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DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit

Die Metaphysische Malerei von Giorgio de Chirico steht im Zentrum der Ausstellung „Magische Wirklichkeit“ in der Hamburger Kunsthalle. Die begleitende Publikation bietet tiefe Einblicke in das Werk des Künstlers.

Rezension/Werbung – Er sei der Maler der leeren Plätze, so stellt Alexander Klar, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, den italienische Künstler Giorgio de Chirico im Livestream zur Eröffnung der Ausstellung „DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit“ vor. Ein Prophet heutiger Zustände im Corona-Lockdown, könnte man meinen. Tatsächlich gilt de Chirico als Begründer der Pittura Metafisica und damit als einer der wichtigsten Vorläufer des Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit. Die Hamburger Kunsthalle widmet ihm nun in Kooperation mit den Pariser Musées d’Orsay et de l’Orangerie eine Ausstellung, begleitet von einem umfangreichen Ausstellungskatalog, der die künstlerische Entwicklung de Chiricos chronologisch und in Themenschwerpunkten nachvollzieht.


Die Hamburger Kunsthalle hat die Ausstellung "DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit" trotz Corona-Lockdown im Januar 2021 eröffnet. Bis das Museum wieder besucht werden kann, bietet das Museum ein umfangreiches Online-Angebot zur Ausstellung.
Die Hamburger Kunsthalle hat die Ausstellung „DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit“ trotz Corona-Lockdown im Januar 2021 eröffnet. Bis die Ausstellung auch für Publikum zugänglich gemacht werden kann, bietet das Museum ein umfangreiches Online-Angebot.

„Doch sehe ich selbst in dem Wort ‚metaphysisch‘ gar nichts Düsteres; es ist die Ruhe und die sinnlose Schönheit der Materie, die mir ‚metaphysisch‘ erscheint, und um so metaphysischer erscheinen mir die Gegenstände, die durch die Klarheit ihrer Farben und die Genauigkeit ihrer Maße jeder Wirrnis und Verschwommenheit genau entgegengesetzt sind.“

Giorgio de Chirico, 1919 [1]

Metaphysische Malerei

Die Ausstellung „DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit“ in der Hamburger Kunsthalle konzentriert sich auf die wichtigste Werkgruppe der sogenannten Metaphysischen Malerei, die der Künstler Giorgio de Chirico (1888–1978) zwischen 1909 und 1919 schuf: Werke wie „Ariadne“ (1913) oder „Die Rückkehr des Dichters“ (1914) zeigen menschenleere Plätze, eine urbane Umgebung, in der die Zeit still zu stehen scheint. Der französische Dichter Guillaume Apollinaire bezeichnete diesen einzigartigen Stil von de Chirico als „metaphysisch“, abgeleitet von den griechischen Worten metá = jenseits oder dahinter und phýsis = Natur.

Gerade in der aktuellen Pandemie, in der öffentliche Orte fast ebenso verlassen erscheinen, wie in de Chiricos Werken der Pittura Metafisica, wirkt die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle merkwürdig zeitgemäß. Sie vereint insgesamt über 80 Werke aus über 50 weltweiten Sammlungen. Die Bilder von Giorgio de Chirico werden dabei ergänzt durch Werke, die den Künstler beeinflussten, wie etwa Arbeiten von Arnold Böcklin und Max Klinger aus der Sammlung der Hamburger Kunsthalle. In der Ausstellung werden de Chirico zudem auch seine Zeitgenossen gegenübergestellt, etwa ausgewählte Werke von Alexander Archipenko (1887-1964).

Vertiefend zur Ausstellung zeichnet die begleitende Publikation „GIORGIO DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit“ die vielfältigen Inspirationsquellen und kulturellen Einflüsse auf das Werk von de Chirico nach: Es sind die griechischen Mythen, mit denen der Künstler aufwuchs. Es ist seine Auseinandersetzung mit der deutschen Philosophie, insbesondere mit den Schriften von Friedrich Nietzsche. [2] De Chiricos Einflüsse liegen außerdem in den Werken der deutschen Spätromantik, die er während seiner Studienzeit in München kennenlernte. Zudem sind seine Arbeiten beeinflusst von seiner italienischen Heimat, von den Licht- und Raumerfahrungen der Plätze und ihrer Architektur. Es sind aber auch seine Begegnungen mit der französischen Avantgarde in Paris – und schließlich auch sein Militärdienst in Ferrara. [3]


Giorgio de Chirico ließ sich für sein Bild "Das Rätsel des Orakels" (1909) von Arnold Böcklins "Odysseus und Kalypso" von 1882 inspirieren.
Giorgio de Chirico ließ sich für sein Bild „Das Rätsel des Orakels“ (1909) von Arnold Böcklins „Odysseus und Kalypso“ von 1882 inspirieren.
Arnold Böcklin: Odysseus und Kalypso, 1882 – Kunstmuseum BaselPublic Domain

Die Wirkung der Leere

Der in Griechenland geborene Giorgio de Chirico gilt als Wegbereiter vieler moderner Kunstströmungen, etwa des Surrealismus oder der Neuen Sachlichkeit. Seine Werke entstanden in einer Zeit des Umbruchs, die geprägt war vom Ersten Weltkrieg, aber tatsächlich auch von der Pandemie der Spanischen Grippe, die in drei Wellen zwischen 1918 und 1920 mehrere Millionen Tote forderte.

