[Ausstellung] Über Jahrtausende hinweg hat das Einhorn die menschliche Fantasie beflügelt und ist in zahlreichen Kulturen fast auf der ganzen Welt präsent. Ursprünglich aus Indien stammend, verbreitete sich das Motiv bis nach Europa, wo das Fabelwesen diverse Bedeutungen erhielt: als Christus-Symbol in der religiösen Kunst, als Zeichen der Keuschheit und Reinheit sowie als Quelle medizinischer Wunderkräfte. Die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ im Museum Barberini in Potsdam widmet sich nun erstmals sehr umfangreich dem mythischen Wesen. Rund 150 Gemälde, Skulpturen, Kunstkammer-Objekte, Tapisserien und Videoarbeiten zeigen die vielfältigen Darstellungen von Einhörnern, von Albrecht Dürer und Hans Baldung Grien über Arnold Böcklin, Gustave Moreau und René Magritte bis hin zu aktuellen Kunstschaffenden wie Marie Cécile Thijs und Angela Hampel. Die Ausstellung, ebenso wie der bei Prestel erschienene sehr umfangreiche Begleitband, zeigen, wie das Einhorn als Verkörperung von Freiheit, Unbezähmbarkeit und Heilkräften über verschiedene kulturelle, religiöse und wissenschaftliche Kontexte hinweg symbolisch aufgeladen wurde und bis heute fasziniert.

Antonio Tempesta: Einhorn, 1565-1630 – Rijksmuseum, RP-P-H-H-524 – Public Domain
Die Ursprünge des Einhorns
Die Vorstellung des Einhorns stammt ursprünglich aus Indien und kam von dort über Tibet, China und Persien bis nach Europa. Dabei veränderte das Wesen ständig sein Aussehen, denn jede Kultur gestaltete es nach ihren eigenen Vorstellungen und gab ihm neue Bedeutungen. Die ältesten Einhorn-Darstellungen sind über 4000 Jahre alt: kleine Keramiksiegel aus dem heutigen Pakistan zeigen ein Tier mit Rinderkörper und einem Horn auf der Stirn. In Asien entwickelten sich dann verschiedene Einhorn-Versionen: Im Buddhismus gab es die Legende vom Einsiedler Gazellenhorn, in China hieß das Einhorn Qilin und galt als Glücksbringer und Fruchtbarkeitssymbol, in Japan wurde daraus das Kirin, ein friedliches Fabelwesen, das gute Herrscher ankündigt.
Die Darstellungen waren sehr unterschiedlich: Manche Einhörner sahen aus wie Rinder, andere wie Gazellen, Hirsche oder Ziegen. Einige hatten Flügel oder waren mit Schuppen bedeckt. In China wurden Einhorn-Figuren als Grabwächter gegen Dämonen eingesetzt, während japanische Einhörner als kleine Glücksbringer am Gürtel getragen wurden. Handschriften aus dem 15. Jahrhundert zeigen Einhörner mit chinesischen Stilelementen und auf türkischer Keramik aus der Stadt Iznik werden sie neben Löwen und Rehen dargestellt. Im Vergleich zur asiatischen Vielfalt blieb das europäische Einhorn eher schlicht: erst wurde es als esel- oder pferdeartiges Tier beschrieben oder wie eine Ziege dargestellt, später setzte sich das Bild des eleganten weißen Pferdes mit Horn durch.

Meister des Amsterdamer Kabinetts: Wildermann auf einem Einhorn, 1473-1477 – Rijksmuseum, RP-P-OB-915 – Public Domain
Das Einhorn in der christlichen Kunst
Obwohl die Bibel es nie ausdrücklich erwähnt, erscheint das Einhorn in der christlichen Kunst regelmäßig in biblischen Szenen. Bis ins 17. Jahrhundert integrierten Kunstschaffende das mythische Wesen wie selbstverständlich in Darstellungen der Schöpfungsgeschichte, des Paradieses, der Arche Noah und in Heiligenlegenden. In Darstellungen des Paradieses liegt das Einhorn zum Beispiel oft prominent im Vordergrund, häufig in der Nähe von Wasserquellen als Hinweis auf seine reinigende Kraft.
