Hamburg in der NS-Zeit: Kultur unter Kontrolle

Die Ausstellung „Kultur unter Kontrolle“ im Hamburger Rathaus beleuchtet die Kulturpolitik in der Hansestadt während der NS-Zeit, von den Kulturinstitutionen bis hin zu den Schicksalen der verfolgten Kunstschaffenden.

Die Ausstellung "Kultur unter Kontrolle" im Hamburger Rathaus beleuchtet die Kulturpolitik in der Hansestadt während der NS-Zeit.

[Ausstellung] In den 1920er-Jahren verfasste er Bühnenstücke und Gedichte über seine norddeutsche Heimat, teilweise auf Plattdeutsch. 1924 machte Conrad Löwenherz sich als Musiker selbstständig und spielte in verschiedenen Bands, ob als Schlagzeuger, als Gitarrist, als Violinist oder an der Trompete. Löwenherz war ein anerkannter und beim Publikum beliebter Musiker – doch 1936 schloss ihn die Reichmusikkammer aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus. Er erhielt Berufsverbot und durfte nicht länger öffentlich auftreten. Im Februar 1943 wurde der jüdische Musiker verhaftet und im Hamburger Polizeigefängnis Fuhlsbüttel inhaftiert, von wo er wenige Monate später ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde, wo im Juli 1943 schließlich sein Tod dokumentiert wurde. Conrad Löwenherz ist nur einer von zahlreicheren Kunstschaffenden, die in Hamburg während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Seine Geschichte und die vieler weiterer Kulturschaffender erzählt nun die Ausstellung „Kultur unter Kontrolle“, die aktuell im Hamburger Rathaus zu sehen ist.


Ein zweijähriges Forschungsprojekt

Wie sah die Hamburger Kulturpolitik während der NS-Zeit aus? Und wie gingen die Hamburger Museen, Theater, Bücherhallen und die Hochschule für Bildende Künste zwischen 1933 und 1945 mit der politischen Einflussnahme um? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die neue Wanderausstellung der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, die in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper, dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg und der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg entstand. Insgesamt zehn Kultureinrichtungen haben für die Ausstellung ihre Archive geöffnet, um dem Forschungsteam rund um Gisela Ewe, Sophia Annweiler, Lennart Onken und Alyn Šišić einen Blick auf den Kulturbereich und die Kulturverwaltung in Hamburg während des Nationalsozialismus zu ermöglichen.

Das Ergebnis ihrer zweijährigen Recherche ist die Ausstellung „Kultur unter Kontrolle“. Sie zeigt, wie seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten das kulturelle Geschehen in Hamburg durch eine eigens eingerichtete Kulturbehörde zentral gesteuert wurde. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auch auf der Verknüpfung der Kulturverwaltung mit den einzelnen Kulturinstitutionen und dem damaligen Kulturleben in der Hansestadt. An zentralen Einrichtungen wie zum Beispiel der Hamburger Kunsthalle macht die Ausstellung deutlich, wie die rassenpolitische Verfolgung diverser Kulturschaffender, das Verbot moderner Kunst als „entartet“ und eine ideologisch geprägte Volksbildung zentrale Bestandteile der nationalsozialistischen Kulturpolitik waren.


Einflussnahme auf die Hamburger Kulturlandschaft

Mit der Gründung der Behörde für kirchliche und Kunstangelegenheiten im Oktober 1933 wurden bedeutende Hamburger Kultureinrichtungen der direkten Kontrolle des NS-Staates unterstellt, was unmittelbaren Einfluss auf das kulturelle Leben in der Hansestadt hatte. Die Aufgabe der Behörde bestand darin, die auf Reichsebene beschlossene Gleichschaltung der Kultur durchzusetzen. Dies führte zum Ausschluss von Juden, Sinti und Roma sowie generell von Kunstschaffenden, die als kritisch, widerständig oder nicht konform galten. Moderne Kunst, oder solche die als „jüdisch“ oder „marxistisch“ galt, wurde als „kulturbolschewistisch“ abgewertet und aus dem öffentlichen Kulturleben verbannt.

Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ diente dabei als rechtliche Grundlage für die Entlassung unerwünschter Mitarbeitender, zum Beispiel aus Museen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Entscheidende Richtlinien kamen aus dem Reichspropagandaministerium und dem Reichserziehungsministerium; die Reichskulturkammer (RKK) regelte mit ihren zahlreichen Fachkammern, welche kulturellen Aktivitäten erlaubt waren, während die Hamburger Landesstelle die Einhaltung dieser Vorgaben in der Hansestadt überwachte.

