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Space is the Place: Raum in Kunst und Architektur

Die Publikation „Space is the Place“ zur gleichnamigen Ausstellungsreihe im BNKR München setzt sich mit künstlerischen Konzepten um architektonische und konzeptionelle Räume und Orte auseinander.

Rezension/Werbung – Unter dem Motto „current reflections on art and architecture“ widmet sich der Kunstraum BNKR München in wechselnden Ausstellungen und mit einem immer neuen Fokus aktuellen Positionen in Kunst und Architektur. Von September 2018 bis Juli 2019 fand hier die Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe „Space is the Place“ statt, kuratiert von Lukas Feireiss. Der gleichnamige Begleitband wirft noch einmal einen Blick auf die hier gezeigten Projekte und lässt auch beteiligte Kunstakteure zu Wort kommen.


„Raum ist ein herausragender Aspekt der existenziellen Natur des Menschen – als Grundvoraussetzung für unsere Erkundung der Welt. Unser gesamtes Leben ist in den Raum eingebettet; wir sind ständig von ihm umgeben, dadurch beeinflusst und geprägt, ob bewusst wahrgenommen oder unbewusst erlebt. Der Raum ist der Kontext, den wir bewohnen. Er dient als Speichermedium unserer historischen Situiertheit und Zeugnis des kulturellen Gefüges, in dem wir leben.“ [1]

Lukas Feireiss, Kurator von Space is the Place

Zwischen Räumen und Orten

In unserem Sprachgebrauch werden die Begriffe „Raum“ und „Ort“ oft als Synonyme für einander gebraucht. Doch für Lukas Feireiss, den Kurator der Ausstellung „Space is the Place“, stehen diese beiden Begriffe für zwei ganz unterschiedliche Konzepte, die in einer dynamischen Beziehung zueinander stehen. Space verkörpert ein eher abstraktes Konzept. Für Feireiss steht der Raum für einen Urzustand, ein physischer Platz ohne substanzielle Bedeutung, dem erst durch persönliche Erfahrungen Bedeutung verliehen werden muss. Ein Place hingegen ist etwas, das bereits eine Bedeutung hat. Mit einem Ort sind persönliche Erfahrungen, Erinnerungen oder Assoziationen verbunden. Im Laufe des Lebens eines Menschen wird immer mehr Räumen Bedeutung verliehen – so werden sie zu Orten. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass zum einen Orte menschliche Identitäten prägen, während Räume uns erlauben die Identitäten zu betrachten, die geprägt wurden. [2]

Die Publikation „Space is the Place“ konzentriert sich auf zeitgenössische künstlerische Praktiken, die Räume in Orte transformieren. Beiden Begriffen wird sich hier thematisch und medial genähert, mal spielerisch-investigativ und mal kritisch-hinterfragend. Akteure aus Kunst, Design, Architektur, Geschichtswissenschaft oder Philosophie diskutieren hier Erfahrungen, Vorstellungen und Design von Räumen und Orten in Theorie und Praxis. Das Buch bietet dabei ein Sammelsurium von Projekten, Performances, Interviews und Essays und vereint so eine Reihe an Ideen, Herangehensweisen, Interpretationen und Debatten, die im Rahmen des Projektes „Space is the Place“ im BNKR München verhandelt wurden.


„Das Thema dieses Buches – Überlegungen zu Raum und Ort in der zeitgenössischen Kunst – eignet sich für unendlich viele Beschreibungen und Interpretationen, von denen keine ohne die anderen auskommt. Jede lebt in symbiotischer Komplementarität mit jeder anderen, die ihr individuell Bedeutung verleiht. Ohne Antworten geben zu wollen, will dieses Buch in seiner Lebendigkeit und Vielfalt lediglich eine Inspirationsquelle für intensives Nachdenken und als Einladung für Kreative und Denker quer durch alle Disziplinen sein.“ [3]