Bei der Arche Noah war unter Kunstchsaffenden umstritten, ob das Einhorn mitfuhr. Manche Darstellungen zeigen es an Bord, andere lassen es außerhalb zurück. Im 17. Jahrhundert diskutierten sogar Gelehrte diese Frage und einige vermuteten, die Einhörner seien bei der Sintflut ertrunken, andere meinten, gefundene Mammut-Knochen seien Überreste von Einhörnern. In jedem Fall fand das mythologische Wesen aber immer wieder in Heiligenlegenden seinen Platz und spielt dabei unterschiedliche Rollen: Bei einer Darstellung der Versuchung des Heiligen Antonius greift es ihn etwa als dämonisches Wesen an. Auf einem Bild zur Darstellung des Todes des heiligen Stephanus gehört es hingegen zu den Tieren, die ehrfurchtsvoll Totenwache halten. Paulus Potter malte 1650 ein besonders realistisches Einhorn als edlen Hengst, der im Sonnenlicht steht – eine idealisierte Darstellung des Fabelwesens zu einer Zeit, als die Wissenschaft seine Existenz bereits widerlegt hatte.
Die religiöse Bedeutung des Einhorns geht auf den „Physiologus“ zurück, eine theologische Tierkunde aus dem 2./3. Jahrhundert. Diese fügte den antiken Berichten eine entscheidende Legende hinzu: Ein Einhorn kann nur von einer Jungfrau gefangen werden, in deren Schoß es zur Ruhe kommen würde; das Einhorn kann dabei für Jesus stehen, die Jungfrau für Maria. Viele Darstellungen zeigen dieses Motiv, aber auch die der Tötung des Einhorns, die bereits im 12./13. Jahrhundert in mittelalterlichen Bestiarien auftaucht. Gezeigt werden oft Jäger, die mit Lanzen auf das Einhorn einstechen, das im Schoß der Jungfrau ruht, als Symbol für den Tod Christi am Kreuz. In Verbindung mit einem Einhorn wird in der christlichen Kunst ansonsten auch die Verkündigung dargestellt: Der Erzengel Gabriel jagt das Einhorn mit Hunden (den göttlichen Tugenden Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Wahrheit und Frieden) in Marias Schoß. Diese „Mystische Einhornjagd im Hortus conclusus“ wurde besonders häufig zwischen 1420 und 1550 in Deutschland dargestellt. Die Bilder waren voller Symbolik mit brennenden Dornbüschen, verschlossenen Pforten und versiegelten Brunnen als Zeichen von Marias Jungfräulichkeit.
Das Motiv von Einhorn und Jungfrau wurde in dieser Zeit aber auch weltlich dargestellt. Künstler zeigten die enge Beziehung zwischen Frau und Tier, zwischen Zärtlichkeit, Reinheit und Verführung. Das Einhorn wurde in diesen Werken zum Sinnbild ehelicher Treue, edler Liebe oder als ironisches Zeichen für Leidenschaft. Die Frau wird als Beherrscherin des Triebs dargestellt, das gezähmte Tier als Symbol der Selbstkontrolle. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts verschwand das Einhorn dann langsam aus der Kunst, ob christlich oder weltlich. Die Symbolik entsprach nicht mehr dem Zeitgeist des aufkommenden Barocks, der emotionale, dramatische Darstellungen bevorzugte.

