Spellbound: Hexen, Einhörner und magische Rituale

Magie und der Glaube an das Übernatürliche prägten die mittelalterliche Gesellschaft. Doch auch in den folgenden Jahrhunderten blieben abergläubische Vorstellungen und Ängste vor „bösen Mächten“ erhalten. Und selbst heute, in einem Zeitalter, in dem über Augmented Reality und Artificial Intelligence diskutiert wird, in dem das menschliche Genom als vollständig entschlüsselt gilt, und in dem Raumsonden bis zum Saturn geschickt wurden, existiert noch immer magisches Denken. Das Ashmolean Museum in Oxford wirft nun in seiner aktuellen Ausstellung „Spellbound: Magic, Ritual and Witchcraft“ einen Blick auf die historischen Vorstellungen von Magie und zeigt, wie sich bis ins 21. Jahrhundert ein vielfältiger Aberglaube in unserer Gesellschaft fortsetzt.

 


Spellbound im Ashmolean Museum Oxford, bis 6. Januar 2019 – Ashmolean Museum via YouTube

 

Der Böse Blick und der Teufel persönlich

Ein faszinierendes Kabinett von Kuriositäten, historische Dokumente und Bücher, mittelalterliche, aber auch zeitgenössische Kunst versammelt das Ashmolean Museum in seiner aktuellen Ausstellung „Spellbound“. Ob das Horn von Einhörnern (in Wirklichkeit Narwal-Hörner), magische Kristalle oder Talismane, die aus Edelsteinen und Korallen gefertigt wurden und den Träger vor dem bösen Blick und den damit verbundenen zufälligen Todesblitzen schützen sollten – seit Jahrhunderten versuchen Menschen ihr Leben durch magische Objekte positiv zu beeinflussen oder sich vor negativen Einflüssen zu schützen.

Hexerei und Übernatürliches standen im Mittelalter nicht unbedingt in Widerspruch zum christlichen Glauben. Vielmehr wurde die Vorstellung vom Bösen in die Welt des Christentums integriert. Bestimmte Männer und Frauen wurden als Hexen betrachtet, denn ihnen wurde vorgeworfen, mit Dämonen und dem Teufel selbst zu verkehren, um das Schicksal ihrer Nachbarn oder ihres ganzen Dorfes zu verfluchen und Unheil heraufzubeschwören. Infolge dieser Vorstellung von böser Magie wurden zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert, von Massachusetts bis Moskau, um die 100.000 Menschen verfolgt. Mehr als die Hälfte dieser Menschen wurde als Hexen verurteilt, grausam gefoltert und umgebracht.

Egal, wie viele vermeintliche Hexen man ermordete, böse Zauber waren allgegenwärtig. Da die Gesellschaft scheinbar also nicht von Hexerei befreit werden konnte, war Gegenmagie erforderlich, um ihren bösen Einfluss abzuwehren. Man vergrub in Kaminen und unter Türschwellen deshalb alte Schuhe, toten Katzen, gebogene Nägel, die in Urin eingelegt waren, oder Stierherzen, die mit Stiften durchbohrt wurden. Dieser Glaube an Magie und Hexen beeinflusste auch zahlreiche Künstler. Das Ashmolean Museum zeigt in seiner Ausstellung, die etwa 180 Exponate aus rund 800 Jahren europäischer Geschichte umfasst, daher u.a. Werke nach Albrecht Dürer, Melchior Küsel, Salvator Rosa oder Johann Heinrich Füssli.

 

Agostino Veneziano, nach Rafaël, nach Battista Dossi: Der Kadaver (ca. 1520) – Rijksmuseum

Agostino Veneziano, nach Rafaël, nach Battista Dossi: Der Kadaver (ca. 1520) – Rijksmuseum, Objektnummer: RP-P-OB-39.131Public Domain

 

Hexerei und Aberglaube

Neben historischer Kunst, die sich mit Hexen und magischen Wesen befasst, finden auch zeitgenössische Werke in der „Spellbound“-Ausstellung ihren Platz. Die beauftragten Künstler untersuchen mit ihren Arbeiten nicht nur, wie unsere Vorfahren das magische Denken in ihren Alltag integrierten, sondern wie sich diese Denkprozesse auch noch in der heutigen Gesellschaft wiederfinden. Ackroyd & Harveys Werk „From Aether to Air“ (2018) im zweiten Raum der Ausstellung bezieht sich etwa auf ein mittelalterliches Universum, das von Engeln und Dämonen bevölkert ist. Durch eine Art zeitgenössischen Akt der Alchemie wird eine kristalline menschliche Form aus Aluminiumsulfat geschaffen, die in Richtung Himmel aufzusteigen scheint. Unter der liegenden Figur kauern mittelalterliche Dämonen, Teufelsfiguren mit Drachenflügeln.

