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Meret Oppenheim im Kunstmuseum Bern

Das Kunstmuseum Bern widmet der Künstlerin Meret Oppenheim eine große Retrospektive, die Werke aus 50 Jahren versammelt und zeigt, dass sie mehr ist als die Surrealistin mit der „Pelztasse“.

Rezension/Werbung – Zur ersten Einzelausstellung in Basel von Meret Oppenheim schrieb der Künstler Max Ernst 1936 spöttisch: „Wer überzieht die Suppenlöffel mit kostbarem Pelzwerk? Das Meretlein. Wer ist uns über den Kopf gewachsen? Das Meretlein“. [1] Im gleichen Jahr hatte das Museum of Modern Art in New York die „Pelztasse“ der erst 22-jährigen Künstlerin als Inbegriff des Surrealismus in der Ausstellung „Fantastic Art, Dada, Surrealism“ gezeigt. Schon in jungen Jahren war Meret Oppenheim ihren männlichen Kollegen aus der Gruppe der Surrealisten mehr als ebenbürtig. Das Kunstmuseum Bern widmet der Künstlerin nun die Sonderausstellung „Meret Oppenheim. Mon exposition“, eine groß angelegte Retrospektive, die Werke von 1929 bis 1985 versammelt. Begleitend dazu ist ein umfangreicher Ausstellungskatalog im Hirmer Verlag erschienen, der zeigt, dass Oppenheim sich nicht auf den Surrealismus reduzieren lässt.


„Ein Komma wird in ihrer Hand zum Zauberstab. […] Mit Zwanzig verschliesst sie sich vornehm in eine Luftspalte und verschluckt den Schlüssel.“ [2]

Max Ernst in der Einladung zu Meret Oppenheims Einzelausstellung 1936 in der Galerie Schulthess

Das pelzige Objekt

Die gebürtige Berlinerin Meret Oppenheim (1913-1985), die die meiste Zeit ihres Lebens in der Schweiz verbrachte, gilt heute als eine der wichtigsten Vertreterinnen des Surrealismus. In der Ausstellung „Meret Oppenheim. Mon exposition“ zeigt das Kunstmuseum Bern nun zum einen ihre frühen Arbeiten, etwa die „Pelzhandschuhe“ (1936). Oppenheims Assoziation mit dem Material Pelz geht dabei vor allem auf die Skulptur mit dem Titel „Objekt“ zurück, die zum Sinnbild des Surrealismus werden sollte. Selbst die Entstehungsgeschichte des Werks erscheint dabei wie ein surrealistischer Akt: Laut Meret Oppenheim geht die Idee für das „Objekt“, bei dem eine Tasse, ein Löffel und eine Untertasse mit Pelz überzogen wurden, auf eine Begegnung mit Pablo Picasso und Dora Maar Anfang 1936 zurück.

Bei einem Treffen im Pariser Café de Flore trug Oppenheim eines ihrer pelzbesetzten Armbänder – sie hielt sich zu dieser Zeit als Schmuckdesignerin finanziell über Wasser. Picasso und Maar bewunderten das Schmuckstück und es ergab sich die Diskussion, dass man alles mit Pelz besetzen könnte, „sogar diese Tasse“, wie Oppenheim mit einem Blick auf den Cafétisch scherzte. Kurz nach dieser Begegnung lud André Breton, der Gründer der Gruppe der Surrealisten, die Künstlerin dazu ein, an einer Ausstellung mit surrealistischen Objekten in der Pariser Galerie Ratton teilzunehmen. So kaufte Meret Oppenheim eine billige Porzellantasse samt Untertasse und Löffel und überzog alles mit einem Stück Pelz, das sie noch zu Hause hatte. [3] Eines der ikonischen Werke des Surrealismus war geboren, das sich bis heute in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York befindet.

Neben bekannten Kunstwerken von Meret Oppenheim wie der Skulptur „Ma gouvernante – my nurse – mein Kindermädchen“ (1936), zeigt die Ausstellung „Mon exposition“ auch bisher kaum bekannte Werke der Künstlerin, die in den Nachkriegsjahren entstanden. Dabei werden Parallelen zu zeitgenössischen Kunstströmungen wie Pop Art, Nouveau Réalisme, Arte Povera oder postmodernem Design aufgezeigt.


„Ich belege ein schweres Armband mit Ozelot. Ich treffe Dora Maar und Picasso im Café Flore. Beide sind von der Idee angetan. Inzwischen kühlt der Tee ab. Ich: Garçon, mehr Pelz!“ [4]

Meret Oppenheim im Katalog zu ihrer ersten Retrospektive nach dem Krieg, 1967

Mon exposition

Die Retrospektive im Kunstmuseum Bern ist eine Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art in New York und der Menil Collection in Houston, Texas. In insgesamt 12 Räumen auf zwei Stockwerken werden rund 200 Arbeiten auf Papier, Objekte, Skulpturen und Gemälde gezeigt. Der Ausstellungstitel „Mon exposition“ geht dabei auf eines von Oppenheims letzten Projekten zurück: eine imaginäre Retrospektive ihres Lebenswerks mit ausgewählten Arbeiten, die sie eigens dafür in Miniaturansicht gezeichnet hatte. Im Jahr 1984 zeigte Oppenheim eine Version dieser Ausstellung in der Kunsthalle Bern. Im Ausstellungskatalog sind diese Zeichnungen, die 1983 mit Bleistift, Farbstift und Kugelschreiber auf 12 Blättern entstanden, einsehbar. [5] Hier ist auch auf französisch vermerkt, dass diese „Imaginäre Ausstellung“ nur ein Beispiel einer möglichen Retrospektive sei. [6]

Meret Oppenheim verfügte, dass das Kunstmuseum Bern nach ihrem Tod ein Drittel ihrer Arbeiten für seine Sammlung auswählen durfte. Das Museum besitzt daher bis heute den weltweit größten Bestand an Werken der Künstlerin. Mit der Ausstellung „Meret Oppenheim. Mon exposition“ wird nun Oppenheims Idee einer Retrospektive wieder aufgegriffen; die Grundlage bildet der umfangreiche Sammlungsbestand des Museums.


