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Are You For Real: Gedankenspiele über Realität

Im Rahmen des vom ifa initiierten Projekts „Are You For Real“ setzen sich Akteure aus Kunst und Wissenschaft mit dem Verständnis von Realität auseinander.

Realität existiert auf vielen Ebenen, in verschiedenen Perspektiven und Zeiten – so umschreibt „Are You For Real“ sein zentrales Thema. Dabei geht es um Fragen wie: Was ist real an einer Person, einem ganzen Kontinent oder einem digitalen Bild? Und gibt es Perspektiven, die „realer“ sind als andere? Das webbasierte Projekt „Are You For Real“ konzentriert sich vor diesem Hintergrund auf die Auseinandersetzung und die Visualisierung von Verbindungen von Menschen, Ideen und Orten. Dabei spielen sowohl materielle als auch immaterielle Aspekte des Digitalen eine Rolle. Das Projekt konzentriert sich in diesem Kontext auf die Perspektiven verschiedener Disziplinen: Kunstakteure sowie Menschen aus dem Wissenschafts- und IT-Bereich sind damit beauftragt, Werke zu schaffen, die ihr Verständnis von und ihren Zugang zur Realität verdeutlichen.


Realität im Spannungsfeld zwischen physischem Raum und digitaler Welt

Was kann man sich unter einem Projekt vorstellen, das sich mit dem Thema Realität befasst? „Are You For Real“ lädt zu einem Gedankenexperiment ein:

„Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Atelier eines Street Art Künstlers in Luanda. Im nächsten Moment finden Sie sich hinter einem Mann wieder, der Geld von einem Western-Union-Schalter in Nairobi abhebt. Plötzlich stehen Sie auf einer Bühne mit einem jungen Spoken-Word Künstler in Berlin und sehen, wie Leute im Publikum Bilder von diesem Moment auf Instagram teilen. Sie treten aus dieser Berliner Bar in einen Galerieraum in Lagos und bewegen sich von dort aus in das abstrakte digitale Universum, das von einem Kunstkollektiv in Jakarta geschaffen wurde.“

About the Project – Are You For Real

Klingt aufregend – aber auch verwirrend, oder? Wer diesem Gedankenexperiment folgt, stellt sich schnell die Frage, wie wir eigentlich das erfassen und interpretieren, was wir erleben. Diese Frage wird angesichts der fortschreitenden Digitalisierung noch einmal spannender, schließlich können wir nun Erlebnisse haben, an denen wir physisch nicht beteiligt sein müssen. Wir können tatsächlich Eindrücke aus Luanda, Nairobi, Berlin, Lagos oder Jakarta sammeln und damit unsere eigene Perspektive erweitern, indem wir die Realität anderer Menschen erleben.

Insbesondere mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf kulturelle Produktion befasst sich das Projekt „Are You For Real“. Den Schwerpunkt bildet dabei die Suche danach, wann „Realität“ beginnt und ob diese endlich ist – und wenn ja, wo die Grenzen der Realität sein könnten. Dies scheint besonders im Spannungsfeld zwischen Physischem und Digitalen relevant, immerhin werden alle möglichen Bereiche unseres Zusammenlebens davon beeinflusst: Das Digitale schafft neue Möglichkeiten und Zugänge, etwa für den Aufbau und die Pflege von Netzwerken, für die Zusammenarbeit zwischen Menschen auf der ganzen Welt, aber auch für den Verkehr von Waren, Ideen und Finanzen. Besonders seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie kommt dem eine noch größere Bedeutung zu.

Das Digitale wird immer mehr zu einem Teil unserer täglichen Routine und unserer kulturellen Praktiken. Menschen bewegen sich online zwischen Algorithmen, kommen in Kontakt mit virtuellen Game-Welten oder bauen sich ein soziales Umfeld mit Menschen auf, denen sie bisher nie physisch begegnet sind. Obwohl ein großer Teil unseres Lebens digital stattfindet, nehmen wir diese Erfahrungen aber als ebenso real wahr, wie die Erfahrungen, die wir im physischen Raum sammeln.


Das Projekt Are You For Real

Hinter dem interdisziplinären Projekt „Are You For Real“ steht das Institut für Auslandsbeziehungen e.V. (ifa), das u.a. den internationalen Austausch im Kunst- und Kulturbereich durch Ausstellungen, Vorträge und Konferenzen fördert. Mit „Are You For Real“ wurde nun eine von Yehwan Song konzipierte und programmierte Plattform geschaffen, von der ausgehend ein Austausch über Workshops, digitale Kunsträume und Apps stattfinden soll. Ziel ist es vor allem, vielfältige Momente der Begegnung zu schaffen.

