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Das Museum als Göttliche Komödie

In der Ausstellung „Das Museum als Göttliche Komödie“ zeigt das Museo Nacional de Escultura im spanischen Valladolid, welche Parallelen zwischen seiner Sammlung und Dantes Dichtung bestehen.

In den Versen der „Göttlichen Komödie“ präsentiert Dante (1265-1321) eine Vielzahl von historischen und mythischen Persönlichkeiten. Es sind Figuren aus dem christlichen Universum und dem heidnischen Altertum, deren Geschichten erzählt werden und die in Dialogen ihre Theorien über Kosmologie, Philosophie, Moral und Religion teilen. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Museo Nacional de Escultura in Valladolid – auch hier treffen christliche und heidnische Figuren und ihre Geschichten aufeinander. Ausgehend von dieser Parallele zeigt die Ausstellung „Das Museum als Göttliche Komödie. Rund um Dante“ nun eine Auswahl an Werken aus der Sammlung des Museums, die zum größten Teil erstmals öffentlich ausgestellt werden.


Das Museo Nacional de Escultura zeigt die Ausstellung "Das Museum als Göttliche Komödie. Rund um Dante" im Rincón Rojo des Colegio de San Gregorio in Valladolid.
Das Museo Nacional de Escultura zeigt die Ausstellung „Das Museum als Göttliche Komödie. Rund um Dante“ im Rincón Rojo des Colegio de San Gregorio in Valladolid.

Dante und die Göttliche Komödie

Vor rund 700 Jahren starb in Ravenna Durante di Alighiero degli Alighieri, kurz Dante Alighieri, ein Politiker und Intellektueller. Vor allem war Dante aber ein außergewöhnlicher Dichter, dessen Vermächtnis bis heute fortbesteht. Zu den zentralen Arbeiten in seinem literarischen Werk zählt die „Göttliche Komödie“, die er zwischen 1307 und 1321 verfasste und die über Jahrhunderte hinweg Künstler und Schriftsteller inspirierte. Die „Göttliche Komödie“ gilt als ein kultureller Höhepunkt des Mittelalters und zugleich als Ausblick auf die Zeit des Humanismus und der Renaissance.

Dante befasste sich fortwährend mit den aktuellen kulturellen Themen seiner Zeit, ob Diskurse aus den Domschulen oder Erkenntnisse aus den damals in Italien neu gegründeten Universitäten. Zu Dantes wichtigsten Einflüssen zählte etwa seine Auseinandersetzung mit den wiederentdeckten Werken des Aristoteles, die er in fragmentarischer Form erhalten hatte und auch durch arabische Übersetzungen kannte. Dante war zudem vertraut mit der ptolemäischen kosmologischen Theorie. Nach dieser Theorie befand sich die Erde im Zentrum des Universums, umgeben von Planeten, die sie in perfekt kreisförmigen Bahnen umkreisen. Beeinflusst durch die Theorien des Thomas von Aquin entstand ein Modell eines göttlichen Plans des Universums, welches das christliche Weltbild prägte und durch Dantes „Göttliche Komödie“ Verbreitung fand. 


Eine Skulptur des Erzengel Michael aus der ersten Hälfte des 18. Jhd. von einem unbekannten Künstler in der Ausstellung "Das Museum als Göttliche Komödie".
Eine Skulptur des Erzengel Michael aus der ersten Hälfte des 18. Jhd. von einem unbekannten Künstler in der Ausstellung „Das Museum als Göttliche Komödie“.

Hölle, Fegefeuer und der Himmel

Anknüpfend an das Genre mittelalterlicher Visionen vom Jenseits schildert Dante in der „Göttlichen Komödie“ in der Ich-Form eine Reise durch die drei Reiche der jenseitigen Welt. Seine Schrift beginnt in der Hölle als Welt des Schmerzes und der Verzweiflung, gestaltet als Gegenbild des Himmels. Es ist ein enormer Krater, der durch den Aufprall von Satans Sturz entstand, als er von Erzengel Michael aus dem Himmel vertrieben wurde. Die Hölle ist in neun Kreise unterteilt und wird von den Verdammten bevölkert. Je näher man den engeren Kreisen kommt, umso sündiger sind die gestorbenen Seelen. Dante beschreibt hier einen theologischen Katalog von Lastern mit den dazugehörigen Strafen. Im ersten Höllenkreis befinden sich etwa diejenigen, die mit Vernunft ein tugendhaftes Leben geführt haben, die aber ungetauft nicht in den Himmel gelangen konnten. 

Bereits in hebräischen und römischen Schriften existierte die Idee zweier Orte der Belohnung und der ewigen Strafe. Das Konzept eines Zwischenreichs ist eine spätere Entwicklung, die aus den Überlegungen von frühen Theologen hervorgegangen ist, insbesondere vom Heiligen Augustinus. Er gilt als „der Vater des Fegefeuers“ und entwickelte die Theorie, dass bestimmte Seelen eine Zeit der Läuterung benötigen, bevor ihnen die göttliche Gegenwart zu Teil werden kann. Der Begriff des Fegefeuers bezog sich zunächst auf einen Vorgang – die Sühne – und nicht auf einen Ort. Erst der Heilige Thomas entwickelte die Idee eines Fegefeuers, das einen eindeutigen Platz im Korpus der christlichen Lehre einnimmt. Auf dieser Grundlage entwickelte Dante in der „Göttlichen Komödie“ eine poetische Version des Fegefeuers, das die kollektive Vorstellung im Christentums prägen sollte.