Zu de Chiricos Hauptwerken zählen seine Gemälde von leeren Plätzen, auf denen das Sonnenlicht lange Schatten wirft. Es ist die Leere, die hier auf den Betrachter wirkt und automatisch auch Assoziationen wach ruft zur aktuellen COVID-19 Pandemie. De Chirico ging es hier darum, dem Geheimnisvollen in der materiellen Welt nachzuspüren. So sind die von ihm dargestellten Szenerien stets klar und vermeintlich leicht zu entziffern. Gleichzeitig lösen sie aber auch eine Vielfalt an Assoziationen aus, die darauf verweisen, dass hinter dem Sichtbaren doch mehr steckt, als man auf den ersten Blick wahrnimmt.

Die Leere der Plätze wird bei de Chirico ergänzt durch die „Einsamkeit der Zeichen“. Diese Zeichen sind Gegenstände, die ohne Verweise auf Deutung, Logik oder inhaltliche, räumliche sowie zeitliche Einordnung auftauchen. Es sind oft surreal wirkende Fragmente griechischer Skulpturen, eine Bananenstaude oder auch Artischocken. Diese Bildsprache beeindruckte auch Künstler wie André Breton (1896–1966), der in de Chiricos Arbeiten erste Ideen des von ihm später geprägten Surrealismus erkannte. Das Bild „Das Gehirn des Kindes [Der Wiedergänger]“ (1914) faszinierte ihn sogar so sehr, als er im Bus an der Pariser Galerie Paul Guillaume vorbeifuhr, dass er sofort ausstieg und es kaufte. [4] In der Gruppe der Surrealisten löste das Werk daraufhin vielfache künstlerische Auseinandersetzungen aus, etwa bei Pablo Picasso (1881-1973) und Max Ernst (1891-1976).

Doch de Chiricos Werk ermöglicht nicht nur einen Blick in die Zukunft der Kunst, sondern auch einen Rückblick. Die Vorgänger der Metaphysischen Malerei sind vor allem in der Spätromantik zu finden, allen voran sind es die Werke von Arnold Böcklin (1827–1901) und Max Klinger (1857–1920), die Giorgio de Chirico während seiner Zeit in München um 1908/09 studierte. [5] Besonders faszinierte ihn, neben den Bildkompositionen und Techniken, die Verbindung unterschiedlicher Realitätsebenen. In gewisser Weise verschmelzen bei seinen künstlerischen Vorbildern Mythos und Alltag, wobei es de Chirico in seiner metaphysischen Kunst als Weiterentwicklung schließlich darum ging, keine bekannten Mythen aufzugreifen, sondern neue Mythen zu schaffen.


Max Klingers Radierungen waren ein wichtiger Einfluss für de Chiricos Arbeiten.
Max Klingers Radierungen waren ein wichtiger Einfluss für de Chiricos Arbeiten.
Max Klinger: Erste Zukunft from Eva und die Zukunft (Rad.-Werk III) 1898 – Metropolitan Museum of ArtPublic Domain

Die Publikation „GIORGIO DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit“, herausgegeben von Annabelle Görgen-Lammers und Paolo Baldacci für die Hamburger Kunsthalle, ist 2020 im Hirmer Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7774-3474-2). Der Band, der die gleichnamige Ausstellung begleitet, enthält neben zahlreichen Abbildungen, einer Chronologie und einer Auswahlbibliografie auch Texte von Cécile Debray, Annabelle Görgen-Lammers, Paolo Baldaci, Cécile Girardeau, Giovanni Lista, Federica Rovati und Ilaria Cicali.


DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit

Hamburger Kunsthalle
22.01.-24.05.2021


mus.er.me.ku dankt dem Hirmer Verlag für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburger Kunsthalle, 2020


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

@musermeku

Fußnoten

[1] Zitiert nach: Wir Metaphysiker, 1919, In: Giorgio de Chirico: Das Geheimnis der Arkade. Erinnerungen und Reflexionen, München 2011, S. 117 (Übersetzt von Marianne Schneider), Aus: Cécile Debray und Annabelle Görgen-Lammers: Giorgio de Chirico. Die Metaphysische Malerei. Eine Einführung, In: GIORGIO DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit, Hg. v. Annabelle Görgen-Lammers und Paolo Baldacci für die Hamburger Kunsthalle, Hirmer 2020, S. 16-27, hier S. 17.

[2] Dazu: Paolo Baldacci: De Chirico entdeckt Nietzsche. Die Aufhebung der Zeit, In: Ebd., S. 70-73.

[3] Dazu: Ders.: Jenseits der Moderne. De Chiricos Metaphysische Malrei in Paris und ihre Beziehung zu den Avantgarden, In: Ebd., S. 96-109.

[4] Siehe: Annabelle Görgen-Lammers: De Chiricos Be-Stimmung. Zu Einflüssen aus der deutschen Philosophie und Kunst. In: Ebd., S. 50-65, hier S. 51.

[5] Zu Böcklin: Dies.: Die „Gottheit, die herabstieg, um die Erde zu bewohnen“, In: Ebd., S. 66-68.


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