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Kritik am Museum Selfie Day, musealer Twitter-Erfolg und Instagram-Misserfolg

Nicht-Newsletter – Nr. 35, 01/2019

Frage des Monats
Was ist problematisch am Museum Selfie Day?

Thema des Monats
Eine Bilanz zu @52Museums bei Instagram

Twitter des Monats
The Museum of English Rural Life

Instagram des Monats
Femmes et tatouage

Tumblr des Monats
Webcomic Name


Frage des Monats

Was ist problematisch am Museum Selfie Day?

Am 16. Januar fand wieder der Museum Selfie Day statt, zu dem bereits seit 2014 jährlich aufgerufen wird, besonders bei Twitter. An diesem Tag werden, zahlreicher als sonst während des Jahres, die Sozialen Netzwerke mit mehr oder weniger gelungenen Selfies aus Museen und Ausstellungen gefüttert. Dabei wird immer wieder im Bezug auf diese Selfies der Vorwurf laut, Museumsbesucher würde sich die Kunstwerke gar nicht richtig ansehen, mit denen sie sich fotografieren. Stattdessen wird den Werken der Rücken zugedreht und es wird für das Foto nur ins Smartphone-Display gestarrt. Vielleicht spielt das Kunstwerk bei diesem Prozess sogar die untergeordnete Rolle. Fotografiert man sich vor allem nicht einfach selbst – nur mit einem ungewöhnlichen Hintergrund? Geht es in Wirklichkeit darum, dass das Selfie vor der Mona Lisa interessanter wirkt, als wenn man sich einfach vor der weißen Rauhfaser-Tapete im heimischen Wohnzimmer ablichtet?

A fun Day at the Museum

Laut Mar Dixon, der Initiatorin des Tages, soll der Museum Selfie Day ein “fun day to encourage people to visit museums” sein. Betrachtet man die Bilder, die unter dem Hashtag #MuseumSelfieDay gepostet werden, wird aber schnell klar, dass dieses Ziel offensichtlich verfehlt wird. Gepostet werden in erster Linie Selfies von Museumsmitarbeitern, die sich an ihrem Arbeitsplatz zeigen, oder von Kulturfans, die mit den Selfies ihre liebsten Museumsbesuche der Vergangenheit Revue passieren lassen.

Von diesen Menschen muss keiner davon überzeugt werden, ins Museum zu gehen – sie verbringen hier scheinbar ohnehin häufig ihre Zeit und haben Spaß. Und wer sonst nie ins Museum geht, wird sich auch nicht von der Aussicht locken lassen, dass es diesmal total spaßig sei, nur weil man am Museum Selfie Day plötzlich ein Selfie machen soll. Ein Museum bleibt ein Museum – daran ändert auch das Smartphone in der Hand nichts.

Gegen Kultur-Snobs

Anlässlich des Museum Selfie Day befasste sich auch Kenan Malik im Guardian mit dem Thema. Er kritisierte besonders die Haltung einiger Akteure, dass Kunst etwas Ernstes sei und nicht als leichte Unterhaltung angesehen werden dürfe. Ist ein “angemessener” Umgang mit Kunst denn nur, wenn man ins Museum geht um sich weiterzubilden und etwas zu lernen? Ist es automatisch fehlgeleitet, wenn man ein Museum nur zum Zeitvertreib besucht? Malik sieht es als elitistisches Denken an, dass einige Kritiker davon ausgehen, Kunst sei nur für Kenner interessant und “normale Leute” könnte man nur in Museen locken, wenn man ihnen einen Spaßfaktor verspricht.

Der Autor verweist dabei auch auf den aktuellen Zeitgeist: “Rather than allowing an extraordinary moment to infuse our spirit, we hustle to document our being there. The selfie, the photo, has become the experience.” Wenn die Lieblingsband auftritt, steht man im Publikum und schaut ins Smartphone-Display, um einen Song zu filmen. Wenn man auf einem Berggipfel angelangt ist, wird die Aussicht zunächst mit einem Foto festgehalten. Ein Museumsbesuch unterscheidet sich hier nicht. Das Fotografieren und auch Selfies gehören heute zum gewohnten Verhalten fast aller Menschen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Bildungsgrad.


