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Das Handbuch der Magischen Künste

Im Berliner Gropius Bau ist aktuell in der Ausstellung „YOYI! Care, Repair, Heal“ ein Handbuch der Magie zu sehen. Was hat es mit dem rätselhaften Manuskript aus dem 18. Jhd. auf sich?

Aktuell zeigt der Berliner Gropius Bau die Ausstellung „YOYI! Care, Repair, Heal“, in der sich 25 Kunstschaffende und Kollektive mit Themen wie der Politisierung von Gesundheit, Indigenen Wissenssystemen, Dekolonisation und den Rechten des Nicht-Menschlichen auseinandersetzen. Im Zentrum stehen dabei verschiedene Konzepte von Fürsorge, Reparatur und Heilung. Eine der hier vertretenen Künstlerinnen ist Johanna Hedva. In ihrer Arbeit „The Clock Is Always Wrong“ (2022) fragt sie, wie man mit der Aussage „Zeit heilt alle Wunden“ umgehen soll, wenn sowohl Zeit als auch Heilung nicht existieren. Damit verbunden ist die Frage, wie ein Körper, ob von Menschen, von Tieren, von übernatürlichen Wesen oder sogar die Erde selbst, Zeit erkennen kann. Diesen Fragen geht die Künstlerin anhand einer Auswahl historischer Objekte und Manuskripte aus der Wellcome Collection nach, die mit Hexerei, Geburt, Sexualität, Astrologie und Pflanzenkunde in Verbindung stehen. Ein Objekt sticht dabei besonders heraus: Das „Compendium rarissimum totius Artis Magicae“ – ein Handbuch der Magischen Künste. Doch was hat es mit diesem rätselhaften Manuskript auf sich?


Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros.
Kabbalistische Symbole und dämonische Rituale: Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros. Anno 1057. Noli me tangere (1775) – Wellcome CollectionPublic Domain – S. 2r und 9r (beschnitten)

„Die Gränz-Linie zwischen der Guten und Bösen Magia ist nur eine Spinevebe. Darum ist es höchst gefährlich, sich in die Vissenschaft selbst der Guten Magia einzulassen, ohne von einen veisen Mago die dazu nötige Vorbereitung und Theorie ächt erlernt zu haben.“

Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros. Anno 1057. Noli me tangere (1775)

Das Handbuch der Artis Magicae

Wie sieht eigentlich der Höllenhund Cerberus aus? Wie muss man sich das Ungeheuer vorstellen, das den Ausgang des Fegefeuers bewacht? Und wie heißt der Oberste der bösen Geister? Über all dies und auch darüber, wie man das Reich der Dunklen Magie heraufbeschwört, gibt ein österreichisches Manuskript aus dem Jahr 1775 Auskunft. Es trägt den Titel „Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros. Anno 1057.“ Und weil mit Magie ist nicht zu spaßen ist, wird hier warnend ergänzt: „Noli me tangere“ – also bitte nicht anfassen!

Die Publikation ist scheinbar ein Handbuch, das für Anfänger der Schwarzen Magie gedacht ist. Natürlich ist es aus Sicherheitsgründen aber nur unter der Anleitung eines fachkundigen „veisen Mago“ anzuwenden, wie der Titel betont. Dieser kann dann mit Hilfe des Buches einführen in die nekromantische Manipulation von Gehängten, in die Ausführung von Tieropfern oder in den Konsum psychedelischer Substanzen, wie etwa Nachtschattengewächse wie Schierling und Alraune. Durch diese Prozesse sollen den Schutzgeistern verborgene Schätze entrissen werden, um das höchste Ziel des Schwarzmagiers zu erreichen: eine höllische Verklärung und Vereinigung mit dem Teufel.


Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros.
Wamidal und das Ungeheuer: Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros. Anno 1057. Noli me tangere (1775) – Wellcome CollectionPublic Domain – S. 25r und 23r (beschnitten)

Geister-Beschwörung und Teufelspakt

Das Handbuch der Dunklen Magie ist übrigens nicht nur über die Sammlung der Londoner Wellcome Collection zugänglich, sondern auch als Reproduktion erhältlich. Die beiden Okkultismus-Experten Hereward Tilton und Merlin Cox haben das Manuskript ins Englische übersetzt mit Kapiteln wie „Über die Gerinnung. Narkose“ und „Kompendium der Operation“, aber auch „Namen der bösen Geister, die beschworen werden sollen“ oder „Über den Pakt zwischen dem Teufel und dem Menschen in der Nigromantie“. Schließlich erfährt man noch alles Wissenswerte „Über die schwarze Magie im Allgemeinen“ sowie „Über den kako-magischen Spiegel“.

