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Pionnières: Künstlerinnen im Paris der 1920er Jahre

Mit der Ausstellung „Pionnières“ rückt das Musée du Luxembourg die Künstlerinnen des Paris der 1920er Jahre in den Mittelpunkt, von Josephine Baker bis Suzanne Valodon.

Erst seit wenigen Jahren kommt der Rolle von Künstlerinnen in der Avantgarde eine größere Aufmerksamkeit zu, dies zeigen vor allem die Ausstellungen zum Surrealismus in der jüngsten Vergangenheit. Denn wer sich dem Fauvismus, dem Kubismus, Dada oder eben dem Surrealismus nur über die Werke männlicher Künstler annähert, erhält nur einen unvollständigen Eindruck dieser künstlerischen Strömungen. Tatsächlich waren Bildende Kunst, Architektur, Tanz, Design, Literatur oder Mode ebenso von Frauen geprägt – dies zeigt nun die Ausstellung „Pionnières. Artistes dans le Paris des Années folles“ im Pariser Musée du Luxembourg. Im Fokus stehen hier „Pionierinnen“, welche die Gesellschaft der 1920er Jahre in Paris auf viele Arten nachhaltig beeinflusst haben.


Die Ausstellung "Pionnières. Artistes dans le Paris des Années folles" ist noch bis Mitte Juli 2022 im Musée du Luxembourg in Paris zu sehen.
Die Ausstellung „Pionnières. Artistes dans le Paris des Années folles“ ist noch bis Mitte Juli 2022 im Musée du Luxembourg in Paris zu sehen.

Pionierinnen der 1920er Jahre

Für Frauen war es zu Beginn des 20. Jhd. nicht einfach, beruflich ernst genommen zu werden – insbesondere im künstlerischen Bereich. Im Paris der „Wilden Zwanziger“ galten Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung meist als Musen für männliche Künstler, als Partnerinnen im Hintergrund oder schmückendes Beiwerk. Ob von Künstlerkollegen oder vom Publikum, in der Regel wurde kaum eine Frau damals als eigenständige Künstlerin wahrgenommen.

Das Musée du Luxembourg stellt nun eine Reihe bemerkenswerter Frauen aus dem Paris der 1920er Jahre vor, von denen einige Namen bekannt sind, etwa Claude Cahun oder Tamara de Lempicka, unter denen sich aber auch zahlreiche bisher kaum bekannte Künstlerinnen entdecken lassen. Sie alle wollten sich zu ihrer Zeit nicht auf klassische Rollenstereotype beschränken lassen und brachen mit den damals gängigen Konventionen.

Neben Malerei und Skulptur rückt „Pionnières. Artistes dans le Paris des Années folles“ verschiedene Kunstformen in den Fokus, von Mode und Design über Tanz und Unterhaltung bis hin zu Architektur und Literatur. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit gibt die Ausstellung diversen Künstlerinnen, von denen einige noch nie in Frankreich gezeigt wurden, ein Gesicht und zeigt ausgewählte Werke. Im Zentrum steht dabei die Besonderheit eines weiblichen Blicks, die Fluidität der Geschlechter und der Kampf für Vielfalt.


Die Ausstellung zeigt Werke von Suzanne Valodon (Marie-Clémentine Valodon, 1865-1938).
Die Ausstellung zeigt Werke von Suzanne Valodon (Marie-Clémentine Valodon, 1865-1938). Sie arbeitete selbst erst als Modell, bevor sie ab 1890 erste Ölgemälde schuf. In ihren Bildern ist oft die moderne, emanzipierte Frau dargestellt.

