Kulturmanager als Beruf – Probleme, Chancen und Perspektiven

Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), das 2017 sein 100. Jubiläum feierte, engagiert sich in zahlreichen Projekten im internationalen Kulturaustausch. Hierfür werden regelmäßig Stellen ausgeschrieben, deren Konditionen beim Kulturnachwuchs nicht unumstritten sind. Oft werden die Vergütung, die Befristung oder die Arbeitsbedingungen diskutiert, besonders in Sozialen Medien. Höchste Zeit nachzufragen, wie sich die Arbeitsbedingungen in ifa-Programmen und Projekten tatsächlich gestalten. MusErMeKu sprach mit Ruben Gallé, einem ehemaligen ifa-Mitarbeiter, über Probleme, Chancen und Perspektiven für Kulturmanager. Ebenso baten wir auch Urban Beckmann, Leiter der Abteilung Dialoge des ifa, um einen Kommentar.


 

Als Kulturmanager im Ausland

Im Rahmen des Entsendeprogramms des Instituts für Auslandsbeziehungen, das durch das Auswärtige Amt gefördert wird, werden Kulturmanager und Redakteure zu Standorten der deutschen Minderheit in mittel- und osteuropäische Ländern geschickt. Vor Ort tragen die ifa-Mitarbeiter dann zur Professionalisierung und zur Weiterentwicklung von Organisationen dieser Interessengruppen bei. Ruben Gallé war Teilnehmer eines solchen ifa-Entsendeprogramms. Er absolvierte zunächst einen Bachelor in Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität in Greifswald und arbeitete dann von September 2014 bis August 2017 als ifa-Kulturmanager bei der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft in Breslau.

Das neue Umfeld im Ausland und die Arbeit mit den ehrenamtlichen Vorständen und Mitgliedern der Gastinstitution in Breslau stellte für Ruben eine besondere Herausforderung dar. Die meisten ifa-Kulturmanager sehen sich mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert, wie er betont: „Oft sind die Mitglieder der deutschen Minderheit schon im höheren Alter und haben daher auch eine ganz andere Erfahrungswelt. Diese Unterschiede verlangen von allen Beteiligten viel Geduld und Einfühlungsvermögen, um gemeinsame, produktive Kommunikationswege zu finden“, so Ruben. Seine Erfahrungen als Kulturmanager im Ausland haben ihm einen neuen Blick auf die Branche ermöglicht.

 

Beruf oder Disziplin?

Der Begriff „Kulturmanager“ ist mittlerweile bekannt und es haben sich bereits zahlreiche Studiengänge dazu etabliert. Stellenausschreibungen, die sich direkt an Kulturmanager richten, sind jedoch eher selten. Meist werden statt dessen Sachbearbeiter, Projektleiter, Mitarbeiter im Marketing, Direktoren oder Kunstvermittler gesucht, die Erfahrungen im Bereich Kulturmanagement mitbringen. „Das meint dann meist die Fähigkeit, sich trotz halbwegs ausgeprägter Kreativität auch mit dem Stumpfsinn von Reisekostengesetzen und den verschiedensten seitenlangen ANBest (Allgemeine Nebenbestimmungen) auseinandersetzen zu können“, stellt Ruben fest. „Kulturmanagement ist, meiner Beobachtung nach, oft nicht direkt ein Beruf. Es ist vielmehr eine Disziplin, die dank knapper Kassen und dem Trend zur Produktion von Projektbegleitpapieren in biblischem Umfang, in immer mehr Kulturberufen von Arbeitgeberseite verlangt wird. Man könnte sagen: Ein Kulturmanager ist die kleinste selbstständige Einheit im Kulturbetrieb – denn im Zweifelsfall muss diese Person dann alles können.“

