Museums-Neid wegen Beyoncé, noch ein Selfie-Museum und Instagram-Déjà-vus

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 30, 08/2018


Frage des Monats
Darf man Nofretete fotografieren?

Thema des Monats
Feministisches Upgrade für das Selfie-Museum

Twitter des Monats
Hadie Mart

Instagram des Monats
Insta Repeat

Tumblr des Monats
Der Babadook als Gay-Ikon

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.


Frage des Monats

Darf man Nofretete fotografieren?

Queen Bey kann man keinen Wunsch abschlagen. Wenn Beyoncé ankündigt, ein Museum besuchen zu wollen, ist das eine Ehre für jede Institution. Unlängst wurde eben diese Ehre sogar mehreren Museen zu teil, denn auf ihrer Grand Tour bespielten Beyoncé und Jay-Z nicht nur die großen Bühnen Europas, sondern besuchten auch zahlreiche Kulturinstitutionen. In Berlin statteten The Carters im Neuen Museum der Nofretete einen Besuch ab, selbstverständlich durfte ein Bild mit der Schönheit fürs Familienalbum nicht fehlen.

Das Neue Museum postete den hochrangigen Besuch bei Facebook – sicher in der Hoffnung auf viele Likes aus dem BeyHive. Nur leider war der Jubel der Facebook-Nutzer nicht ganz so euphorisch. Der Grund: Das Museum hatte Beyoncé eine Sondergenehmigung für ihr Nofretete-Foto ausgestellt. Normalsterblichen Besuchern bleibt dieses Privileg verwehrt.

Fotografieren verboten – normalerweise

Das von Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler zwischen 1843 und 1855 errichtete Neue Museum in Berlin war erst 2009 nach langjähriger Restaurierung wieder eröffnet worden. Auf 8.000 qm sind 9.000 Objekte aus den Bereichen Ägyptologie sowie Vor- und Frühgeschichte ausgestellt. Herausragendstes Exponat ist die mehr als 3.000 Jahre alte Büste der Nofretete. Sie avancierte sofort zum beliebtesten Fotoobjekt. Da die Büste der ägyptischen Königin aus konservatorischen Gründen in einem eher dunklen Raum präsentiert wird, aktivierten die meiste Besucher unerlaubt ihr Blitzlicht – obwohl das Museum ausdrücklich darauf hinwies, ohne Blitz zu fotografieren.

Weniger als ein halbes Jahr nach der Wiedereröffnung war, nach Schätzungen des Museums, Nofretete so von rund einer halben Millionen Blitzlichtern getroffen worden. Aus Sicht der Konservatoren eine Katastrophe für die Farbpigmente von Nofretete. Wer nicht hören will, muss also fühlen – und da das Blitzlichtverbot monatelang von Besuchern ignoriert worden war, verhängte das Museum im Frühjahr 2010 schließlich ein generelles Fotografieverbot im Nordkuppelsaal der Nofretete.

Mini-Shitstorm von Museumsbesuchern

Auch mit Sondererlaubnis musste sich Beyoncé für ihr Nofretete-Foto an das Blitzverbot im Museum halten. Dennoch, die Facebook-Nutzer waren nicht erfreut und machten ihrem Ärger auf der Seite des Neuen Museums Luft: „Unfair Museum! They have the right to take a picture near the bust while I do not have the right. Fuc…. rules !!!“, „really very unfair to other people… just because they’re famous and rich …“ oder „Was für eine Frechheit. Muss ich Beyonce sein, damit ich Nofretete ablichten darf ? Da haben sich die Verantwortlichen gerade wirklich keinen Gefallen getan !“, waren nur einige der Kommentare.

Beschwerden kamen aus der ganzen Welt – nicht nur auf Deutsch und Englisch, sondern auch auf Portugiesisch, Italienisch oder Spanisch. Alles lief auf die Frage hinaus: „Warum SIE und nicht ICH!?“ Das Museum lieferte bei Facebook die Antwort: Im Prinzip kann jeder eine Fotogenehmigung für Nofretete beantragen. In erster Linie ist die Sondergenehmigung aber für Wissenschaftler, Presse und explizit eben auch für Künstler gedacht. Und Beyoncé ist definitiv eine der wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen der Pop-Kultur – zudem wird das Bild für Presseberichterstattung genutzt. Warum sollte man der Musikerin also das Foto mit Nofretete nicht ermöglichen?

⇒ Den Antrag zum Fotografieren von Nofretete gibt es auf der Website der Staatlichen Museen Berlin


Thema des Monats

Feministisches Upgrade für das Selfie-Museum

Die neueste Ergänzung in der Welt der Selfie-Pop-up-„Museen“ ist That Lady Thing. Feminismus wird hier in eine farbenfrohe, interaktive Erlebniswelt verwandelt, in der sich die Gender Pay Gap, sexuelle Belästigung und strukturelle Diskriminierung in Fotostationen für Selfies verwandeln. Aber passen #MeToo und spaßorientierte social events zusammen?

That Lady Thing, das im August 2018 für 5 Tage in San Francisco besucht werden konnte, ist nicht ganz ironiefrei zu betrachten. Tatsächlich wollten die Organisatoren damit zum Nachdenken anregen – und die Reaktionen des Publikums waren durchweg positiv. Die Eintrittsgelder, immerhin 25,- USD pro Ticket, wurden an Organisationen gespendet, die sich für Frauenrechte engagieren. Das Baden im Bällebad, das aus kleinen Plastikbrüsten verschiedener Hautfarben bestand und den Titel „The Sea of Objectification“ trug, unterstützte also einen guten Zweck. Weitere Attraktionen waren eine „Corporate Climb“ Kletterwand, an der Frauen quasi „beruflich aufsteigen“ konnten und eine Installation namens „The Money Maker“ mit Spielgeld, die auf die ungleiche Bezahlung von Frauen im Beruf hinweisen sollte.

