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Kuscheln am Abgrund: #cute im NRW-Kunstforum

Die Ausstellung „#cute. Inseln der Glückseligkeit?“ im NRW-Forum Düsseldorf und der Begleitband beleuchten vielfältige Fragen zur Ästhetik der Cuteness.

Rezension/Werbung – „I am cute today okay“ postet der für seine Gesichts-Tattoos bekannte Musiker Post Malone bei Instagram, und zwar unter ein Selfie im grünen Kleid. Männer im Kleid sind also cute, ebenso wie Katzen oder kleine Kinder. Viele halten die Charaktere aus „Animal Crossing: New Horizons“ für cute, andere verleihen sogar dem Virologen Christian Drosten dieses Attribut. Alles und jeder kann cute sein, wenn bestimmte Kriterien zutreffen. Niedlichkeit spielt heute in unserem Alltag, in der Pop-Kultur oder in der Kunst eine zentrale Rolle, vom Produktdesign bis in die Medienkultur. Die Ausstellung „#cute. Inseln der Glückseligkeit?“ im NRW-Forum Düsseldorf und der bereits im Vorfeld erschienene Begleitband untersuchen nun dieses Phänomen und beleuchten verschiedene Fragen zur Ästhetik der Cuteness.


Die Ästhetik der Cuteness

Was wird als niedlich empfunden? Ist das Bedürfnis nach Cuteness Ausdruck einer Sehnsucht nach emotionaler Geborgenheit, in einem Zeitalter, das von digitaler Entfremdung geprägt ist? Kann eine Überdosis Niedlichkeit eine Flucht vor einer bedrückenden Realität sein – oder ist es ein Mechanismus, sich mit dieser Realität auf ironische Art auseinanderzusetzen? Und wann schlägt das Behagliche der Niedlichkeit ins Unheimliche um? Mit diesen Fragen setzt sich die internationale Gruppenausstellung „#cute. Inseln der Glückseligkeit?“ und die begleitende Publikation auseinander. [1]

Allein bei Instagram ist #cute, was sich mit „niedlich“ oder „süß“ übersetzen lässt, mit rund 600 Millionen einer der am meisten genutzten Hashtags. Ob Snapchat-AR-Filter, die das Gesicht mit knuffigen Bärchen- oder Hunde-Ohren versehen, flauschige Katzen-Memes bei Facebook, der Einhorn-Hype oder die Welt des K-Pop: In der Konsum- und Netzkultur dominiert häufig eine Ästhetik des Niedlichen. Auch in der Kunstwelt sind Werke von cute bis kitschig allgegenwärtig, etwa bei Jeff Koons, Takashi Murakami oder Yayoi Kusama.

Die Kulturtheoretikerin Sianne Ngai betont in „Our Aesthetic Categories. Zany, Cute, Interesting“, wie die Warenästhetik mit flauschiger Anmutung und rundlichen Formen einen starken Fokus auf das Haptische legt und zum Anfassen und Streicheln einlädt. [2] Hier offenbart sich jedoch auch eine Machtdynamik, denn aus einem zärtlichen Knuddeln könne schnell ein Zerdrücken werden. Interessant bei diesem ätherischen Konzept ist die Ambivalenz des Begriffs, denn „niedlich“ kann (anders als „schön“ oder „hässlich“) zugleich aufwertend oder abwertend genutzt werden. Dieses ästhetische Konzept von cute erinnert damit an camp, das die Schriftstellerin Susan Sontag in „Notes on ‚Camp'“ mit „It’s good because it’s awful“ beschreibt. [3] Campy, das Übertriebene, das eine unfreiwillige Komik mit sich bringt, wird zugleich liebevoll, aber auch ironisch-distanziert rezipiert.


„Während wir auf den Inseln der Glückseligkeit verweilen, kann uns demnach ein potenzielles Unbehagen beschleichen.“

#cute. Inseln der Glückseligkeit? [4]

Behaglich oder unheimlich?