In der NS-Zeit war die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer Voraussetzung für jede künstlerische Tätigkeit, wobei Juden sowie Sinti und Roma zunächst noch zugelassen waren. Im Laufe der Zeit wurden diese Kunstschaffenden jedoch zunehmend ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Die Ausstellung zeigt anhand einzelner Lebensgeschichten, dass dieser Ausschluss häufig den Beginn umfassender Verfolgung markierte, wie beim jüdischen Musiker Conrad Löwenherz oder wie im Fall des Geigers Hugo Franz, der als Sinto ab 1939 nicht mehr als Musiker arbeiten durfte. Franz wurde 1942 in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, überlebte mehrere Lager und setzte sich später für die Rechte der Sinti und Roma ein. Neben diesen Schicksalen einzelner Kunstakteure betrachtet die Ausstellung auch den Jüdischen Kulturbund, der jüdischen Kunstschaffenden und ihrem Publikum zeitweise kulturelle Angebote wie Konzerte, Tanz- und Kleinkunst-Abende ermöglichte. Trotz seiner Bedeutung wurde der Bund 1939 aufgelöst; viele der Mitglieder wurden später deportiert.


Hamburger Museen in der NS-Zeit

Die Kulturpolitik im Nationalsozialismus war oft widersprüchlich, da mehrere Behörden und Personen involviert waren. Bis zum Kriegsende gab es keine einheitliche Linie, etwa wenn es um die Kunst der Moderne ging. Einige Nationalsozialisten wollten sie vollständig verbieten, andere hielten bestimmte Richtungen wie „nordische Kunst“ für akzeptabel. In Hamburg kam es deshalb zu öffentlichen Auseinandersetzungen, als etwa 1935 die neu gestaltete Gemäldegalerie der Hamburger Kunsthalle eröffnete. Hier sollte die Entwicklung deutscher Malerei von der Klassik bis zur Moderne gezeigt werden, auch Werke des jüdischen Künstlers Max Liebermann und des Expressionisten Emil Nolde wurden ausgestellt. Das löste Kritik von Anhängern einer streng völkischen Kunstauffassung aus; der verantwortliche Leiter wurde daraufhin entlassen und die beanstandeten Werke als „entartet“ entfernt.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich 1936, als während der Olympischen Spiele der Hamburger Kunstverein die Ausstellung „Malerei und Plastik in Deutschland 1936“ zeigte – auch hier war wieder umstrittene Kunst der Moderne zu sehen. Der Präsident der Reichskammer für bildende Künste ordnete daraufhin persönlich die Schließung der Ausstellung nach nur zehn Tagen an. Danach wurde moderne Kunst im ganzen NS-Staat weitgehend verboten. 1937 beschlagnahmten die Behörden rund 20.000 Werke als „entartet“, viele davon wurden zerstört. Aus der Hamburger Kunsthalle wurden rund 1.000 Arbeiten entfernt.

In den historischen Museen und Heimatmuseen in Hamburg wurden in der NS-Zeit vor allem Ausstellungen rund um Tradition und Brauchtum gezeigt, nun auch mit einem Fokus auf Vor- und Frühgeschichte, um die rassistische NS-Ideologie zu stützen. Die Stadt plante sogar ein eigenes Museum für Vor- und Frühgeschichte, was aber letztendlich nicht verwirklicht wurde. Stattdessen diente das vorgesehene Gebäude in der Moorweidenstraße 1941 als Sammelstelle für die Deportation von Juden.

Die Ausstellung „Kultur unter Kontrolle“ thematisiert auch, wie Hamburger Kulturschaffende in NS-Verbrechen verwickelt waren: Museumsfachleute halfen zum Beispiel bei der Enteignung jüdischer Bürger; viele geraubte Objekte gelangten in Hamburger Sammlungen. Der Umgang der Museen mit diesem Raubgut wurde als eine vermeintliche „Rettung wertvoller Kunstschätze“ kommuniziert und hatte auch in der Nachkriegszeit kaum Konsequenzen für die beteiligten Akteure.


Kultur unter Kontrolle. Hamburger Kultureinrichtungen und die Kulturverwaltung im Nationalsozialismus

05.02.-10.03.2026
Diele des Hamburger Rathauses

Begleitend zur Ausstellung finden diverse Führungen und Rundgänge statt.


Foto: Angelika Schoder – Hamburger Rathaus, 2026


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Angelika Schoder

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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