[Rezension] Im 19. Jahrhundert versuchten diverse Kunstschaffende das Unsichtbare sichtbar zu machen, indem sie sich den unbekannten Kräften widmeten, die zwischen Realität und Fantasie liegen. Das Buch „Supernatural. A Compendium of Esoteric an Occult Art“ versammelt nun eine Vielzahl dieser Werke, in denen Vernunft und Illusion, Wissen und Glaube ineinandergreifen. Der Psychologe Wilhelm Wundt betonte schon vor rund 150 Jahren, dass die Beschäftigung mit übernatürlichen Phänomenen unser Verständnis der Welt erweitern könnte. Neben der geregelten, rationalen Welt existierte für ihn eine zweite, kleinere Welt voller Geister, Hexen und übersinnlicher Erscheinungen – genau diese Welt, die sich in okkulter und phantastischer Kunst wiederfindet, steht im Mittelpunkt von „Supernatural“.

Kunst von der Romantik bis zum Symbolismus
Schon Caspar David Friedrich empfahl, die „leiblichen Augen zu schließen“, um „mit dem inneren Auge“ zu sehen. Diesem Ratschlag folgten einige Kunstschaffende, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts vom Blick auf die sichtbare Wirklichkeit lösten und bewusst den Weg des Imaginären wählten. Doch das Reale und das Phantastische standen bei ihnen nicht im Gegensatz zueinander. Viele dieser Akteure bewegten sich frei zwischen beiden Welten, abhängig von ihrer Inspiration, ihren Lebensumständen und ihren künstlerischen Zielen. Gerade das Zusammenspiel von Beobachtung und Vorstellungskraft eröffnete ihnen neue kreative Möglichkeiten.
Diesen Kunstschaffenden und ihren wichtigsten Werken, die die Faszination für Erscheinungen, Magisches und Übernatürliches teilen, widmet sich Alix Paré und diverse andere Kunst-Experten in der umfangreichen Publikation „Supernatural“. Im Buch begegnet man Figuren aus Mythen, Legenden und Märchen: Von Magiern, Hexen und Feen über Geister, Engel und Dämonen bis hin zu anderen Gestalten, die bis heute unsere Fantasie prägen. Hier spielt auch die Figur der Femme fatale eine wichtige Rolle, wobei aufgezeigt wird, dass manche künstlerischen Darstellungen von Misogynie geprägt waren. Umso wichtiger ist es, dass auch die Einbeziehung einiger Künstlerinnen die Vielfalt und die differenzierten Sichtweisen des 19. Jahrhunderts zeigen. Der zeitliche Rahmen der ausgewählten Werke reicht dabei vom Beginn der Romantik in den 1780er-Jahren bis zum Ende des Symbolismus um 1910.

Im Schimmer des Mondlichts
Im späten 18. und 19. Jahrhundert entdeckten zahlreiche Kunstschaffende eine besondere Form des Lichts für sich: das sanfte Leuchten des Mondes, die Morgendämmerung und das Abendrot, als Kontrast zum strengen Tageslicht. Obwohl die Zeit der Aufklärung stark von rationalem Denken geprägt war, entstanden hier auch neue künstlerische Tendenzen, die sich den Schatten und dem Geheimnisvollen zuwandten. Nach den hellen, eleganten Szenen des Rokoko entwickelte sich ab den 1760er-Jahren so eine Vorliebe für dramatischere Lichtstimmungen mit kühlem und diffusem Licht, das den Bildern eine poetische, oft rätselhafte Atmosphäre verlieh.
Besonders die Romantiker nutzten diese Lichtstimmungen intensiv: In ihren Werken finden sich Wälder, nächtliche Landschaften, sternenklare Himmel und der Schein des Vollmonds, allen voran bei Caspar David Friedrich oder bei Carl Gustav Carus. Diese Motive verbanden sie mit Themen wie Vergänglichkeit, Einsamkeit und der überwältigenden Kraft der Natur. Das Spiel mit verschiedenen Lichtquellen diente dazu, den Blick der Betrachtenden zu lenken und eine emotionale Bindung herzustellen. Das Licht sollte nicht nur erhellen, sondern auch berühren, verstören oder verzaubern. Unter den Symbolisten wurden dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch weibliche Allegorien populär: Figuren mit blassen Körpern und transparenten Stoffen, deren weiche Posen das sanfte, geheimnisvolle Leuchten nochmals betonten, wie etwa in den Werken von Eduard Veith oder bei Léon-Francois Comerre.

