Das Europäische Hansemuseum: Eine Kritik

Das Europäische Hansemuseum in Lübeck zeigt, dass digitale Technik ein spannendes Storytelling im Museum nicht ersetzen kann.

Das Europäische Hansemuseum in Lübeck zeigt, dass digitale Technik ein spannendes Storytelling im Museum nicht ersetzen kann.

[Ausstellung] Mit dem Europäischen Hansemuseum in Lübeck waren viele Erwartungen verknüpft. Es sollte mit seiner modernen Technologie Maßstäbe setzen, wie man Geschichte heute in einem Museum vermittelt. Doch im Hansemuseum zeigt sich ein Problem, dem sich Museen heute stellen müssen: Je mehr Technik zum Einsatz kommt, um so schneller setzt man sich der Gefahr aus, dass diese schnell veraltet ist. Gerade bei Dauerausstellungen, die oft viele Monate, manchmal über Jahre geplant werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Technik, die zur Zeit der Projektausschreibung noch hochaktuell war, zur Eröffnung der Ausstellung schon überholt wirkt.


Zwischen RFID-Technik und Dioramen

Die Ausstellung zur Hanse im Lübecker Museum weckt zunächst große Erwartungen: Jeder Besucher erhält eine Eintrittskarte, die mit RFID-Technologie ausgestattet ist. Die radio-frequency identification nutzt elektromagnetische Wellen, um Informationen von einem passiven Transponder an ein Short-Range-Lesegerät zu übertragen. Vor Betreten der Ausstellung kann der Besucher seine gewünschte Sprache (Deutsch, Englisch, Russisch oder Schwedisch) wählen. Zudem stehen Interessenschwerpunkte zur Wahl, und zwar eine Stadt, über die man mehr erfahren kann, und ein historisches Themengebiet nach Wunsch, z.B. Alltagskultur. Alle vom Besucher ausgewählten Kriterien werden auf der Eintrittskarte gespeichert.

Nachdem man den ersten Ausstellungsraum über einen gläsernen Fahrstuhl betritt, wird schnell klar: Die Eintrittskarte wird man sehr oft zum Einsatz bringen müssen. Also wirklich oft. Tatsächlich sind fast im Abstand von je nur ein bis zwei Metern RFID-Lesegeräte angebracht, die Einblendungen, Displays oder Hörstationen aktivieren. Diese versorgen den Besucher dann mit Texten oder Kommentaren in der vorher ausgewählten Sprache. Und zwar mit überaus vielen Diagrammen, Statistiken und Texten, die dazu noch umfangreich und sehr fachlich geschrieben sind. Fast könnte man meinen, dass bei der Konzeption des Ausstellungsrundgangs eher Wissenschaftler den Ton angaben und keine Museumspädagogen mit Vermittlungserfahrung und Sinn fürs Geschichtenerzählen.

Tatsächlich wurden die Grundsätze der Museumstechnologie, ebenso wie die konzeptionelle Gestaltung der Medienanwendung vom Architektur- und Designbüro entwickelt, das auch für den Museumsneubau zuständig war. Das Ergebnis ist inhaltlich Lehrbuch-trocken. Über spannendes Storytelling und museumspädagogische Ansätze wurde sich hier, so scheint es, wenig Gedanken gemacht. Dieses konzeptionelle Dilemma, dass die Technik über den Inhalt und dessen Vermittlung zu stellen scheint, kann auch die aufwändige Szenografie der Ausstellun nicht auflösen.


Wenn das Storytelling im Museum zu kurz kommt

Die anfängliche Begeisterung über die vermeintlich interaktive Technik weicht schnell großer Ernüchterung, sobald man erkennt, dass das Ticket nie ein Video auslösen wird, eine Animation oder ein Rätsel, ein Quiz oder was auch immer. Stets folgen nur Texte, Karten, Diagramme und Statistiken, die von ihrer Optik her auch problemlos in einem wissenschaftlichen Paper veröffentlicht werden könnten. Als Besucher fühlt man sich in der Ausstellung in ein interaktives Geschichtsbuch versetzt, wobei die einzige Interaktion eben darin besteht, seine Eintrittskarte alle Meter gegen die Wand zu halten.

Abgesehen von manchen Touch-Displays, auf denen man sich durch noch mehr Texte wischen und drücken kann, lässt sich nichts bewegen, anfassen oder ausprobieren. Einige 3D-Modelle zum Ertasten oder taktile Bilderbücher hätten die Ausstellung bereichert – und sie hätten blinden und sehbehinderten Besuchern auch einen besseren inhaltlichen Zugang zur Ausstellung ermöglicht. (Bisher gibt es für Blinde und Sehbehinderte im Museum immerhin ein taktiles Leitsystem.)

