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Eliasson und Lampedusa: Über Wasser im Bucerius Kunst Forum

Mit der Ausstellung „Über Wasser“ zeigt das Bucerius Kunst Forum in Hamburg wie das Element Wasser Künstler in seinen Bann zieht.

Wasser hat seit jeher Künstler in seinen Bann gezogen – als lebenswichtiges Element, als Sinnbild für die Kraft der Natur, als Medium, das ständig seine Form wandelt. Das Bucerius Kunst Forum stellt das Thema Wasser jetzt in das Zentrum einer Ausstellung, die – anders als vom Museumsmarketing angekündigt – mehr zu bieten hat als Turner und Eliasson.


Detail aus: Unerwarteter Regenschauer auf der großen Brücke zum Atake, Hiroshige (I), Utagawa, 1857 – Rijksmuseum – RP-P-1956-752, Public Domain

Die Themenschwerpunkte der Ausstellung „Über Wasser“

Grundsätzlich ist die Ausstellung „Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson“ im Bucerius Kunst Forum in Hamburg ausgewogen konzipiert und ansprechend gestaltet. Die dunkel gehaltenen Räume schaffen für die Werke eine konzentrierte Atmosphäre und die graphisch gelungene, wenn auch sehr reduzierte Wandbeschriftung, führt den Besucher gut durch die Themenbereiche.

Die sich über drei Räume auf zwei Etagen erstreckende Ausstellung „Über Wasser“ gliedert sich dabei in sieben Abschnitte, die je einen Aspekt des Elements Wasser beleuchten:


Tropfen

Die Ausstellung beginnt im ersten Stockwerk des Bucerius Kunst Forum mit der kleinsten sichtbaren Einheit des Wassers: dem Tropfen. Das Interesse am Tropfen als künstlerischem Motiv wurde erst im 19. Jahrhundert ausgelöst, als die Naturwissenschaft damit anfing, sich durch die fortschreitenden technischen Möglichkeiten der Mikroskopie intensiver mit Wasser auseinanderzusetzen. Künstler begannen schließlich damit, Wasser nicht mehr nur als Teil der Landschaft zu sehen, sondern sich mit spiegelnden Oberflächen und dem Abperlen, Abtropfen oder Aufprallen von Wassertropfen auf verschiedenen Ebenen zu beschäftigen.

Die Ausstellung zeigt hier etwa den Holzschnitt „Plötzlicher Regenschauer am Abend über der Ohashi-Brücke in Atake“ (1857) von Utagawa Hiroshige, welcher zu den ersten Werken gehört, das einen Regenschauer mit parallelen Schraffuren zeigte. Auch „COS 13“ (1961) von Yves Klein ist zu sehen, bei dem die Pigmenten des  International Klein Blue (IKB) mit Regen in Kontakt kamen.


Wasser im Fall

Wechselhaftigkeit, das Erhabene der Natur, eine mitreißende Gewalt: Wasserfälle, reißende Ströme oder Kaskaden stellen seit dem 17. Jahrhundert ein beliebtes Motiv der Landschaftsmalerei dar. Die Ausstellung zeigt hier etwa Joseph Anton Kochs „Wasserfall im Berner Oberland“ (1796), ein Werk das als „heroische Landschaftsdarstellung“ bezeichnet werden kann, aber auch stereoskopische Aufnahmen der Niagarafälle der Bildagentur Underwood & Underwood (1890, 1902). Durch eine Säule in der Ausstellung, die mit drei Sehschlitzen versehen ist, kann der Besucher so anhand von drei Motiven den 3D-Effekt erleben, der schon um die Jahrhundertwende um 1900 durch Doppelaufnahmen das räumliche Sehen vortäuschte.


