Das #ArtSelfie rettet die Kunst, YouTuber im Museum und Kulturschläfer

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 21, 11/2017

– Frage des Monats: Zerstören Smartphones unsere Aufmerksamkeitsspanne für Kunst? –
– Thema des Monats: Nicht so witzig: YouTuber im Museum –
– Twitter des Monats: Besser gar nicht regieren! –
– Instagram des Monats: Back to the Street Photo –
– Tumblr des Monats: People sleeping in museums –

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.


 

Frage des Monats

Zerstören Smartphones unsere Aufmerksamkeitsspanne für Kunst?

 

Bereits vor 16 Jahren führten die beiden Forscher Lisa F. Smith und Jeffrey K. Smith eine Besucherstudie im Metropolitan Museum of Art (MET) durch. Sie konzentrierten sich auf die Art und Weise, wie Museumsbesucher über ihre Aufenthalte reflektieren. Im Fokus dabei stand die Untersuchung der kognitiven Freude, die mit dem Blick auf Kunst einhergeht. Viele Studienteilnehmer beschrieben ihren Museumsbesuch in der Umfrage als überschwänglich positiv – obwohl sie durchweg nur sehr kurze Zeit mit der Kunst verbracht hatten. Den Forschern stellte sich die Frage: Wie können Menschen so tief bewegt sein von Kunstwerken, die sie nur so kurz betrachtet haben?

 

Wie lange betrachten Museumsbesucher Kunst?

Um dieser Frage nachzugehen, untersuchten die Forscher, wie lange die Museumsbesucher dafür benötigten, die Ausstellungsräume des MET zu durchqueren und sich dabei Kunst anzusehen. Bobachtet wurden 150 Personen bei der Betrachtung von sechs Gemälden aus der Sammlung des Museums, darunter berühmte Werke wie „Washington Crossing the Delaware“ (1851) von Emanuel Gottlieb Leutze und „Die Kartenspieler“ (1890-92) von Paul Cézanne.

Die Forscher stellten fest, dass die durchschnittliche Zeit für das Anschauen eines Gemäldes nur 17 Sekunden betrug. Die Smiths kamen durch ihre Studie zu dem Schluss, dass ein Museumsbesuch nicht durch lange Blicke auf einzelne Kunstwerke gekennzeichnet ist. Stattdessen wird die Begeisterung der Besucher tatsächlich nur durch einen kurzen Blick auf viele Kunstwerke hervorgerufen.

Die Studie aus dem Jahr 2001 zeigt damit, dass die Aufmerksamkeit in Museen sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert hat. Obwohl man Menschen aufgrund des heute gesteigerten mobilen Informationskonsums eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne zuschreibt: Nicht erst die „Smartphone-Generation“ konzentriert sich eher kurz auf Kunst. Schon lange bevor Smartphones unsere Sehgewohnheiten prägten, wurde Kunst in Museen durchschnittlich nur kurz betrachtet.

 

Mehr Aufmerksamkeit – dank des ArtSelfie?

Tatsächlich hat sich die Aufmerksamkeitsspanne im Smartphone-Zeitalter sogar verlängert. Im Februar 2016 hatten die Forscher ihre Studie im Art Institute of Chicago (AIC) mit mehr Studienteilnehmern und mehr überwachten Kunstwerken wiederholt. Die durchschnittliche Zeit für das Anschauen eines Gemäldes liegt mit 21 Sekunden jetzt sogar über den Werten von 2001. Vielleicht kommt diese Zeitverlängerung durch das Smartphone zustande? Die Studie erfasste nämlich auch, dass 35% der Besucher ein #MuseumSelfie oder ein #ArtSelfie machten. Und fürs Fotografieren braucht man schließlich ein bisschen mehr Zeit.

⇒ Isaac Kaplan, Artsy: How Long Do People Really Spend Looking at Art in Museums?


 

Thema des Monats

Nicht so witzig: YouTuber im Museum

 

Die eine oder andere Kulturinstitution würde sicher gerne mit bekannten Influencern zusammenarbeiten, um v.a. Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen. Allein, oft fehlt das Geld. Umso mehr müsste sich ein Museum eigentlich freuen, wenn wirklich bekannte YouTuber im Museum auftauchen und hier ihr nächstes Video drehen wollen – sogar ohne Honorar dafür zu verlangen. Welches Museum würde sich nicht so etwas wünschen!