Katharine Dowsons Installation „Concealed Shield“ (2018) befindet sich in einem symbolischen Schornstein, eine schwarze Kammer im Zentrum des vorletzten Ausstellungsraumes. Der Schornstein war im Mittelalter – und darüber hinaus – ein Ort, an dem Schutzobjekte vergraben, eingemauert oder angebracht wurden, um vor dem Bösen zu schützen. Betritt man Dowsons Installation, findet man kein verstecktes Objekt, das vor Dämonen, Geistern oder Hexen bewahrt, sondern sieht sich mit einem großen Kristallherz konfrontiert, das von roten Lichtstrahlen durchdrungen wird. Im Werk der Künstlerin werden ein zeitgemäßes medizinisches Verständnis des menschlichen Körpers den geheimnisvollen Kräften des Okkulten gegenüberstellt, verdeutlicht durch mysteriöse und unheimliche Geräusche, die das Kristallherz umgeben.

Im letzten Raum von „Spellbound“ findet sich schließlich Annie Cattrells Werk „Verocity 11“ (2018). Es ist eine Reihe von Wohnobjekten, in die verschiedene magische Symbole und Wörter eingebrannt sind, sowie zwei Videoinstallationen. Während eine Installation eine Flamme zeigt, werden in der zweiten Installation dem gegenüber die bewegenden Bekenntnisse einer der Hexerei beschuldigten Frau gegenübergestellt. Beide Videoinstallationen zeigen – direkt und im übertragenen Sinne – wie aus einem zaghaften Beginn eine Eskalation entsteht. Aus einer kleinen Flamme wächst ein verzehrender Brand und aus einem Anfangsverdacht gegen eine unschuldige Frau entsteht eine Hysterie mit tödlichen Folgen.

 


CONCEALED SHIELD by Katharine Dowson  – Thomas Hogben via YouTube

 

Liebesschlösser und eine Hexe in der Flasche

Auch heute noch vermeiden es Menschen, aus Aberglauben unter einer Leiter durchzugehen, wie das Ashmolean Museum mit „Spellbound“ beweist. Zumindest traut sich kein Besucher unter der Leiter hindurch, die in der Ausstellung aufgestellt ist. Und auch Liebesschlösser sind ein Zeichen von magischem Denken in der heutigen Zeit, dies verdeutlichen die Schlösser, die an Brücken auf der ganzen Welt von Liebenden angebracht werden, in der Hoffnung, dass die Beziehung so für immer hält, wenn der passende Schlüssel unwiederbringlich weggeworfen wird. Das Museum zeigt in seiner Ausstellung zahlreiche dieser Schlösser, die ursprünglich an der Centenary Bridge in Leeds angebracht worden waren. Das Gewicht der Liebesbeweise drohte allerdings, die Statik der Brücke zu gefährden, daher wurden die Schlösser entfernt und sind nun im Ashmolean Museum zu sehen. Bedeutet das, dass die Liebe der Menschen nun zerbricht, weil die Liebesschlösser von ihrem Ursprungsort abgeschnitten wurden?

Neben diesen harmlosen Anzeichen von Aberglauben zeigt das Museum aber auch eher unheimliche magische Artefakte aus neuerer Zeit. So wurde 1988 ein kleines Tablettenfläschchen an das Ufer der Themse gespült – darin enthalten waren menschliche Zähne und Münzen aus dem Jahr 1982. Es wird vermutet, dass dies ein Zauber gegen Zahnschmerzen sein sollte. Das vielleicht unheimlichste Objekt in der Ausstellung, das noch bis heute seine Wirkung nicht zu verloren haben scheint, ist aber eine kleine Silberflasche, die aus dem Pitt Rivers Museum in Oxford stammt. Die Flasche wurde 1915 von einer alten Frau in Sussex an das Museum übergeben, und zwar mit einer Warnung: „They do say there be a witch in this and if you’re let un out there be a peck o’ trouble.“ Bis heute wurde die Flasche noch nie geöffnet – sicher ist sicher!

 

Spellbound: Magic, Ritual and Witchcraft

Ashmolean Museum, Oxford
31.08.2018 – 06.01.2019
weitere Infos zur Ausstellung

 

>>> MusErMeKu dankt dem Ashmolean Museum für den freien Eintritt in die Ausstellung.

Header-Bild: Ausschnitt aus: Albrecht Dürer: Die Hexen (1498 – 1502) – Rijksmuseum, Objektnummer: RP-P-OB-1229 – Public Domain

Ein Gedanke zu „Spellbound: Hexen, Einhörner und magische Rituale

  1. Pingback: Kultur-News KW 43-2018 News von Museen, Ausstellungen, Geschichte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.