Von Frauen und Katzen: Pierre Bonnard und der französische Japonismus

Mit der Ausstellung „Bonnard et le Japon“ widmet sich das Caumont Centre d’Art in Aix-en-Provence erstmals dem Einfluss der japanischen Kunst auf Pierre Bonnards Werk und zeigt die Bilder des französischen Malers neben bekannten japanischen Drucken.

Mit der Ausstellung "Bonnard et le Japon" widmet sich das Caumont Centre d’Art erstmals dem Einfluss der japanischen Kunst auf Pierre Bonnard.

[Pressereise] Der französische Künstler Pierre Bonnard (1867-1947), Mitglied der Nabi-Gruppe, prägte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Entwicklung der Moderne durch seinen subtilen und empfindsamen Malstil. Innerhalb der Künstlergruppe galt er als „Nabi très japonard“, als „sehr japanischer Nabi“. Zwischen Naturalismus und Impressionismus entwickelte Bonnard einen ganz eigenen künstlerischen Stil, der deutlich von den Motiven und Darstellungen aus japanischen Holzschnitten inspiriert wurde. Mit der Ausstellung „Bonnard et le Japon“ widmet sich das Caumont Centre d’Art in Aix-en-Provence nun erstmals dem Einfluss der japanischen Kunst auf Pierre Bonnards Werk und zeigt die Bilder des französischen Malers, darunter zahlreiche Leihgaben des Musée Bonnard, neben bekannten japanischen Drucken aus der renommierten Leskowicz-Sammlung. Ob Katsushika Hokusai oder Utagawa Hiroshige, die Ausstellung macht überraschende Ähnlichkeiten und interessante formalen Verwandtschaften zwischen den japanischen Holzschnitten und den Gemälden und Lithografien des französischen Künstlers deutlich.


Utagawa Hiroshige: Mitate Ukifune (1845) / Pierre Bonnard: Femme au parapluie (1894)
Eine Dame mit Regenschirm: Utagawa Hiroshige: Mitate Ukifune (1845), Rijksmuseum, RP-P-2008-241 und Pierre Bonnard: Femme au parapluie (1894), Rijksmuseum, RP-P-1977-156 – beide Public Domain, bearbeitet

Französische Begeisterung für japanische Kunst

Im Jahr 1854 öffnete sich Japan nach über 200 Jahren Isolation wieder der Welt, was einen intensiven Austausch mit dem Westen zur Folge hatte. Besonders in Frankreich entwickelte sich eine Begeisterung für Japan. Ursprünglich auf einen kleinen Kreis von Akteuren aus Kunst und Literatur beschränkt, verbreitete sich die Faszination bald in der Bourgeoisie und wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer weit verbreiteten Modeerscheinung. Der ästhetische Einfluss Japans auf die westliche Kunst führte zu einem Phänomen, das 1872 von Philippe Burty, einem Kunstkritiker und Sammler japanischer Kunst, als „Japonismus“ bezeichnet wurde. Im Zuge dieser kulturellen Assimilation integrierten diverse Kunstschaffende japanische Motive in ihre Werke und übernahmen die Bildsprache des Holzschnitts, des Ukiyo-e.

Neben dem Handel mit Japan spielten Publikationen und Ausstellungen eine entscheidende Rolle für die Verbreitung der japanischen Kunst in Europa. Die Ausstellung im Caumont Centre d’Art spricht etwa die Schau in der Galerie Georges Petit in Paris mit 3.000 japanischen Objekten an, die im Frühjahr 1883 von Kunstkritiker Louis Gonse zusammen mit den Kunsthändlern Hayashi Tadamasa und Wakai Kenzaburò organisiert wurde. Nach dem Erfolg dieser Ausstellung veröffentlichte Gonse „L’Art japonais“, die erste systematische Geschichte der japanischen Kunst in Frankreich. 1888 brachte der Kunsthändler Siegfried Bing in Paris zudem die Zeitschrift „Le Japon artistique“ heraus, die bis 1891 auf Französisch, Deutsch und Englisch erschien und die japanische Kunst in Europa und den USA populär machte. Wichtig war auch die 1890 in der École des beaux-arts in Paris organisierte Ausstellung japanischer Druckgrafik, die vor allem bei den Nabis einen bleibenden Eindruck hinterließ – insbesondere bei Pierre Bonnard.


