Das Museum als moderne Wunderkammer

Bloggerreise/Werbung – Für deutsche Museen ist undenkbar, was die Fondation Beyeler in ihrer Online-Sammlung zeigt: Werke von Pablo Picasso und Francis Bacon, von Alberto Giacometti und sogar von Christo sind auf der Museumswebsite zu finden. Während Museen in Deutschland aufgrund der Bildrechte zahlreiche Werke ihrer Sammlungen online nicht darstellen dürfen, macht das Schweizer Museum alle 300 Werke der klassischen Moderne und der Gegenwartskunst aus seiner Sammlung digital zugänglich – von Josef Albers bis Jordan Wolfson.*

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Wunderkammer Reloaded

Seit 1997 ist die Sammlung von Ernst und Hildy Beyeler der Öffentlichkeit in einem Museum in Riehen bei Basel zugänglich. Pünktlich zum 20. Jubiläum sind die Werke der Moderne und der Gegenwart auch digital abrufbar. Ein kleines Augen-Symbol neben den in der Online-Sammlung abgebildeten Bildern und Skulpturen gibt einen Hinweis darauf, ob das Werk im Museum gegenwärtig gezeigt wird. Aktuell ist es die Ausstellung „Collaborations“, die Kunstwerke der Beyeler-Sammlung präsentiert.

Von den über 170 ausgestellten Gemälden und kunsthistorischen Objekten aus dem 16. bis 21. Jahrhundert stammt allerdings nur die Hälfte aus dem Bestand der Sammlung der Fondation Beyeler. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um Leihgaben aus Privatsammlungen, von Künstlern und aus Künstlernachlässen. Durch eine Gegenüberstellung und Kombination der Werke zeigt sich das Museum als eine Art zeitgenössische Wunderkammer.

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Die Vielfalt der Objekte

Sogenannte Wunderkammern, oder auch Kunstkammern, entstanden in der Zeit der Spätrenaissance und im Barock. Ihre Vorgänger waren Raritäten- oder Kuriositätenkabinette, die eine Vielfalt an Objekten unterschiedlicher Herkunft präsentierten. Diese Sammlungen können als Ursprung heutiger Museen gesehen werden. Ziel der Wunderkammern war es, einen universellen Zusammenhang der Dinge darzustellen. Historische, künstlerische, handwerkliche, wissenschaftliche und natürliche Objekte wurden gemeinsam präsentiert und ermöglichten neue Blickwinkel.

Die Fondation Beyeler setzt diese Tradition der Wunderkammer in der Gegenwart fort. In seinen regelmäßig wechselnden Sammlungspräsentationen stellt das Museum Skulpturen, Installationen und Gemälde unterschiedlicher Künstler und Stilrichtungen einander gegenüber. Der so entstehende Dialog der Kunstwerke ermöglicht ebenso neue Perspektiven für den Betrachter, wie es einst die historische Kunstkammer anstrebte.

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Sammelsurium und Kunstschätze

Anlässlich des 20. Museumsjubiläums ließ die Fondation Beyeler von Szenografin Martina Nievergelt eine Art Kuriositätenkabinett gestalten. In einer Raum-im-Raum Installation findet sich ein Sammelsurium aus merkwürdigen Kuriositäten und aus Kunstwerken mehrerer Jahrhunderte. Sie alle stammen aus der Sammlung der Fondation Beyeler und aus einer Privatsammlung einer Leihgeberin, die nicht genannt werden möchte. Höchstpersönlich soll sie aber an der Einrichtung dieses ungewöhnlichen Raums mitgewirkt haben, der auf Besucher eine überraschende Faszination ausübt.

Die Ausstellung „Collaborations“ zeigt aber nicht nur in ihrem ersten Raum eine ungewöhnliche Verbindung aus Leihgaben und eigenen Sammlungsstücken. Auch die weiteren zehn Räume ermöglichen Besuchern einen Einblick, den es in der Fondation Beyeler bisher in dieser Form nicht gegeben hat. Dies liegt an der Art der Leihgaben, die hier dem Bestand des Museums gegenüber gestellt werden. Die Werke markieren Leerstellen in der Sammlung, indem sie diese füllen.

