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Stolpersteine: Das Stolpern über die Erinnerung in Europa

In einer der lebhaftesten Erinnerungskultur-Debatten der letzten Jahre in Deutschland geht es um die Stolpersteine, die mittlerweile auch in ganz Europa zu finden sind.

Das historische Gedächtnis prägt die Identität Europas. Aber es ist kein einfaches Thema. Die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen es betrachtet oder gelebt werden kann, sorgen für Diskussionen. Eine der lebhaftesten Debatten, die in den letzten Jahren in Deutschland zum Thema Erinnerung geführt wurden, ist die um die Stolpersteine.


Stolpersteine auf den Gehwegen

Die Stolpersteine sind das Ergebnis eines künstlerischen Projekts. Ihr Ziel ist es, die Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager im Stadtraum zu materialisieren. Letztlich geht es bei dem Stolperstein-Projekt darum, diesen Opfern ihre Namen und ihren Platz in der Gesellschaft zurückzugeben. Anstatt ein Denkmal für eine größere oder kleinere Gruppe von Opfern zu schaffen, steht jeder Stolperstein für einen ermordeten Menschen. Dieses künstlerische Projekt hat international großen Erfolg, vor allem in Mitteleuropa, aber es hat auch seine Gegner – ebenso aktiv wie einflussreich.

Ein Stolperstein ist ein quadratischer Betonpflasterstein, der mit einer Messingtafel bedeckt ist, in die der Name und die relevanten Daten der von den Nationalsozialisten ermordeten Person eingeschrieben sind. Ein Stolperstein wird in den Gehweg vor der Tür des ehemaligen Wohnhauses – oder in manchen Fällen des Arbeitsplatzes – eingelassen, in dem die Person, die Opfer der Deportation wurde, lebte oder arbeitete. Anders als der Name vermuten lassen könnte, wird der Stein ebenerdig in den Gehweg eingefügt. Die Stolpersteine können also keine Unfälle verursachen, aber sie können – und das ist eines der Argumente der Kritiker – durch einfache Unachtsamkeit betreten werden. Das Projekt der Stolpersteine wurde in den 1990er Jahren von dem Künstler Gunter Demnig konzipiert.


Stolperstein für Margarethe Müller in Hamburg
Stolperstein für Margarethe Müller in Hamburg

Die Debatte um Stolpersteine

Der erste Stolperstein wurde 1997 in Berlin ohne Genehmigung der Stadt verlegt. Dies wurde später anerkannt und legalisiert. Seit dem Jahr 2000 hat sich das Projekt auf eine Vielzahl deutscher Kommunen ausgeweitet. Es wurde auch auf andere europäische Länder und auf Russland ausgedehnt. Insgesamt wurden rund 50.000 dieser Steine verlegt. Deshalb kann man ohne Zweifel von einem großen Erfolg und einer großen öffentlichen Akzeptanz für dieses Projekt sprechen. Aber nicht alle sind damit einverstanden. In der Stadt München hat die Diskussion sogar zu einer starken Ablehnung geführt. Aber der spezielle Fall München verdient einen eigenen Artikel.

Am 8. September 2015 veranstaltete das Forum der Körber-Stiftung in Hamburg eine Debatte unter dem Titel „Streit um Stolpersteine“. Die Diskussion spiegelte gut wider, was diese Debatte im deutschen öffentlichen Leben bedeutet. Und doch muss man zugeben, dass die Debatte nicht ganz fair war: Die Teilnehmer, die das Projekt unterstützten, waren in der Mehrheit (zwei zu eins) und hatten „Heimvorteil“. Denn auch unter den Zuhörern gab es eine klare Mehrheit für das Projekt. Und ich muss sagen dass – falls es noch nicht klar war – ich zu dieser Mehrheit gehöre.

An der Diskussion nahmen Peter Hess (Stolpersteine-Projektkoordinator in Hamburg), Micha Brumlik (Autor und Publizist) und Daniel Killy (Journalist) teil. Letzterer war der einzige auf der Bühne, der sich gegen das Projekt aussprach. Aber die Tatsache, dass seine Aufgabe in der Debatte so kompliziert war, entschuldigt nicht, wie unzureichend er argumentiert hat: Er ließ sich in die Defensive drängen, argumentierte ad hominem, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sah, und wiederholte die Thesen seiner „Seite“ immerfort, ohne dass er vermeiden konnte, dass seine Argumente widerlegt wurden. Carmen Ludwig von der Körber-Stiftung, die an diesem Tag moderierte, versuchte, dass die Debatte keine klaren Gewinner oder Verlierer hatte. Es gelang ihr nicht. Das lag vor allem an den unzureichenden und nicht überzeugenden Argumenten gegen die Stolpersteine.