„Japan brachte Bonnard sehr schnell auf den Weg der Farbe, des Lichts, des Augenblicks und des Ausdrucks von flüchtigen Gefühlen.“

Bonnard et le Japon, Caumont Centre d’Art

Ausdrucksstarke Farbe, klare Linien

Die Entdeckung der japanischen Kunst beeinflusste Bonnards Werk entscheidend, als er nach der Zeit an der École des beaux-arts in Paris auf der Suche nach seinem eigenen Stil war. Fasziniert von den Ukiyo-e-Drucken und ihren Themen, ahmte er zunächst die japanische Malweise nach, bevor er ihre Ästhetik in seinen Stil einfließen ließ. Bonnard begeisterte sich für die kraftvollen, flächig gesetzten Farben der japanischen Drucke und begann mit ungewöhnlichen Farbkombinationen zu experimentieren. Die japanische Kunst schärfte Bonnards Blick für die Inszenierung eines Subjekts, basierend auf der Ausdruckskraft von Farbe und der Klarheit von Linien. Wie die Ausstellung „Bonnard et le Japon“ zeigt, erinnern zum Beispiel die weichen, dynamischen Silhouetten seiner weiblichen Figuren in fließenden Gewändern an die Frauen in den Darstellungen von Hiroshige, Kunisada oder Harunobu. Statt auf eine lineare Perspektive und die Illusion von Tiefe zu setzen, wie bei seinen französischen Zeitgenossen üblich, bevorzugte Bonnard bald schon eine dekorative Stilisierung in seinen Bildern.

Japanische Drucke zeigten dem Künstler, wie eine neue Raumdarstellung durch Überlagerung heterogener Elemente möglich war, von einer „japanischen Perspektive“ auf Innenszenen bis hin zu Landschaften aus der Vogelperspektive mit vertikal gestaffelten Elementen. Bonnard bewunderte die Dynamik des Bildaufbaus in den japanischen Werken, die mit Nahaufnahmen, abgeschnittenen Motiven und der Kombination von vollen und leeren Flächen überraschten. Auch die Wahrnehmung von Zeit und Raum in japanischen Drucken übte auf den Künstler eine große Faszination aus. Holzschnitte mit beweglichen Elementen wie Wanderern, Booten, Wasserfällen und Wellen verdeutlichten eine Koexistenz mehrerer Zeitlichkeiten in einem Bild – ein Prinzip, das Bonnard von den 1890er Jahren bis zum Ende seines Lebens versuchte in seinen Bildern nachzuvollziehen.


Katsushika Hokusai: Under the Wave off Kanagawa (1829-1833)
Wasser als Zeit und Raum verbindendes Element: Katsushika Hokusai: Under the Wave off Kanagawa (1829-1833), Rijksmuseum, RP-P-1956-733 – Public Domain, bearbeitet

Ein neuer Blick auf das urbane Paris

Pierre Bonnard war von der Dynamik der Großstadt fasziniert. Er hielt die flüchtigen Momente des Pariser Lebens fest und strebte eine „Ästhetik des Fragments“ an, die an die Logik des Kinos erinnern sollte. Optische Geräte wie die Laterna magica und das Praxinoskop von Emile Reynaud inspirierten ihn, Bilder in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen, um Bewegung darzustellen. Neben der Ästhetik des Films beeinflussten seinen Blick auch die Bildwelten der japanischen Drucke, was ihn von Félix Fénéon die Bezeichnung „Nabi très japonard“ einbrachte.

Der Hüftschwung weiblicher Figuren und die unsteten Körper in Menschenansammlungen dienten Pierre Bonnard als rhythmische Elemente, die seine Bilder belebten. Ein Beispiel ist das Bild „Quais de Paris“, wo die Passanten wie durch ein Kameraobjektiv in das Bild gesetzt wirken, indem ihre Körper von den Bildrändern abgeschnitten werden, was eine filmische Bewegung erzeugt. Auch in der Serie „Quelques aspects de la vie de Paris“ nutzt der Künstler diese Technik, um „lebendige“ Bilder zu schaffen. Die dichten schwarzen Menschenmassen spiegeln die Unruhe der Straße wider, die durch gelbe Lichtstreifen belebt wird. Auch das Spiel mit Leere und Fülle trägt zum bewegten Bild bei, wie im Bild „Place Clichy, scène de rue“. Hier bleibt die Bildmitte leer, während die Ränder belebt sind – das erinnert nicht nur an Bildkompositionen in der japanischen Kunst, sondern auch an die Montage von Bildern in Kinofilmen, die zu Bonnards Zeit ebenfalls häufig Menschenmengen und Straßenszenen zeigten.