Die Erläuterungen von Hilton und Cox geben auch Auskunft über die skurrilen Bilddarstellungen von Dämonen im Manuskript. So sind etwa auf einer Illustration zwei Männer dargestellt, die bei ihren Grabungsarbeiten von einem riesigen Dämon aufgeschreckt werden. Die nackte Gestalt mit einem roten gehörnten Kopf und Schnabel, grauen Flügeln und tierartigem Körper pinkelt nicht nur in die Feuerschale der grabenden Männer, sondern reißt einen der beiden auch an den Haaren, woraufhin dieser sein Buch mit magischen Sprüchen fallen lässt. Das Bild ist mit dem Text überschrieben: „Frevelhaftes Schatzgraben ohne Käntnis der Operation.“

Wie in der Einleitung zur Publikation mit dem Titel „Touch Me Not“ von Hereward Tilton erklärt wird, handelt es sich bei den beiden dargestellten Männern um Schatzgräber. Die magische Schatzsuche war im 18. Jhd. in Österreich ein weit verbreitetes Verbrechen. Der Aberglaube besagte, dass man bei diesen Vorhaben die Schätze von Schutzgeistern erbeuten konnte. Wie die Illustration im Manuskript zeigt, hatten die beiden Männer offensichtlich keine Ahnung, auf was sie sich bei ihrer Grabung einlassen und haben einen Dämon aufgeschreckt, der sie angreift.


ompendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros.
Der Fürst der Finsternis und Frevelhaftes Schatzgraben: Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros. Anno 1057. Noli me tangere (1775) – Wellcome CollectionPublic Domain – S. 19r und 16r (beschnitten)

Magisches Horror-Comic

Das Manuskript warnt, dass die Grenze zwischen Guter und Böser Magie dünn wie eine Spinnwebe ist und es gefährlich sei, sich mit der Magie einzulassen. Die einzige Möglichkeit, sich sicher mit dieser „Wissenschaft“ zu beschäftigen, ist es von einem erfahrenen Magier die nötige Vorbereitung und Theorie zu erlernen. Ein solches Lehrbuch könnte das „Compendium rarissimum totius Artis Magicae“ sein, das laut Titel ja systematisch das Wissen „von den berühmtesten Meistern dieser Kunst im Jahre 1057“ bündeln würde.

Tatsächlich war das Manuskript aus dem 18. Jhd. vermutlich aber nicht wirklich als Lehrbuch der Dunklen Künste gedacht, sondern eher als eine Art Horror-Comic, das sein Publikum mit schaurigen Bildern und Texten unterhalten sollte. Damit wäre das „Compendium rarissimum totius Artis Magicae“ etwas anderes als die sogenannten „Höllenzwänge“. Dies waren Zauberbücher, die zwischen dem 17. und 19. Jhd. entstanden und die Idee verfolgten, dass man mit alt-orientalischer Magie die Dämonen der Hölle zwingen könnte, die Wünsche des Magiers auszuführen, der diese durch bestimmte Riten anruft. An diese Werke war das vorliegende Manuskript vermutlich angelehnt, vielleicht aber auch als Satire darauf gedacht.

Über die Entstehung des „Compendium rarissimum totius Artis Magicae“ ist leider nur wenig bekannt. Das Buch auf Deutsch und Latein, das mit 31 Wasserfarben-Zeichnungen von Dämonen und drei Seiten mit magischen und kabbalistischen Zeichen und Sigeln versehen ist, wurde 1928 von der Wellcome Library von einem Antiquar namens V. A. Heck erworben. Woher die Publikation ursprünglich stammt, bleibt aber bis heute rätselhaft.


Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros.
Asmoday und Operateur: Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros. Anno 1057. Noli me tangere (1775) – Wellcome CollectionPublic Domain – S. 42v und 48v (beschnitten)

YOYI! Care, Repair, Heal

16.September 2022 bis 15. Januar 2023
Gropius Bau, Berlin


Die Publikation „Touch Me Not. A Most Rare Compendium of the Whole Magical Art“, herausgegeben von Hereward Tilton und Merlin Cox, ist 2017 bei Fulgur erschienen (ISBN 9781527228832). Der Band auf Englisch umfasst eine Reproduktion des historischen Manuskripts mit farbigen Abbildungen, die aus dem Deutschen und Lateinischen ins Englische übersetzten Texte sowie Beiträge der Herausgeber.


Header-Bild: Der Fürst der Finsternis: Compendium rarissimum totius Artis Magicae sistematisatae per celeberrimos Artis hujus Magistros. Anno 1057. Noli me tangere (1775) – Wellcome CollectionPublic Domain – S. 19r (beschnitten)


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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