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Max Halberstadt: Der vergessene Fotograf

Seine Porträts von Sigmund Freud sind weltbekannt – doch durch seine Flucht vor dem NS-Regime geriet er in Vergessenheit. Das Museum für Hamburgische Geschichte widmet dem Fotografen Max Halberstadt nun eine Ausstellung.

Jeder kennt das Porträt des „Vaters der Psychoanalyse“: Von Büchern, Zeitschriften oder Artikeln schaut einem bis heute das immer gleiche Foto von Sigmund Freud entgegen. Wer dieses berühmte Foto gemacht hat, dafür hat sich Jahrzehnte lang aber niemand interessiert. Der Name des Fotografen wurde nie genannt, der Mann hinter der Kamera damit in die Vergessenheit gedrängt. Das Museum für Hamburgische Geschichte widmet dem Fotografen, der übrigens Sigmund Freunds Schwiegersohn war, nun eine Sonderausstellung. Unter dem Titel „Der Fotograf Max Halberstadt …eine künstlerisch begabte Persönlichkeit“ zeigt das Museum jetzt nicht nur zahlreiche Arbeiten des Fotografen, Teile seiner Ausrüstung sowie Briefwechsel mit Sigmund Freud, sondern es wird auch beleuchtet, wie Max Halberstadt als Jude vor der Nationalsozialistischen Diktatur ins Exil fliehen musste und wie sein künstlerisches Erbe in Vergessenheit geriet.


Das Museum für Hamburgische Geschichte zeigt in der Ausstellung "Der Fotograf Max Halberstadt …eine künstlerisch begabte Persönlichkeit" zahlreiche Fotos und Dokumente, die von den Nachfahren von Max Halberstadt aufbewahrt wurden.
Das Museum für Hamburgische Geschichte zeigt in der Ausstellung „Der Fotograf Max Halberstadt …eine künstlerisch begabte Persönlichkeit“ zahlreiche Fotos und Dokumente, die von den Nachfahren von Max Halberstadt aufbewahrt wurden.

„Sein Ruf als Kuenstler und massgebender Sachverstaendiger und Techniker war nicht nur in dem ausgedehnten Kreise seiner Privatkundschaft, sondern auch in deutschen und auslaendischen Fachkreisen anerkannt.“

Bertha Halberstadt in einem Lebenslauf über ihren Mann, 28.05.1955

Der vergessene Fotograf

Max Halberstadt (1882-1940) galt in den 1920er Jahren als einer der bekanntesten Porträtfotografen Hamburgs. Er war das fünfte Kind eines jüdischen Schlachters und erlernte nach dem Abitur den Beruf des Fotografen. Seit 1907 führte er ein eigenes Atelier in Hamburg. Im Januar 1913 heiratete er die Tochter des in Wien lebenden Psychoanalytikers Sigmund Freud. Mit Sophie Freud (1893-1920) bekam er zwei Söhne, Ernst Wolfgang und Heinz Rudolf. Nach dem frühen Tod seiner Frau und seines zweiten Sohnes heiratete er 1923 die aus Duisburg stammende Bertha Katzenstein, mit der er die Tochter Eva bekam. Als 1933 seine Berufs- und Erwerbsmöglichkeiten durch die Nationalsozialisten eingeschränkt wurden, begann die Familie Halberstadt eine Emigration vorzubereiten. Im April 1936 konnte Max Halberstadt mit der M.S. Taiwan nah Südafrika reisen; sein Atelier und sein fotografisches Plattenarchiv musste er zuvor notgedrungen weit unter Wert verkaufen. Im November 1938 eröffnete er noch ein Atelier in Johannesburg, verstarb jedoch nur zwei Jahre später.

Obwohl Max Halberstadt ein sehr angesehener Fotograf in Hamburg war, tauchte sein Name bisher nicht in der Fotogeschichte der Hansestadt auf. Eine von Wilfried Weinke kuratierte Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte ändert dies nun. Ursprung der Recherche zu Max Halberstadt war ein Fax vom 28. Dezember 1999. Es stammte von seiner damals 74-jährigen Tochter Eva, die in Johannesburg lebte. Ihr war aufgefallen, dass der Name ihres Vaters unter den bekannten Hamburger Fotografen nirgends genannt wurde – obwohl er in den 1920er Jahren am Neuen Wall ein renommiertes Atelier betrieben und weltberühmte Fotografien von Sigmund Freud angefertigt hatte.

Nachforschungen begannen – und nur weil die Familie Halberstadt zahlreiche Fotografien und Dokumente aufbewahrt hatte, konnte nun die Ausstellung „Der Fotograf Max Halberstadt …eine künstlerisch begabte Persönlichkeit“ überhaupt ermöglicht werden. In Hamburger Archiven fanden sich nur wenige seiner Fotos, statt dessen aber um so umfangreichere Dokumente zu Max Halberstadts erzwungener Emigration aus NS-Deutschland nach Südafrika und Unterlagen zur sogenannten staatlichen Wiedergutmachung nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch diese zeigt das Museum in der Sonderausstellung.


Direkt am Eingang der Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte ist ein Porträt von Max Halberstadt zu sehen auf dem er ein Foto-Negativ in seinem Atelier betrachtet.
Direkt am Eingang der Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte ist ein Porträt von Max Halberstadt zu sehen auf dem er ein Foto-Negativ in seinem Atelier betrachtet.

