Kunst nach dem Zufallsprinzip

Das Unvorhersehbare als Methode hat in der Kunst eine lange Tradition. Besonders im 20. Jahrhundert öffneten sich zahlreiche Künstler dem Prinzip des Zufalls, wie das Kunstmuseum Stuttgart in seiner aktuellen Ausstellung „[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls“ zeigt.

Das Museum wirft einen Blick auf die unterschiedlichen methodischen Ansätze, die bestimmt werden von Materialien, der Mathematik oder philosophischen Aspekten. Verdeutlicht wird das Prinzip des Zufalls dabei anhand von 140 Werken, etwa von Hans Arp, John Cage, Niki de Saint-Phalle, Marcel Duchamp, Gerhard Richter oder Ben Vautier.

 

Das Unerwartete in Zeiten des Umbruchs

Ausgangspunkt der Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart ist die Theorie, dass dem Zufall besonders in Zeiten des Umbruchs eine große Bedeutung in bildender Kunst, Literatur oder Musik eingeräumt wird. Dies kann die Zeit eines persönlichen Umbruchs sein, wie etwa im Fall des französischen Dichters Victor Hugo, der während seines Exils auf den Kanalinseln Mitte des 19. Jahrhunderts sogenannte „Klecksografien“ schuf, von Flüssigkeiten geschaffene zufällige Formen, die er mit fantasievollen Titeln versah.

Doch auch politische Umbrüche, etwa die beiden Weltkriege, riefen bei Künstlern das Bedürfnis nach einer Auseinandersetzung mit dem Zufall hervor. Als Beispiel tritt in der Ausstellung Hans Arp in Erscheinung, der in den 30er und 40er Jahren Collagen „nach den Gesetzen des Zufalls geordnet“ schuf. Auch der Surrealist Max Ernst bediente sich in seinen Werken des Zufalls, etwa mithilfe der Décalcomanie, einer Technik des Farbabzugs.

 

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt die Ausstellung „[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls“ noch bis 19. Februar 2017

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt die Ausstellung „[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls“ noch bis 19. Februar 2017

 

Der computerbasierte Zufall

Dem Würfel kommt in der zufallsbasierten Kunst eine besondere Bedeutung zu, vereint er doch die Prinzipien von Ordnung und Chaos, da er für Wiederholung, aber auch für Unberechenbarkeit steht. Die englische Künstlergruppe Troika (bestehend aus Eva Rucki, Conny Feyer und Sebastian Noel) gestaltete mithilfe von Würfeln etwa Flächen, welche durch die Augen von Würfeln bestimmt werden. Festgelegt wurde die Anordnung der Augen durch einen Zellulären Automaten, eine Art Computer. Auch die Mathematiker Frieder Nake und George Nees nutzen Compter für ihre Werke. So schrieben sie etwa  in den 60er Jahren, basierend auf Zufallszahlen, Programme für das automatische Zeichengerät „Zuse Z 64“.

 

Der Zufall als Komponist

Im Jahr 1951 folgte der amerikanische Komponist John Cage bei dem Stück „Music of Changes“ der Aleatorik und machte sich das Zufallsprinzip zunutze. Als Grundlage nutze er das „Buch der Wandlungen“, das chinesische „I Ging“, und bestimmte durch Münzwürfe die Lautstärke, die Dauer sowie Höhe und Länge von Tönen. Diese Methode zeigte, dass der Zufall hier allerdings weiterhin an bestimmten Regeln orientiert war. Aus diesem Grund schuf Cage im Laufe der 50er Jahre zunehmend Partituren, bei denen Teile offen gehalten waren. Bei der Aufführung war es somit dem Musiker überlassen, das Stück zu vervollständigen – der reine Zufall also, der sich nicht durch Cage als Komponisten beeinflussen ließ. Auch Cages Schüler experimentierten in ihren Kompositionen mit dem Einfluss des Zufalls, etwa Dick Higgins in seinen Partituren mit Einschusslöchern von 1967. [1]

 

Die Rolle des Zufalls im Film

Der Begleitband zur Ausstellung greift in erster Linie die Inhalte der Ausstellung auf, nur wenige ergänzende Themen werden hier angesprochen, wie etwa die Rolle des Zufalls im Spielfilm. Explizit geht es, neben Michael Hanekes „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ (1994), um Tom Tykwers „Lola rennt“ (1998). Der Zufall wird in diesen Filmen als Einfluss auf das alltägliche Leben bestimmter Menschen dargestellt, wobei es um Aspekte wie Freiheit und Fremdbestimmung geht. „Lola rennt“ wird hier als Beispiel für einen sogenannten „Entweder-Oder-Film“ diskutiert, der drei Versionen einer Geschichte verfolgt. Jede Begegnung von Lola mit einer Person bestimmt den weiteren Verlauf der Handlung – bewusste Entscheidungen wirken sich ebenso aus, wie Zufälle, die Lola nicht beeinflussen kann. In seinem Text beschreibt Medienwissenschaftler Florian Mundhenke den Film als „Appell zum Ausbruch aus der Diktatur der Zeitlichkeit“, welcher es den Figuren ermöglicht ihr Schicksal wiederzufinden, das durch nicht erklärbare Zufälle abhandengekommen war. [2] – Leider werden die im Katalog angesprochenen Filme übrigens nicht im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung gezeigt, auch wenn sich dies angeboten hätte.

