Vom MuseumSelfie bis zur Salvage Art

Für manche Museumsbesucher scheinen Kunstwerke oder historische Objekte in erster Linie eines zu sein: ein Hintergrund für ein MuseumSelfie. Wen interessiert schon, wenn dabei am Ende etwas zu Bruch geht? Es gibt auch Museumsbesucher, die weniger an Likes und umso mehr an Museumsobjekten direkt interessiert sind. Diese Besucher wollen die Objekte anfassen, daran herumspielen – oder sie sogar komplett zerlegen. Und schließlich gibt es noch die Pechvögel, die in das Kulturerlebnis unglücklich hineinstolpern. Am Ende bleibt dann Salvage Art übrig – die wertlosen Reste von dem, was früher einmal teure Kunst war…


 

(Mutmaßliche) Selfie-Unfälle

Die „Gazing Ball“ Werke von Jeff Koons sind von Natur aus sehr fragil. Der Künstler hat für seine Serie zahlreiche Kombinationen von Werken Alter Meister mit Glaskugeln geschaffen. Hierin sollen sich die Betrachter und ihre Umgebung spiegeln, um damit zum Bestandteil des Werkes zu werden. Bei einer Ausstellung in Amsterdam blieb es im April 2018 leider nicht bei einer einfachen Spiegelung. Ein Besucher kam einer der Glaskugeln zu nahe und diese ging zu Bruch. Koons Replik des Gemäldes „Madonna und Kind mit vier Heiligen“ des italienischen Renaissance-Malers Perugino war ohne Absperrung ausgestellt worden. Ob der Unfall beim Versuch entstand, ein MuseumSelfie zu schießen, ist nicht bekannt.

Ein nachweislicher Selfie-Unfall ereignete sich im Mai 2016 in Portugal. Hier sollte die Statue von Dom Sebastian, einem Portugiesischen König aus dem 16. Jahrhundert, einem Touristen als Partner für ein Selfie zur Seite stehen. Das Problem: Die Skulptur befand sich in einiger Höhe an der Fassade des Rossio Bahnhofs in Lissabon. Beim Erklimmen der Fassade konnte der 24-jährige Tourist jedoch nicht verhindern, dass die ins Wanken geratene frei stehende Skulptur aus dem Jahr 1890 zu Boden fiel und zerbrach.

Im November 2016 war Lissabon wieder der Schauplatz eines Selfie-Unfalls mit einem Kunstwerk. Im portugiesischen Nationalmuseum für Antike Kunst kollidierte ein Tourist mit einer Statue des Heiligen Michael. Der Brasilianer war auf der Suche nach der besten Pose für ein MuseumSelfie und hatte dabei versehentlich die Skulptur aus dem 18. Jahrhundert von ihrem Podest gestoßen. Glücklicherweise konnte das Museum die zerbrochene Skulptur mittlerweile wieder restaurieren.

 

Abgebrochene Kunst-Stücke

Auf der Suche nach einem Partner für ein MuseumSelfie war auch der Gast einer Weihnachtsparty im Dezember 2017 im Franklin Institute in Philadelphia. Der Besucher schlich sich bei der Abendveranstaltung in einen abgesperrten Bereich des Museums zu einem Chinesischen Terrakotta-Krieger aus dem Grab des Kaisers Qin Shi Huang. Der Museumsgast leuchtete sich erst mit seiner Smartphone-Taschenlampe den Weg, legte dann seinen Arm um eine der über 2.200 Jahre alten Skulpturen und schoss ein Foto. Aber das Selfie war für ihn noch nicht genug. Etwas Handfestes musste her: ein Finger der ca. 4,5 Millionen teuren Statue sollte als Andenken mit nach Hause. Nachdem die Videos der Sicherheitskameras vom Museum ausgewertet wurden, entschloss man sich das F.B.I. einzuschalten. Die Agenten machten den Übeltäter und seine Beute ausfindig: Der 24-jährige Mann hatte den Daumen des Terrakotta-Kriegers in seiner Nachttischschublade versteckt.

Ebenfalls um einen abgeschlagenen Finger ging es im Frühjahr 2016 im British Museum. Ein Catering-Mitarbeiter hatte hier im Rahmen einer Schulung für externes Event-Personal einen unglücklichen Zusammenstoß mit einer Skulptur. Während einer Besprechung in den Räumen der Griechisch-Römischen Sammlung kniete der Caterer unter einer als „Townley Venus“ bekannten Dame aus Marmor. Beim Aufstehen stieß er mit dem Kopf versehentlich so heftig gegen die Skulptur, dass dieser ihr Daumen abbrach. Die Statue aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert v. Chr. gilt seit dem Erwerb durch das British Museum im Jahr 1805 als eine der bedeutendsten römischen Skulpturen der Sammlung. Die Venus ist übrigens Leid gewöhnt, denn bereits 2012 wurde ihr von einem unachtsamen Museumsbesucher ein Finger abgeschlagen.

 

Bitte nicht anfassen!

Eine versehentliche Beschädigung eines Museumsobjektes ereignete sich auch im Juni 2016 im National Watch and Clock Museum im US-amerikanischen Columbia. Das Museum veröffentlichte das Video einer Überwachungskamera bei YouTube. Hier konnten mittlerweile weit über 1 Mio. Menschen beobachten, wie ein Mann zunächst für etwa eine Minute eine Holz-Uhr des Künstlers James Borden in Bewegung brachte, bevor diese sich von der Wand und in ihre Einzelteile auflöste. Das Video des Museums trägt den Titel „Please Don’t Touch!!!“ und dient den Besuchern der Institution in Zukunft hoffentlich als warnendes Beispiel.