„Er will in seinen Bildern die Menschen so darstellen wie sie sind, wie die nahen Verwandten und guten Freunde sie kennen, ohne falsche Aufmachung und wesensfremde Gebärde.“

H. Ph., Eindrücke eines Atelier-Besuches, In: Photofreund, Hamburg, 15.11.1920

Architektur, Kinder-Porträts und Collagen

Seit 1907 betrieb Max Halberstadt ein Foto-Atelier am Neuen Wall in Hamburg. Schon früh hatte er sich auf Porträts spezialisiert und präsentierte seine Arbeiten in Ausstellungen u.a. in Amsterdam, Brüssel, Budapest, Leipzig oder Toulouse. Er zählte zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner und veröffentlichte in deren Publikation „Das Atelier des Photographen“ vor allem Porträt- und Kinderfotos. Im Jahr 1920 widmete ihm die Hamburger Zeitschrift „Photofreund“ sogar eine Sonderausgabe, hier veröffentlichte er auch Architektur- und Reklamefotos sowie Fotomontagen. Seine Collagen erschienen zudem in der „Hamburger Illustrierten Zeitung“ oder im „November-Almanach“ anlässlich des November-Balls 1928 der Schriftsteller- und Künstlervereinigung Hamburger Gruppe.

Von 1913 bis zur seiner Emigration 1936 gehörte Max Halberstadt zur Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg. Im Gemeindeblatt warb er häufig für seine Arbeit als Fotograf, für „Photo-Bildnisse, Vergrößerungen, Innen-Aufnahmen“. Mehrfach fotografierte er die neun Kinder des Oberrabbiners Joseph Carlebach und für jüdische Publikationen fertigte er Fotos u.a. von der Hamburger Neuen Dammtor-Synagoge an, vom Unterricht der Israelitischen Töchterschule oder von der Gemeinde-Synagoge Kohlhöfen. Auch den Israelitischen Friedhof in Altona hatte Max Halberstadt fotografiert; 40 Aufnahmen befinden sich noch heute im Archiv des Denkmalschutzamts Hamburg. Einige dieser Arbeiten sind auch in der Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen.

Über interaktive Displays in der Ausstellung kann man zudem durch verschiedene Fotoalben blättern, etwa das der Familie Hirsch, das die Räume in ihrer Harvesterhuder Villa abbildet, oder das Album der Familie Reiss, das ihre Villa in Winterhude zeigt. Beide Familien mussten übrigens vor den Nationalsozialisten ins Ausland fliehen.


Weltbekannt sind die Porträts von Sigmund Freud, die bis heute auf Büchern, Zeitschriften und in Artikeln erscheinen. Lange war jedoch nicht bekannt, dass alle diese Fotografien von Max Halberstadt angefertigt worden waren.
Weltbekannt sind die Porträts von Sigmund Freud, die bis heute auf Büchern, Zeitschriften und in Artikeln erscheinen. Lange war jedoch nicht bekannt, dass alle diese Fotografien von Max Halberstadt angefertigt worden waren.

„Lieber Max, Wir haben mit grosser Befriedigung gehört, dass Du wieder verheiratet bist […]. Durch zehn Jahre warst Du unser Sohn und zwar ein zärtlicher Sohn, wie wir Dir gern bestätigen. Davon muss auch für die Zukunft etwas übrig bleiben. […] Mit herzlichem Gruß an Dich und die Deinigen, Papa.“

Brief von Sigmund Freud an Max Halberstadt, 03.12.1923, In: Sigmund Freud. Unterdes halten wir zusammen. Briefe an die Kinder. Hg.v. Michael Schröter et al., Berlin 2010

Sigmund Freud und Max Halberstadt

Im September 1909 kam Sigmund Freud erstmals nach Hamburg, um sich im Atelier von Max Halberstadt porträtieren zu lassen. Nach der Hochzeit mit Freuds Tochter Sophie wurde Halberstadt zum exklusiven Fotografen des Psychoanalytikers. Die Beziehung zwischen beiden Männern war erst geschäftlich, dann freundschaftlich und schließlich familiär. Dies zeigen Briefe, aus denen in der Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte zitiert wird. Freud wechselte in seiner Anrede von „Sehr geehrter Herr“ zu „Lieber Max“, „Dein Schwiegervater Freund“ und schließlich liebevoll „Papa“. Auch Max Halberstadt nannte seinen Schwiegervater „Papa“. Selbst nachdem Sophie früh verstarb bleiben beide in Kontakt und Freud wünscht Halberstadt alles Gute für seine zweite Ehe.

Alle bekannten Porträts von Sigmund Freud, die heute auf Büchern, Zeitschriften oder Artikeln zu sehen sind, stammen von Max Halberstadt. Sein Name als Fotograf wird dabei aber nie genannt. So kommt die Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte auch zu dem Fazit, dass durch diese Nicht-Nennung fast gelungen ist, was den Nationalsozialisten nicht gelungen war: Die Auslöschung des jüdischen Fotografen Max Halberstadt. Er selbst konnte glücklicherweise 1936 vor dem Holocaust mit seiner Familie fliehen. Die Ausstellung „Der Fotograf Max Halberstadt …eine künstlerisch begabte Persönlichkeit“ sorgt nun dafür, dass endlich auch der Name Max Halberstadts und sein künstlerisches Erbe wieder in die öffentliche Erinnerung zurückgerufen werden.


Der Fotograf Max Halberstadt …eine künstlerisch begabte Persönlichkeit

Museum für Hamburgische Geschichte
07.05.2021-03.01.2022


Bilder: Angelika Schoder – Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburg 2021


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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