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Francisco de Goya: Von Damen und Dämonen

Die Fondation Beyeler widmet Francisco de Goya eine Ausstellung, in der Bilder der höfischen Welt auf Darstellungen des Phantastischen treffen.

Rezension/Werbung – In Zusammenarbeit mit dem Museo Nacional del Prado in Madrid zeigt die Fondation Beyeler eine umfangreiche Ausstellung zu Francisco de Goya y Lucientes (1746–1828), einem der letzten grossen Hofkünstler Europas. In einem mehr als 60 Jahre umfassenden Schaffensprozess, der vom späten Rokoko bis zur Romantik reicht, schuf der Künstler klassische Porträts, aber auch rätselhafte Bildwelten. Die Fondation Beyeler zeigt nun rund 70 Gemälde und über 100 Zeichnungen und Druckgrafiken von Goya, in denen er adlige Herren und Damen ebenso abbildet wie Heilige oder dämonische Gestalten. Bilder der inszenierten höfischen Welt treffen hier auf auf rätselhafte Darstellungen des Phantastischen und Abgründigen.


Francisco de Goya: Platte 1 von "Los Caprichos", Selbstporträt
Francisco de Goya: Los Caprichos, Selbstporträt (1799) – Metropolitan Museum of ArtPublic Domain

„Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten politisch und gesellschaftlich progressiv gesinnte Biografen Goya zum künstlerischen Ahnherrn der Moderne im Kampf gegen Absolutismus und Obskuratismus erkoren. […] Heute noch ist Goya ein Vorbild für viele Künstlerinnen und Künstler, die mit ihrer Kunst gegen Krieg und Unterdrückung, gegen Ausbeutung und Ignoranz kämpfen.“ [1]

Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, und Martin Schwander, Kurator der Goya-Ausstellung

Goya, der eigensinnige Künstler

Die Fondation Beyeler präsentiert in der aktuellen Ausstellung das gesamte Spektrum an Bildgattungen und typischen Bildmotiven Goyas, von großformatigen repräsentativen Gemälden bis hin zu Skizzenbuch-Blättern. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der späten Schaffenszeit des Künstlers. Begleitend zur Ausstellung erschien ein sehr umfangreicher Ausstellungskatalog, der Goya zum einen als Hofkünstler zeigt, zum anderen aber auch als Erfinder rätselhafter Bildwelten. So gergibt sich ein Überblick über Goyas Christus- und Hexendarstellungen, zu seinen Porträts und Historienbildern, aber auch zu den Stillleben und Genre-Szenen des Künstlers. Es sind Gemälde, die im Auftrag des Königshauses, des Adels und des Bürgertums entstanden, aber auch Werke, die Goya eigeninitiativ anfertigte, etwa Kabinettbilder, die einst nur im privaten Rahmen gezeigt wurden. Thematisiert wird auch Goyas Eigensinn und Erfindungsgeist als Künstler, mit dem er sich den einengenden Dogmen und Regelwerken seiner Zeit entgegensetzte.

Zu den wichtigsten Werken in der Ausstellung, die auch in der Begleitpublikation zu sehen sind, zählen das Porträt der Herzogin von Alba aus dem Jahr 1795, die bekannte Darstellung der „Bekleideten Maja“ (La maja vestida) von 1800-1807 sowie die aus europäischen Privatsammlungen stammenden Gemälde „Maja und Celestina auf dem Balkon“ und „Maja auf dem Balkon“, die Goya zwischen 1808 und 1812 malte. Zu sehen sind zudem eine Reihe an Genre-Bildern, die ebenfalls aus spanischen Privatsammlungen stammen. Sogar erstmals außerhalb Spaniens ist in der Ausstellung der Fondation Beyeler die Serie von acht erhaltenen Historien- und Genrebildern aus der Madrider Sammlung des Marqués de la Romana zu sehen. Weitere Highlights sind die vier berühmten Tafeln mit Genre-Szenen aus der Real Academia de Bellas Artes de San Fernando in Madrid.