„Wie beim Spiel ‚Stille Post‘, bei dem eine Nachricht von einem Spieler zum anderen durch Flüstern weitergegeben und verzerrt wird, ist der Ausgang [des Projekts] immer unerwartet und unvorhersehbar. Dieser spielerische Ansatz erzeugt Gespräche zwischen Perspektiven und Konzepten und hilft, die Überschneidungen und Zwischenräume zu erforschen, die Felder, Formate und Kontexte miteinander verbinden.“

About the Project – Are You For Real

Im Rahmen des Projektes sollen kollaborative Werke entstehen, die sich immer wieder verändern, wenn neue Kunstakteure ins Spiel kommen, Bestehendes übernehmen, ergänzen und neue Impulse einbringen. Erreicht werden sollen damit „bestimmte Qualitäten einer Wanderausstellung“, wie die Projektverantwortlichen es nennen. Es geht um eine „Wanderung der Gedanken“, die sichtbar wird anhand der Spuren und Veränderungen, die in den Kunstwerken zum Vorschein kommen.


Into the Pluriverse

„Are You For Real“ startet mit „Into the Pluriverse“ von Nushin Yazdani und Can Karaalioglu, einer extra für das Projekt in Auftrag gegebenen VR-Arbeit unter Beteiligung von Aylin Karabulut, Dounia Hagenauer, Rafiou Bayor, Tiara Roxanne und Ulla Heinrich. Die Arbeit bietet einen Blick in die fünf verschieden Leben und Perspektiven der Akteure aus den Bereichen Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichem Engagement. Dabei geht es um Fragen wie: Wofür kämpfen diese Akteure? Wie stellen sie sich eine gemeinsame Zukunft vor? Und wie kann der Diskurs weiter vorangetrieben werden?


a sun.black

Die zweite gezeigte Arbeit ist das Essay-Game „a sun.black“ von Nolan Oswald Dennis, das zusammen mit Noa Mori entwickelt und mit Unterstützung von Galadriel Brady programmiert wurde. Das Game entstand ebenfalls speziell für das Projekt „Are You For Real“. Inspiriert wurde die Arbeit durch Dambudzo Marecheras „Black Sunlight“ und Toni Cade Bambaras „On the Issue of Roles“. Im Spiel, das als prozesshafte Studie zu Poesie verstanden werden kann, werden Textfragmente zusammengesetzt, entfremdet und wieder zusammengefügt.

Weitere Impulse liefern Features von Nelly Y. Pinkrah, João Renato Orecchia Zúñiga, Michelle M. Wright sowie Asmaa Jana und Ibrahim Cissé.


Die Hintergründe des Projektes

Das Projekt „Are You For Real“ hat sich den internationalen Kulturaustausch zum Ziel gesetzt, in dem eine zeitgenössische ko-kreative Praxis des Ausstellungsmachens eine besondere Rolle spielt. Mit diesem Konzept hinterfragt das ifa auch sein eigenes Format der Wanderausstellungen, in dem Kunst aus Deutschland in anderen Ländern gezeigt wird. Das bisher unflexibele Format klassischer Wanderausstellungen soll mit „Are You For Real“ aufgebrochen werden, indem neue Modelle künstlerischer Zusammenarbeit erprobt werden.

Kuratiet wird das Projekt von Julia Grosse, Yvette Mutumba und Paula Nascimento, einem Team, das sich durch vielfältige Perspektiven auszeichnet.

Die angolanische Architektin und Kuratorin Nascimento ist Mitbegründerin von Beyond Entropy Africa, einem Kollektiv, das Projekte in den Bereichen Architektur, zeitgenössische Kunst und Geopolitik entwickelt und 2013 mit dem „Goldenen Löwen“ der Biennale von Venedig sowie 2017 mit einem afrikanischen Architekturpreis ausgezeichnet wurde.

Die beiden Kunsthistorikerinnen Grosse und Mutumba sind Gründerinnen des vom ifa unterstützten Onlinemagazins „C& – Contemporary And“, das den zeitgenössischen Kunstdiskurs durch globale und vor allem diverse Stimmen aus Afrika und der afrikanischen Diaspora bereichert, sowie des Magazins „Contemporary And América Latina“, das Positionen aus und zu Lateinamerika sowie der Karibik ergänzt. Im vergangenen November wurden die beiden Wissenschaftlerinnen für ihr Engagement mit dem Kulturmarken-Award als Euro­päische Kulturmanagerinnen des Jahres 2020 ausgezeichnet.


Are You For Real

Institut für Auslandsbeziehungen e.V.
10.12.2020-31.12.2022

Aktuell auf der Plattform

Into the Pluriverse. Nushin Yazdani & Can Karaalioglu
feat. Aylin Karabulut, Dounia Hagenauer, Rafiou Bayor, Tiara Roxanne und Ulla Heinrich
VR-Arbeit, 2020

a sun.black. Nolan Oswald Dennis
entwickelt mit Noa Mori
Essay-Game, 2020

Features
von Nelly Y. Pinkrah, João Renato Orecchia Zúñiga, Michelle M. Wright sowie Asmaa Jana und Ibrahim Cissé


Header-Bild: Screenshot ru4real.de – Institut für Auslandsbeziehungen e.V. (ifa) / Website-Design: Yehwan Song



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.


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