Lukas Feireiss, Kurator von Space is the Place

Ein Dialog von Ideen

In fünf aufeinander Bezug nehmenden Kapiteln werden in der Publikation „Space is the Place“ die unterschiedlichen Schwerpunkte der Ausstellungsreihe vorgestellt. In „Thresholds. Limits of Space“, der ersten Ausstellung im Rahmen der Reihe, geht es um die Wand als fundamentales Element von Architektur. Hier werden verschiedene künstlerische und theoretische Positionen versammelt, die sich mit der Erfahrung und Überwindung von Schwellen bzw. Barrieren in unserer architektonischen Umgebung befassen. Ausgangspunkt ist Bruce Naumanns Arbeit „Body Pressure“ (1974), im Fokus stehen zudem eine gefilmte Performance von Andrea Fraser zur Erotik von Architektur, eine Arbeit von Wermke/Leinkauf, die sich mit der innerdeutschen Grenze befasst, sowie Arbeiten von Jeewi Lee und Raul Walch. Ergänzt wird das Kapitel durch Texte von Theo Deutinger und Tobias Prüwer zur Bedeutung von Wänden und Grenzen.

Das zweite Kapitel mit dem Titel „Subversions“ konzentriert sich auf die Arbeiten von Künstler und Bildhauer Michael Sailstorfer, der im Rahmen einer Einzelausstellung im BNKR München die verbreiteten Vorstellungen von Raum und Heim hinterfragt hat. In einem Interview kommt der Künstler selbst zu Wort. Ergänzend findet sich hier auch der Essay „Lived Space“ von Franz Xaver Baier.

Im dritten Kapitel „Dialogues“ wird die interdisziplinäre Diskussion aus dem Symposium „Space is the Place“ im Rahmen der 58. Internationalen Kunstausstellung, La Biennale di Venezia zusammengefasst, ein Gespräch zwischen Beatriz Colomina, Olafur Eliasson, Sam Chermayeff und Julius von Bismarck.

Im vierten Kapitel „Augmentations/Augmented“ geht es um die Schnittpunkte von realen und virtuellen Räumen im Rahmen einer künstlerischen Kollaboration. Zum einen hatte der Künstler Clemens Behr den Kunstraum BNKR mit einer gemalten „Firewall“ versehen, zum anderen entstand in Zusammenarbeit mit Selam X eine App, die zu dieser Firewall Augmented Reality ergänzte, was das Gemälde in eine Art dreidimensionale virtuelle Skulptur verwandelte. Im Interview kommen die Kunstakteure zu Wort und berichten von ihrer Zusamenarbeit.

Das letzte Kapitel mit dem Titel „Voyages/Outer Space“ richtet seinen Blick schließlich in Richtung Weltraum mit künstlerischen Beiträgen aus Fotografie, Skulptur, Installation und Film. Im Fokus steht die Gruppenausstellung „Intergalactic“, die anlässlich des 50. Jubiläums der Apollo 11 Mission im BNKR München stattfand und die das Ende der Ausstellungsreihe „Space is the Place“ markiert. Thematisiert werden hier Caroline Corbassons Darstellung des Halleyschen Kometen, Michael Najjars Fotografien einer Sojus-Rakete, eine Arbeit von Nahum über eine fiktive Mondreise, eine kinetische Skulptur von Alicja Kwade, die Weltraum-Skulpturen von Tom Sachs, dessen Arbeiten aktuell auch in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen sind, sowie ein afrofuturisrischer Kurzfilm von Nuotama Bodomo über einen Besuch der Oberfläche des Mondes.


Die englischsprachige Publikation „Space is the Place. Current Reflections on Art and Architecture“, herausgegeben von Lukas Feireiss, ist 2020 bei Spector Book erschienen (ISBN: 978-3-95905-3884). Das Buch erschien im Nachgang zur gleichnamigen Ausstellungsreihe im BNKR München, die von September 2018 bis Juli 2019 zu sehen war. Die Publikation enthält neben zahlreichen Werkabbildungen auch Texte von u.a. Lukas Feireiss, Franz Xaver Baier, Theo Deutinger und Tobias Prüwer sowie Interviews mit u.a. Alicja Kwade, Michael Najjar und Caroline Corbasson.

musermeku dankt BNKR München für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Angelika Schoder – Tom Sachs: Space Program: Rare Earths, Deichtorhallen Hamburg, 2021


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

@musermeku

Fußnoten

[1] Lukas Feireiss: Introduction. Space is the Place, In: Space is the Place. Current Reflections on Art and Architecture, Hg.v. Ders., München 2020, S. 17f, hier S. 17 – übersetzt durch die Autorin.

[2] Dazu: Ebd.

[3] Ebd., S. 18 – übersetzt durch die Autorin.


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