Thema des Monats

Eine Bilanz zu @52Museums bei Instagram

Den Instagram-Account @52museums übernimmt jede Woche ein anderes Museum und teilt seine Inhalte mit mittlerweile rund 19k Instagram-Followern. Schaut man sich den Account genauer an, fällt auf, dass die Follower-Zahl in extremem Missverhältnis zu den Likes und Interaktionen steht. Von 19.000 Followern scheint sich häufig nur eine 2-stellige Anzahl an Menschen zu finden, die Postings mit einem Like beschenken. Selbst Videos, die die komplette Reichweite anzeigen, sind meist nur im mittleren 3-stelligen Bereich angesiedelt. Die Kommentar-Bilanz ist noch desolater, denn häufig gibt es keinen einzigen Kommentar auf die Postings der Museen.

Warum sich Museen auf der ganzen Welt an @52museums beteiligen

Lange muss man suchen, um bei @52museums ein Posting mit über 10 Kommentaren zu finden oder ein Bild mit über 200 Likes. Das ist – von außen betrachtet – für einen Instagram-Account mit 19k Followern ein extrem schlechtes Ergebnis. Die meisten teilnehmenden Museen dürften, obwohl sie vielleicht deutlich weniger Follower bei Instagram haben, auf ihren eigenen Accounts mehr Likes und Kommentare erzielen. Warum entscheidet man sich als Museum also, sich an dem Projekt zu beteiligen und eine Woche lang hier Zeit zu investieren?

Das wollte auch die Initiatorin Mar Dixon wissen, die nicht nur @52museums ins Leben rief, sondern auch den Museum Selfie Day. 2018 war das dritte Jahr, in dem der Instagram-Account @52museums bespielt wurde. Mar Dixon zieht eine positive Bilanz in ihrem Blog und bezeichnet das Projekt als “another huge success”. Instagram-Stories seien am erfolgreichsten gewesen – was sich von außen aber nicht nachprüfen lässt.

Wie wirkte sich die Teilnahme an @52museums auf die beteiligten Museen aus?

Nachdem ein Museum den @52museums Instagram-Account eine Woche lang bespielt hat, wird ein Feedback-Bogen zur Verfügung gestellt. 2018 füllten 27 der 52 Museen diesen Feedback-Bogen aus. Gefragt wurde u.a. nach dem Follower-Zuwachs der Museen. Hier müsste man wissen, wie viele Follower das jeweilige Museum denn üblicherweise bei Instagram wöchentlich hinzu gewinnt. Zwei der Museen gaben 2018 an, über 300 Follower in der Woche bei @52museums auf ihrem eigenen Account hinzu gewonnen zu haben. Dieser Follower-Zuwachs ist für einige Museen aber völlig normal, etwa für das @maritimesmuseum, das seit Jahren jede Woche so viele Follower hinzu gewinnt. Die meisten der befragten Museen gaben an, in ihrer Woche 10 bis 30 Follower für ihre Accounts gewonnen zu haben. Auch das muss nichts mit @52museums zu tun haben, denn jeder halbwegs aktive kleinere Instagram-Account hat exakt diesen wöchentlichen Zuwachs an Folowern, z.B. wir bei @musermeku.

Immerhin: 23 der 27 Museen, die den Feedback-Bogen ausfüllten, fanden ihre Teilnahme sinnvoll. Als Vorteil wurde von den meisten betont, eine Zielgruppe erreichen zu können, die das Museum bisher nicht kannte. Ein Museum betonte sogar, die Instagram-Teilnahme hätte sich besonders positiv auf den Twitter-Account ausgewirkt! Zwei teilnehmende Museen übten jedoch auch Kritik. Verständlicherweise ging es um die desolate Interaktionsrate: “The reach and interaction on 52museums is very slow, the audience is not active at all. We would have hoped for a lot of action and interaction and getting to know new audiences.” Aktuell scheint das Projekt nicht so zu funktionieren, wie ein Blick auf die Interaktionen verrät.

