Stanley Kubrick: Die Ausstellung

Anhand von Filmausschnitten, Originalobjekten und Produktionsunterlagen gibt die Stanley Kubrick Ausstellung des DFF einen umfangreichen Einblick in das Leben und Werk des Regisseurs.

Anhand von Originalobjekten und Dokumenten gibt die Stanley Kubrick Ausstellung des DFF einen Einblick in das Leben und Werk des Regisseurs.

[Ausstellung] Bereits seit 2004 ist die Ausstellung zu Stanley Kubrick des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum in verschiedenen Museen in Europa, Amerika und Asien zu sehen; damit dürfte es eine der erfolgreichsten Wanderausstellungen der letzten Jahre sein. Aktuell gastiert die Ausstellung, die sich mit dem Gesamtwerk Stanley Kubricks auseinandersetzt, im Círculo de Bellas Artes in Madrid. Auf zwei Etagen taucht man hier ein in die Gedankenwelt des Regisseurs, von seinen frühen Fotoarbeiten bis hin zu seinen filmischen Meisterwerken wie „2001: A Space Odyssey“ oder „A Clockwork Orange“. Die Ausstellung verknüpft dabei Filmausschnitte, Originalobjekte und Dokumente – einiges davon aus dem persönlichen Nachlass von Stanley Kubrick.


Stanley Kubrick experimentierte schon in seiner Jugend mit verschiedenen Arten von Kameras und Objektiven.
Stanley Kubrick experimentierte schon in seiner Jugend mit verschiedenen Arten von Kameras und Objektiven. Einige davon sind in der Ausstellung zu sehen. – Foto: Angelika Schoder

„Kubrick […] überwand Hindernisse, löste Probleme, überließ nichts dem Zufall, um jeden Aspekt seines Filmwerks vollständig zu kontrollieren. Filme zu machen wurde seine Art zu leben. Er arbeitete in verschiedenen Genres – Noir, Science-Fiction, Kriegsfilm, Horrorfilm – und sprengte alle Regeln, um die Formen zu unterlaufen und neue Paradigmen zu schaffen. Sein Ziel war es, Perfektion zu erreichen“.

Zitat aus der Ausstellung

Objekte aus Kubricks Nachlass

Die Ausstellung „Stanley Kubrick: The Exhibition“ vereint rund 600 Objekte aus der gesamten Filmkarriere des Regisseurs, darunter audiovisuelles Material, Fotografien, Requisiten, Kameras, Modelle, Objektive, Drehbücher, Illustrationen, Storyboards, Briefe und Kostüme. Neben der Konzeption und Entstehung seiner Filme betrachtet die Ausstellung dabei auch Kubricks gesamte künstlerische Laufbahn: seine Anfänge als Fotograf bei Look, seine ersten Schritte hinter der Kamera mit Dokumentarfilmen und die Spielfilme, mit denen er bekannt wurde, allen voran „Lolita“ (1962). Im Fokus stehen auch seine großen Meisterwerke wie „Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb“ (1964), „Barry Lyndon“ (1975) oder „The Shining“ (1980).

Für die Ausstellung konnte im Jahr 2003 der persönliche Nachlass von Stanley Kubrick (1928-1999) erstmals erschlossen und ausgewertet werden. Kubricks Arbeitsarchiv beinhaltete eine Fülle von Materialien zu all seinen Filmen, u.a. Korrespondenzen oder anderen Unterlagen wie Drehpläne, Drehbücher oder Notizbücher. Anhand dieser Objekte lässt sich in der Ausstellung nachvollziehen, wie umfangreich der Regisseur seine Filme plante und welchen peniblen Einfluss er auf fast alle Aspekte seiner Werke nahm. Ergänzt werden die persönlichen Dokumente durch zahlreiche Originalobjekte und Kostüme aus Kubricks Filmen, vom Affenmensch-Kostüm aus „2001: A Space Odyssey“ (1968) bis hin zu den venezianischen Masken aus seinem letzten Film „Eyes Wide Shut“ (1999). Schließlich sind auch eine Vielzahl an Filmausschnitten zu sehen, etwa aus „A Clockwork Orange“ (1971).


