Die Zukunft von Museen, ein Shitstorm dank #AskACurator und schaurig-schöner Brustalismus

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 19, 09/2017

– Frage des Monats: Wie lässt sich die Zukunft von Museen vorhersagen? –
– Thema des Monats: Wenn #AskACurator einen Shitstorm auslöst –
– Twitter des Monats: wtf renaissance –
– Instagram des Monats: A Hot Medieval Guy A Day –
– Tumblr des Monats: Mid-Century Modern Playgrounds –

Ein Newsletter, der kein Newsletter ist.


 

Frage des Monats

Wie lässt sich die Zukunft von Museen vorhersagen?

 

Wie lässt sich die Vermittlung von historischem und kulturellem Wissen in Einklang bringen mit den ökonomischen Bedürfnissen eines Museums? Die National Gallery in London will jetzt die Analyse von big data dazu nutzen, vorherzusagen, wie sich das Verhalten von Besuchern in Dauer- und Sonderausstellungen in Zukunft entwickeln wird.

Der Prozess soll über die bloße Analyse der vergangenen Besucherdaten im Museum hinausgehen. Statt dessen sollen Prognosen über die zukünftige Anwesenheit von Besuchern getroffen werden und daraus zukünftige Strategien für die Kulturinstitution abgeleitet werden. Ob das funktioniert – und ob in Zukunft auch andere Museen ihre Besucherdaten in ähnlicher Weise analysieren werden – wird sich zeigen.

 

⇒ MuseumNext: The National Gallery predicts the future with artificial intelligence


 

Thema des Monats

Wenn #AskACurator einen Shitstorm auslöst

 

Best Case 2017 – Dinos gegen Roboter

Am 13. September 2017 war es wieder soweit: Unter dem Hashtag #AskACurator konnten Kuratoren aus Museen auf der ganzen Welt befragt werden. Zu den Highlights in diesem Jahr zählte bei Twitter die Diskussion zwischen zwei benachbarten Londoner Museen, dem Science Museum und dem Natural History Museum. Auslöser war die Frage, welches Museum in einem Kampf gegeneinander gewinnen würde – und welche Ausstellungsstücke dabei helfen würden. Der so entstandene Twitter-Dialog ließ Dinosaurier, Vulkane und Vampir-Fische gegen Roboter, Kampfflugzeuge und Gift antreten – zur Freude der mit- und nachlesenden Twitter-Nutzer.

 

Wenn die Kuratorin antwortet

Weniger Freude hatten die Twitter-Nutzer allerdings mit dem British Museum, das zeigte, wie #AskACurator auch ordentlich nach hinten losgehen kann. Während viele deutschsprachige Museen Probleme damit haben, ihre Kuratoren überhaupt dazu zu bewegen, an #AskACurator teilzunehmen, hätte sich das British Museum in Nachhinein vielleicht gewünscht, doch keinen Kurator allein auf Fragen antworten zu lassen.

Kuratoren bringen vielleicht das wissenschaftliche Fachwissen mit – Social Media Manager und Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit bringen allerdings (im Idealfall) die nötige Erfahrung im Umgang mit der medialen Öffentlichkeit mit. Und so hätte das British Museum vielleicht seiner Kuratorin Jane am 13. September zu #AskACurator einen solchen Kommunikationsexperten zur Seite stellen sollen, bevor es sie einfach drauflos antworten ließ.

 

Worst Case – Das British Museum

Das Museum of Applied Arts and Sciences in Sydney hatte ganz allgemein gefragt, wie andere Museen Objektbeschriftungen gestalten, damit sie möglichst zielgruppenübergreifend verständlich sind. Der Account der Kuratoren des Black Country Living Museum antworte darauf etwa, dass sie versuchen, sich auf maximal 100 Worte zu beschränken und leichte Sprache zu nutzen. Das DCN – Disability Cooperative Network for Museums verwies auf nützliche Guidlines für Barrierefreiheit auf seiner Website. Und das British Museum, genauer gesagt eine Kuratorin der Asien-Abteilung, hielt es für eine gute Idee zu antworten, dass es Ziel des Museums sei, dass die Objekttexte auch von Jugendlichen verstanden werden sollten und daher „lieber nicht zu viele Asiatische Namen“ genutzt werden.