Wandteppich: Die Dame mit dem Einhorn (Der Geruchssinn). Frankreich, Anfang des 16. Jahrhunderts, Musée de Cluny, 1903-1932 – Rijksmuseum, RP-F-00-21083 – Public Domain, bearbeitet
Einhörner als Sammelobjekte und Heilmittel
Bis ins 17. Jahrhundert galten die in Kirchen und Kunstkammern aufbewahrten „Einhorn-Hörner“ als Beweis dafür, dass Einhörner wirklich existierten. Tatsächlich handelte es sich bei den Objekten aber um Narwalzähne. In Kirchenschätzen wurden bereits im Mittelalter Narwalzähne als Einhorn-Hörner präsentiert. Das berühmteste war das 233 Zentimeter lange Horn von Saint-Denis bei Paris, das angeblich Karl der Große vom persischen Kalifen Harun al-Raschid geschenkt bekommen hatte. Zeitweise stand es in einem Wasserzuber hinter einem Kirchenaltar, das Wasser wurde Kranken als Heilmittel gegeben. Doch auch als Sammlungsobjekt waren „Einhorn-Hörner“ begehrt; kunstvolle Bearbeitungen machten Narwalzähne zu Meisterwerken. Goldschmiede schufen daraus zum Beispiel prächtige Trinkpokale, oft mit religiöser Symbolik.
Die Hörner hielt man damals für authentische Artefakte der mythologischen Wesen, immerhin schienen Augenzeugenberichte die Existenz der Einhörner zu bestätigen: 1483 berichtete etwa Bernhard von Breydenbach von einer Einhorn-Sichtung auf dem Sinai während einer Pilgerreise. Der mitreisende Künstler Erhard Reuwich zeichnete das Wesen als Pferd mit spiralförmigem Horn, nach dem Vorbild der Narwalzähne in Utrecht. 1510 beschrieb auch Ludovico de Varthema detailliert zwei Einhörner in Käfigen in Mekka, die er für echt hielt. Diese illustrierten Berichte prägten das europäische Bild vom Einhorn nachhaltig. Doch es gab auch wissenschaftliche Zweifel: Schon im 13. Jahrhundert hatten Albertus Magnus und Thomas de Cantimpré den Narwal als „Einhorn-Meeresungeheuer“ beschrieben. Doch erst 1678 bewies der dänische Arzt Thomas Bartholin endgültig, dass die vermeintlichen Einhorn-Hörner Narwalzähne sind. 1704 bezeichnete Michael Bernhard Valentini das pferdeartige Einhorn explizit als „Unicornu fictitium“, als erfundenes Einhorn. Doch fossile Narwalzähne aus Sibirien wurden noch lange als „Einhorn“ deklariert, obwohl ihre wahre Herkunft längst bekannt war – der Wunsch nach dem Wundersamen war hartnäckiger als die wissenschaftliche Erkenntnis.
So verhielt es sich auch mit der Zuschreibung von Heilkräften: Seit der Antike galt das Horn des Einhorns als Wundermittel gegen Gift und Krankheiten. Es gibt sogar eine christliche Legende die besagt, dass das Einhorn vergiftetes Wasser reinigen kann. Bei Hofe war das Horn wegen diesen Legenden begehrt, denn Giftmorde waren im 16. Jahrhundert verbreitet. Kaiser Maximilian I. soll ein Stück auf seinem Esstisch gehabt haben, das bei vergifteten Speisen zu „schwitzen“ begonnen habe. Auch Schmuckstücke aus „Einhorn“ dienten als Giftprüfer oder Schutz-Amulette. Später wurde die magische Wirkung der Einhörner von diversen Gelehrten infrage gestellt, doch trotz aller Kritik blieb das Einhorn-Horn bis ins 18. Jahrhundert fester Bestandteil von Arzneibüchern. Bis heute zeugt der weit verbreitete Name der Einhorn-Apotheken von der früher zugewiesenen Heilkraft.