Das einzige spielerische Element ist eine Foto-Station, in der man sich „mittelalterlich“ verkleiden kann. Es ist eine Art Schrank im Fotobox-Stil. Das in der Box geschossene Bild kann später an der Kasse ausgedruckt werden. Wahrscheinlich wäre den meisten Besuchern allerdings die Möglichkeit für ein schönes Selfie mit dem eigenen Smartphone lieber. Doch optimale Selfie-Bedingungen sehen anders aus, als in einem Holzschrank zu stehen. Generell ist das Fotografieren in der Ausstellung schwierig, denn die Räume, in denen es genug Licht für ein gutes Foto geben würde, sind nur mit Vitrinen ausgestattet, die nicht gerade zum Fotografieren einladen. Alle Räume hingegen, die wie eine Art Erlebniswelt als lebensgroße Dioramen gestaltet wurden, sind zu düster für ein gutes Smartphone-Foto.


Kritik zur Dauerausstellung

Immer wieder fällt beim Ausstellungsrundgang auf, wie mehrere Besucher sich vor den Displays gegenseitig im Weg stehen. Als Lösung könnte man für die umfangreichen Inhalte eine App oder einen Audioguide nutzen. Alternativ könnte das Europäische Hansemuseum auch die Informationen auf einer mobil optimierten Website zugänglich machen, ergänzt durch MP3-Dateien, die man hier abspielen kann. Man könnte mit dem Smartphone in der Hand (oder am Ohr) die Ausstellung durchlaufen und sich selbst die Informationen in seiner gewünschten Sprache durchklicken und müsste sich nicht vor den Displays mit anderen Besuchern sammeln oder warten, bis die nächste Hörstation frei wird. Das Museum hätte dazu alles, was es braucht: Gleich mehrere WLAN-Netze sind im Haus vorhanden. Man müsste sie nur für die Besucher öffnen.

Online könnte man viele weitere interaktive Angebote bereithalten, etwa ein Quiz zur Ausstellung mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen für Kinder und Erwachsene. (Aktuell gibt es nur ein Quiz für Kinder für 1,50 Euro an der Kasse.) Man könnte auch einen ChatBot via Messenger anbieten und darüber z.B. Umfragen durchführen, deren Ergebnisse man am Ende der Ausstellung anzeigt. Oder man könnte den ChatBot einfach für die Städte- und Themen-Personalisierung nutzen: „Worüber möchtest du mehr erfahren – Thema A, B, C oder D?“ Während man sich durch die RFID-Methode schon vorab festlegen muss (und sich später nicht umentscheiden kann), könnten sich Besucher von einem ChatBot durch verschiedene Themen leiten lassen – oder sich auf einer Website selbst durch die Themen klicken.


Mehr digitale Flexibilität

Zwei Vorteile hätten Online-Angebote außerdem gegenüber fest in der Ausstellung verankerten Installationen: Sie könnten zum einen von jedem beliebigen Ort aus genutzt werden. Museumsbesucher müssten so nicht im Museum sein, sondern könnten als Digitale Besucher mehr über die Hanse erfahren – auch vor, nach oder unabhängig von einem Besuch. Zudem wären Online-Inhalte flexibler und ließen sich schneller neuen techniologischen Standards anpassen. Technische Elemente, die einmal fest im Museum verbaut sind, lassen sich hingegen nur schwer verändern, will man nicht das halbe Haus umbauen.

In der Ausstellung des Europäischen Hansemuseum selbst wäre es wünschenswert, auf den Displays die Texte, Grafiken und Diagramme zu reduzieren und den gewonnenen Platz für auflockernde Inhalte zu nutzen – etwa für Videos und Animationen. Hier wäre es spannend, wenn sich das Storytelling im Museum stärker auf Schicksale von historischen Persönlichkeiten konzentrieren würde. In Filmen und in den Audio-Kommentaren könnte man diese Personen selbst zu Wort kommen und aus eigener Perspektive berichten lassen.

Vielleicht übernimmt das Museum ja die eine oder andere Anregung…


Europäisches Hansemuseum

An der Untertrave 1
23552 Lübeck


Header-Bild: Angelika Schoder – Europäisches Hansemuseum Lübeck, 2017


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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