In der Ausstellung „#cute. Inseln der Glückseligkeit?“ setzen sich diverse Kunstakteure mit der Ambivalenz des Niedlichen auseinander. Zu sehen sind u.a. Fotografien, Skulpturen sowie Video- und Rauminstallationen von Aya Kakeda, Brenda Lien, FALK, Jonathan Monaghan, Melissa Sixma Lingo, An-Sofie Kesteleyn oder Maija Tammi. Verschiedene Themenschwerpunkte greifen dabei Bereiche auf, in denen Cuteness in unserer Gesellschaft präsent ist.


Animal Cuteness

Tiere sind im Internet die Hauptvertreter der Cuteness. Haustiere werden hier niedlich inszeniert, um der Unterhaltung zu dienen. Wie vor allem bei YouTube die Objektifizierung von Tieren vorangetrieben wird, beschreibt Birgit Richard in ihrem Text zu „Animal Cuteness“. Haustiere werden zu Social-Media-Stars, zu sogenannten „Petfluencern“, wie etwa die Katze Tardar Sauce, die als Grumpy Cat berühmt wurde. Dabei haben die Tiere oft mehr Follower als so mancher menschliche Influencer. Die Bandbreite der niedlichen Tiere im Netz reicht von creepicute wie beim haarlosen Nacktmull [5] bis hin zu anthropomorphen Darstellungen von Tieren mit vermeintlich menschlichen Verhaltensweisen.


Klimawandel

Um Strategien der Verniedlichung zu politischen Zwecken geht es im Essay von Henning Arnecke. In seinem Text „Niemand kann mehr behaupten, der Klimawandel hätte etwas Niedliches“ skizziert er eine „visuelle Kommunikation zwischen ökonomischer Reizsetzung und politischem Agenda-Setting“. Ob mit unschuldig blickenden Kindern oder niedlichen Tieren, wie z.B. hilflos wirkenden Eisbären: Die Kampagnen zur Dringlichkeit des Klimawandels setzen oft auf einem gewissen Cuteness-Faktor. Spätestens seit Fridays for Future und den kämpferischen Auftritten von Greta Thunberg erscheinen Jugendliche aber nicht mehr ganz so harmlos-cute, wenn es um das Thema Klimaschutz geht. [6]


Übergänge/ Transitions

Neben putzigen Tieren gelten auch Babys und kleine Kinder als besonders cute, immerhin leitet sich daraus der Begriff des „Kindchen-Schemas“ ab. Besonders bekannt sind etwa die Fotografien von Anne Geddes, die propere Babys in Blüten, mit Schmetterlingsflügeln oder mit Gemüse inszeniert. Die Wahrnehmung ihrer Bilder reicht dabei von cute bist hin zur Ablehnung als kitschiger „Wartezimmerkunst“. Im Fall der „Cabbage Kids“, Babys zwischen Kohlblättern, drängt sich neben einer möglichen Cuteness wieder etwas Abgründiges auf: Die Darstellung erinnert an den Horrorfilm „Invasion of the Bodysnatchers“ (1956), in dem Alien-Doppelgänger in Kohlköpfen herangezüchtet werden. [7]


Cuteness in der Popmusik

Cute zu sein spielt auch im Musikbusiness eine wichtige Rolle, angefangen bei Boy- oder Girlbands bis hin zur Inszenierung von Solo-Performern zwischen Haaren in Millenial Pink und piepsigem Autotune-Sound. Hannah Zipfel setzt sich in ihrem Essay „Unheimlich niedlich!?“ besonders mit einer gegenderten Form der Cuteness auseinander, immerhin wurde das Adjektiv cute erstmals zu Beginn des 19. Jhd. im Oxford English Dictionary in Zusammenhang mit Küchenprodukten erwähnt und ist so in der weiblich konnotierten Spähre des Haushalts verortet. [8]