Mehr als Surrealismus

Die Ausstellung „Mon exposition“ befasst sich mit Oppenheims künstlerischen Anfänge im Paris der 1930er Jahre, eine Phase, in der sie sich im Austausch mit der Gruppe der Surrealisten befand. Aber es wird darüber hinaus auch ein besonderer Fokus auf ihre weitere künstlerische Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt, mit Stationen in Basel, Carona, Paris und Bern. Hier wird deutlich, dass sich das Œuvre der Künstlerin nicht ausschließlich auf ihre Arbeiten im Kreise der Pariser Surrealisten reduzieren lässt.

Meret Oppenheim selbst hat sich immer gegen die Kategorisierung verwehrt, sie lediglich als surrealistische Künstlerin zu betrachten. In Briefwechseln, in Interviews und in von ihr verfassten Texten wird deutlich, dass sie die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Arbeiten aktiv zu steuern versuchte. Ganz im Sinne der Künstlerin, könnte man sagen, rückt daher das Kunstmuseum Bern insbesondere Oppenheims Werke aus den 1960er, ’70er und ’80er-Jahren in den Fokus, die bisher kaum bekannt sind. Hier wird deutlich, dass die Künstlerin sich stetig weiterentwickelt hat und sich in ihrem späteren Werk größtenteils vom Surrealismus löste und dafür an andere Kunstströmungen annäherte.

Die besondere Stärke von Meret Oppenheim, das zeigt die Ausstellung „Mon exposition“ ebenso wie der Begleitband, ist die Vielseitigkeit ihres Schaffens. Sie kombinierte Fundstücke aus der Natur, Alltagsgegenstände und ungewöhnliche synthetische Materialien zu Objekten, schuf narrative Gemälde und geometrische Abstraktionen, fertigte Schmuckstücke an, schrieb Gedichte oder konzipierte Skulpturen für den öffentlichen Raum. Meret Oppenheim sprang zwischen unterschiedlichen Medien und künstlerischen Bezügen und lässt sich mit ihrem Gesamtwerk nicht in ein Schema pressen. Auch wenn sie als eine der wichtigsten Künstlerinnen des Surrealismus gilt, ist sie eben mehr als „das Meretlein“ mit der Pelztasse.


Die Publikation „Meret Oppenheim. Mon exposition“, herausgegeben von Nina Zimmer, Natalie Dupêcher, Anne Umland mit Lee Colón und Nora Lohner, ist begleitend zur gleichnamigen Ausstellung 2021 im Hirmer Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7774-3816-0). Der Ausstellungskatalog enthält neben zahlreichen Werkabbildungen, einem Verzeichnis ausgestellter Werke und einer Auswahlbibliographie auch Texte von Natalie Dupêcher, Nina Zimmer sowie Anne Umland und Lee Colón.


Meret Oppenheim. Mon exposition

Kunstmuseum Bern
22.10.2021 – 13.02.2022

mus.er.me.ku dankt dem Hirmer Verlag für die kostenfreie Überlassung des Ausstellungskatalogs als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Angelika Schoder, 2021


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

@musermeku

Fußnoten

[1] Ingrid Pfeiffer: Fantastische Frauen in Europa, den USA und Mexiko. In: Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo, Hg.v. Ders., 2020, S. 25-37, hier S. 25. Zitiert nach: Josef Helfenstein: Meret Oppenheim und der Surrealismus, 1993, S. 39.

[2] Siehe: Max Ernst: Einladung zu Meret Oppenheims Ausstellung in der Galerie Schulthess, 1936, In: Meret Oppenheim. Spuren durchstandener Freiheit, Hg.v. Bice Curiger, Zürich 1989, Zitiert nach: Natalie Dupêcher: Endlich! Die Freiheit! Das Schaffen Meret Oppenheims von 1932 bis 1954, In: Meret Oppenheim. Mon exposition, Hg.v. Nina Zimmer, Natalie Dupêcher, Anne Umland, Lee Colón, Nora Lohner, 2021, S. 16.

[3] Siehe: Interview „23 responses de Meret Oppenheim à des questions d’ Alain Jouffroy“ (1973), Zitiert nach: Ebd., S. 19.

[4] Siehe: Meret Oppenheim in Carl Fredrik Reuterswärd: Fallet Meret Oppenheim, In: Meret Oppenheim. Ausstellungskatalog Moderna Museet Stockholm, 1967, Zitiert nach: Ebd., S. 17.

[5] Siehe: M.O.: Mon exposition, In: Ebd., S. 159-171.

[6] Dazu: Anne Umland mit Lee Colón: Die Kunst der Retrospektive. Meret Oppenheims Zeichnungen einer „Imaginären Ausstellung“, 1983, In. Ebd., S. 31-40.


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