[Ausstellung] Um 1900 revolutionierte Henri Matisse (1869–1954) die europäische Malerei mit seinen expressiven Farbkompositionen; in den 1950er Jahren schuf er mit seinen Collagen dann ein neues Konzept von Bildräumen. Zwischen diesen beiden Schaffensphasen liegen fünf Dekaden künstlerischer Erkundung, die dem Werk von Matisse einen besonderen Platz in der Kunst der Moderne sichert. Der Künstler vereint in seinen Arbeiten scheinbare Gegensätze: einfach und raffiniert, klassisch und expressiv, figurativ und abstrakt. Für zahlreiche Zeitgenossen wurde er mit seinen Werken gerade aufgrund seiner Vielschichtigkeit zum Bezugspunkt und für folgende Generationen auch zum künstlerischen Wegbereiter. Das CaixaForum Madrid präsentiert nun, in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou in Paris, eine umfassende Ausstellung über Henri Matisse, die 46 Arbeiten aus allen Schaffensperioden des Künstlers zeigt. Ergänzt werden diese mit 49 Werken anderer Kunstschaffender, wodurch ein Jahrhundert künstlerischer Kreativität und Avantgarde beleuchtet wird.
„Das Dekorative ist etwas äußerst Wertvolles in einem Kunstwerk. Es ist eine wesentliche Eigenschaft. Es ist nicht abwertend zu sagen, dass die Gemälde eines Künstlers dekorativ sind.“
Henri Matisse in einem Interview 1945
Chez Matisse: Das Erbe einer neuen Malerei
Die Ausstellung „Chez Matisse“ vereint, neben zahlreichen zentralen Werken von Henri Matisse, auch Arbeiten diverser Künstler der Moderne, wie etwa Pierre Bonnard, Georges Braque, Pablo Picasso, André Derain, Ernst Ludwig Kirchner oder František Kupka. Sie alle wurden von Matisse beeinflusst oder standen mit ihm im künstlerischen Dialog. Daneben legt die Ausstellung auch einen Fokus auf Künstlerinnen wie Sonia Delaunay, Françoise Gilot, Natalia Goncharova, Baya (Fatma Haddad), Anna-Eva Bergman und Zoulikha Bouabdellah.
„Chez Matisse“ zeigt, wie Matisse, inspiriert von den innovativen Künstlern des 19. Jahrhunderts, eine völlig neue Bildsprache für das 20. Jahrhundert schuf. Er arbeitete unermüdlich daran, in seinen Werken eine besondere Art der Einfachheit zu erreichen und Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren. Die Ausstellung beleuchtet vor diesem Hintergrund, wie die Art von Matisse mit Farben umzugehen und seine ganz eigene Sichtweise die Leinwand als Bildraum zu gestalten diverse Kunstrichtungen beeinflusste: den deutschen Fauvismus, den russischen Neo-Primitivismus und die amerikanische Malerei der 1940er Jahre. Gleichzeitig geht die Ausstellung auch darauf ein, wie das Werk von Matisse seine Zeit widerspiegelt: In den Kriegsjahren zeigen seine Bilder Angst und Nachdenklichkeit, später stehen seine Gemälde und Collagen für Lebensfreude, Sinnlichkeit und Genuss. Seine Werke können so als Dokumentation der Gefühlswelt einer ganzen Epoche gesehen werden.
Farbexperimente, Primitivismus und Porträts
In acht chronologisch geordneten Bereichen wird die künstlerische Entwicklung von Matisse und sein Einfluss auf spätere Generationen von Kunstschaffenden betrachtet. Seine frühe Karriere war dabei geprägt von seinem Lehrer Gustave Moreau; ein Selbstporträt, eine Pariser Stadtansicht und Stillleben aus den Jahren 1900 bis 1902 zeigen diese Anfangsphase. Das Werk „Vergnügen, Frieden und Überfluss“ (1904) markiert dann einen Wendepunkt: Matisse begann in seinem Motiv, ein Mittagessen am Meer, das Licht zu fragmentieren. In den Landschaften von Saint-Tropez und Collioure wurde seine Farbpalette leuchtend und intensiv, übrigens ebenso bei seinen Zeitgenossen wie Albert Marquet, André Derain, Maurice de Vlaminck, Georges Braque sowie Robert und Sonia Delaunay.
Der zweite Ausstellungsabschnitt beleuchtet die Zeit von 1907 bis 1913, als die Auseinandersetzung mit außereuropäischer Kunst es Matisse ermöglichte, traditionelle Kunstregeln zu hinterfragen. Zu sehen sind hier seine Skulpturen von 1907 bis 1930 neben Jacques Lipchitz’ Werk „L’Enlèvement d’Europe“ (1938). Matisse verband sich zu dieser Zeit mit der deutschen und russischen Avantgarde, die ebenfalls von der sogenannten „Primitiven Kunst“ fasziniert war. Wie seine deutschen Zeitgenossen Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde suchte der Künstler zu dieser Zeit nach einer emotionalen Grundlage für seine Kunst. In Russland wurden die Werke von Matisse zusammen mit Gemälden von Mikhail F. Larionov und Natalia Goncharova ausgestellt, die sich von Volkskunst inspirieren ließen.
