VanGoYourself – Einmal Kunst spielen bitte

„OWN ME“ – Das steht in einem bunten Klecks unter den Bildern, die man bei vangoyourself.com hochgeladen hat. Dank einer Weiterleitung zu einem Shop kann man sein Bild auf ein Shirt drucken lassen, auf eine Postkarte oder auf eine Tasse. Die Frage ist: Wer möchte ein VanGoYourself-Bild von sich auf einem Shirt gedruckt sehen, bei dem man in komischen Verrenkungen, vielleicht auch mit Perücke oder angeklebtem Bart ein bisschen „Kunst“ spielt? Weißt du noch, als wir uns damals so lustig verkleidet haben – hier ist die passende Tasse dazu…

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VanGoYourself als Kunstspielerei presented by Europeana

Man fragt sich, wie groß der Absatzmarkt für Produkte mit nachgestellten Kunstwerken wohl sein wird, und hofft, dass das Projekt VanGoYourself primär nicht ins digitale Leben gerufen wurde, um bedruckte Tassen zu verkaufen. Zumindest die Initiatoren des Projektes scheinen etwas anderes im Sinn gehabt zu haben. Hinter vangoyourself.com steht Culture24, eine britische Organisation, die vom Arts Council England finanziert wird und die sich mit Programmplanung, Kulturmanagement, Publishing sowie Forschung und Wissensvermittlung befasst, aber auch mit Datenerfassung und -verarbeitung im Kulturbereich. Im Jahr 2014 startete Culture24 im Rahmen des ebenfalls von ihnen organisierten „Museums at Night“-Festival die nach Vincent Van Gogh benannte interaktive Spielerei.

VanGoYourself war Teil von Europeana Creative, einem Projekt das von der Europäischen Kommission mitfinanziert wurde und das es sich zum Ziel gesetzt hatte, die kreative Auseinandersetzung mit kulturellem Erbe zu fördern. Das Projekt ist seit Juli 2015 beendet, doch VanGoYourself wird fortgesetzt. Über 100 Bildern sind hier vertreten und zwar von 35 Institutionen aus 14 Ländern, u.a. vom Rijksmuseum Amsterdam, aus der Wellcome Collection in London oder aus dem Städel Museum in Frankfurt.

Tired of just looking at paintings?

Die Projektinitiatoren sind der festen Überzeugung, es herrsche eine allgemeine Kunstermüdung in der Bevölkerung, derer man sich umgehend durch Interaktion entledigen müsse:

„Tired of just looking at paintings? Now it’s time to get inside them and to discover art in a whole new way with VanGoYourself.“

VanGoYourself ist nicht nur interaktiv sondern hat auch sozialen Eventcharakter, denn im Gegensatz zum #artselfie oder #museumselfie (zur Begriffsklärung: Anika Meier bei Monopol) sind die meisten Kunstwerke nicht im Selfie-Alleingang mit Leben zu füllen sondern nur als Team. Man begibt sich also gemeinsam mit einer Gruppe (oder mindestens mit einer weiteren Person, denn jemand muss fotografieren während sich der andere in Pose wirft) „in die Kunst“ und „entdeckt Kunst auf neue Art“. Es drängt sich die Frage auf, ob die Initiatoren des Projekts so versuchen, auf den „generellen Anspruch auf Kreativität“ einzugehen, den Wolfgang Ullrich in seinem Vortrag „Das Kunstmuseum der Zukunft – eine Kreativitätsagentur?“ vom 27. November 2015 erwähnte. Ist vangoyourself.com damit als Antwort auf eine Gesellschaft zu verstehen, in der, nach Ullrich, „Kreativität zu einem Konsumartikel“ geworden ist und in der „entsprechende Stimulanzien und Atmosphären“ für Kreativitätssuchende geschaffen werden müssen?

Channel Your Inner Artist

Wer vangoyourself.com nutzen möchte, muss zunächst „seinen inneren Künstler“ startklar machen, so zumindest die Aussage auf der Website. Ist dies erfolgt – wie auch immer das von statten gehen soll – wählt man aus der Galerie aus einem der rund 100 Kunstwerke das Bild aus, das man nachstellen möchte. Hierbei hat man die Möglichkeit, eine Vorauswahl zu treffen, etwa „Easy to recreate“ oder „Challenge for a Master„, wobei anhand der Bildauswahl nicht wirklich ersichtlich wird, weshalb manche Werke der einen oder der anderen Kategorie zugeordnet wurden. Zudem kann man danach filtern, ob ein Bild mit einer oder mit bis zu mehr als vier Personen nachgestellt werden kann, oder man sucht nach bestimmten Kriterien, etwa nach Werken mit Tieren oder religiösen Darstellungen.