Der Erste Weltkrieg als Katalysator

Die Ausstellung beginnt unter dem Motto „Frauen an allen Fronten“ mit dem Einfluss des Ersten Weltkriegs auf die Emanzipationsbewegung. Während in Großbritannien schon seit dem Ende des 19. Jhd. die Suffragetten für Frauenrechte kämpften, wurde in Frankreich erst der Krieg zum wichtigen Katalysator. Während die Männer an der Front waren, übernahmen die Frauen zunehmend ihre Rollen in der Arbeitswelt – ob in der Landwirtschaft oder als Ärztinnen, aber auch selbst an der Front als Krankenschwestern. Als zentrales Werk zeigt die Ausstellung hier das Gemälde „La Mort et la Femme“ (1917) von Marevna (geb. Marie Vorobieff, 1892-1984), in dem ein Skelett in Uniform einer Frau mit Gasmaske bei einem Drink gegenübersitzt.

Das wichtigste Zentrum der künstlerischen Empanzipationsbewegung war Paris, wo insbesondere in den Vierteln Montparnasse und Montmartre private Akademien auch Frauen ausbildeten. Viele wichtige Orte der Kunst wurden hier von Frauen betrieben: Adrienne Monnier und Sylvia Beach eröffnen in der Rue de l’Odéon die Buchhandlungen „La Maison des Amis des livres“ und „Shakespeare and Company“, die zu den wichtigsten Orten für das literarische Schaffen der Zeit wurden. Marie Vassilieff gründete bereits 1910 die „Académie russe“ sowie 1912 die „Académie Vassilieff“ und Marie Laurencin unterrichtete ab 1924 zusammen mit Fernand Léger an der „Académie moderne“. Hier wurden mehrere Künstlerinnen ausgebildet, die sich der Abstrakten Malerei verschrieben und von denen einige in der „Pionnières“ Ausstellung zu sehen sind.


Insgesamt 45 Künstlerinnen werden in der Ausstellung des Musée du Luxembourg vorgestellt.
Insgesamt 45 Künstlerinnen werden in der Ausstellung des Musée du Luxembourg vorgestellt.

Künstlerische Vielfalt

Frauen in der Kunst arbeiteten in den 1920er Jahren vor allem multidisziplinär. Ein Grund dafür war, dass die meisten aus ökonomischen Gründen mehrere Standbeine benötigten, um sich zu finanzieren. So schufen manche Akteurinnen nicht nur Gemälde und Skulpturen, sondern parallel auch Mode, Inneneinrichtung und Kostüme für Live-Shows, aber auch Gebrauchsobjekte wie Puppen. So war die „Porträtpuppe“ eine Erfindung von Marie Vassilieff (geb. Marija Iwanowna Wassiljewa, 1884-1957), die sie sehr lukrativ neben Marionetten für Theatergruppen herstellte. Weitere Künstlerinnen, die Puppen und Marionetten entwarfen, waren Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) und die polnische Künstlerin Stefania Lazarska (1887-1977). Letztere fertigte Puppen in historischen oder folkloristischen Kostümen, die sie zugunsten der polnischen Künstlergemeinschaft in Paris verkaufte. 1915 beschäftigte sie in ihrer Werkstatt immerhin 210 Personen. Die Ausstellung zeigt neben den Arbeiten dieser Künstlerinnen auch Werke von Sonia Delaunay (1885-1979) und Sarah Lipska (1882-1973), die in ihren Boutiquen selbst entworfene Kleidung, Möbel und Design-Gegenstände verkauften.

Als eine der bekanntesten Künstlerinnen im Paris der 1920er Jahre gilt Josephine Baker (1906-1975). Die Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin verkörperte das Ideal der „neue Eva“ und lieh ihr Gesicht einigen Merchandising-Produkten. Baker war aber auch Unternehmerin und eröffnete ein Kabarett-Restaurant, gründete eine Zeitschrift und wurde eine der bestbezahlten Künstlerinnen Europas. Neben Baker geht es im Ausstellungsabschnitt zu den „Garçonnes“ auch um Frauen, die zu ihrer Zeit Geschlechteridentitäten hinterfragten. Claude Cahun (geb. Lucy Renée Schwob, 1894-1954) oder Marcel Moore (geb. Suzanne Malherbe, 1892-1972) machten ihre Körper zu Werkzeugen ihrer Kunst und erfanden sich damit immer wieder neu.