Francisco de Goya: Tiburcio Pérez y Cuervo (1785/86–1841)
Francisco de Goya: Tiburcio Pérez y Cuervo (1785/86–1841), der Architekt (1820) – Metropolitan Museum of ArtPublic Domain

„Goya [ist] auch ein ‚Künstler für Künstler‘. Sein Werk stellt seit nunmehr 200 Jahren für unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler eine ästhetische und intellektuelle Herausforderung dar. In unserer an Spannungen und Widersprüchen reichen Zeit is Goyas vielschichtiges und ambivalentes Œuvre erst recht für viele Kunstschaffende eine unumgängliche Wegmarke.“ [2]

Sam Keller und Martin Schwander

Politik und Magie in Goyas Werken

In seinen Genre-Szenen und Historienbildern zeigt Goya Begebenheiten aus dem gesellschaftlichen, politischen und religiösen Alltag in Spanien um 1800. Immer wieder zu sehen sind dabei Märkte und Stierkampfarenen, Gefängnisse und Klöster, Nervenheilanstalten und Inquisitions-Tribunale. Zudem sind Hexendarstellungen für Goya ein zentrales Thema, um den Aberglauben seiner Zeit darzustellen.

Die Fondation Beyeler zeigt in ihrer Goya-Ausstellung eine Gruppe von Radierungen aus den „Desastres de la guerra“ (Die Schrecken des Krieges) von 1811-1814, sowie eine Auswahl an Blättern aus der 1799 erschienenen Caprichos-Serie. Diese rätselhaften und abgründigen Bildwelten stießen seit der französischen Romantik zu Beginn des 19. Jhd. auf großes Interesse in der Kunstwelt und inspirierten in der Moderne schließlich Künstler wie Pablo Picasso, Joan Miró, Francis Bacon oder die Surrealisten. Auch für zahlreiche zeitgenössische Kunstakteure, etwa Marlene Dumas oder Philippe Parreno, stellt Goyas Werk bis heute einen wichtigen Bezugspunkt dar.

Im Auftrag der Fondation Beyeler hat sich Parreno mit Goyas Serie der „Pinturas negras“ (Schwarze Gemälde) von 1819-1824 auseinandergesetzt. Im Filmprojekt „La quinta del sordo“ geht es um die 14 Wandgemälde, die sich ursprünglich im Wohnhaus Goyas am Stadtrand von Madrid befanden und die vermutlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Heute befinden sich diese Werke in der Sammlung des Museo Nacional del Prado in Madrid, können aber aus konservatorischen Gründen das Museum in Spanien nicht verlassen. Durch seinen Film bringt Philippe Parreno diese Gemälde dem Publikum näher.


Francisco de Goya: Los Caprichos, Nohubo remedio (1797-1799)
Francisco de Goya: Los Caprichos, Nohubo remedio (1797-1799) – Rijksmuseum, RP-P-1921-2045Public Domain

„Goya ist ein kontrovers diskutierter Künstler, dessen Werke seit ihrer Entstehungszeit nichts an Provokationskraft eingebüsst haben. Im Gegenteil, unsere Zeit hat eine besondere Affinität für ‚uneindeutige‘ Kunstschaffende, deren ambivalente und widersprüchliche Kunst vermeintliche Gewissheiten infrage stellt.“ [3]

Sam Keller und Martin Schwander

Die Publikation „Goya“, herausgegeben von Martin Schwander für die Fondation Beyeler, ist 2021 im Hatje Cantz Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7757-4649-6). Das Buch beinhaltet, neben zahlreichen farbigen Werkabbildungen und einer Auswahlbibliographie, Texte von Andreas Beyer, Helmut C. Jacobs, Ioana Jimborean, José Manuel Matilla, Gudrun Maurer, Mark McDonald, Manuela B. Mena Marqués, Martin Schwander, Colm Tóibín und Bodo Vischer.


Goya

Fondation Beyeler
10.10.2021 – 23.01.2022

musermeku dankt der Fondation Beyeler für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Francisco de Goya: Little Bulls‘ Folly (Disparates, Plate D, ca. 1815-19) – Metropolitan Museum of ArtPublic Domain – bearbeitet, beschnitten


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

@musermeku

Fußnoten

[1] Sam Keller, Martin Schwander: Vorwort, In: Goya, Hg.v. Martin Schwander für die Fondation Beyeler, 2021, S. 7-11, hier S. 7.

[2] Ebd., S. 8.

[3] Ebd.


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