Hat man sich für ein Bild entschieden, klickt man darauf und erhält nähere Informationen, etwa Name und Lebensdaten des Künstlers, Bildtitel, zugehöriges Museum und CC-Lizenz, die je nach Künstler variieren kann (z.B. Public Domain, CC-BY oder CC-BY-SA). Zudem informiert ein kleiner Text über das Werk und gibt Anregungen, was man beachten sollte, wenn man das Bild nachstellt, etwa „This is definitely the recreation to try when celebrating something you are proud of!“ zu Julius Kronberg „Karl XII von Schweden“ aus dem Jahr 1893.

Genaue Anweisungen erhält, wer auf „Tips & Tricks“ klickt – zu Van Goghs Selbstportrait aus dem Jahr 1887 heißt es z.B. „Of course, a hat is mandatory for this picture.“, zudem könne man sich ja einen Bart anmalen, wenn man keinen hätte. Ausgestattet mit solch unerlässlichen Ratschlägen klickt man auf „GO“, gibt Name und Mailadresse ein, akzeptiert die Nutzungsbedingungen und kann nun sein nachgestelltes Kunstwerk neben das Original laden. Optional kann man noch einen Kommentar hinzufügen und schließlich das Bild veröffentlichen.

Die fertigen Werke werden nach dem Ermessen der Seitenbetreiber anschließend für die Galerie der Website ausgewählt oder landen in einem tumblr – sozusagen der VanGoYourself -Resterampe, die Van Goghs Selbstportrait von 1887 etwa mit einem müden Pärchenfoto kombiniert zeigt, Jean-Etienne Liotards „Porträt von Marie Fargues in einem türkischen Kleid“ in Kombination mit Chewbacca aus Star Wars oder Leonardo da Vincis „Letztes Abendmahl“ mit einem winkenden Opa. Highlight ist vermutlich Jan Gossaerts „Porträt eines Mannes“, dem das in Wikipedia vorhandene Bild von Muammar al-Gaddafi gegenübergestellt wurde.

Mehr Karneval als Kunst

Der Nonsens, der mit VanGoYourself getrieben wird, offenbart sich nicht auf der Website sondern erst im dazu gehörigen tumblr-Blog, der unkuratiert alle Einsendungen sammelt. Neben mühevollen Inszenierungen zeigen sich hier ebenso halbherzige Verkleidungsspäße und völlig absurde Foto-Uploads. In dieser Ansammlung an Merkwürdigkeiten sind auch Fotos zu entdecken, die aus Museen stammen.

So ist etwa eine Reihe von Bildern aus dem Statens Museum for Kunst in Dänemark zu sehen (Hashtag #SMKmuseum), das seine Besucher bat, sich an Christoffer Wilhelm Eckersbergs „Bella und Hanna“ aus dem Jahr 1820 zu versuchen, oder einige Bilder aus der Lowry Collection in Salford, wo die Besucher im Rahmen einer Abendveranstaltung unter dem Hashtag #vangoyourself mit Requisiten L.S. Lowrys „The Funeral Party“ nachstellen konnten – mehr oder weniger. Selbst bei #200jahrestaedel wurde „VanGo’d“, und zwar Adriaen Brouwers um 1636/38 entstandenes Gemälde „Der bittere Trank“.

In Museen sind solche Fotostationen mit passenden Requisiten zum nachstellen von Kunstwerken ein netter Zeitvertreib. Die Sharing-Funktionen bei vangoyourself.com ermöglichen außerdem das Teilen der entstandenen Bilder bei Facebook, Twitter, Pinterest, tumblr sowie per Mail, was den Museen ein bisschen Werbung in Social Media ermöglicht, wenn die VanGoYourself-Darsteller ihre „Kunstwerke“ der digitalen Öffentlichkeit präsentieren. Abgesehen von einer Bespaßung mit Karnevalsfaktor lässt sich hier aber ein tieferer Sinn in Sachen Kunstvermittlung nur schwer erkennen. Besonders der unkuratierte tumblr stellt unter Beweis, was die „kunstmüden“ User tatsächlich mit vangoyourself.com anstellen – und das hat wenig mit Interesse für Kunst zu tun sondern erinnert eher an ein Gruselkabinett.

Doch es geht auch anders, das zeigte im vergangenen Jahr ein österreichisches Projekt. Für die „Style Bible“ des Life Ball hatte die Fotografin Inge Prager verschiedene Werke von Gustav Klimt mit aufwändig gestylten Models zum Leben erweckt. Die Künstlerin vermochte das, was nur den wenigsten VanGoYourself-Akteuren gelingen will, nämlich Kunstwerke ein Stück weit neu zu interpretieren, und zwar auf ästhetische Art.


Header-Bild: Selbstportrait, Vincent van Gogh (1887) – Rijksmuseum, SK-A-3262Public Domain