Die Reise der „Göttlichen Komödie“ endet im Paradies. Für das christliche Denken war diese Idee keine physische Realität, sondern etwas, das nur durch den Glauben verstanden werden konnte: Es manifestiert eine Vorstellung von der höchsten Vollkommenheit des Seins – vom grobstofflichen, der Erde, bis hin zum Himmel, dem Sitz und Ursprung aller Schönheit und Güte. Auf der Grundlage dieser Vorstellung besteht Dantes Paradies, ebenso wie seine Hölle, aus neun konzentrischen Kreisen, die, je weiter sie sich vom Zentrum entfernen, eine immer größer werdende christliche Vollkommenheit verdeutlichen. Verschiedene theologische Tugenden sind besonders in den ersten sieben Kreisen präsent, von denen jeder einem Planeten entspricht, z. B. Saturn, der Stern der siebten Sphäre, in der die kontemplativen Seelen verortet sind. Musen und Musik sind hier allgegenwärtig und untrennbar mit dieser Vorstellung des Himmlischen verbunden.


In der Dauerausstellung des Museo Nacional de Escultura befinden sich weitere Darstellungen des Erzengel Michael, wie er gegen den Teufel kämpft - hier von Felipe de Espinabete aus der zweiten Hälfte des 18. Jhd.
In der Dauerausstellung des Museo Nacional de Escultura befinden sich weitere Darstellungen des Erzengel Michael, wie er gegen den Teufel kämpft – hier von Felipe de Espinabete aus der zweiten Hälfte des 18. Jhd.

Das Museum und die Göttliche Komödie

María Bolaños, Direktorin des Museo Nacional de Escultura in Valladolid, bezeichnet Dantes „Göttliche Komödie“, als den ersten große Abenteuerroman des Mittelalters, mindestens so bedeutend wie Homers „Odyssee“. Ähnlich einem Fantasy-Roman unternimmt Dante hier eine Reise ins Jenseits, wo er eine Reihe von Menschen und Figuren trifft, von historischen Persönlichkeiten bis hin zu seinen Zeitgenossen, Freunden und Feinden – als ob er die Sammlung eines Museum durchschreiten würde.

Im Colegio de San Gregorio zeigt das Museum in der kleinen Sonderausstellung „Das Museum als Göttliche Komödie. Rund um Dante“ nun insgesamt 14 Stücke aus seiner Sammlung, von denen viele noch nie zuvor öffentlich ausgestellt wurden. Dabei wird deutlich, dass der vielfältige Charakter der Himmel, Höllen und Fegefeuer, den Dante heraufbeschwört, sich sehr gut in den Objekten der Sammlung widerspiegelt. Ausgewählt wurden für die Ausstellung vor allem Werke, die bisher im Museum nicht gezeigt werden konnten, die sich aber in Bezug zu Dantes „Göttlicher Komödie“ gut miteinander in Dialog setzen lassen. 

Die Ausstellung umfasst vier Schwerpunkte: Kosmos, Hölle, Fegefeuer und Paradies. Insgesamt 14 Werken greifen hier Ideen und Konzepte auf, die sich auch in Dantes Versen finden. Zum Auftakt der Ausstellung werden zwei Bücher präsentiert, die den facettenreichen Blick verdeutlichen, der über die Jahrhunderte auf die „Göttliche Komödie“ geworfen wurde: eine von John Flaxman illustrierte und kürzlich von der Fundación de Amigos del Museo erworbene Ausgabe von „La Divina Comedia“ aus dem 19. Jhd. sowie eine Illustration von Miquel Barceló für eine weitere Ausgabe von Dantes Versen. In der Ausstellung zu sehen ist zudem eine italienische Armillarsphäre, ein astronomisches Gerät zur Darstellung der Bewegung von Himmelskörpern; die geschnitzten Reliefs „Abstieg Christi in die Hölle“ von Fray Rodrigo de Holanda sowie „San Agustín de Hipona“ von Alonso Berruguete; sowie die Gipsskulpturen „Saturno“ von Amtonio Maza und die „Kindersänger der Cantoria“ der Kathedrale von Palencia von José Trilles. Zu den Highlights der Ausstellung zählt zudem eine Skulptur des „Erzengel San Miguel“ aus dem 18. Jhd. sowie eine Dante-Statue aus dem Jahr 1919, eine Nachbildung des Werkes von Jerónimo Suñol y Pujol aus dem Jahr 1864.


El Museo como Divina Comedia. En torno a Dante

Museo Nacional de Escultura
Rincón Rojo del Colegio de San Gregorio
03.12.2021-01.05.2022


Bilder: Angelika Schoder – Museo Nacional de Escultura, Valladolid 2021


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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