Zauberei und Magie
Diverse Kunstschaffende des 19. Jahrhunderts griffen begeistert auf antike und mittelalterliche Mythen zurück, in denen Zauberei und Magie eine zentrale Rolle spielten. Figuren wie die Sirenen, Medusa oder Circe standen dabei im Mittelpunkt: gefährliche, verführerische Frauen, die Macht (vor allem über Männer) besitzen, sei es durch Gesang, Blicke oder magische Verwandlungen. Diese archetypischen Gestalten wurden besonders für die Symbolisten zum zentralen Motiv. Insbesondere die Vorstellung der Femme fatale, einer Frau die zugleich begehrenswert und bedrohlich wirkt, fand in diesen mythologischen Zauberinnen ein perfektes Vorbild. Verbunden war diese Darstellungen allerdings oft mit einer tief sitzenden Misogynie der Zeit: Die Körper junger Frauen wurden bewundert, ihre inneren Eigenschaften jedoch als unergründlich und somit potenziell gefährlich dargestellt, etwa in den Werken von John William Waterhouse.
Neben den klassischen Mythen belebten auch literarische Figuren das künstlerische Interesse. Besonders im viktorianischen Zeitalter beschäftigten sich Maler mit Feen und mittelalterlichen Zauberinnen aus der Artus-Legende. Morgan le Fay etwa, zugleich Heilerin und Zerstörerin, wurde zu einer der prominentesten Figuren. Obwohl auch männliche Magier wie Merlin in den Sagen vorkamen, tauchten sie in der Kunst weniger häufig auf; die weiblichen Figuren schienen reizvoller für Darstellungen, wie bei Edward Coley Burne-Jones.
Nach einer Phase geringerer Aufmerksamkeit im 18. Jahrhundert kehrten im 19. Jahrhundert zudem Hexen und Dämonen durch die Literatur wieder ins Zentrum des künstlerische Interesses zurück, vor allem durch Shakespeares „Macbeth“ und Goethes „Faust“, wie die Bilder von Johann Heinrich Füssli zeigen. Die Romantiker stellten Hexen zunächst noch als unheimliche, groteske Gestalten dar, zahnlos, zerzaust und alt wurden sie oft einsam in der Natur lebend inszeniert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Bild allerdings: In der symbolistischen Kunst wurden Hexen immer jünger, schöner und erotischer dargestellt. Ihre Körper erinnerten an antike Schönheitsideale, doch mit düsteren Elementen wie bleicher Haut, schwarzem Haar oder Fledermausflügeln. Hexensabbate verwandelten sich zunehmend in laszive Szenen voller nackter Körper, in denen sich Faszination und Abscheu mischten, etwa bei Jean-Léon Gérôme oder Luis Ricardo Falero.

Geister und die Feenwelt
Im Zuge eines wachsenden Nationalismus im Europa des 19. Jahrhunderts wurden Geschichten rund um Feen, Elfen und Kobolde neu entdeckt, gesammelt und illustriert. Kunstschaffende vor allem in Großbritannien, Deutschland und Skandinavien wandten sich zu dieser Zeit von klassischen antiken Themen ab und suchten Inspiration in lokalen Sagen und Legenden sowie in mittelalterlichen Traditionen. Insbesondere Feen und verwandte Wesen boten eine reizvolle Mischung beliebter Themen, denn im Gegensatz zu Zauberinnen oder Hexen galten Feen als weniger bedrohlich und nicht als moralisch verdorben. Und auch wenn sie häufig in nächtlichen oder dämmrigen Szenen erschienen, waren sie keine Geister oder Wesen der Totenwelt; vielmehr symbolisierten sie die Lebendigkeit der Natur und die Magie des Waldes. Ein Beispiel ist Shakespeares „A Midsummer Night’s Dream“, in dem diese Vorstellungen ideal zusammengefasst werden: Die Geschichte rund um Träume und sanften Sommerzauber inspirierte zahlreiche Kunstschaffende wie Joseph Noel Paton oder Robert Huskisson.
Auch Geister und geisterhafte Erscheinungen fesselten das Interesse vieler Maler. Im späten 19. Jahrhundert erlebte das Interesse an spiritistischen Phänomenen einen enormen Aufschwung. Séancen und Sitzungen mit einem Medium, um mit Verstorbenen zu kommunizieren, verbreiteten sich in exklusiven Zirkeln in Europa und in den USA. Das wachsende Interesse an Mystik spiegelte den Wunsch wider, dem zunehmenden Materialismus und den rasanten wissenschaftlichen Entwicklungen etwas Rätselhaftes entgegenzusetzen. Schon vor dem Aufstieg des Spiritismus hatten Maler seit der Romantik versucht, geisterhafte Figuren darzustellen, etwa Johann Heinrich Füssli oder Ary Scheffer. Sie nutzten Nebel oder verwaschene Konturen, um Körperlosigkeit zu visualisieren und setzten blasse Gestalten vor dunkle Hintergründe. Literarische Quellen wie die Bibel und Werke von Shakespeare lieferten bekannte Geistermotive und auch das Theater und frühe optische Effekte, etwa die Phantasmagorien des Bühnenkünstlers Étienne-Gaspard Robert beeinflussten die künstlerische Darstellung von Geistern.

