der auf keine andere (vielleicht sogar analoge) Art möglich wäre.

2) Virtual Reality ist keine Strategie!

Ein VR-Angebot kann ein Werkzeug sein, aber man muss es richtig einsetzten. Die Eröffnung eines Instagram-Accounts alleine ist ja auch noch keine Social-Media-Strategie für Instagram. Statt die Technologie für sich stehen zu lassen und zu hoffen, dass der Hype darum ausreicht, Besucherinteresse hervorzurufen, muss sie gezielt und sinnvoll eingesetzt werden. Das bedeutet, dass bei Virtual Reality nicht die digitale Technik im Vordergrund stehen sollte, sondern dass die damit präsentierten Inhalte überzeugen müssen. Um wirklich zum integralen Bestandteil eines Ausstellungs- oder Vermittlungsangebots zu werden, muss VR dabei auch von Beginn an mit gedacht werden – und nicht erst nachträglich zu einem bestehenden Konzept hinzugefügt.

3) Es gibt wichtigere digitale oder technische Baustellen!

Fragt man Besucher, was sie z.B. bei Museen vermissen, wird vermutlich kaum jemand antworten: Ich vermisse ein Virtual Reality Angebot! Ein Ärgernis ist hingegen eher eine veraltete Website mit schlechter Navigation, ein fehlender Eintrag bei Google zu aktuellen Öffnungszeiten, dass bei Facebook niemand auf Fragen antwortet oder dass in der Ausstellung vor Ort Video- oder Hörstationen defekt sind. Wer nicht einmal grundlegende Besucherfreundlichkeit herstellen kann, sollte keinen Gedanken an Virtual Reality verschwenden.

4) Kulturinstitutionen haben einen Ruf zu verlieren!

Ob eine Institution einen guten Ruf bei der (potenziellen) Zielgruppe genießt, schlägt sich auch auf Besucherzahlen nieder. Dieser gute Ruf kann leicht in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn ein Angebot der Institution nicht den Erwartungen des Publikums entspricht. Wer den Ruf haben möchte, ein Kunstmuseum von nationaler oder sogar internationaler Bedeutung zu sein, zerstört diesen Anspruch etwa schnell durch einen hässlichen Instagram-Account, der mehr nach Hobby als nach Kunst aussieht. Und wer als bedeutendes Geschichtsmuseum wahrgenommen werden möchte, sollte keine Website anbieten, die nicht mal responsive auf Mobilgeräten funktioniert. Ebenso kann auch ein schlecht oder billig gemachtes Virtual Reality Angebot einen negativen Eindruck erzeugen. Hier gilt: Entweder exzellent umsetzen – oder es ganz sein lassen.

________________

Thema des Monats

Wenn Kunst krank macht

Vor einigen Wochen brach ein Mann in den Uffizien in Florenz zusammen. Grund war angeblich die Konfrontation mit Botticellis „Venus“. Der Anblick der nackten Schönen aus dem 15. Jhd. hatte bei dem Museumsbesucher plötzlich Herzprobleme ausgelöst. Als Grund für diese, zugegebenermaßen sehr heftige Wirkung von Kunst wird das sogenannte „Stendhal-Syndrom“ vermutet. Dies führt wohl dazu, dass sich Personen völlig überfordert fühlen, wenn sie mit Meisterwerken der Kunst konfrontiert werden.

Der Begriff „Stendhal-Syndrom“ bezieht sich auf eine Notiz aus der 1817 veröffentlichten Reiseskizze „Reise in Italien“, in der der französische Schriftsteller Marie-Henri Beyle (Pseudonym: Stendhal) seine Eindrücke bei seinem Besuch in Florenz beschrieb. Zu den Symptomen zählen Panikattacken, Wahrnehmungsstörungen und wahnhafte Bewusstseinsveränderungen – diese erlebte Stendhal in Gegenwart von zu viel Kultur.

Uffizien-Direktor Eike Schmidt räumte in Anbetracht des medizinischen Zwischenfalls mit dem Museumsbesucher gegenüber der italienischen Zeitung Corriere della Sera übrigens ein, dass sein Museum „sicherlich emotionalen, psychologischen und sogar physischen Stress verursachen kann“. Auch vor der „Medusa“ von Caravaggio sei schon jemand in seinem Museum ohnmächtig geworden.

Weltweit scheint das „Florenz-Syndrom“ aber relativ einzigartig zu sein. Von Besuchern bei der Nofretete in Berlin oder von Touristen bei der Mona Lisa in Paris sind bisher jedenfalls noch keine außergewöhnlichen medizinischen Notfälle bekannt geworden.

________________

Twitter des Monats

Ethics in Bricks

Fast alles lässt sich mit Lego nachbauen, das stellte schon der Account @legogradstudent unter Beweis, den wir im Nicht-Newsletter – Nr. 07, 09/2016 empfohlen haben. Statt das Alltagsleben eines Studierenden abzubilden, konzentriert sich @EthicsInBricks auf philosophische Fragen, mit denen sich Studierende beschäftigen könnten. Ob Zitate von Napoleon Bonaparte, von Gandalf dem Zauberer aus „Herr der Ringe“ oder von Michel Foucault – alles wird mit Lego nachgebaut.

________________

Instagram des Monats

Things I have drawn

Beim Anblick der Kreaturen auf dem Instagram-Account @thingsihavedrawn kann man sich nicht so recht entscheiden. Soll man entzückt sein, weil etwas ganz niedlich ist – wie etwa ein nasenloser Hund mit riesigem Grinsen. Oder soll man vor Entsetzen nie wieder ruhig schlafen können, weil einen der Anblick alptraumhafter Geschöpfe verfolgt – wie etwa eine Art Schwein, das einem illegalen Genlabor entsprungen zu sein scheint.

Eltern kennen das Phänomen: Wenn kleine Kinder zu Malkasten und Buntstiften greifen, ist das kreative Ergebnis nicht immer realitätsnah. Oft muss man nachfragen: Was hast du da gemalt? Ah, eine Katze – habe ich sofort erkannt! Aber was wäre, wenn eine Katze wirklich so aussehen würde, wie die Kinderzeichnung – als Fellwurst ohne Kopf? Dieser Frage ging Tom Curtis nach, der die Bilder seiner kleinen Söhne Al und Dom zu fotorealistischem Leben erweckt. Etwas digitale Bildbearbeitung lässt so witzige Wesen entstehen – aber auch ziemlich furchterregende Experimente.

________________

Tumblr des Monats

#printtwitter

„Geheimnisvolles aus dem Kleinanzeigenteil der Tagespresse.“ – Das sammelt Wibke Ladwig bereits seit 2012 in ihrem Tumblr mit dem schönen Namen #printtwitter. Wibke entdeckte irgendwann, dass sich in der Tageszeitung in der Rubrik „Glückwünsche & Persönliches“ teils mysteriöse Kleinanzeigen finden. Sie beziehen sich aufeinander und treten in Dialog – ohne sich direkt anzusprechen. Ein bisschen wie analoges twittern. Im Tumblr werden unter #printtwitter die außergewöhnlichsten Exemplare der Kleinanzeigen gesammelt, die ihre eigene Geschichte erzählen.