 

Der Kunstraub-Prank

Am 5. Juli 2015 beschlossen die Mitglieder von Englands bekanntestem YouTube-Prank-Kanal Trollstation in der Londoner National Portrait Gallery ein Prank-Video zu drehen. Bei Pranks wird Leuten quasi im „versteckte Kamera“-Modus ein Streich gespielt. Die Idee im Museum: Die YouTuber rannten mit Strumpfhosen über dem Kopf in den Ausstellungsräumen umher – mit vermeintlich gestohlenen Kunstwerken unter dem Arm. Gedacht war die Aktion, die nur wenige Minuten dauerte, als Kunstraub-Parodie. Die Kunstwerke waren mitgebrachte Fakes, die YouTuber stellten sich bewusst tollpatschig an und ließen die Beute z.B. immer wieder fallen, rannten ineinander und riefen letztendlich auch immer wieder „It’s a joke!“.

Mit seinen fast 1 Mio. Aufrufen hätte die Aktion eine witzige Guerilla-Werbeaktion für das Museum sein können – wenn sie mit dem Museum abgesprochen gewesen wäre. Polizei und Sicherheitspersonal hätten informiert werden können und Besucher hätten darauf aufmerksam gemacht werden können, dass gleich in den Räumen eine „Performance“ mit Videoaufzeichnung stattfinden würde – ohne zu viel zu verraten. Überraschte Besucher hätte man dann trotzdem filmen können.

Die Prank-Aktion war mit dem Museum aber leider nicht abgesprochen. Statt erfolgreichem Influencer Marketing folgte eine Anklage vor Gericht mit mehrmonatigen Gefängnisstrafen für die YouTuber, weil sie im Museum und auf der Straße davor eine Massenpanik verursacht hatten.

⇒ Johannes Hausen, Motherboard: YouTubes Prankster Nr. 1 ist zu weit gegangen und muss neun Monate in den Knast

 

Art Gallery Heist Prank GONE WRONG GONE JAIL – via YouTube, Trollstation


 

Twitter des Monats

Besser gar nicht regieren!

 

Wer nichts macht, der kann auch nichts falsch machen. Das findet nicht nur die FDP, sondern auch der @nicht_regieren Twitter-Bot, der alle 3 Stunden seinen Followern mitteilt, was man besser nicht machen sollte: „Lieber nicht schmusen als falsch schmusen.“ Stimmt doch!

@nicht_regieren  


 

Instagram des Monats

Back to the Street Photo

 

Hinter dem Instagram-Account @backtothestreetphoto steckt eine französisch-sprachige Person. Mehr lässt sich über den oder die Street Artist nicht herausfinden, deren Werke in Paris, London oder San Francisco zu finden sind. Die Person erstellt kleine Open Air Galerien mit Street Photography. Portraits von Menschen und Tieren aus verschiedenen Ländern, die auf der Straße fotografiert wurden, gelangen als kleine Kacheln im Foto-Format wieder an Ausstellungsorte in der Öffentlichkeit – daher der Name „back to the street“.

⇒ @backtothestreetphoto


 

Tumblr des Monats

People sleeping in museums

 

Stefan Drashan wird seit kurzem in der internationalen Presse dafür gefeiert, Museumsbesucher vor passenden Kunstwerken zu fotografieren. Erfunden hat er das Ganze allerdings nicht, denn das Ablichten von Kulturgängern, deren Kleidung oder Aussehen einen Dialog mit ihrer Umgebung eingehen, ist schon seit Jahren ein nicht seltenes Phänomen. Der Fotograf Caspar Claasen ist ebenso auf der Suche nach Kunst-kompatiblen Menschen wie Laurent Muschel, dessen Buch „Back to the Museum“ bereits 2013 erschien. Nicht zuletzt gibt es auch eine Reihe an Instagrammern, die quasi seit Anbeginn der Plattform mit #peoplematchingartworks ihre Entdeckungen teilen. Und auch über Hashtags wie #peoplelookingatart oder #artwatchers lassen sich wunderbare Besucher-Kunst-Kombinationen von einer Vielzahl an Hobby- und Profifotografen bei Instagram finden.

Wer nicht genug von Menschen in Museen bekommen kann, für den hat Stefan Drashan auch ein Kontrastprogramm zu bieten: Menschen, die Kunstwerke begrapschen, oder Museumsbesucher, die gepflegte Nickerchen halten, umgeben von Museumsobjekten. Auch das haben andere Fotografen aber ebenso schon festgehalten, Caspar Claasen etwa. Der hat nur keinen extra Tumblr dafür, sondern nur einen allgemeinen.

People sleeping in museums


 

⇒ alle MusErMeKu – Nicht-Newsletter – im Überblick

Header-Bild: Angelika Schoder – Berlin, 2009

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