Engel und Dämonen
Nach der Französischen Revolution, die von kirchenkritischem Denken geprägt war, sehnten sich die Menschen im Frankreich des 19. Jahrhunderts wieder nach religiöser Stabilität. Gleichzeitig bot der Glaube Halt angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen wie der Industrialisierung und der Urbanisierung. Viele Kirchen wurden neu gebaut oder restauriert, verbunden mit zahlreichen Aufträgen für sakrale Kunst. Illustrierte Bibeln und religiöse Drucke verbreiteten sich in dieser Zeit, häufig mit Engelsdarstellungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich dann ein neuer Mystizismus, vor allem in Frankreich. Symbolistische Künstler griffen hier die Sehnsucht nach dem Unsichtbaren und die Faszination des Geheimnisvollen auf und füllten ihre Werke mit ätherischen Engelfiguren, etwa in den Werken von Alexandre Cabanel oder Odilon Redon.
Parallel dazu erlangten auch Dämonen, Teufel und höllische Wesen wieder größere Bedeutung, vor allem in Werken, die nicht für Kirchen sondern für private Sammlungen bestimmt waren. Sie dienten als Projektionsfläche für innere Ängste und psychologische Konflikte. Der Einfluss der Literatur war enorm, allen voran John Miltons „Paradise Lost“, das im 17. Jahrhundert eine neue Sicht auf Satan etabliert hatte, nämlich nicht nur als religiöse sondern auch als literarische Figur. Ab dem 18. Jahrhundert inspirierte das Werk Künstler in ganz Europa. Ebenso wirkte Dantes „Göttliche Komödie“, deren Höllendarstellungen voller Qualen und monströser Gestalten sind. Im späten 19. Jahrhundert vermischten sich dann literarische, mythologische und biblische Quellen in der symbolistischen Kunst. Weibliche Dämonenfiguren wie Lilith oder verführerische Interpretationen von Eva wurden zu Sinnbildern gefährlicher Erotik, etwa bei Franz von Stuck. Zusammen mit mythischen Gestalten wie Circe, Medea oder Medusa verkörperten sie Femmes fatales, die die Ängste und Obsessionen vor allem der männlichen Künstler dieser Zeit spiegelten.

Die englischsprachige Publikation „Supernatural. A Compendium of Esoteric an Occult Art“ von Alix Paré ist 2025 im Prestel Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7913-7621-9). Neben zahlreichen Werkabbildungen umfasst der 480 Seiten starke Band detaillierte Beschreibungen zu ausgewählten Werken, Zitate historischer Texte sowie einen Index zu okkulten Begrifflichkeit. Ergänzt wird das Buch durch Texte von Philippe Baudouin, Anne Chassagnol, Céline du Chéné, Nicole Edelman, Laurence Guignard, David Hamidovic, Emmanuel Kreis und Catherine Schneider.
musermeku dankt dem Prestel Verlag für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.
Header-Bild: Caspar David Friedrich: Zwei Männer betrachten den Mond (ca. 1825–30) – Metropolitan Museum of Art – Public Domain, bearbeitet
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Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.
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