Ein Nachbau des bedrohlichen Computers HAL 9000 aus dem Film "2001: A Space Odyssey".
Ein Nachbau des bedrohlichen Computers HAL 9000 aus dem Film „2001: A Space Odyssey“ in der Kubrick-Ausstellung im Círculo de Bellas Artes. – Foto: Angelika Schoder

„Ich mache keine Filme, weil mir die physische Realität der Dreharbeiten gefällt, sondern weil ich gerne Geschichten erzähle, die mich interessieren.“

Stanley Kubrick – Zitat aus der Ausstellung

Fotografie und Schach

Als Stanley Kubrick 12 Jahre alt war, brachte ihm sein Vater das Schachspielen bei; ein Jahr später schenkte er ihm eine Graflex-Kamera. Beides sollte prägend für seine spätere Karriere sein. Kubrick begann zu fotografieren und wurde bereits im Alter von 17 bei der Zeitschrift Look eingestellt, für die er von 1945 bis 1950 als Fotograf arbeitete. Schon während dieser Zeit erzählte er mit seinen Bildern Geschichten und experimentierte mit verschiedenen Arten von Kameras und Objektiven, wie die Ausstellung zeigt. Neben den frühen Fotografien geht es hier auch um Kubricks erste Dokumentarfilme, mit denen er Erfahrungen hinter der Kamera sammelte. Diese Filme handeln von einem Tag im Leben des Boxers Walter Cartier („Day of the Fight“, 1951), von der Arbeit eines Landpfarrers in New Mexico („Flying Padre“, 1951) und von einer Seemanns-Gewerkschaft („The Seafarers“, 1953). Im Jahr 1953 veröffentlichte er zudem seinen ersten unabhängigen Film, „Fear and Desire“, in dem bereits seine spätere Handschrift als Regisseur erkennbar ist.

Die Ausstellung beleuchtet zudem die Bedeutung, die das Schachspiel in Kubricks Filmen einnahm: Sein Film „The Killing“ (1956) zeigt etwa einen Schachclub – Kubrick selbst war Mitglied in einem der ältesten Schachclubs in New York, dem Marshall Chess Club. Auch in „Lolita“ (1962) spielt Humbert Humbert eine Schachpartie mit der Mutter von Dolores – der Ausgang des Spiels deutet dabei auf die weitere Handlung hin. Und das wohl berühmteste Spiel ist das, welches der Computer HAL 9000 im Film „2001: A Space Odyssey“ gegen den Astronauten Frank Poole spielt – auch dieses Spiel deutet an, dass die weitere Entwicklung nicht gut verlaufen wird.

Ein weiterer Bezug zum Schach zeigt sich in Kubricks Arbeitsweise: Er plante seine Dreharbeiten wie ein Spiel, das er unter Kontrolle haben musste. Die Ausstellung verweist zudem auf die Parallele zwischen dem strategischen Schachspiel und der Kriegsführung. Immerhin nimmt in Kubricks Schaffen das Genre des Kriegsdramas eine zentrale Rolle ein. Die Ausstellung wirft hier einen Blick auf die Filme „Fear and Desire“, „Paths of Glory“ (1957), „Dr. Strangelove“ und „Full Metal Jacket“ (1987). Aber auch „Spartacus“ (1960) und „Barry Lyndon“ (1975) werden hier erwähnt, denn obwohl es sich um Historienfilme handelt, spielt auch hier das Thema Krieg eine zentrale Rolle.


In der Ausstellung sind zahlreiche Originalkostüme aus Kubricks Filmen zu sehen.
In der Ausstellung sind zahlreiche Originalkostüme aus Kubricks Filmen zu sehen, etwa aus dem Historienfilm „Barry Lyndon“ (1975). – Foto: Angelika Schoder

„Wenn man mich bitten würde, eine Weile keine Filme mehr zu machen, wäre das so, als würde man ein Kind bitten, eine Zeit lang mit dem Spielen aufzuhören“.

Stanley Kubrick – Zitat aus der Ausstellung

Kubricks Literaturverfilmungen

Insgesamt elf von Stanley Kubricks Filmen sind Verfilmungen von Romanen oder Kurzgeschichten, die ihn faszinierten. Er sah es als Herausforderung an, das geschriebene Wort in die Sprache des Films zu übertragen. Die Drehbücher zu seinen Filmen entstanden stets in Zusammenarbeit mit wichtigen Autoren, etwa Jim Thompson, Vladimir Nabokov, Terry Southern, Arthur C. Clarke, Diane Johnson, Michael Herr oder Frederic Raphael. Für Kubrick war es zudem wichtig, jeder seiner Figuren eine bestimmte Stimme zu verleihen; teils nutzte er auch eine Stimme aus dem Off als Stilmittel (etwa die der Hauptfigur oder die eines allwissenden Erzählers). Stimmen waren ihm so wichtig, dass er sogar die Synchronisation seiner Filme überwachte, um sicherzustellen, dass die fremdsprachigen Versionen dem Geist seiner Werke treu blieben.

