Wim Delvoye: Wie man aus Scheiße Kunst macht

Der Künstler Wim Delvoye (*1965) überschreitet regelmäßig Grenzen. Ob es sich um moralische Grenzen oder um die Grenzen des „guten Geschmacks“ handelt – Hauptsache es schockt. Das Museum Tinguely in Basel widmet dem Belgier jetzt die erste Retrospektive in der Schweiz. In Zusammenarbeit mit dem MUDAM Luxemburg ist begleitend ein umfangreich bebilderter Katalog erschienen, der die wichtigsten Werke des Künstlers beleuchtet – und sie seinen eigenen Kinderbildern gegenüberstellt.


Kinderzeichnungen als Referenzpunkt

Ebenso wie die Ausstellung, die das Museum Tinguely vom 14.06.2017 bis 01.01.2018 zeigt, präsentiert auch der begleitende Katalog Wim Delvoyes Kinderzeichnungen als Ausgangpunkt für fast alle seine späteren Werke. Bereits seine „Early Works“ (1968-1971) weisen darauf hin, welchen Einfluss seine Kindheit und Jugend in Flandern auf den Künstler hatten. Die Wappen seiner Heimat sind z.B. auf Bügelbrettern zu finden, den „Ironing Boards“ (1990), oder er greift die Tradition der Delfter Porzellanmalerei auf, etwa bei den Gasbehältern „Dutch Gas-Cans“ (1987/88) oder bei der Installation „Chantier V“ (1995), bei der Abwasserrohre von verschnörkelten Porzellanfüßen getragen werden.


Alles Scheiße

Zwischen 2001 und 2010 schuf Wim Delvoye insgesamt zehn „Cloaca“-Maschinen, seine wohl bekanntesten Werke. Es sind Verdauungsmaschinen, die den Prozess des menschlichen Körpers von der Nahrungsaufnahme bis hin zur Ausscheidung maschinell nachbilden. Mit Hilfe von Enzymen und anderen Flüssigkeiten, die am Verdauungsprozess beteiligt sind, wird in Labor-Apparaturen der menschliche Verdauungstrakt isoliert nachgebaut und veranschaulicht: Oben wird Essen eingefüllt, unter Zusatz von Flüssigkeiten wird das Essen in einem Prozess „verdaut“ und am Ende kommt das Endprodukt zum Vorschein. Und sogar dieses Endprodukt wird von Wim Delvoye wiederum zur Kunst stilisiert: Fein säuberlich wird es als „Cloaca Faeces“ (2003) eingetütet und ausgestellt, oder es wird als biegsame Form zum Kachel-Ornament im Werk „Mosaic [90-400-DOC]“ (1990). Das Profanste überhaupt wird durch Hightech oder Handwerk zur teuren Kunst – Scheiße als Museumsstück.


Tim sitzt in der Ecke

Als umstrittenstes „Kunstwerk“ von Wim Delvoye gilt der Schweizer Tim Steiner. Sein Rücken wurde mit einem bewusst zusammenhanglos aus verschiedenen Tattoo-Stilen zusammengesetzten Motiv tätowiert. Danach wurde Tims Rücken an einen Sammler verkauft – und dieser verleiht das Werk „Tim“ auch regelmäßig an Museen auf der ganzen Welt. Tim reist für seine Gastauftritte nach Tasmanien, Hamburg oder Basel, sitzt mit Kopfhörern mehrere Stunden lang in einer Ecke und lässt sich bestaunen, betrachten und beglotzen.

Laute Musik in seinen Ohren verhindert, dass er hören kann, was Museumsbesucher hinter seinem Rücken über diesen reden. Was die Musik nicht verhindern kann ist, dass Tim in den letzten Jahren auch schon bespuckt, angefasst oder geschubst wurde, während er seinen von Wim Delvoye gestalteten Oberkörper in Museen zeigte. Vertraglich hat der Schweizer sich dazu verpflichtet, sich ausstellen zu lassen. Ein weiterer Aspekt der vertraglichen Vereinbarung ist es, dass sein Rückentattoo auch dann noch als Kunstwerk erhalten wird, wenn Tim verstorben ist. Seine Haut wird dann gerahmt – und weiter ausgestellt.


Sakrale Ornamente

Wim Delvoye bricht mit Vorliebe Tabus. In Bezug auf den Essay „Ornament und Verbrechen“ des Wiener Architekten Adolf Loos aus dem Jahr 1908 verstößt Delvoye mit Lust an der Idee, die den künstlerischen Geist des 20. Jahrhunderts prägte. Wo viele Künstler der Moderne das Ornamentale ablehnten und auf eine minimalistische Formensprache setzten, begeht Delvoye bewusst ein „Verbrechen“. Er verwandelt industrielle Objekte wie LKW-Reifen, die „Carved Tyres“ (2013), in individuelle Kreationen des Kunstgewerbes.

Ebenso „remixt“ Delvoye Skulpturen des 19. Jahrhunderts, indem er sie nach einem Computerscan verzerrt, spiegelt und doppelt, bis eine Art Rorschach-Effekt entsteht. Mit diesem Remix-Effekt bricht er auch das Tabu der Religion, indem er sich dem Motiv der Kreuzigung zuwendet. Zwischen 2005 und 2010 entstand eine Reihe an Skulpturen, die Jesus am Kreuz als geometrische Form begreift. Wim Delvoye verzerrt, doppelt und verschachtelt diese Form zu einer Doppelhelix der DNA, zu Möbiusbändern und Sinuskurven.


Ironie und Irritation

Die Ausstellung, ebenso wie der begleitende Katalog, nimmt den Besucher mit in das vielschichtige Werk von Wim Devoye. Irritation ist dabei gewünscht, denn der Künstler stellt immer wieder Konzepte von Kunst, Authentizität, Anstand oder Überzeugungen auf den Prüfstand. Seine Werke sind dabei hässlich, eklig, geschmacklos und gleichzeitig faszinierend, ästhetisch und wunderschön – manchmal trotz ihrer Anstößigkeit, manchmal genau deshalb.


Der Begleitband zur Ausstellung „Wim Delvoye“, herausgegeben vom Museum Tinguely, Somogy éditions d’Art in Zusammenarbeit mit Mudam Luxembourg, ist im Juni 2017 erschienen (ISBN: 978-2-7572-1293-6). Der Band ist zweisprachig (Deutsch und Englisch) und enthält, neben zahlreichen Werkabbildungen und einer Auswahlbiographie, auch Essays von u.a. Michel Onfray, Tristan Trémeau und Sofia Eliza Bouratsis.


Wim Delvoye

Museum Tinguely
14.07.2017 – 01.01.2018
Weitere Infos zur Ausstellung


MusErMeKu dankt dem Museum Tinguely für die Kostenfreie Überlassung des Ausstellungskatalogs als Rezensionsexemplar sowie für den freien Eintritt in die Ausstellung. / Der Beitrag entstand im Rahmen der Bloggerreise #KleeBeyeler / #EamesCelebration, die von der Fondation Beyeler und dem Vitra Design Museum initiiert und finanziert wurde.


Header-Bild: Angelika Schoder – Museum Tinguely, Basel 2017