Während des Ersten Weltkriegs wurden die Farben in den Werken von Matisse dann dunkler. Er schuf intime Räume und führte Türen und Fenster als Motive ein, als Schwellen zu einer beunruhigenden Welt. Diese Themen finden sich auch bei Zeitgenossen wie Kees Van Dongen und František Kupka. Wichtig für diese Zeit waren auch Porträts, etwa von der Schauspielerin Greta Prozor (1916) und vom Sammler Auguste Pellerin (1917), in denen Matisse versuchte, eine gefühlsmäßige Verbindung zu seinem Gegenüber herzustellen.
„Das Wesen der modernen Kunst besteht darin, Teil unseres Lebens zu sein. Ein Gemälde in einem Innenraum strahlt durch seine Farben eine Freude aus, die uns erhellt.“
Henri Matisse in einem Interview 1945
Abstraktion und Neuanfang
Als der Kubismus 1908 aufkam, wurde Matisse zu einem wichtigen Akteur der Pariser Avantgarde und empfing führende Kunstschaffende bei sich Zuhause. Im August 1914 schuf er das Werk „Fenstertür in Collioure“, ein Schlüsselwerk das zwar unvollendet blieb, aber sein erstes Konzept des „schwarzen Lichts“ zeigte. Er verwendete hier intensive Farbflächen, die neue Richtungen seiner Malerei vorwegnahmen. Dieser Ansatz beeinflusste František Kupka mit seinen vertikalen Farbstreifen und abstrakten Kompositionen, wie die Ausstellung hier zeigt. Und auch das eigene Werk von Matisse entwickelte sich dadurch weiter, wie das Porträt seiner Tochter Marguerite zeigt, in dem kubistische Strukturen auftauchen.
Ende 1917 zog Matisse dann nach Nizza an die französische Riviera und konzentrierte sich auf Innenszenen mit weiblichen Modellen, um das Verhältnis zwischen Figur und Raum zu erforschen. Die Personen und Gegenstände in diesen Werken erinnern an seine Reisen nach Spanien und in den Maghreb. Wie bei Albert Marquet und Kees Van Dongen inspirierte das mediterrane Licht seine Malweise auf neue Art. Weitere Gegenüberstellungen in diesem Ausstellungsabschnitt sind das „Stillleben mit grünem Büfett“ (1928) von Matisse neben Picassos „Stillleben mit Kerzenständer“ (1944) und Françoise Gilots „Spülbecken und Tomaten“ (1951). Hier werden Unterschiede zwischen den Künstlern deutlich: während Gilot den einfühlsamen Umgang mit Objekten mit Matisse teilte, betonte Picasso seinen eigenen Stil.
Neue künstlerische Ausdrucksformen
1936 erlebte Matisse eine kreative Blockade und wandte sich Cézanne und Bonnard zu, um sein Dilemma bei der Darstellung der menschlichen Figur zu lösen. Im gleichen Jahr begann der Künstler mit Gouache bemalte Papiere für Zeitschriftencover zu nutzen. In seinem Buch „Jazz“ (1947) entwickelte er diese Technik zur eigenständigen Kunstform; durch direktes Schneiden in farbiges Papier schuf er Formen in ihrer reinsten Ausprägung. 1951 arbeitete Matisse dann mit Le Corbusier an der Rosenkranzkapelle in Vence an der französischen Riviera. In Frankreich experimentierten außerdem Raymond Hains und Jacques Villeglé in ihrem Film „Pénélope“ (1950-1980) mit dem Werk von Matisse und auch die algerische Künstlerin Baya griff seine dekorativen Formen auf, wie die Ausstellung zeigt. 1961 brachte die Ausstellung „Les grandes gouaches découpées“ im Pariser Musée des Arts Décoratifs außerdem Arbeiten von Matisse mit denen von jungen Kunstschaffenden wie Daniel Buren und Michel Parmentier zusammen, die die Collage-Technik und die Bedeutung des weißen Hintergrunds als Kompositionselement für sich entdeckten.
Die Ausstellung endet mit einer Betrachtung von Matisse als Inspiration für Pop-Art und postkoloniale Kunstformen. Besonders hervorgehoben wird die russisch-algerische Videokünstlerin Zoulikha Bouabdellah, die zeigt, wie das Werk von Matisse die moderne Kunst in Malerei, Video und Film beeinflusst hat.
Chez Matisse. El Legado de una Nueva Pintura
29.10.2025-22.02.2026
CaixaForum Madrid
Im Anschluss wird die Ausstellung im CaixaForum Barcelona vom 26. März bis 16 August 2026 zu sehen sein.
Header-Bild: Henri Matisse: Portrait von Greta Prozor (1916) – Centre Pompidou, Paris. Musée national d’art moderne / Centre de création industrielle, AM 1982-426 – Foto: Angelika Schoder, Madrid 2025
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Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.
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