⇒ Sarah Cascone, artnet: That Lady Thing, San Francisco’s Latest Pop-Up Museum, Hopes to Turn ‘Selfie Feminism’ Into an Art-World Thing, Too 


Twitter des Monats

Hadie Mart

Am 23. August 2018 beendete Hadie Mart bei Twitter ein Projekt, das sich seit Anfang Mai hingezogen hatte. Mit den Worten „IS IT JUST ME, OR DID I JUST PULL OFF THE GREATEST TWITTER SCHEME OF ALL TIME????? Read the first word of my tweets to find out….“ war ein viraler Tweet gesendet worden, der hunderttausende Twitter-Nutzer auf eine Reise durch den Account von @CostcoRiceBag schickte. Worte wie „Scaramouche“, „Fandango“ oder die dreimalige Erwähnung von „Galileo“ hätten das Projekt, Tweets mit bestimmten Worten in umgekehrter Reihenfolge zu posten, fast auffliegen lassen. Tatsächlich hatte aber keiner den Plan durchschaut. Das Ergebnis hat Ohrwurm-Garantie!

⇒ @CostcoRiceBag


Instagram des Monats

Insta Repeat

Es gibt Instagrammer, die so wunderschöne Motive fotografieren, dass andere Instagrammer beschließen, dasselbe Motiv zu fotografieren. War der eine in Stadt A, buchten viele plötzlich ihren nächsten Trip in die gleiche Stadt. Und stand ein Instagrammer auf Berg B, mussten auch zig andere plötzlich genau auf diesen Berg steigen, um dieselbe Aussicht abzulichten. Irgendwann wurde dann einfach nicht mehr verraten, wo ein Bild aufgenommen wurde, damit man den Ort als Motiv für sich allein hat.

Aber das machte der Instagram Community nichts aus, denn wenn Instagrammer nicht das selbe Bild knipsen können, dann halt wenigstens ein gleiches. Und so tauchten über die Jahre die immer gleichen Fotos bei Instagram auf: Frau mit Sonnenhut im Bikini am Strand von hinten, kleiner Mensch am Rand einer weiten Bergschlucht, Zelt mit Sternenhimmel an Orten, an denen kein Zelt stehen darf. (Den Instagram-Account YouDidNotSleepThere stellten wir im Nicht-Newsletter Nr. 18, 08/2017 vor genau einem Jahr vor.)

Eine 27-jährige Filmemacherin aus Alaska widmet sich jetzt in einem Instagram-Account den immer wiederkehrenden Motiven der Plattform und zeigt in ihren Collagen, dass es oft nicht um Individualität geht, sondern um die Reproduktion von Motiven, die schon eine Art Kanon bei Instagram bilden.

⇒ @insta_repeat


Tumblr des Monats

Der Babadook als Gay-Ikone

In vielen europäischen Städten wurde im August eine Pride Week gefeiert. Anlass für uns, auf ein Phänomen zu blicken, das bei Tumblr entstand und sich in anderen Sozialen Netzwerken in den letzten Monaten ausbreitere: Der Aufstieg des Babadook als Gay-Ikone. Babadook ist das Titelmonster aus dem gleichnamigen Horror-Kultfilm (R: Jennifer Kent, 2014). Das Monster, das einen langen Mantel, einen Zylinder und ein messerscharfes Grinsen trägt, lebt im Keller einer um ihren verstorbenen Mann trauernden alleinerziehenden Mutter, die sich um ihr Kind kümmert.

Ein Tumblr-Nutzer namens Ian behauptete vor knapp 2 Jahren auf der Social Media Plattform: „Whenever someone says the Babadook isn’t openly gay it’s like?? Did you even watch the movie???“ Während manche Nutzer darauf hinwiesen, dass das Monster eigentlich eine Metapher für die Trauer und Depression der Mutter im Film sei, beharrten andere Nutzer auf Ians Theorie: „the Babadook was a man who fearlessly and proudly loved other men in spite of a society telling him that his love was wrong […] A movie about a gay man who just wants to live his life in a small australian suburb? It may be ‚just a movie‘ to you but to the LGBT community the Babadook is a symbol of our journey“. Irgendwann war klar: „The B in LGBT stands for Babadook. Everyone knows this.“

Schnell sprachen Tumblr-Nutzer über den Babadook, als ob jeder in der Welt ihn als einen homosexuellen Helden schon lange kennen würde. Sie erstellten Fan Art eines out-and-proud Monsters und verbreiteten diese online. Das diabolische Grinsen des Babadook wurde plötzlich rekontextualisiert – jetzt war es ein stolzes Grinsen. Ein Nutzer hatte sogar einen gefälschten Screenshot erstellt, in dem der Horror-Film „The Babadook“ bei Netflix in der Kategorie „LGBT-Filme“ auftauchte. Ein ganzer „Baba-Diskurs“ entstand bei Tumblr und breitete sich schließlich über andere Soziale Netzwerke aus.

⇒ Brian Feldman, NY Mag: The Secret Gay History of the Babadook


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