Wie umfassend Kubrick seine Filme bis ins letzte Detail plante, zeigt die Ausstellung anhand verschiedener Filme, allen voran seine zwei von ihm unvollendeten Projekte „A. I. Artificial Intelligence“ (schließlich realisiert von Steven Spielberg, 2001) und „Napoleon“. Bei „A.I.“ wollte Stanley Kubrick vor allem zeigen, wie die Geschichte „Supertoys Last All Summer Long“ von Brian Aldiss die Zukunft der Technologie widerspiegelte. Während des langen Entstehungsprozesses (von 1982 bis zu seinem Tod 1999) beauftragte er nicht nur mehrere Autoren damit das Drehbuch zu schreiben, er ließ auch Grafiker wie Chris Baker aka Fangorn Illustrationen zeichnen, um das Projekt visuell zu entwickeln.

Für seinen geplanten Film „Napoleon“ sammelte Kubrick selbst eine Fülle an Dokumenten zur Epoche und erstellte eine detaillierte Biografie der historischen Figur, die als Protagonist für eines seiner ehrgeizigsten Projekte dienen sollte. Die Ausstellung zeigt hier etwa die schier endlose Bibliothek Kubricks mit Büchern zu Napoleon. Zu sehen ist außerdem ein minutiös ausgearbeiteter Drehplan zum Filmprojekt. Die Gesamtlänge sollte 236 Minuten und 41 Sekunden betragen, unterteilt werden sollte der Film in 32 Sequenzen, die jeweils wiederum von Kubrick in einzelnen Szenen ausgearbeitet wurden, entsprechend des Drehbuchs.


Häufig greift das Ausstellungsdesign im Círculo de Bellas Artes das Setdesign von Kubricks Filmen auf.
Häufig greift das Ausstellungsdesign im Círculo de Bellas Artes das Setdesign von Kubricks Filmen auf, wie hier etwa zu „2001: A Space Odyssey“ (1968). – Foto: Angelika Schoder

Planung bis in jedes Detail

Spätestens seit dem Film „2001: A Space Odyssey“ bis hin zu seiner letzten Arbeit „Eyes Wide Shut“ galt jede Neuerscheinung von Stanley Kubrick als kulturelles Ereignis. Er gehörte zu den wenigen Regisseuren, die den Luxus genossen, nur nach eigenen Regeln arbeiten zu können. Ihm gelang es, seine Filme genau so zu inszenieren, wie er es wollte, dabei aber gleichzeitig auch Werke zu schaffen, die an den Kinokassen erfolgreich waren und deshalb von den großen Filmstudios immer wieder vorbehaltslos finanziert wurden.

Besonders der zweite Teil der Ausstellung im Obergeschoss des Círculo de Bellas Artes ermöglich es, tief in die faszinierenden Details von Kubricks Arbeit einzutauchen. Anhand von Modellen, Originalkostümen, Dokumenten und zahlreichen (teils noch nie zuvor gezeigten) Filmausschnitten werden in aufwändig gestalteten Schwerpunkträumen seine späten Filme in chronologischer Reihenfolge beleuchtet.

Im Mittelpunkt steht hier immer wieder die Ausstattung der Szenerien und der Filmfiguren. Die Ausstellung zeigt, wie Kubrick durch Mode und Design in „2001: A Space Odyssey“ das Leben im 21. Jhd. imaginierte; wie er in „Barry Lyndon“ das 18. Jhd. mit aufwändigen Kostümen und ohne den filmischen Einsatz von elektrischer Beleuchtung zum Leben erweckte; wie er das Grauen im Overlook Hotel in „The Shining“ in einem bedrückenden Umfeld darstellte; wie er die außergewöhnliche Sprache von Anthony Burgess in „A Clockwork Orange“ mit Pop-Art-Elementen in eine Bildwelt übertrug; und wie schließlich Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ für „Eyes Wide Shut“ in das New York des beginnenden 21. Jhd. übertragen wurde, ohne den mystischen Zauber des Karnevals zu verlieren.

Schließlich widmet sich die Ausstellung nicht nur Stanley Kubricks Filmen, sondern auch seiner Arbeitsweise als Regisseur, der immer nach Perfektion strebte, stets an den neuesten technologischen Entwicklungen interessiert war und kein großes öffentliches Interesse für sich als Person mochte. Vielleicht hätte ihn also die Aufmerksamkeit irritiert, die ihm mit dieser Ausstellung seit fast zwei Jahrzehnten zukommt. Wahrscheinlich hätte er aber zumindest den großen Detailreichtum der Schau zu schätzen gewusst.


STANLEY KUBRICK. The Exhibition

Círculo de Bellas Artes, Madrid
21.12.2021-08.05.2022


Header-Bild: Der Computer HAL 9000 des Raumschiffs Discovery aus dem Film „2001: A Space Odyssey“ (1968), nachempfunden in der Stanley Kubrick Ausstellung im Círculo de Bellas Artes, Madrid 2021 – Foto: Angelika Schoder


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Angelika Schoder

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Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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