Kritisch sieht Ruben die geringe Anerkennung des Bachelor-Abschlusses bei Trägern von Kultureinrichtungen – diese Erfahrung hat er bereits selbst gemacht. „Die meisten potentiellen Arbeitgeber finanzieren sich, zumindest in Deutschland, aus Mitteln der öffentlichen Hand und wenden daher oft den TvöD an, oder lehnen sich zumindest daran an. Bachelor-Absolventen können dort i.d.R. in den Entgeltgruppen E 9 bis E 12 eingruppiert, bzw. in Anlehnung an diese Entgeltgruppen bezahlt werden. Meistens liest man in den Ausschreibungen bereits ab E9 unter ‚Voraussetzungen‘ allerdings den typischen Satz: ‚Abschluss eines wissenschaftlichen Hochschulstudiums‘. Es wird also ein Master, Magister oder Diplom verlangt. Für Bachelorabsolventen bieten sich daher nur wenige Einstiegschancen, die meist nicht tariflich oder verhältnismäßig niedrig eingruppiert sind“, betont Ruben.

 

Das Entsendeprogramm des ifa

Das ifa und sein Entsendeprogramm zählt gegenwärtig zu den wenigen Berufseinstiegsmöglichkeiten für Kulturmanager, die BA-Absolventen direkt offen stehen. In den ifa-Ausschreibungen wird ein „abgeschlossenes Hochschulstudium“ verlangt, damit reicht der Bachelor-Abschluss im Prinzip aus. Eigentlich positiv – oder doch nicht? „Leider werden Kulturmanager und Redakteure beim ifa nicht tariflich eingruppiert“, berichtet Ruben. „Man erhält 1.699 Euro brutto pro Monat plus Mietkostenzuschuss, was je nach Auslandsstandort mehr oder weniger viel Kaufkraft bedeutet. Das Gehalt ist also beispielsweise vergleichbar mit Sozialarbeitern im Anerkennungsjahr.“ Volontäre im Kulturbereich würden sich über ein Gehalt in dieser Höhe zwar freuen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es sich bei einem Volontariat um eine Ausbildung handelt – zumindest theoretisch. Kulturmanager im Rahmen des ifa-Entsendeprogramms werden jedoch nicht primär eingestellt, um weiter ausgebildet zu werden, sondern eher als Fachkräfte, die ihr Wissen an andere weitergeben sollen. So war zumindest Rubens Eindruck während seiner Tätigkeit im Ausland.

Urban Beckmann, Leiter der Abteilung Dialoge des ifa, sieht dies anders. Er betont dazu, dass das Entsendeprogramm sich in erster Linie an Berufseinsteiger richtet, die Auslandserfahrungen und interkulturelle, fachliche Kompetenzen erwerben wollen. Für ihn hat das Programm Ausbildungscharakter: „Die Entsandten werden in ihrer Tätigkeit durch regelmäßige Fortbildungen geschult. Zusätzlich werden sie durch eine Regional- und Programmkoordination des Instituts für Auslandsbeziehungen unterstützt und begleitet“, stellt er im Interview fest. Nach der Vergütung gefragt, betont Beckmann, dass sich diese an den Lebenshaltungskosten der Entsendungsländer orientieren würde. „Im Übrigen ist für die Eingruppierung nach TVöD nicht der Bildungsabschluss ausschlaggebend, sondern das Stellenprofil. Unsere Kulturmanager sind in die Organisationsstrukturen vor Ort eingebettet und werden von uns eng begleitet“, so Beckmann. Zudem handle es sich bei einer Tätigkeit im Rahmen des Entsendeprogramms des ifa ja auch um eine sozialversicherungspflichtige befristete Anstellung, bei der Renten- und Sozialversicherungsbeiträge in Deutschland übernommen werden: „Es war uns immer wichtig, den Kulturmanagern damit sowohl einen guten Wiedereinstieg in Deutschland zu ermöglichen, als auch ihnen die Chance zu geben, im deutschen Sozialversicherungssystem zu bleiben“, betont Urban Beckmann dazu.

