Selfieness – Von Rembrandt zum Selfie

„Ich bin hier!“ – diese Botschaft schmettern Selfies ihren Betrachtern entgegen. Ein Selfie ist kein Blick in den Spiegel, kein flüchtiger Moment, der allein einem selbst gehört. Das eigene Bildnis wird hier für die Öffentlichkeit dauerhaft festgehalten. Man zeigt sich dem Betrachter in einer inszenierten Pose und wird auch selbst zu seinem eigenen Publikum, denn Modell, Künstler und Betrachter sind hier eins. An der HfG Karlsruhe befasst sich jetzt das Seminar „Selfieness“ mit diesem Phänomen.

 

Das Phänomen Selbstbildnis im Museum

„Ich bin hier!“ – so lautet auch der Titel einer Ausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe, die dem Phänomen Selbstbildnis im Laufe von sechs Jahrhunderten und in verschiedenen Medien nachgeht. Ergänzend zur Ausstellung, die im Rahmen des von der EU mit 200.000 Euro geförderten Projektes „Ich bin hier. Europäische Gesichter“ in Kooperation mit dem Musée des Beaux-Arts de Lyon und den National Galleries of Scotland in Edinburgh durchgeführt wird, stellt auch das Begleitprogramm die Abbildung des Ich in den Mittelpunkt. Neben der gemeinsamen Homepage i-am-here.eu und dem Projekt „FLICK_EU“, das auf dem ZKM-Projekt „Flick_KA“ aus dem Jahr 2007 basiert und eine „europäische Porträtgalerie“ von Menschen aus den drei Ausstellungsorten Karlsruhe, Lyon und Edinburgh bilden soll, ist auch die Adressierung von Studierenden fester Bestandteil des Projekts.

 

„Selfieness“ an der HfG Karlsruhe

Die Staatliche Hochschule für Gestaltung (HfG) Karlsruhe bietet in Kooperation mit der Kunsthalle hierzu im Wintersemester 2015/16 das Seminar mit dem Titel „Selfieness“ an. Durchgeführt wir die Veranstaltung von Maria Männig, Lehrbeauftragte für Kunstwissenschaft an der HfG und Chefredakteurin und Mitherausgeberin der NEUEN kunstwissenschaftlichen Forschungen. Mit MusErMeKu sprach Maria Männig nun über das Seminar „Selfieness“, das für die Kunsthalle Karlsruhe einen wichtigen Multiplikationsfaktor zur Ausstellung „Ich bin hier!“ darstellt:

 

Kurz zusammengefasst: Worum geht es in der Lehrveranstaltung, die du jetzt im Wintersemester anbietest?

Maria Männig: Das Seminar mit dem Titel „Selfieness“ widmet sich ausgehend vom Phänomen des Selfies der digitalen Kultur und zwar auf drei Ebenen:  Im Seminar befassen wir uns mit Grundlagentexten zur Netzwerkkultur. Die Theorie wird mit kunsthistorischen Fragestellungen rund um das Selbstporträt als Erfindung der Neuzeit und seiner medialen Erweiterung und Verfügbarkeit für alle in der Gegenwart kurzgeschlossen. Die dritte Ebene betrifft die digitale Praxis. Die Studierenden sollen in inhaltlicher Verknüpfung zum Seminar verschiedene Social-Media-Kanäle ausprobieren.

 

Welche Aspekte waren dir bei der inhaltlichen Konzeption der Lehrveranstaltung wichtig?

MM: In der Lehrveranstaltung versuche ich, ‚klassisch kunsthistorische’ Fragestellungen mit aktuellen Debatten zu kombinieren. Damit will ich zeigen, dass gegenwärtige Phänomene das Ergebnis eines historischen Entwicklungsprozesses sind. Zugleich hilft ein historischer Vergleich, Einzelerscheinungen zu differenzieren.

Der Praxisteil – die Arbeit mit sozialen Medien – ist mir wichtig, um zu einer Auseinandersetzung und der kritischen Reflexion anzuregen. Insbesondere in Bezug auf mögliche Berufsperspektiven sehe ich im Bereich Social Media Chancen für junge KunstwissenschaftlerInnen. Daher lege ich den Schwerpunkt auf digitale Publikationsstrategien.

 

Welchen Bezug hat dein Seminar zur Ausstellung „Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie“, die ab 31. Oktober in der Kunsthalle Karlsruhe gezeigt wird?

MM: Es handelt sich bei dem Seminar um ein Kooperationsprojekt der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe mit der Staatlichen Kunsthalle. Das heißt konkret, dass das Seminar zum Teil in der Kunsthalle stattfindet und sich thematisch an der Ausstellung orientiert. Wir werden voraussichtlich am geplanten Tweetup sowie an der Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Wolfgang Ullrich, Anke von Heil und Dr. Dorit Schäfer teilnehmen. Darüber hinaus besuchen wir die Ausstellung selbstverständlich, und zwar ganz im Sinne des etwas angestaubten kunsthistorischen Lehrveranstaltungsformats der sogenannten „Übungen vor Originalen“.

