Matisse, Derain und die Fauves: Die Pariser Avantgarde in Basel

In der Ausstellung „Matisse, Derain und ihre Freunde“ zeigt das Kunstmuseum Basel zentrale Werke des Fauvismus. Im Mittelpunkt stehen dabei die wichtigsten Akteure der ersten Avantgarde-Bewegung des 20. Jahrhunderts.

In der Ausstellung "Matisse, Derain und ihre Freunde" zur Pariser Avantgarde zeigt das Kunstmuseum Basel zentrale Werke der Fauves.

[Pressereise] Alles begann im Jahr 1892, als Henri Matisse, Albert Marquet und Henri Manguin sich während ihres Studiums an der École des Arts Décoratifs in Paris kennenlernten. Parallel besuchten Raoul Dufy und Othon Friesz in Le Havre gemeinsam Abendkurse an der École des Municipale des Beaux-Arts, an der später auch George Braque lernte. Gegen Ende der 1890er Jahre kreuzen sich die Wege der Künstler in Paris, hinzu kamen André Derain, Jean Puy, Maurice de Vlaminck, Auguste Chabaud und einige weitere Akteure, die schließlich zur Gruppe der Fauves gezählt werden sollten. Namensgeber dieser ersten Avantgarde-Bewegung des 20. Jahrhunderts, die vor allem in den Jahren zwischen 1904 und 1908 durch Werke mit expressivem Farbauftrag und ungewöhnlichen Farbkombinationen auf sich aufmerksam machte, war der Kunstkritiker Louis Vauxcelles. In einem Artikel von 1905 beschrieb dieser die damals noch eher weniger bekannte Künstler-Clique als „fauves“, als wilde Bestien, die mit den geltenden akademischen Konventionen der Kunst brachen. In der Ausstellung „Matisse, Derain und ihre Freunde“ widmet sich das Kunstmuseum Basel nun den Fauves und ihren Farbexperimenten, wobei auch Künstlerinnen wie Émilie Charmy und Marie Laurencin nicht vergessen werden, ebenso wie die Galeristin Berthe Weill, die als wichtige Förderin der fauvistischen Kunst gilt.


Alexej von Jawlensky: Selbstbildnis (1911)
Detail aus: Alexej von Jawlensky: Selbstbildnis (1911) – Kunstmuseum Basel – gemeinfrei

Farben jenseits der Realität

In Kontakt miteinander kamen einige Künstler, die sich später zur Gruppe der Fauves zusammenfinden sollten, über die Klasse von Gustave Moreau an der Pariser École des Beaux-Arts. Auch nach ihrer Studienzeit trafen sich Henri Matisse, Albert Marquet, Henri Manguin und andere zu gemeinsamen Modell-Studien. In ihren Gemälden experimentierten sie dabei mit neuen Darstellungsweisen der menschlichen Figur, in erster Linie aber auch mit außergewöhnlichen Farbvariationen, die mitunter sehr gewöhnungsbedürftig waren und mit den künstlerischen Konventionen brachen. So beschrieb Jean Puy etwa das Bild „Nu aux souliers roses“ (1900) von Henri Matisse aufgrund seiner extremen Farbgebung als „völlig jenseits der Realität“, eine regelrechte „Grausamkeit gegenüber dem Auge“.

Auch André Derain und Maurice de Vlaminck, die ein gemeinsames Atelier im Pariser Vorort Chatou nutzen, erprobten in ihren Bildern neuartige Farbvariationen, ganz ähnlich zu Matisse. Bei einem Aufenthalt im südfranzösischen Fischerdorf Collioure entwickelten Derain und Matisse dann gemeinsam ihre neue Bildsprache weiter, angeregt durch das mediterrane Licht und den damit verbundenen Schattenwurf. Die so entstandenen expressiven Landschaftsbilder prägten den späteren Stil der Fauves.

Doch der Fauvismus traf nicht überall direkt auf ein begeistertes Publikum: Beim 3. Salon d’Automne, der 1905 im Grand Palais in Paris stattfand, sorgten Bilder von Manguin, Matisse und von den anderen mit ihnen assoziierten Künstlern für Entsetzen – aber auch für Bewunderung. In seiner Kritik vom 17. Oktober 1905 in der Gil Blas [1] verlieh der Kunstkritiker Louis Vauxcelles der Gruppe daraufhin ihren Namen: Nur „wilde Bestien“ würden so mit Farbe umgehen. Dabei ging es den Künstlern in erster Linie um ihre persönliche Wahrnehmung statt um die Darstellung der Realität, etwa bei „La Plage rouge“ (1905) von Henri Matisse. Nach eigener Aussage „funktionierte“ für ihn hier die Wiedergabe der tatsächlichen Farbe des Strandes nicht. Unbewusst hatte er sich bei seinem Landschaftsbild für Rot entschieden, um den Sand an der Küste darzustellen.


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Detail aus: Suzanne Valadon: La grenouille (1910)
Detail aus: Suzanne Valadon: La grenouille (1910) – Kunstmuseum Basel – gemeinfrei

Landschaften, Familienszenen und das Nachtleben

Auf Motiv-Suche begaben sich die Fauves in ihrem Umfeld, rund um Paris, in der Normandie oder in Südfrankreich. Insbesondere Küstenlandschaften und idyllische Naturszenen, die mit Verweis auf künstlerische Vorbilder wie Henri Rousseau oder Paul Gauguin eine Sehnsucht nach exotischen Orten wecken sollten, aber auch Badeorte weckten ihr Interesse. Letztere dienten ihnen als symbolisch aufgeladene Gegenwelten zum Stadtleben und als Spiegel der Tourismus- und Freizeitkultur, die sich um die Jahrhundertwende entwickelt hatte. Die Künstler arbeiteten bei diesen Werken vor allem schnell; ohne Grundierung der Leinwand wurden meist ungemischte Farben aufgetragen, teils direkt aus der Tube. Dies brachte ihnen den Spott-Namen „Affichistes“ ein, die Plakatmaler.