20 der 27 befragten Museen würden übrigens wieder den Instagram-Account bespielen, während 5 vielleicht und 2 keinesfalls wieder teilnehmen würden. 24 der Institutionen hatten Spaß bei der Teilnahme. Die übrigen beklagten, dass sie nicht ausreichen Zeit (neben allen anderen Aufgaben im Job) hatten, um @52museums so zu bespielen, wie sie es gewollt hätten. 13 der 27 Befragten hätten ihre Woche lieber mit einer anderen Institution geteilt, vermutlich um den Aufwand auf weniger Postings zu reduzieren.

Viele der Teilnehmer wünschen sich abschließend, sie hätten mehr Stories gemacht und sich mehr Zeit genommen (oder mehr Zeit zur Verfügung gehabt), um ihre Postings zu planen. Für einige Museumsmitarbeiter war die Teilnahme an @52museums vielleicht mit der schockierenden Erkenntnis verbunden, dass das Vorbereiten von Inhalten für Instagram wirklich sehr viel Arbeit verursacht!

Auch für 2019 ist die Bespielung von @52museums übrigens wieder ausgebucht.


Twitter des Monats

The Museum of English Rural Life

Dass ein kleines Museum im britischen Berkshire über 13k Likes für einen Tweet bekommt, erscheint manchen vielleicht als außergewöhnlich. Doch das Museum of English Rural Life, kurz The MERL schafft es regelmäßig, Twitter auf den Kopf zu stellen. Berühmt wurde das Museum bei Twitter im April 2018 durch das Foto eines sehr wolligen Widder mit einer Anspielung auf das Meme “Absolute Unit”. Das Meme entstand bei Twitter als Kommentar zu Fotos von sehr großen bzw. massiven Objekten, Personen – oder eben Tieren. Mit seinem Tweet vom wolligen Widder erzielte das MERL innerhalb von 72 Stunden über 98k Likes.

Nicht ganz so erfolgreich, aber für Twitter-Verhältnisse schon viral, war die Aufforderung des MERL an andere Museen, “duck picks” zu senden. Am 4. Januar 2019 begann alles mit dem Tweet: “hey @britishmuseum give us your best duck”. Was folgte, war eine Wortspiel- und Enten-Battle zwischen Museen, Wissenschaftlern und Vogel-Fans verschiedener Länder.

Auch jenseits von Widder und Enten lohnt es sich, dem kleinen Museum bei Twitter zu folgen – nicht nur wegen der zalreichen Schaf-Witze.


Instagram des Monats

Femmes et tatouage

Nachdem wir in unserem Nicht-Newsletter Nr. 27, 05/2018 schon den Instagram-Account zum @nachlass.warlich vorgestellt haben, geht es im aktuellen Nicht-Newsletter Nr. 35 wieder um historische Tattoos. Diesmal stehen Femmes et tatouage im Mittelpunkt. Die Geschichts-Studentin Jeanne Barnicaud veröffentlicht unter @histfemtat jede Woche ein Posting, in dem es um tätowierte Frauen geht.

Der Instagram-Account begleitet eigentlich den Wissenschaftsblog Femmes et tatouage : approches historiques bei Hypotheses. In ihrer Forschung beschäftigt sich Jeanne Barnicaud mit dem Thema Frauen und Tattoos im 19. und 20. Jahrhundert in Frankreich und Großbritannien. Es geht um die Geschichte der Kriminalität, aber auch um die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Damit wird eine Forschungslücke in der Tattoo-Geschichtsforschung geschlossen, in der es meist nur um männliche Gefängniskultur, Seeleute oder Soldaten geht.

Während der Blog bei Hypotheses scheinbar nicht weiter gepflegt wird, „bloggt“ Jeanne Barnicaud bei Instagram umfassendere Texte auf Französisch.


Tumblr des Monats

Webcomic Name

Wir dachten eigentlich, wir hätten den Londoner Comiczeichner Alex Norris schon vorgestellt, aber – oh no – haben wir noch nicht. Das wird hiermit nachgeholt. Die dreiteiligen, grell-farbigen Comics von Norris zeigen immer eher simpel gezeichneten “Blob-Figuren” in absurden Situationen. Alle Comics enden stets mit den Worten “OH NO”.



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.