Es stimmt, dass es auch andere Programme gibt, die in Form eines Stipendiums organisiert sind und bei denen die Teilnehmer nicht entsprechend versichert sind. Ein Beispiel ist das Museumsstipendium „Kulturelle Vielfalt und Migration“, bei dem manchmal die Gastgeberinstitutionen die Sozialleistungen übernehmen, in anderen Fällen aber auch nicht. Dann müssen sich die Stipendiaten selbst versichern, was wiederum zu Lasten des monatlichen Budgets geht, das sie zur Verfügung haben. Insofern bietet das ifa hier vorteilhaftere Konditionen. Über den ersten Punkt, nämlich dass die Eingruppierung sich am Stellenprofil orientieren würde, könnte man jedoch streiten. So wurde im Juni 2017 beispielsweise für den Deutschen Pavillon auf der 57. Biennale di Venezia ein Mitarbeiter gesucht, um die Betreuung und Pflege der Internet-Seiten zu übernehmen, bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen und die Datenbank zu pflegt (u.a.). Diese Stelle wurden vom ifa mit einer Entgeltgruppe 5 TVöD Bund ausgeschrieben. Diese Eingruppierung ist nicht nur sportlich, wenn man die Lebenshaltungskosten in Venedig bedenkt, sondern auch hinsichtlich des umfangreichen Aufgabenpensums überraschend.

 

Langfristige Perspektiven

Für Ruben ist im Fall des ifa besonders problematisch, dass im Anschluss an die Entsendungen keine weitere Perspektive besteht: „Das ifa, aber auch die dahinterstehenden Institutionen (Auswärtiges Amt, das Land Baden Württemberg und die Stadt Stuttgart), also Bund, Länder und Kommunen, sollten nach diesen Einstiegsstellen eigentlich einen Anschluss ermöglichen. Das ist aber oft nicht der Fall bzw. es wird oft nicht systematisch angegangen.“ Das Entsendeprogramm des ifa sei von vornherein nicht dazu ausgelegt, den ehemaligen Entsandten eine langfristige Perspektive zu bieten, findet Ruben. Grund dafür sei die Projektförderungsstruktur und die dadurch bedingte schwierige Personalstruktur, so seine Vermutung.

Urban Beckmann merkt dazu an, dass dem ifa eben nur begrenzte Projektmittel zur Verfügung gestellt werden: „Über die Höhe der Förderung entscheidet das Auswärtige Amt auf Grundlage eines jährlichen Antrags durch das ifa. Seit 2016 ist im Rahmen einer mehrjährigen Förderung durch das Auswärtige Amt eine Vertragslaufzeit von zunächst 2 Jahren möglich, die aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen über eine Ausnahmegenehmigung bei der DVKA und Zustimmung des Entsendelandes bis zu maximal 5 Jahren verlängert werden kann“, so Beckmann. Die Zuwendung aus staatlichen Mitteln und die Bindung an den TVöD ermögliche es nicht, dass ausscheidenden Kulturmanagern weitere Stellen direkt angeboten werden könnten. Entsprechende offene Stellen müssten öffentlich ausgeschrieben werden, wobei sich selbstverständlich die Entsandten auf sämtliche ausgeschriebenen Stellen des ifa bewerben könnten, betont Beckmann. Das ifa-Alumni-Programm würde durch Workshops und Vernetzungsangebote außerdem die Möglichkeit bieten, auch nach dem Auslandseinsatz die beruflichen Netzwerke im Umfeld der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik auszubauen. „Im ifa selbst gibt es einige Beispiele dafür, dass ehemalige Entsandte eine Festeinstellung gefunden haben“, so Beckmann.

Ruben gehört nicht dazu. Seiner Erfahrung nach haben Kulturmanager mit Bachelor am Ende ihres ifa-Arbeitsverhältnisses das gleiche Problem wie vorher: „Es finden sich auch nach der ifa-Entsendung oft nur befristete und/oder schlecht bezahlte ‚Einstiegsstellen'“, kritisiert er. Als einzige Perspektive sah er deshalb ein Masterstudium im Anschluss an seine ifa-Tätigkeit. „Gegen ein Masterstudium spricht nicht viel. Allerdings wurde die Bologna-Reform ja gerade auch damit begründet, dass die jungen Menschen nach dem ersten Abschluss schon dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen sollen. Das dann aber die politischen Akteure, die diese Reform unterstützt haben und die quasi hinter den Arbeitgebern Bund, Länder und Kommunen stehen, es nicht schaffen, die Verwaltungen und Kultureinrichtungen für den Bachelor-Abschluss zu öffnen – das finde ich sehr bedauerlich“, so Ruben.