 

Der Ausstellungskatalog „[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls“ ist 2016 im Wienand Verlag erschienen

Der Ausstellungskatalog „[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls“ ist 2016 im Wienand Verlag erschienen

 

Der Begleitband zur Ausstellung „[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls“, herausgegeben von Ulrike Groos und Eva-Martina Froitzheim, ist 2016 im Wienand Verlag erschienen (ISBN: 978-3-86832-341-2). Der Band enthält, neben zahlreichen Werk-Abbildungen und einem vollständigen Objektverzeichnis, Texte u.a. von Stefan Klein, Dietmar Guiderian, Bettina Thiers, von der Kuratorin Eva-Marina Froitzheim oder von Florian Mundhenke.

 

[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls

Kunstmuseum Stuttgart
24.09.2016 – 19.02.2017
weitere Informationen

 

>>> Der Beitrag entstanden im Rahmen der Bloggerreise #kulturherbststuttgart, die von der Stuttgart Marketing GmbH und den beteiligten Kulturinstitutionen initiiert und finanziert wurde. MusErMeKu dankt dem Kunstmuseum Stuttgart zudem für die kostenfreie Überlassung des Ausstellungskatalogs als Rezensionsexemplar. / Dieser Artikel erscheint im Rahmen des von MuseumLifestyle initiierten #artbookfriday

→ Unsere Beiträge zum #artbookfriday

 

Fotos: Angelika Schoder: [un]erwartet. Die Kunst des Zufalls – Kunstmuseum Stuttgart, 2016 – Header-Bild: Ausstellungsbesucherin hört das Hörspiel „Ich hatte das Radio an“ von Eran Schaerf (2016)

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Fußnoten:

[1] Dazu: Anna-Maria Drago Jekal: Zwischen geplant und unvorhersehbar: John Cage und der Zufall in der Musik, In: [un]erwartet. Die Kunst des Zufalls, Hg.v. Ulrike Groos und Eva-Martina Froitzheim,  Wienand Verlag 2016, S. 56-59

[2] Florian Mundhenke: Konstruierte und zerstörte Wirklichkeit bei Tom Tykwer und Michael Haneke: Über die Rolle des Zufalls im Spielfilm, In: Ebd., S. 128-134, hier S. 131

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Linktipps zur Ausstellung „[un]erwartet. Die Kunst des Zufalls“

2 Antworten auf „Kunst nach dem Zufallsprinzip“

  1. Liebe Angelika !

    Die Bloggerreise ist auch irgendwie spurlos an mir vorübergegangen.

    Wird in dem Buch auch auf den gelenkten Zufall – Aleatorik – eingegangen ? Mit dem aleatorischen Moment in der Kunst habe ich mich im Rahmen meiner Diplomarbeit beschäftigt, fand ich sehr spannend.

    LG Alexandra

    1. Liebe Alex,

      die Bloggerreise war im November, ist also schon ein paar Wochen her. Damals waren wir mit dem Hashtag #kuklturherbststuttgart auch in den Trending Topics bei Twitter an beiden Tagen. Ist aber klar, dass das bei Twitter auch schnell durchläuft – dafür sind zum Glück Blogs da, um die Themen etwas nachhaltiger zu zeigen. 😉 Falls du schauen willst, was alles zur Reise gehört hat, hier gibt’s einen Überblick über die Stationen: https://musermeku.org/2016/11/23/kunst-kultur-stuttgart/

      Spannendes Thema deiner Diplomarbeit! Mit welchen Künstlern hast du dich auseinandergesetzt? In der Ausstellung wird zur Aleatorik besonders im Abschnitt eingegangen, der sich mit dem Zufall in der Musik befasst, also Cage & Co. Hierzu gibt es auch im Ausstellungskatalog ein eigenes Kapitel – das allerdings für meinen Geschmack gerne deutlich umfangreicher hätte sein können, wie auch der ganze Katalog. Generell gibt dieser, parallel zur Ausstellung, eher einen allgemeinen Überblick über die künstlerischen Methoden. Wenn du dazu aber schon geforscht hast, ist vermutlich für dich nichts Neues dabei. Ich würde den Katalog eher als Einführung sehen.

      Viele Grüße, Angelika

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