Pierre Bonnard: Avenue du Bois (Quelques aspects de la Vie de Paris) (1899)
Belebte Pariser Straßenszene: Pierre Bonnard: Avenue du Bois (Quelques aspects de la Vie de Paris) (1899), Staatsgalerie StuttgartPublic Domain, bearbeitet

Bilder einer schwebenden Welt

Während der Meiji-Zeit (1868-1912) öffnete Japan seine Grenzen und exportierte seine Kunst, die auf Weltausstellungen präsentiert wurde. Westliche Maler waren begeistert von den Ukiyo-e, den „Bildern der schwebenden Welt“, die eine bewegliche und sich verändernde Natur, das Alltagsleben, Straßen- und Theaterszenen sowie Geishas und Erotik darstellten. Hokusais Mangas und seine „Hundert Ansichten des Berges Fuji“ sowie Hiroshiges „Dreiundfünfzig Etappen der Tôkaidô-Route“ sind herausragende Beispiele, die auch teils auch in der Ausstellung im Caumont Centre d’Art zu sehen sind.

Seit den 1860er Jahren interessierten sich die Brüder Goncourt für Ukiyo-e und arbeiteten mit Händlern wie Madame Desoye und der Familie Sichel zusammen. In den 1880er Jahren etablierten sich Tadamasa Hayashi und Siegfried Bing als Experten japanischer Kunst. Kaufhäuser wie Le Bon Marché und Le Printemps in Paris boten bald erschwingliche Reproduktionen an. 1890 organisierte Bing eine wichtige Ausstellung japanischer Meister in der École nationale des beaux-arts, die Ukiyo-e in chronologischer Breite sowie zentrale Künstler und ihre Werke vorstellte. Pierre Bonnard beeindruckten hier vor allem die in den Bildern dargestellten Lichtveränderungen und Naturmetamorphosen. Inspiriert hiervon schuf er zahlreiche Variationen bekannter Landschaften in der Isère, in der Normandie und an der Côte d’Azur. Der Künstler malte die Landschaften bei Tag und Nacht, wobei letztere an die Mondpanoramen der Ukiyo-e erinnern sollten, und versuchte die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens im Gegensatz zu den beständigen Zyklen der Natur darzustellen.

Bonnard war fasziniert vom Wechsel der Jahreszeiten und notierte täglich das Wetter, um die Lichtauswirkungen auf Farben zu erfassen. So plante der Maler auch seine Blumenbilder von Mohnblumen, von Mimosen und vom blühenden Mandelbaum in seinem Garten. Die Bilder spiegeln die japanische Hanami-Philosophie wider, die die Schönheit und Vergänglichkeit der Blüte feiert. Diese Werke boten Bonnard auch Vorwände für farbliche Experimente und gewagte Kompositionen. Seine Forschung zur Farbe vertiefte er aber auch in Werken wie „Badende am Ende des Tages“ (1945). Als Inspiration ließ sich der Künstler übrigens bis zu seinem Tod japanische Drucke schicken, die sein Atelier schmückten, wie die Ausstellung „Bonnard et le Japon“ verrät.


„Ich hatte durch den Kontakt mit diesen einfachen, volkstümlichen Bildern verstanden, dass die Farbe wie hier alles ausdrücken kann […]. Es erschien mir, dass es möglich war, Licht, Formen und Charaktere allein mit Farbe auszudrücken…“

Pierre Bonnard, 1943

Naturmotive und Familien-Darstellungen

Ebenso wie in vielen japanischen Holzschnitten, tauchen auch in Bonnards Gemälden immer wieder Hunde auf, ebenso wie Katzen, die sich strecken oder winden. Die Tiere sind hier wie dort nicht nebensächlich, sondern integraler Bestandteil der Bildkompositionen. In der japanischen Kunst wird eine Katze oft dargestellt, um geschmeidige Bewegungen oder eine erweiterte Sicht auf die Motive zu schaffen. Auch bei Hunden finden sich ihre spielerischen Bewegungen in dekorativen Motiven wieder. Die Tiere verleihen den Kompositionen Balance und Tiefe. Nach diesem Vorbild setzte auch Pierre Bonnard Tiere in seiner Arbeit als Illustrator in den Mittelpunkt. Für „Histoires naturelles“, einer Sammlung aus 60 Geschichten von Jules Renard, interpretierte Bonnard die Natur durch Tierporträts: Vom Hahn bis zum Bären, vom Pferd bis zur Eidechse und von der Spinne bis zur Libelle stellte der Künstler hier eine ganz eigene kleine Welt dar.