Die Kuratorin versuchte zwar im weiteren Dialog die Aussage zu relativieren, indem sie betonte, dass beispielsweise Götter in verschiedenen asiatischen Ländern verschiedene Namen hätten und die Objektbeschriftungen viel zu lang würden, wenn man dies umfangreich erklären würde. Aber diese Aussage ließ die Debatte nur weiter eskalieren. Die Rassismus-Vorwürfe aus der Twitter-Community ließen – völlig zu Recht – nicht lange auf sich warten. In über 700 Kommentaren entfaltete sich ein Shitstorm, wobei xenophobische Nutzer auf diejenigen trafen, die die Äußerungen der Kuratorin als völlig unangebracht auffassten und sich für mehr Vielfalt (und damit auch für wissenschaftliche Korrektheit) aussprachen. Das Museum veröffentlichte schließlich eine Art Entschuldigung, in der betont wurde, wie schwierig es sei, alle wichtigen Informationen zu einem Objekt in Kurzform auf eine kurze Objektbeschriftung zu reduzieren.

Auch wenn viele Mitarbeiter anderer Museen diesem Standpunkt in der Diskussion bei Twitter zustimmten – keiner behauptet, es wäre leicht. Dafür sind in Museen eben Wissenschaftler und Museumspädagogen tätig, deren Aufgabe es ist, Inhalte korrekt und dennoch verständlich zu vermitteln. Gerade bei einer Institution wie dem British Museum, dessen Exponate teils eine bedenkliche Provinienz haben, sollte besonders auf einen angemessenen Umgang mit Objekten und der Vermittlung ihres Kontextes geachtet werden. Dank #AskACurator bleibt nun einmal mehr ein nachhaltiger Beigeschmack, wie das British Museum zur Vermittlung von ethnischer Diversität eigentlich steht.

 

⇒ Martin Belam, Guardian: British Museum says too many Asian names on labels can be confusing

⇒ Sanjana Varghese, NewStatesman: Two museums are having a fight on Twitter and it’s gloriously informative


 

Twitter des Monats

wtf renaissance

 

In der Kunst ging es früher ziemlich merkwürdig zu, davon kann man sich bei @WtfRenaissance bei Twitter überzeugen. Hinter dem Account steht die Australierin Angela Mary Claire, die Gemälde aus verschiedenen Jahrhunderten (nicht zwangsläufig aus der Renaissance) mit ironischen Kommentaren ergänzt.

 

⇒ @WtfRenaissance


 

Instagram des Monats

A Hot Medieval Guy A Day

 

Bei @a.hot.medieval.guy.a.day sammelt Medävistin Annick Bilder von „scharfen Typen“ in Kalenderform. Mit dabei sind etwa „süße Boys“ wie Jakob Fugger, der 1519 von Albrecht Dürer gemalt wurde, oder der Vollbart-Hipster Alfonso VIII von Kastilien (1155-1214). Und wer sich schon immer gefragt hat, wie der „Justin Bieber des Mittelalters“ aussah – er ziert das Kalenderblatt des 30. Juni 2017.

 

⇒ @a.hot.medieval.guy.a.day


 

Tumblr des Monats

Mid-Century Modern Playgrounds

 

Alle lieben Brutalismus, so schön hässlich mit viel Beton. Manchmal wird die graue Tristesse von grässlichen Farben unterbrochen, was das Ganze nicht weniger hässlich macht, sondern in den Augen nur noch ein bisschen mehr weh tut.

Brutalismus findet sich nicht nur in Form von Wohnblocks oder großen Gebäudekomplexen, sondern auch auf Spielplätzen weltweit. Bilder dieser traurig-schaurig-schönen Spielplätze sammelt der Tumblr Mid-Century Modern Playgrounds. Hier finden sich auch Zitate, etwa von Architekt M. Paul Friedberg, der über seinen „Vest-Pocket Park“ in New York schrieb:

„It is fundamental for the more dynamic development of our children that they be exposed during early childhood to an enriched and stimulating environment. Enrichment runs the gamut of human experience from the physical to the intellectual and the spiritual. It is an adventure which explores the components of the five senses: richness and excitement of color; the emotional responses to light and dark; the mysteries of reflection and refraction, the sensuality of textures – rough, smooth, soft, gritty; the understanding of heat and cold and range of the auditory sensation including echo, cacophony, melody and resonance.“

Das klingt irgendwie schön – es sieht nur leider nicht so aus.

 

⇒ Mid-Century Modern Playgrounds


 

⇒ alle MusErMeKu – Nicht-Newsletter – im Überblick

Header-Bild: Angelika Schoder – Saint-Denis, 2017

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