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Kultur

Auf den Spuren der Backsteingotik in Wismar

In der im 13. Jhd. gegründeten Hansestadt Wismar finden sich zahlreiche Bauwerke der norddeutschen Backsteingotik. Wir geben Tipps zu den schönsten Kirchen, Ausstellungen und Museen in Wismar.

Das Stadtbild der um das Jahr 1226 gegründeten Hansestadt Wismar wird von zahlreichen Bauwerken im Stil der norddeutschen Backsteingotik geprägt. Nach schweren Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg, durch die zahlreiche mittelalterliche Bauwerke in Wismar zerstört wurden, konnten in den letzten Jahren viele Gebäude in der Altstadt und im Gotischen Viertel restauriert und mühevoll wieder aufgebaut werden. Im Jahr 2002 wurde Wismar schließlich ins UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen. Wer die Hansestadt an der Ostsee heute besucht, bekommt einen faszinierenden Einblick in die Architektur der Backsteingotik, die in keiner anderen Stadt Mecklenburg-Vorpommerns so kunstvoll ausgeprägt ist.


Das Bürgerhaus "Alter Schwede" am Marktplatz von Wismar wurde 1360 erbaut
Das Bürgerhaus „Alter Schwede“ am Marktplatz von Wismar wurde 1360 erbaut.

Der Marktplatz von Wismar

Der Marktplatz von Wismar ist mit rund 100 Quadratmetern einer der größten Norddeutschlands. Zu den markantesten Bauwerken hier zählt das 1360 erbaute Bürgerhaus, in dem heute das Restaurant „Alter Schwede“ untergebracht ist. Der Name des Restaurants verweist darauf, dass Wismar nach dem Dreißigjährigen Krieg von 1648 bis 1903 unter schwedischer Herrschaft stand. Das jährliche Schwedenfest in Wismar erinnert noch an diese Zeit.

Auf dem Marktplatz befindet sich außerdem eines der bekanntesten Bauwerke der Stadt, die Wismarer Wasserkunst, ein Bauwerk, das 1602 im Stil der Renaissance errichtet wurde. Sehenswert ist auch das am Rand des Marktplatzes gelegene Rathaus von Wismar, das ab 1817 im Stil des Klassizismus nach Entwürfen des Hofbaumeisters Johann Georg Barca gebaut wurde. Sehenswert ist vor allem der Rathauskeller, der aus der zweiten Hälfte des 13. Jhd. stammt. Bis heute sind hier mittelalterliche und frühneuzeitliche Wand- und Deckenmalereien erhalten.

  • Rathaus – Osteingang | Am Markt 1 | 23966 Wismar

Eine Statue von Gottlob Frege (1878-1925), dem Begründer der modernen mathematischen Logik vor dem Archidiakonat
Eine Statue von Gottlob Frege (1878-1925), dem Begründer der modernen mathematischen Logik vor dem Archidiakonat.

Das Archidiakonat

Das ehemalige Archidiakonat, das zwischen dem Marktplatz von Wismar und der Kirche St. Marien liegt, ist ein besonders schönes Beispiel der norddeutschen Backsteingotik. Das ehemalige Wohnhaus und Verwaltungsgebäude des Archidiakons entstand nach dem Vorbild der nur wenige Meter entfernten Alten Schule um 1407. Das zweigeschossige Backsteinbauwerk wurde, wie so viele Gebäude in Wismar, während des Zweiten Weltkrieges durch Bomben zerstört. Zu Beginn der 1960er Jahre konnte das Archidiakonat nach historischen Bauplänen wieder aufgebaut werden. Heute sind im Archidiakonat die Landessuperintendentur der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs sowie eine Begegnungsstätte für Kinder und Jugendliche untergebracht.

  • Archidiakonat | St.-Marien-Kirchhof 3 | 23966 Wismar

In der Kirche St. Marien ist eine Ausstellung zur Backsteingotik in Wismar zu sehen
In der Kirche St. Marien ist eine Ausstellung zur Backsteingotik in Wismar zu sehen.

Die St. Marien-Kirche

Die ehemalige Rats- und Hauptpfarrkirche von Wismar, St. Marien, wurde erstmals im Jahr 1250 urkundlich erwähnt. Ab 1339 wurde am Standort ein gotischer Neubau errichtet, in den der bestehende Kirchturm mit integriert wurde. Im Jahr 1945 wurde der Kirchenbau durch Bomben schwer beschädigt, die Ruine des Kirchenschiffs wurde schließlich 1960 sogar gesprengt. Bis heute erhalten ist nur noch der 81 Meter hohe Kirchturm von St. Marien, der ursprünglich auch als Seezeichen diente. Einige sakrale Kunstwerke, die aus den Trümmern von St. Marien geborgen werden konnten, sind heute in der nahegelegenen Kirche St. Nikolai zu sehen. Angeblich war übrigens Till Eulenspiegel zwischen 1340 und 1346 in Wismar zu Gast und hinterließ an der Südseite des Hauptgewölbes der Marienkirche sein Bild auf einem Backstein.