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„Nicht anfassen!“ wäre auch im Shanghai Museum of Glass eine gute Idee gewesen. Im Mai 2016 tauchte bei YouTube ein Video aus dem Museum auf, das zwei Jungen im Grundschulalter zeigt. Sie üben einige Kampfbewegungen – allerdings nicht miteinander. Statt dessen reagieren sie sich an der Glas-Skulptur „Angel Is Waiting“ der Künstlerin Shelly Xue ab. Als wäre das nicht schlimm genug: Hinter der Absperrung des Kunstwerks sind im Video die erwachsenen Begleiterinnen der Kinder zu sehen. Statt einzuschreiten, filmen sie das Geschehen mit ihren Smartphones. Das fragile Kunstobjekt, das aus Glasfragmenten bestand, die von der Künstlerin über einen Zeitraum von 27 Monaten zusammengefügt wurden, war nach der Kampfkunst-Aktion der jungen Besucher natürlich hinüber. Doch das Museum beschloss, die Skulptur nicht wieder restaurieren zu lassen. In ihrem beschädigten Zustand wird das Flügel-Kunstwerk weiterhin ausgestellt – nun unter dem Titel „Broken“. Daneben wurde ein Bildschirm angebracht, auf dem das Überwachungsvideo der Beschädigung zu sehen ist.

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Kunst-Missverständnisse

Ebenfalls schwer beschädigt wurde die Skulptur „Unhappy Meal“ (2018) der Schweizer Künstlerin Carol May. Im März 2018 ereilte das Werk bei der Harbour Art Fair in Hong Kong ein in der Kunstwelt legendäres Schicksal: Eine Reinigungskraft hielt die Skulptur für Müll und entsorgte sie. Das „Unhappy Meal“ war nämlich der Fastfood-Verpackung „Happy Meal“ von McDonalds nachempfunden und eben damit verwechselt worden. Die Skulptur aus Karton hatte einen Wert von 350,- CHF und konnte, nachdem das Putzpersonal sie weggeworfen hatte, nicht mehr gerettet werden. Das Kunstwerk an sich ist aber glücklicherweise nicht ganz verloren, denn „Unhappy Meal“ ist eine Edition aus 30 Exemplaren.

Definitiv keine Beschädigung war im Juli 2016 im Neuen Museum Nürnberg von einer Besucherin beabsichtigt worden. Sie nahm die Werkbeschriftung „Insert Words“ im Bild „Reading/ Work-Piece“ des Fluxus-Künstlers Arthur Köpcke wörtlich. Die engagierte Seniorin lieh sich einen Kugelschreiber und schritt dann zur Tat, um das Kunstwerk zu ergänzen. Die 90-jährige Hannelore K., eine ehemalige Zahnärztin, hatte gegenüber der Süddeutschen Zeitung betont, sie sei sich sicher gewesen, sie hätte ganz im Sinne des Künstlers gehandelt. Köpckes Werk aus dem Jahr 1965 war mit 80.000 Euro versichert gewesen. Laut Angaben des Museums hätten die Restaurierungskosten im niedrigen dreistelligen Bereich gelegen. Bereits wenige Wochen nach der Beschädigung konnte das Werk in die Ausstellung zurückkehren.

 

Wer zahlt den Schaden, wenn im Museum etwas kaputt geht?

In Anbetracht der sich häufenden Beschädigungen in Museen fragte der Deutschlandfunk bei einer Versicherung nach, ob es eigentlich einen Unterschied macht, ob man die billige Vase der Nachbarin zerdeppert oder eine Jahrhunderte alte Antiquität in einem Museum. Die gute Nachricht: In beiden Fällen würde die private Haftpflichtversicherung einspringen. Außer natürlich, der Verursacher des Schadens hat absichtlich oder sogar böswillig gehandelt – dann kommt die Versicherung nicht für den Schaden auf. Vorsicht auch beim MuseumSelfie: Gilt im Museum ein Fotoverbot, überschreitet man eine Begrenzungslinie oder begibt man sich in Bereiche, die eigentlich für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, kann von einem „bedingten Vorsatz“ gesprochen werden. Auch dann kann es sein, dass man auf dem verursachten Schaden sitzen bleibt.

 

Am Ende bleibt Salvage Art

Salvage Art, das ist „Abwrack-Kunst“. Es sind Kunstwerke, bei denen Versicherungen einen irreparablen Schaden festgestellt haben. Wenn ein Kunstwerk einmal als Totalschaden eingestuft wurde und die Versicherung Schadensersatz geleistet hat, gilt das Werk offiziell als wertlos. In der Ausstellung „No Longer Art“ zeigte das New Yorker Salvage Art Institute allerdings, dass auch zerstörte Kunst noch immer sehenswert ist. Vom 12.11.2017 bis 25.02.2018 waren Werke aus der Sammlung des Salvage Art Institute erstmals in Deutschland im Münchner Kunstraum BNKR zu sehen. Die Objekte werfen die Frage auf, ob einem Kunstwerk wirklich der Status als Kunst entzogen werden kann. Oder bleibt ein zerstörtes Werk am Ende nicht trotzdem noch die Kreation seines Schöpfers – nur in einer anderen Form, die so nie vorgesehen war?

 

Header-Bild: Angelika Schoder, 2017