 

Was muss sich im Kulturmanagement ändern?

„Ich würde mir bessere Strukturen für die Karrieremöglichkeiten im (öffentlich finanzierten) Kulturbereich wünschen“, betont Ruben im Interview. Denkbar wäre etwa die Einführung bzw. die Regulierung eines Volontariats im Kulturbereich als anerkannter Ausbildungsweg. Er ist davon überzeugt, dass sich dadurch öffentliche Institutionen für Bachelor-Absolventen öffnen würden und diese nach ihren Bedürfnissen weiterbilden könnten. Auch das gezielte Ermöglichen eines berufsbegleitenden Masterstudiums wäre denkbar. „Damit könnte man dem drohenden Personalmangel vorbeugen und parallel geordnete Karrierewege und klare Verhältnisse schaffen“, ergänzt Ruben.

Kulturmanagement als Disziplin wird in Zukunft noch wichtiger werden, da ist er sich sicher. Ruben rechnet im Kulturbereich mit einer Zunahme von Verwaltungsaufgaben, bei gleichzeitiger Stagnation oder gar Abnahme von Personalstellen. Vergleichbar wäre dies mit der Zunahme an Verwaltungsaufwand in der Wissenschaft, wo man es längst nicht mehr nur mit Aufgaben in Forschung und Lehre zu tun hat. Es müssen zum Beispiel Drittmittel eingeworben, Tagungen organisiert und Studiengänge, Arbeitsgruppen oder Institutionsstrukturen internationalisiert werden. „Nach jetzigen Bedingungen sehe ich einen anhaltenden Trend zu viel Frust im Mittelbau – in Wissenschaft wie Kultur. Viele Stellen sind befristet und schlecht bezahlt“, so Ruben.

Für die Zukunft des Kulturmanagements hat er Wünsche an verschiedene Adressaten: „Auf der Management-Seite wünsche ich mir eine stärkere Verknüpfung mit den Raum- und Regionalwissenschaften. Davon würde ich mir mehr Reflexion darüber versprechen, in welchen Kulturräumen wir uns bewegen und wie wir diese langfristig gestalten wollen. Auf der Kultur-Seite wünsche ich mir mehr Muße (sprich personell, finanziell und technisch gut ausgestattete Stellen), um sich in der Projektarbeit auch wirklich die nötige Zeit für die Inhalte nehmen zu können“, so Ruben. Seitens der Politik wünscht er sich das Ermöglichen von Einstiegswegen für Bachelor-Absolventen. „Ich denke, dass die Politik das den Kindern ihrer Bologna-Reform einfach schuldig ist“, wie er sagt. Außerdem sollten mehr Stellen im Mittelbau längerfristige Perspektiven bieten, so sein Wunsch.

Und das ifa-Entsendeprogramm? Ruben bereut seine Tätigkeit keinesfalls: „Es ist eine gute Möglichkeit als Berufseinsteiger Erfahrungen zu sammeln und für einige Jahre im Ausland zu leben, in spannenden Städten wie Breslau, Prag, Moskau oder Pécs (und viele weitere). Schöner wäre jedoch, wenn das ifa-Entsendeprogramm nicht nur ein Einstieg in den Beruf bleibt, sondern auch eine langfristige Perspektive nach Ende des Programms bieten würde, sei es in Form einer gezielten Profilierung des ‚ifa-Kulturmanagers‘, oder über Kooperationen mit Partnerinstitutionen, die eine perspektivische Anschlussbeschäftigung bieten können.“

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburg, 2015

Ein Gedanke zu „Kulturmanager als Beruf – Probleme, Chancen und Perspektiven

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