Ausstellung zur Backsteingotik

Heute ist in der Basis des Kirchturms von St. Marien die Ausstellung „Wege zur Backsteingotik“ zu sehen. Vorgestellt werden hier nicht nur die Kirchen der Backsteingotik in Wismar, sondern auch die Werkmeister und Baumeister der Zeit der Gotik, also des 13. bis 15. Jhd. Zu ihnen gehörte Hermann Münster, der als Baumeister nicht nur eine Zeit lang die architektonische und künstlerische Leitung der Baustelle von St. Marien innehatte, sondern auch die Alte Schule von Wismar und das Archidiakonat erbaute und so das ehemalige gotische Viertel von Wismar entscheidend prägte.

  • St. Marien-Kirche | St.-Marien-Kirchhof 1 | 23966 Wismar

Gegenüber der Kirche St. Marien können die archäologisch freigelegten Kellerräume der Alten Schule von Wismar betrachtet werden
Gegenüber der Kirche St. Marien können die archäologisch freigelegten Kellerräume der Alten Schule von Wismar betrachtet werden.

Die Alte Schule bei St. Marien

Gegenüber der Kirche St. Marien wurden im Jahr 2001 bei ersten Grabungen kleine Teile des Kellermauerwerks der Alten Schule freigelegt. Das Backstein-Gebäude im Hochgotischen Stil wurde erstmals 1351 im Stadtbuch der Hansestadt Wismar erwähnt. Ab Mitte des 19. Jhd. wurde die Alte Schule dann als Armenhaus genutzt, aber auch als Wohnung für den Küster von St. Marien. Ab 1881 wurde das Gebäude dann als Sitz des Museums für Kunst und Altertum genutzt. Aus dem Jahr 1929 sind noch Pläne vom Bestand der Innenräume des Museums vorhanden. Nachdem die Alte Schule 1945 bei Luftangriffen auf Wismar schwer beschädigt wurde, musste das Gebäude abgebrochen werden. Heute können von der Straße aus noch die archäologisch freigelegten Kellerräume betrachtet werden.

  • Alte Schule Wismar | St.-Marien-Kirchhof 1 | 23966 Wismar

Der Fürstenhof in Wismar gilt als erstes bedeutendes Renaissance-Bauwerk Mecklenburgs
Der Fürstenhof in Wismar gilt als erstes bedeutendes Renaissance-Bauwerk Mecklenburgs.

Der Fürstenhof von Wismar

Der Fürstenhof wurde direkt neben der Kirche St. Georgen als Residenz der mecklenburgischen Herzöge in Wismar erbaut. Der sogenannte Alte Hof entstand im Stil der Spätgotik im Jahr 1512, wurde aber in den folgenden Jahrhunderten so stark verändert, dass die gotischen Merkmale hier nicht mehr erhalten sind. Der Neue Hof entstand dann 1553 nach dem Vorbild italienischer Bauten. Heute gilt der Fürstenhof mit seiner reichen Fassadenverzierung als erstes bedeutendes Renaissance-Bauwerk Mecklenburgs, das im sogenannten Johann-Albrecht-Stil entstand, benannt nach Herzog Johann Albrecht I (1525-1576). Die Friese an der Fassade des Fürstenhofs greifen übrigens die Sagenwelt der Klassik und Gleichnisse der Bibel auf. Zu sehen sind hier Fabelwesen und groteske Gestalten. Heute ist der Fürstenhof Sitz des Amtsgerichts Wismar.

  • Fürstenhof | Vor dem Fürstenhof | 23966 Wismar

Seit 2014 kann in 34 Metern Höhe eine Aussichtsplattform auf dem Dach der St. Georgen-Kirche besucht werden
Seit 2014 kann in 34 Metern Höhe eine Aussichtsplattform auf dem Dach der St. Georgen-Kirche besucht werden.

Die Stadtkirche St. Georgen

Direkt neben dem Fürstenhof liegt die Stadtkirche St. Georgen. Die Kirche an ihrem heutigen Standort geht auf eine frühgotische Hallenkirche aus dem Jahr 1260 zurück. Ab dem Jahr 1300 entstand an selber Stelle ein basilikaler gotischer Chor; rund 100 Jahre später erfolgte dann der Bau einer gotischen Basilika mit einem monumentalen Westturm. Im Jahr 1945 wurde die Kirche durch Bombentreffer schwer beschädigt und stürzte in den Folgejahren teilweise ein. Erst ab 1990, nach der Deutschen Wiedervereinigung, wurden Vorkehrungen getroffen, um St. Georgen zu restaurieren. Nach 20-jähriger Sanierung konnte die Kirche 2010 wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Seit 2014 kann in 34 Metern Höhe eine Aussichtsplattform auf dem Dach der Kirche besucht werden, von der aus man einen wunderschönen Blick über ganz Wismar genießen kann. In der Kirche finden heute vor allem Konzerte und Ausstellungen statt.

  • St. Georgen-Kirche | St.-Georgen-Kirchhof 1a | 23966 Wismar

Die Kirche St. Nikolai gilt als eine der schönsten mittelalterlichen Backsteinkirchen Norddeutschlands
Die Kirche St. Nikolai gilt als eine der schönsten mittelalterlichen Backsteinkirchen Norddeutschlands.