Hypercute/ Fetisch

Was passiert, wenn ein Zuviel an Niedlichkeit umschlägt in das Unheimliche oder sogar Fetisch-Züge annimmt? Und was, wenn cute Äußerlichkeiten nicht nur oberflächlich bleiben, sondern der menschliche Körper auch nachhaltig umgestaltet wird? Damit beschäftigt sich nicht nur die Künstlerin Karina-Sirkku Kurz in ihrer Serie „Supernature“ (2015-2019) [9] sondern auch Daniel Hornuff in seinem Essay „Designing the (Cute) Human Body“. Betrachtet werden hier zur Niedlichkeit neigende Schönheitsideale, die in der Plastischen Chirurgie immer mehr nachgefragt werden. Formen und Attribute wie „smallness, compactness, softness, simplicity, and pliancy“ laden hier dazu ein, aktiv zu werden und dem Wunsch nach Ver- oder Umformung nachzukommen. [10]

Dass Cuteness auch in Rechten Kreisen ein Thema ist, zeigt Niklas von Reischach in seinem Beitrag „Das Putzige ist politisch“. Er untersucht hier nämlich den Einsatz niedlicher Ästhetik als manipulative Strategie in den digitalen Auftritten der „Neuen Rechten“, etwa in Form der Cartoonfigur Pepe the Frog, die eigentlich aus einem harmlosen Kinderbuch stammt und heute als Hassymbol eingestuft wird. [11]

Nicht direkt um Cuteness im eigentlichen Sinne sondern eher um um „süße Grauen“ geht es hingegen in Marvin Baudischs Beitrag „Kirschblut, Grauen, Brombeerpudding“ zu Christian Krachts Roman „Die Toten“. [12]


Kawaii und „Schwarze“ Subkultur-Cuteness

Prägend für die Kultur der Cuteness sind vor allem Japan und Süd-Korea mit kulleräugigen Manga-Figuren und niedlichen Anime-Charakteren, die nicht nur in Medien vertreten sind, sondern auch als Spielzeuge bereits die Kinderzimmer bevölkern. Die Fans dieser Figuren kleiden sich im Kawaii-Stil, was übersetzt so viel wie „niedlich“ oder „liebenswert“ bedeutet, mit pastellfarbenen Haaren, Rüschenkleidung und bunten Schleifen. Dies zeigt etwa die Fotoserie „Imaginary Club“ (2005-2012) von Oliver Sieber. [13] Auch hier wird aber wieder eine Grenzüberschreitung angedeutet, denn „kawaii“ klingt ähnlich wie „kowai“, was sich mit „gruselig“ oder „schrecklich“ übersetzen lässt. Und so gibt es vom Kawaii-Stil auch Übergänge zur Emo- und Gothic-Kultur, ebenso süß, aber in Schwarz und mit Symbolen wie Totenköpfen oder Leder und Nieten. „#cute. Inseln der Glückseligkeit?“ schlägt so auch eine Brücke in die Black-Metal-Kultur, die in ihrer Ernsthaftigkeit auch fast niedlich wirken kann.


Smarte Machine-Cuteness

Verkaufsfördernd soll sich Cuteness auch auf elektronische Objekte ausüben. Wer will schon kühle, rationale Technologie, wenn man auch flauschige Roboter-Freunde haben kann? Niedliche elektronische Katzen, Hunde oder Robben beruhigen Menschen mit Demenz ebenso, wie das cute Spielzeug „Furby“ Kinder verzückt. Smarte Roboterspielzeuge setzen auf anthropomorphe oder zoomorphe Formen und Verhaltensweisen, um möglichst vertraut zu wirken. Doch vieles bleibt auch bewusst artifiziell und als unnatürlich erkennbar, um den von Robotiker Masahiro Mori benannten Effekt des „uncanny valley“ zu vermeiden. [14] Wirkt etwas Artifizielles zu real, kommt es zu einer Akzeptanzücke und damit zu Ablehnung – selbst, wenn etwas wirklich cute ist.