Detail aus: Under the Wave off Kanagawa, Katsushika Hokusai, 1829 – 1833 – Rijksmuseum – RP-P-1956-733Public Domain

Reflexionen

In diesem Ausstellungsabschnitt geht es um die Eigenschaft des Wassers, Licht zu reflektieren und somit seine Umgebung zu spiegeln. Künstler setzten sich diesbezüglich mit Effekten der Dopplung oder Verzerrung auseinander, mit der Spiegelung von Wasser und Himmel, aber auch mit Fragen nach Wirklichkeit und Abbild. An dieser Stelle versteckt sich der groß auf dem Ausstellungsplakat angekündigte William Turner. Doch es sind keine Meeres- oder Schiffszenen in der Ausstellung zu sehen, für die der englische Vertreter der Romantik so bekannt ist. Die Ausstellung des Bucerius Kunst Forum zeigt statt dessen die Schautafeln „Reflexionen und Lichtbrechungen auf einer durchsichtigen Kugel, halb gefüllt mit Wasser“ (um 1810).

Turner hatte die Tafeln für seine Vorlesungen zur Perspektivlehre an der Royal Academy angefertigt. Sie sind zweifelsohne ein gut gewähltes Exponat für den Ausstellungsteil zum Thema „Reflexionen“, befasst sich hier Turner schließlich mit den Eigenheiten der Reflexion in Wasser. Doch die prominente Plakatankündigung von Turner hatte wohl andere Erwartungen geweckt, immerhin war vor den Schautafeln bei meinem Ausstellungsbesuch von verschiedenen Besuchern die Äußerung „Das wars?“ zu hören. Vielleicht war dies ein Grund für die im Besucherbuch geäußerten Enttäuschungsbekundungen?


Welle

Im Untergeschoss des Museums setzt sich die Ausstellung mit Darstellungen von Wellen fort. Hier beeindruckt besonders Katsushika Hokusais Farbholzschnitt „Die große Welle vor Kanagawa“ (um 1830) aus der Serie „Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji“. Es ist eines seiner berühmtesten Werke – und wohl auch eines der international bekanntesten Bilder japanischer Kunst aus dieser Zeit. Hokusai stellt hier die Welle und die hierdurch verdeutlichte Kraft des Wassers in den Vordergrund des Bildes, im Hintergrund wirkt der Berg Fuji hingegen verschwindend klein. Schneebedeckt und blau erscheint der Berg außerdem eher wie ein Teil des Wassers, das sich im Vordergrund ebenfalls zu weißen Gipfeln auftürmt.

Als Kontrast hierzu wirkt Claude Monets „Das Meer bei Antibes (Blick auf das Meer)“ (1888) in seinen schimmernden Farben, oder Gerhard Richters „Seestück (bewölkt)“ (1969), in der sich dem Betrachter die Weite des Meeres eröffnet.


Eis und Schnee

Hier erwarten den Ausstellungsbesucher u.a. kleine Ölskizzen von Caspar David Friedrich. Die „Eisschollen“ (1821) dienten dem Maler zur Vorbereitung für sein Gemälde „Das Eismeer“, das in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist. Außerdem werden hier Fotografien von Olafur Eliasson gezeigt, der vom Museumsmarketing neben Turner als einer der Hauptakteure der Ausstellung „Über Wasser“ angekündigt wird.

Eliasson – einer der zur Zeit angesagtesten Künstler, der sich mit Phänomenen der Natur auseinandersetzt – ist hier nur mit einem Werk vertreten: „Melting Ice on Gunnar’s Land“ (2008), eine Serie aus zwölf 24 x 35,5 cm großen Bildern, mit der Eliasson das Schmelzen eines skulpturhaft wirkenden Eisblocks in der isländischen Landschaft dokumentierte. Ähnlich wie bei Turner scheint auch die kleine Fotoserie von Eliasson nicht ganz im Verhältnis zur prominenten Ankündigung des Museumsmarketing zu stehen, was vermutlich auch bei so manchem Besucher für Enttäuschung gesorgt haben dürfte.