Die St. Nikolai-Kirche

Die 1255 erstmals urkundlich erwähnte Kirche St. Nikolai gilt als eine der schönsten mittelalterlichen Kirchen im Stil der Backsteingotik in Norddeutschland. Es ist zudem die zweithöchste Backstein-Basilika der Welt. Während die anderen beiden Großkirchen der Stadt, St. Marien und St. Georgen, während des Zweiten Weltkrieges stark von Bomben getroffen wurden, blieb St. Nikolai bei den Luftangriffen unbeschädigt. Heute beherbergt die Kirche deshalb u.a. den Hochaltar und das Triumphkreuz von ca. 1430 aus St. Georgen sowie Epitaphe und Reste von gotischen Chorschranken aus St. Marien und St. Georgen.

Besonders sehenswert sind an den Turmwänden der Kirche zwei monumentale Wandgemälde, die „Wurzel Jesse“ an der Südseite und ein Bildnis von St. Christophorus an der Nordseite, sowie der aus dem Dominikanerkloster stammende Marienschrein aus dem 15. Jhd., der Szenen aus dem Leben Marias und eine Mondsichel-Madonna zeigt. Neben mittelalterlichen sakralen Kunstwerken ist auch Kunst der Moderne in der Kirche zu sehen: Ausgestellt sind Terrakotta-Figuren des Künstlers Ernst Barlach (1870-1938), die im Jahr 1927 als Modelle für den „Fries der Lauschenden“ entstanden, sowie Skulpturen von Gerhard Marcks (1889-1981).

Die St. Nikolai-Kirche in Wismar bietet einen virtuellen Rundgang über die App „Nordkirche“ (für iOS und Android) an.

  • St. Nikolai-Kirche | St.-Nikolai-Kirchhof 15 | 23966 Wismar

Im historischen Schabball-Haus ist das Stadtgeschichtliche Museum der Hansestadt Wismar untergebracht
Im historischen Schabball-Haus ist das Stadtgeschichtliche Museum der Hansestadt Wismar untergebracht.

Das Schabbell-Haus

Seinen Ursprung hat das Stadtgeschichtliche Museum der Hansestadt Wismar in der Sammlung der Wismarer Geschwister Carl, Mathilde und Auguste Möglin, die in der zweiten Hälfte des 19. Jhd. historische Objekte und Dokumente zusammentrugen. Bereits 1863 wurde dann ein Museumsverein gegründet, der die Sammlung weiter ausbaute und diese an verschiedenen Standorten zeigte. 1881 zog das Museum in die Alte Schule bei der St. Marien-Kirche ein, damals noch als Museum für Kunst und Altertum. Im Jahr 1929 erfolgte dann die Umbenennung in Kulturhistorisches Museum, gezeigt wurde vor allem Kunst und Kunsthandwerk.

Heute ist das Stadtgeschichtliche Museum im Schabbell-Haus gegenüber der Kirche St. Nikolai untergebracht. Das Gebäude ist nach seinem Bauherrn benannt, dem Bierbrauer und späteren Bürgermeister Heinrich Schabbell (1531-1600). Ab 1569 wurde das Schabbell-Haus als Brauhaus errichten, nach Plänen des holländischen Architekten Philipp Brandin, der auch die Wasserkunst am Marktplatz entwarf. Die Ausstellung im Schabbell-Haus bietet einen Blick in die Kultur und Geschichte Wismars, angefangen bei Objekten aus der Hansezeit bis hin zum Ende der DDR.


Das Maritime Traditionszentrum im Baumhaus am Alten Hafen bietet einen Einblick in die Entwicklung Wismar in der Hansezeit
Das Maritime Traditionszentrum im Baumhaus am Alten Hafen bietet einen Einblick in die Entwicklung Wismar in der Hansezeit.

Das Baumhaus am Alten Hafen

Direkt am Alten Hafen von Wismar steht das sogenannte Baumhaus, in dem heute das Maritime Traditionszentrum zu finden ist. Das Baumhaus war ab dem 16. Jhd. Sitz des sogenannten „Bohmschlüters“ – dieser sollte abends den Hafen durch einen Baum, ein quer über den Hafen gelegtes Langholz, absperren und am nächsten Morgen wieder die Zufahrt für Schiffe und Boote freigeben. Das heutige Baumhaus in Wismar entstand etwa in der zweiten Hälfte des 18. Jhd.

Im seit 2018 eingerichteten Maritimen Traditionszentrum, das von den Fördervereinen Poeler Kogge e.V., Schoner ATALANTA e.V. und Marlen e.V. getragen wird, bietet eine Dauerausstellung einen Einblick in die Entwicklung von Wismar in der Hansezeit. Darüber hinaus wird die Geschichte der Kogge „Wissemara“, des Lotsenschoners „Atalanta“ und des Fischkutters „Marlen“ beleuchtet und der Schiffbau in der Wismarer Werft seit 1946 vorgestellt.


Bilder: Angelika Schoder – Wismar, 2020


Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.