Allegorie mit Kampf zwischen Tieren und Drachen bei sitzendem Mann mit Schild, Meister der Enthauptung Johannes des Täufers, 1500-1520 – Rijksmuseum, RP-P-1921-1193 – Public Domain
Das Einhorn als Symbol bis heute
Das Einhorn konnte im Laufe der Jahrhunderte sowohl Gutes als auch Schlechtes verkörpern. Meist symbolisierte es Keuschheit und Tugend, wie in den Darstellungen mit einer Jungfrau. In seltenen Fällen stand es jedoch auch für Hochmut und Stolz, etwa in mittelalterlichen Lehrbüchern über Sünden und Tugenden. In der Heraldik diente das Einhorn der persönlichen Identifikation von Adelsfamilien und Herrschern. Schottland führt es seit dem 15. Jahrhundert im Wappen, wo es bis heute neben dem englischen Löwen steht. Der französische Künstler Jean Duvet schuf im 16. Jahrhundert eine aufwendige Kupferstichserie, die das Einhorn zur Verherrlichung des französischen Königtums nutzte, es wurde zum Symbol königlicher Macht und religiöser Autorität. In Renaissance-Emblembüchern wurde das Einhorn dann wegen seiner zugeschriebenen Eigenschaften wie Klugheit und Schnelligkeit gelobt. Bis heute sind Einhörner in einigen Wappen, aber auch in Markenlogos zu sehen.
Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert entstand eine neue kulturelle und künstlerische Faszination für das Einhorn. So malte Arnold Böcklin 1871 in „Heiliger Hain, von einem Einhorn bewacht“ das Wesen als Wächter zwischen goldenen Opferschalen. In seinem Gemälde „Das Schweigen des Waldes“ griff Böcklin das Motiv des Einhorn im Jahr 1896 erneut auf, diesmal als Wesen, das an eine Mischung aus Schaf und Kuh erinnert. Die Wiederentdeckung der berühmten Tapisserien „Die Dame mit dem Einhorn“ im Jahr 1882 im Pariser Musée de Cluny inspirierte zudem Gustave Moreau, der das Motiv in zahlreichen symbolistischen Werken verarbeitete. Auch Armand Point zeigt in seinem Werk „Prinzessin mit Einhorn“ von 1896 eine selbstbewusste Frau, die das gezähmte Tier beherrscht, eine Umkehrung traditioneller Geschlechterrollen.
Ab dem 20. Jahrhundert wurden die künstlerischen Ansätze vielfältiger: René Magritte gab dem Einhorn 1964 menschenähnliche, weibliche Züge und inszeniert es im Gemälde „Der Meteor“ surrealistisch mit einem mittelalterlichen Turm statt einem Horn auf der Stirn. Aurelie Nemours reduziert das Einhorn 1969 auf geometrische Farbflächen und Rebecca Horn zeigt im Performance-Film „Einhorn“ von 1970 eine Frau, die mit einem langen weißen Stab auf dem Kopf durch den Wald und ein Getreidefeld schreitet. Sie thematisiert das Erscheinen des Einhorns als rätselhaftes Ereignis. Auch Maïder Fortuné spielt 2007 in einem Video mit der Grenze zwischen Illusion und Realität: Ein weißes Einhorn wird durch Regen allmählich schwarz und schließlich vor dem dunklen Hintergrund unsichtbar – ein Symbol für die drohende Auslöschung der Fantasie.
Anlässlich der Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ ist 2025 eine gleichnamige Publikation im Prestel Verlag erschienen, herausgegeben von Béatrice de Chancel-Bardelot, Séverine Lepape, Michael Philipp, Nerina Sartorius und Ortrud Westheider (ISBN: 978-3-7913-7799-3). Die Publikation mit zahlreichen farbigen Werkabbildungen enthält, neben einer Chronologie der ausgestellten Werke und einer historischen Zeitschiene zu Einhörnern im Laufe der Geschichte, auch Essays von Michael Philipp, Adrien Bossard, Stefan Trinks, Béatrice de Chancel-Bardelot, Barbara Drake Boehm und Annabelle Ténèze.
Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst
25.10.2025-01.02.2026
Museum Barberini, Potsdam
Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Musée de Cluny und der GrandPalaisRmn, Paris. Im Musée de Cluny ist die Ausstellung vom 13.03.-12.06.2026 zu sehen.
musermeku dankt dem Prestel Verlag für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.
Header-Bild: Frau mit Einhorn, 1510 – Rijksmuseum, SK-A-3970 – Public Domain, bearbeitet
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Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.
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