Josephine Baker war nicht nur Star des Nachtlebens sondern auch Werbe-Ikone
Sie wurde in Paris zur Legende: Die Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker war nicht nur Star des Nachtlebens sondern auch Werbe-Ikone – wie hier für Haarpflege.

Frauenbilder und Bilder von Frauen

Für viele Kunstschaffende der 1920er Jahre wurde das Selbstporträt zum bevorzugten Genre. Ob die Darstellung als professionelle Künstlerin, als Modell oder auch als Mitglied eines Künstlerpaares – Selbstporträts spiegeln eine Vielfalt an Identitäten. Auch die Rolle als Mutter nimmt hier einen wichtigen Platz ein, denn in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde in Frankreich eine von der Politik gewollte Steigerung der Geburtenrate zum Thema. Künstlerinnen wie Mela Muter (geb. Maria Melania Mutermilch, 1876-1967) und Maria Blanchard (geb. María Gutiérrez Cueto y Blanchard, 1881-1932) griffen dies in ihren Gemälden auf und schufen Motive, die vom traditionellen Bild der glücklichen Mutterschaft abweichen und eher die Belastung darstellen. Chana Orloffs (1888-1968) Skulpturen unabhängiger Mütter verherrlichen hingegen eine kraftvolle Vision der Frau, die sowohl die Rolle beider Elternteile als auch die einer erfolgreichen Künstlerin übernehmen kann.

Tamara de Lempicka (geb. Maria Rozalia Gurwik-Górska, 1898-1980) ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet. Hier geht es u.a. um das Motiv der „zwei Freundinnen“, das eine enge, teils auch sexuelle Beziehung zwischen Frauen darstellt. Lempicka griff in ihren Gemälden ihre eigenen Erfahrungen auf, mit denen sie offen umging. Zu dem weiblichen Blick auf den Körper allgemein kommt hier der begehrende Blick einer Frau auf den Körper einer anderen Frau. In der Ausstellung zu sehen ist hier „Les Deux Amies“ (1923), auf dem eine nackte Frau über den Körper einer nackten Schlafenden wacht, und „La Belle Rafaela“ (1927), die verführerische Darstellung eines liegenden Aktes. Zu Lempickas Motiven zählte übrigens auch die Sängerin Suzy Solidor, eine lesbische Ikone der Pariser Szene, deren Lieder auch in der Ausstellung zu hören sind.

Im letzten Abschnitt betrachtet die Ausstellung Künstlerinnen, die, nachdem sie in Paris eine künstlerische Ausbildung erhalten hatten, auf anderen Kontinenten tätig waren. Gezeigt werden u.a. Werke der Brasilianerin Tarsila Do Amaral (1886-1973) und der indisch-ungarischen Künstlerin Amrita Sher-Gil (1913-1941). Auch Werke von Lucie Cousturier (1876-1925) und Anna Quinquaud (1890–1984) sind hier zu sehen, die ihre Eindrücke aus Afrika zeigen. Zentrales Werk in diesem Ausstellungsraum ist das Gemälde „Sans titre“ (American Picnic, 1918) von Juliette Roche (1884–1980), eine Neuinterpretation von „La Danse“ von Henri Matisse. Hier stellen drei Frauen einen Dialog zwischen unterschiedlichen Hautfarben dar und androgyne Tänzer scheinen alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufzuheben – eine Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben in einer diversen Gesellschaft.


Pionnières. Artistes dans le Paris des Années folles

02.03.-10.07.2022
Musée du Luxembourg, Paris


Header-Bild: Detail aus: Suzanne Valadon: La Chambre bleue (1923), Centre Pompidou – Public Domain / Foto: Angelika Schoder,
Bilder: Angelika Schoder – Musée du Luxembourg, Paris 2022


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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