„Das Ausstellungskonzept zeigt Besuchern und potenziellen Leihgebern, wo Lücken in der Sammlung sind und wo man eingreifen könnte“, wie Ulf Küster im Interview mit MusErMeKu betont. Gemeinsam mit Direktor Sam Keller hat er die Ausstellung kuratiert – nicht ohne Hintergedanken: „Das Beste wäre natürlich, wenn alle Leihgeber von dem Ausstellungskonzept, dass ihre Werke in der Ausstellung erscheinen, so begeistert wären, dass sie beschließen, die Werke der Sammlung zu schenken. Das ist natürlich etwas illusorisch. Aber schon die Bereitschaft, uns Werke als Dauerleihgaben zu überlassen, wäre eine großartige Möglichkeit, weil man schauen könnte, wie sich die Werke dann in der Sammlung entwickeln.“

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Neuartige Perspektiven

„Collaborations“ eröffnet auch durch die Art der Werkpräsentation neue Perspektiven. Insbesondere im zweiten und dritten Raum der Ausstellung wird der Besucher von Eindrücken überwältigt: Cézanne, van Gogh, Picasso und ihre Zeitgenossen hängen hier dicht an dicht. Danach Max Ernst, René Magritte, Joan Miró – unterbrochen von afrikanischen Kultfiguren aus der Sammlung Beyeler. Die weiteren Räume der Ausstellung lassen der Kunst mehr Raum, zu sehen sind u.a. Gemälde von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Gerhard Richter oder Werke von Louise Bourgeois.

Ergänzend präsentiert das Museum im Untergeschoss des Gebäudes einen der ungewöhnlichsten Künstler seiner Sammlung: Tino Sehgal. Er selbst bezeichnet seine Arbeiten als „konstruierte Situationen“. In jedem Fall wirken Sehgals Performance Kunstwerke überraschend, eindringlich und faszinierend. Der Besucher wird mit flüchtigen Momenten konfrontiert – es sind also Werke ohne dauerhafte materielle Präsenz. Das Nicht-Greifbare von Sehgals Kunst macht ihren Reiz aus, wie Kurator Ulf Küster im Interview betont: „Die Werke von Tino Sehgal werden zum Teil unserer Sammlung, indem wir sie immer wieder zeigen und immer wieder sichtbar machen. Im Grunde genommen thematisieren die Werke auch die Frage nach der Sichtbarkeit von Kunst. Solche Werke sichtbar zu machen ist ein durchaus komplizierter, aber wie ich finde auch lohnender Prozess.“

In der Sammlung der Fondation Beyeler befindet sich u.a. Sehgals Installation „This You“, die zum ersten Mal im Park des Museums im Sommer 2017 zu sehen war. Aktuell wird nun „This Variation“ (2012) gezeigt – ein dunkler Raum, in dem Akteure die Besucher mit Geräuschen und Gesang umgeben. Das Publikum wird Teil der Performance, manche Besucher singen mit oder beginnen zu tanzen. Von allen in der Ausstellung „Collaborations“ präsenten Werken ist dies sicherlich das überraschendste und emotionalste Kunstwerk.

*Aufnahmen der Performances dürfen übrigens auf Wunsch des Künstlers nicht reproduziert werden. Und so sind die Werke von Tino Sehgal tatsächlich die einzigen, die nicht in der Online-Sammlung der Fondation Beyeler abgebildet sind.

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Besuch der Touristen

Tino Sehgals Werk markiert das Ende des Ausstellungsrundgangs. Doch auch der Beginn von „Collaborations“ ist ungewöhnlich. Die Ausstellung beginnt mit Tauben, die unter der Museumsdecke hocken und das Foyer überwachen. Sie sind ein Kunstwerk des Italieners Maurizio Cattelan. Die meisten Museumsbesucher sehen die ausgestopften Beobachter über ihren Köpfen nicht. Doch diejenigen, die sie bemerken, fragen sich vielleicht, welche Lücke in der Sammlung der Fondation Beyeler das Kunstwerk mit dem Titel „Turisti“ wohl schließen mag. Ulf Küster verrät die Antwort: „Maurizio Cattelan macht auf sehr interessante Weise auf Zeitphänomene aufmerksam. Das Spannende an dem Werk ist, dass die Touristen zu den Tauben kommen – und nicht umgekehrt.“

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Der Begleitband zur Sammlung, herausgegeben von Theodora Vischer für die Fondation Beyeler, ist 2017 im Hatje Cantz Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7757-4332-7). Der Band enthält Werkabbildungen, Kurzbiografien und Texte über die Arbeiten der in der Sammlung vertretenen Künstler.

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Fondation Beyeler

  • Cooperations
    18.10.2017-01.01.2018
  • Tino Sehgal
    16.10.-12.11.2017

Der Beitrag entstand im Rahmen der Bloggerreise #KleeBeyeler / #EamesCelebration, die von der Fondation Beyeler und dem Vitra Design Museum initiiert und finanziert wurde.


Bilder: Angelika Schoder – Fondation Byeler, 2017