Kritik am Stolperstein-Projekt

Das Hauptargument gegen Stolpersteine ist die Tatsache, dass die Steine ignoriert oder betreten werden können. Der Künstler gleicht dies damit aus, dass man sich vor dem Opfer verbeugen muss, um die Inschrift in einem Stolperstein zu lesen. Und jedes andere Denkmal ist letztendlich auch Teil des Öffentlichen Raumes und kann von vornherein ignoriert werden oder man kann nicht aufpassen, wenn man zum x-ten Mal daran vorbeigeht. Würden statt der Stolpersteine im Boden lieber Tafeln an den Fassaden der Gebäude angebracht – was einige Kritiker bevorzugen würden – könnten diese ja auch mit Graffiti beschmiert werden, und – was noch problematischer ist – für jede einzelne Gedenktafel müsste die Genehmigung des Eigentümers des Gebäudes eingeholt werden, anstatt sie vom Stadtplanungsamt für das Projekt im Allgemeinen zu erhalten, wie es bei den Stoplersteinen der Fall ist.

Zur Kritik an den Stolpersteinen kommt hinzu, dass es Angehörige von Opfern gibt, denen diese Art des Gedenkens nicht gefällt. In diesen Fällen werden die Stoplersteine nicht verlegt. Oder, wenn ein Stein bereits verlegt wurde, wird er entfernt oder verändert, wenn die Form stört. (Manchmal kann die Verwendung nationalsozialistischer Begriffe eine Beleidigung darstellen – auch wenn sie in Anführungszeichen und in einem völlig anderen Zusammenhang stehen). Dass Steine nachträglich geändert oder entfernt werden müssen, ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass sich von Familienangehörige nicht immer eine Genehmigung einholen lässt, weil sie oft nicht erreichbar sind oder nicht ausfindig gemacht werden können. Außerdem scheint es so zu sein, dass in den meisten Fällen, in denen die Verwandten erst später von einem bereits installierten Stolperstein erfahren haben, sie die Idee unterstützt haben.


Die Idee des individuellen Denkmals

Es gibt den Vorwurf, dass die Stolpersteine eine Art Monopol darstellen. Was sie sind, ist eine originelle Idee, die entstand, als es noch nichts Vergleichbares gab. Es ist eine Idee, die sich über ideologische Barrieren hinweg leicht durchgesetzt hat. Und es ist eine Art von Denkmal, das keinen Unterschied zwischen den Opfergruppen macht, ein Denkmal, das für jeden Einzelnen errichtet werden kann. Die Idee hat zahlreiche Gruppen von Freiwilligen mobilisiert und kann von jedem ausgeführt werden. Das verbindet handwerkliche Arbeit mit historischer Forschung. Meiner Meinung nach ist das eine gute Idee. Andererseits schließt sie nicht aus, dass der Opfer auf andere Weise gedacht wird.

Ein Teil der Kritik am Stolperstein-Monopol ist die Tatsache, dass Gunter Demnig die Rechte an den Stolpersteinen besitzt und sie nicht kostenlos herstellt. Dieser Punkt scheint mir einer der schwächsten Kritikpunkte zu sein. Es gibt Leute, die meinen, dass man für diese Art von Arbeit kein Geld bekommen sollte. Diese Vorstellung ist aber elitär. Es ist die Vorstellung, dass Kunst und soziale Arbeit nur Hobbys derjenigen sein sollten, die Zeit und Geld dafür haben. Davon ausgehend sollten sie die Öffentlichkeit nur durch einen Akt der Nächstenliebe erreichen. Ich glaube nicht, dass ich hier erklären sollte, wie ich mich bei diesem Argument fühle. (Natürlich muss der Künstler für seine Arbeit bezahlt werden.)


Europäisches Gedächtnis

Der Versuch, ein Projekt für das historische Gedächtnis zu lähmen, weil es einem nicht gefällt, ist bedauerlich. Ich empfehle, wer durch eine Stadt in Deutschland, Österreich, Belgien, Kroatien, der Tschechischen Republik, Frankreich, Italien, Ungarn, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Rumänien, Russland, der Slowakei, Slowenien, der Ukraine oder Navàs bei Bacelona geht, sollte von Zeit zu Zeit auf den Boden schauen. Vielleicht stolpert man über die Erinnerung an jemanden, der dort lebte, erfährt einen Namen von jemandem, der deportiert wurde, um ihm eine Nummer zu geben, bevor er ermordet wurde. So wird im Alltag ein Stück Erinnerung möglich.


Bilder: Angelika Schoder, Hamburg 2015


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Damian Moran Dauchez

Über den Autor

Bei mus.er.me.ku schreibt Damián Morán Dauchez über Geschichtsthemen, Ausstellungs- und Museumsdesign sowie über Erinnerungskultur.

@musermeku

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