Die Publikation „#cute. Inseln der Glückseligkeit?“, herausgegeben von Birgit Richard, Niklas von Reischach und Hannah Zipfel, ist 2020 im Kerber Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7356-0627-3). Der Band, der die gleichnamige Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf begleitet, enthält neben zahlreichen Abbildungen, einem Glossar und einer Werkliste auch Texte von u.a. Daniel Hornuff, Henning Anecke, Heinz Drügh, Jana Müller, Katja Gunkel, Leonie Licht, Marvin Baudisch und Moritz Baßler.


#cute. Inseln der Glückseligkeit?

NRW-Forum Düsseldorf
09.10.2020-10.01.2021

Weitere Infos zur Ausstellung

mus.er.me.ku dankt dem Kerber Verlag für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Jean Honoré Fragonard: A Woman with a Dog (ca. 1769) – Metropolitan Museum of ArtPublic Domain (bearbeitet und beschnitten)


Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.


Fußnoten:

[1] Siehe: Einleitung, S. 8f, In: #cute. Inseln der Glückseligkeit?”, Hg.v. Birgit Richard, Niklas von Reischach und Hannah Zipfel, 2020.

[2] Siehe: Einleitung, S. 8, In: Ebd. – Verweis auf: Sianne Ngai: Our Aesthetic Categories. Zany, Cute, Interesting, 2012

[3] Siehe: Ebd. – Verweis auf: Susan Sontag: Notes on ‚Camp‘ [1964]. In: Susan Sontag: Against Interpretation, 1994, S. 275-292, S. 292

[4] Ebd.

[5] Siehe: Birgit Richard: Animal Cute. Ein Besuch im medialen Reservat des niedlichen Tieres auf YouTube, S. 30-34, S. 31, In: Ebd. – Verweis auf: Sally Squeeps: Creepicute: Naket Mole Rat, auf: cheezburger.com (https://icanhas.cheezburger.com/tag/creepicute/)

[6] Siehe: Henning Arnecke: Niemand kann mehr behaupten, der Klimawandel hätte etwas Niedliches. Skizzen einer visuellen Kommunikation zwischen ökonomischer Reizsetzung und politischem Agenda-Setting, S. 44-47, S. 46 In: Ebd.

[7] Dazu: Hannah Zipfel über Anne Geddes: Babbage Kids, o.J., In: Ebd., S. 53

[8] Dazu: Hannah Zipfel: Unheimlich niedlich!? Creepy-cute Weiblichkeit bei Melanie Martinez, S. 65-70, S. 66, In: Ebd.

[9] Dazu: Daniel Hornuff: Karina-Sirkku Kurz: Supernature (2015-2019), In: Ebd., S. 104f

[10] Siehe: Ders.: Designing the (Cute) Human Body, S. 106-109, S. 106 In: Ebd. – Verweis auf: Sianne Ngai: The Cuteness of the Avant-Garde, In: Critical Inquiry, Ausgabe 31, Nr. 4 (Sommer 2005), S. 811-847, S. 816

[11] Dazu: Niklas von Reischach: Das Putzige is politisch. Niedliche Ästhetik als manipulative Strategie in den digitalen Bildern der Neuen Rechten, S. 76-79, S. 77, In: Ebd.

[12] Siehe: Marvin Baudisch: Kirschblut, Grauen, Brombeerpudding. Vermischte Empfindungen und die Poetik des süßen Grauens in Christian Krachts Roman Die Toten“, S. 98-103, In: Ebd.

[13] Dazu: Heinz Drügh und Leonie Licht: Oliver Sieber: Imaginary Club (2005-2012), In: Ebd., S. 118

[14] Dazu: Jana Müller: Smart Toys/ Robotoys, In: Ebd., S. 128