Umgekehrt soll auch die HfG ihrer Gastgeberrolle gerecht werden. Beim Gegenbesuch stehen uns gegen Ende des Semesters dann die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Dorit Schäfer und Alexandra Hahn und Isabelle Koch von der Presseabteilung für ein Gespräch zur Verfügung.

 

Wie entstand diese Kooperation? Inwieweit erfolgte eine gemeinsame Konzeption von „Selfieness“?

MM: Ein Seminar zu digitaler Kultur im weitesten Sinne plante ich schon länger. Außerdem interessierte ich mich als Bloggerin für die Social-Media-Strategie der Kunsthalle als renommierter Institution hier vor Ort. Da ich erst seit letztem Jahr in Karlsruhe wohne, bin ich immer noch dabei, die Kulturlandschaft für mich zu entdecken. Aus diesem Interesse heraus habe ich mich dann im Frühsommer diesen Jahres einen Tag lang der Karlsruhe-Basel-Reise angeschlossen und von dem Projekt für die Herbstausstellung erfahren, was mich thematisch auf Anhieb begeistert hat. So ergab sich der Kontakt mit Alexandra Hahn und Isabelle Koch. Nachdem ein Grobkonzept entwickelt war, haben wir uns zu dritt zusammengesetzt, um die konkreten Kooperationsmöglichkeiten durchzugehen.

 

Die Kunsthalle strebt einen stärkeren Austausch mit Studierenden vor Ort an. Inwieweit fungiert deine Lehrveranstaltung hier als Bindeglied zwischen Museum und wissenschaftlichem Nachwuchs?

MM: Seitens der HfG gibt es verschiedene Kooperationsprojekte mit Institutionen, wie dem ZKM, dem Badischen Kunstverein oder der Kunsthalle. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang die Ausstellung „Déjà-Vu. Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube“ im Sommer 2012, die soweit ich das beurteilen kann, auch inhaltlich eine sehr intensive Form der Kooperation darstellte. Im Rahmen eines Seminars hatten Prof. Dr. Wolfgang Ullrich und Prof. Wilfried Kühn (Szenografie) in Zusammenarbeit mit dem kuratorischen Team der Kunsthalle gemeinsam mit Studierenden das Konzept entwickelt.

Im Unterschied dazu operiert das jetzige Seminar eher reflexiv. Dennoch gewährt diese Art der Lehrveranstaltung Einblicke in die professionelle Museumsarbeit, was ich als positiv erachte. Wenn es so funktioniert, wie ich mir das vorstelle, werden kleinere Beiträge von Studierenden in einem die Lehrveranstaltung begleitenden Blog veröffentlicht. Das verspricht ungewohnte Perspektiven auf die Ausstellung oder einzelne Objekte.

Im Idealfall ergibt sich daraus ein fruchtbarer Dialog. In jedem Fall wird dadurch eine Multiplikatorenwirkung für die Kunsthalle erreicht. Die Studierenden profitieren hingegen von der unmittelbaren Sichtbarkeit ihrer Texte. Aus schreibdidaktischer Perspektive erscheint mir das Konzept sinnvoll, davon erwarte ich mir ein Mehr an intrinsischer Motivation für die Textproduktion.

 

Wird auch „Flick_EU“ in deinem Seminar eine Rolle spielen? Inwieweit sind die Studierenden angeregt, sich hiermit auseinanderzusetzen?

MM: Bei Flick_EU handelt es sich selbstverständlich um ein mögliches Seminarthema, für das ich hoffe, dass sich ein Interessent oder eine Interessentin dafür findet. Als Flick_KA (Lautmalerei auf die Fotoplattform „Flickr“) läuft die Aktion ja bereits seit 2007 im ZKM.

Derartige Projekte kanalisieren ein Alltagsphänomen, das man auf Facebook und Instagram beobachten kann, in das Kunstfeld hinein. In diesem kann man sie wiederum kontextualisieren und vergleichen, zum Beispiel mit der Arbeit „Inside Out Project“ des französischen Streetart-Künstlers JR, der einen mobilen Fotoautomaten entwickelt hat, von dem sich Menschen porträtieren lassen können und der einen Posterausdruck anfertigt. Die Poster werden dann wieder im öffentlichen Raum präsentiert und in ein größeres Kunstwerk verwandelt.

Vielen Dank!

 

Die Ausstellung „Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie“ ist vom 31. Oktober 2015 bis zum 31. Januar 2016 in der Kunsthalle Karlsruhe zu sehen. Im Anschluss reist die Ausstellung weiter nach Lyon und Edinburgh.

 

Header-Bild: Museo de Bellas Artes de Sevilla – Angelika Schoder, 2014

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