Doch auch Familienszenen und Stillleben zählten zum Repertoire der Künstler. Insbesondere Amélie Matisse-Parayre stand ihrem Mann und einigen seiner Kollegen oft Modell. Weitere typische Motive waren Porträts von Kindern und Jugendlichen, aber auch die Darstellungen von privaten Wohnräumen und Stilleben. Neben dem Privaten widmeten sich die Fauves auch dem Nachtleben in Konzertsälen, Variétés und Tanzlokalen. Auch ein Blick in die Pariser Bordelle gehörte dazu. So entstanden zahlreiche Porträts von Sexarbeiterinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen, gemalt von Camoin, Derain oder Kees van Dongen. Zu einem der bekanntesten Werke von van Dongen zählt „Modjesko, sopraniste“ (1908), in dem er den bekannten afroamerikanischen Drag-Performer Claude Modjesko als schillernde Sopranist*in porträtierte.


Alexej von Jawlensky: Dorf Murnau (1908)
Detail aus: Alexej von Jawlensky: Dorf Murnau (1908) – Kunstmuseum Basel – gemeinfrei

Das Netzwerk der Fauves

Der Titel „Matisse, Derain und ihre Freunde“ verrät, dass die Ausstellung auch über den Tellerrand der Fauves hinaus blickt und die Künstler und ihren Einfluss auch in den internationalen Entwicklung der Kunst der Moderne verortet. Kunstschaffende wie Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin waren zur selben Zeit wie die Fauves in Paris aktiv und stellten teilweise auch in den Salons aus. Insbesondere die Mitglieder der deutschen Künstlervereinigung „Die Brücke“ arbeiteten mit ähnlichen Farbexperimenten und bezogen sich zum Teil auch explizit auf die Bilder der Fauves, wie die Ausstellung zeigt. Auch in Großbritannien und den USA wurden Fauvismus und Post-Impressionismus aufgegriffen, etwa in England durch den Künstler und Kritiker Roger Fry oder in den USA durch Akteure wie Gertrude Stein oder Max Weber.

Die Ausstellung betrachtet neben dem Werk der Fauves und ihrem künstlerischen Umfeld schließlich auch die Frauen, die die Arbeit der Künstler im Hintergrund unterstützten und förderten. So wird der Blick etwa auf Amélie Matisse-Parayre gelenkt, die nicht nur ein häufig gemaltes Modell war, sondern darüber hinaus auch die künstlerische Arbeit ihres Mannes finanziell ermöglichte. Von 1899 bis 1902 betrieb sie ihr eigenes Hutgeschäft und war damit vor allem in den ersten Jahren die Haupternährerin ihrer fünfköpfigen Familie, als Matisse noch keinen großen kommerziellen Erfolg als Künstler verzeichnen konnte.

Eine andere wichtige Frau im Umfeld der Fauves war Berthe Weill. Sie eröffnete 1901 als eine der ersten Frauen in Paris eine eigene Galerie und stellte bereits ab 1902 Werke von Matisse und Marquet aus. So wurde sie in Kunstkreisen zu einer wichtigen Förderin der Fauves. Auch in den folgenden Jahren blieb sie mit vielen Mitgliedern der Künstlergruppe eng verbunden und widmete ihnen immer wieder Ausstellungen. Insbesondere förderte sie auch Künstlerinnen, etwa die als „la fauvette“ bekannte Marie Laurencin oder Émilie Charmy, von der Weill sich 1910 porträtieren ließ und mit der sie eine langjährige Freundschaft pflegte. Die Galeristin, so zeigt das Kunstmuseum Basel, war damit eine echte Pionierin des Kunsthandels der Moderne, die sich der Förderung junger, noch nicht etablierter Positionen verschrieben hatte. Doch auch Charmy war eine Pionierin, so traute sie sich als Frau, entgegen aller Konventionen, Prostituierte zu malen und sich auch selbst freizügig und selbstbewusst darzustellen. Ein Beispiel ist ein Selbstporträt von 1906, in dem sie in lasziver Pose und mit entblösster Brust zu sehen ist – ein Akt der Befreiung aus der patriarchal geprägten Gesellschaft.


Begleitend zur Ausstellung erschien die Publikation „Matisse, Derain und ihre Freunde. Die Pariser Avantgarde 1904-1908“, herausgegeben von Arthur Fink, Claudine Grammont und Josef Helfenstein für das Kunstmuseum Basel, 2023 im Deutschen Kunstverlag (ISBN: 978-3-422-80118-9). Der Ausstellungskatalog mit zahlreichen farbigen Werkabbildungen beinhaltet auch Reprints zeitgenössischer Publikationen, eine Chronologie sowie Essays von u.a. Peter Kropmanns, Claudine Grammont, Gabrielle Houbre, Arthur Fink, Maureen Murphy und Pascal Rousseau.


Matisse, Derain und ihre Freunde. Die Pariser Avantgarde 1904-1908

Kunstmuseum Basel
02.09.2023–21.01.2024


Header-Bild: Detail aus: Wassily Kandinsky: Studie zu Murnau – Landschaft mit Kirche (1909) – Kunstmuseum Basel – gemeinfrei, bearbeitet


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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Fußnoten

[1] Louis Vauxcelles, Le Salon d’Automne: Gil Blas, 17. Oktober 1905. In: Matisse, Derain und ihre Freunde. Die Pariser Avantgarde 1904-1908, Hg.v. Arthur Fink, Claudine Grammont, Josef Helfenstein, 2023, S. 80-87.


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