Detail aus: Wirbelnder Schnee, Kamisaka Sekka, 1909 – Rijksmuseum – RP-P-1992-105, Public Domain

Menschen im Wasser

In diesem Abschnitt geht es um das Verhältnis des Menschen zum Wasser. Abgesehen von seiner symbolischen Bedeutung als Lebenselixier, wird Wasser hier in den meisten Werken als Element dargestellt, das einen absurden, ironischen oder spielerischen Blick auf Menschen ermöglicht. Gezeigt werden ebenso Bilder von David Hockney aus dem Portfolio „Twenty Photographic Pictures“, in denen Swimmingpools eine zentrale Position einnehmen, wie auch Fotos aus der Serie „Salt Lake/Salzsee“ (1986) von Boris Mikhailov, die vergnügt Badende in einem von Industrieanlagen umgebenen verschmutzten See im Süden der Ukraine zeigen.


Unbezähmbares Element

Wasser als unbeherrschbare Naturgewalt, die den Menschen bedroht und Zerstörung mit sich bringt, steht im letzten Ausstellungsabschnitt im Zentrum. Neben Naturkatastrophen setzen sich die Künstler hier auch mit der Gefahr auseinander, die das Wasser für den Menschen bedeutet. In der Ausstellung vertreten ist hier etwa Otto Steinerts Bild „Schlammweiher (Saarland)“ (1953), das die zerstörerischen Folgen der Industrialisierung zeigt, aber auch Eva Leitolfs Werk „PfE4081-IT-161212“ (2012), das trügerisch unbewegtes Wasser vor der Küste von Lampedusa zeigt. Erst der zum Bild auf kleinen Zetteln zur Verfügung gestellte Text gibt einen Einblick in die Bedeutung des Werks. Auf dem Zettel ist zu lesen:


„About two hundred refugees from Eritrea and Somalia were picked up by the Italian coastguard off the island of Lampedusa on 6 May 2009. They were immediately deported to Libya on the basis of a bilateral agreement, without receiving any opportunity to apply for asylum.

The Italian Refugee Council located twenty-four of them and took their cases to court.

On 23 February 2012 the European Court of Human Rights ruled that the deportations had violated the European Convention on Human Rights, and ordered the Italian state to pay €15,000 in compensation to each of the twenty-two surviving applicants on the grounds that they had been exposed to the risk of inhumane treatment and torture in Libya and their countries of origin. The Court noted that more than 471 refugees had been deported to Libya under similar circumstances between 6 and 10 May 2009.

According to Amnesty International the verdict represented a turning-point for the protection of migrants on the high seas.

European Court of Human Rights, press release ECHR 075, 23 February 2012; Spiegel Online, 23 February 2012; Tagesschau, 23 February 2012; Deutschlandradio, 24 February 2012″

Eva Leitolfs: PfE4081-IT-161212 (2012)
Text von der Seite der Künstlerin

Der Text wirkt umso erschütternder, da der beschriebene Fall und das sich darauf beziehende Gerichtsurteil bereits mehrere Jahre zurückliegt. Bis heute hat sich die Situation der Flüchtlinge, die versuchen über das Mittelmeer Europa zu erreichen, jedoch weiter zugespitzt. Eva Leitolfs Werk könnte damit kaum aktueller sein.

Hieran schließt sich thematisch das Video „How to reach Lampedusa“ (2007) von Federico Baronesse und Takuji Kogo an, das aus technischen Gründen wiederum im ersten Stock des Bucerius Kunst Forums zu sehen ist, in einem dritten Ausstellungsraum. Das Video zeigt Bilder von Touristen auf Lampedusa; eine verfremdete Computerstimme singt piepsend von der Schönheit der Strände auf Lampedusa und preist doppeldeutig an, man könne sich ein Boot mieten um zur Insel zu gelangen.


Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson

13. Juni bis 20. September 2015
Bucerius Kunst Forum, Hamburg


Header-Bild: Detail aus: Under the Wave off Kanagawa, Katsushika Hokusai, 1829 – 1833 – Rijksmuseum – RP-P-1956-733Public Domain


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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