Neben diesen Naturdarstellungen widmete sich Bonnard aber auch der Darstellung von Kindern und Familien-Szenen. Inspirieren ließ er sich auch hier von japanischen Vorbildern, von den „kodomo“. Der Begriff beschreibt die Darstellung von Kindheit und Mutterschaft im Ukiyo-e. Diese Kunstwerke zeigen Momente der Zärtlichkeit zwischen Müttern und Kindern, etwa in den frühen Werken von Utamaro und Kuniyoshi. Pierre Bonnard hatte selbst keine eigenen Kinder, war aber fasziniert von seinen fünf Nichten und Neffen, die zwischen 1892 und 1899 aus der Verbindung seiner Schwester Andrée mit dem Komponisten Claude Terrasse hervorgingen. Bonnard malte und fotografierte diese familiäre Harmonie intensiv, besonders während seiner Zeit in der Künstlergruppe der Nabi.


Kitagawa Utamaro: Mutter mit Kind, hoch, hoch! (1803) und Pierre Bonnard: Andrée Terasse mit Sohn Jean und Bruder Pierre Bonnard (1893)
Familiäres Idyll: Kitagawa Utamaro: Mutter mit Kind, hoch, hoch! (1803), MK&G, IE1906.3 und Pierre Bonnard: Andrée Terasse mit Sohn Jean und Bruder Pierre Bonnard (1893), Rijksmuseum, RP-P-1953-377 – beide Public Domain, bearbeitet

Weiblicher Akt und Kirschblüten

Unter dem Titel „Die Stunde des Tigers“ widmet sich die Ausstellung auch den Aktdarstellungen Bonnards im Vergleich zu erotischen japanischen Bildern aus Badehäusern. Der Titel bezieht sich darauf, dass im alten Japan die Tageszeiten den Tieren des chinesischen Tierkreises zugeordnet wurden. Von 3 bis 5 Uhr, der Stunde des Tigers, weicht die Dunkelheit dem Morgenlicht, die Sinne erwachen und der Tiger geht auf die Jagd. Diese Zeit markiert aber auch den Abschied der Kunden von den Geishas, deren erotische Zusammentreffen in öffentlichen Bädern auch auf japanischen Holzschnitten dargestellt wurde. Bonnard besaß entsprechende Werke, von Utamaro zum Beispiel, ließ sich aber auch durch die Darstellungen des weiblichen Körpers von Edgar Degas inspirieren, der ebenfalls Sammler japanischer Drucke war.

Die Begegnung mit Maria Boursin, genannt Marthe, im Jahr 1893 bot Bonnard schließlich selbst die Möglichkeit, eine moderne Version des Aktes zu schaffen – ganz nach dem Vorbild von Utamaros Werken. Der Künstler beobachtete dafür seine Partnerin in alltäglichen Situationen und malte sie, wie sie sich auszog und auf dem Bett lag. Ab etwa 1925 konzentrierte sich der Künstler auf das Badezimmer, wo er seine Ehefrau immer wieder bei der Körperpflege malte. Insbesondere sein Werk „Nu accroupi au tub“, das an die kauernde Aphrodite im Louvre erinnert, zeigt den Einfluss der japanischer Kunst auf Bonnards Stil.

Im letzten Abschnitt widmet sich die Ausstellung den Hanami-Darstellungen, also Bildern der Kirschblüte, die in Japan seit der Nara-Zeit (710-794) zelebriert wird. Ursprünglich nur dem Adel vorbehalten, fand der Brauch in der Edo-Zeit (1603-1868) breite Akzeptanz in Japan und wurde vermehrt auch künstlerisch dargestellt. Auch Bonnard war von den Blüten im Frühling fasziniert und betonte deren flüchtige Schönheit in vielen Werken, etwa in seinem Bild „Der blühende Mandelbaum“.

Abschließend erwartet den Besucher in der Ausstellung übrigens noch eine Überraschung: In einem kleinen Nebenraum können die wichtigsten Gemälde von Bonnard noch eimal in einer „immersiven“ Projektion erlebt werden.


Bonnard et le Japon

30.04.-06.10.2024
Caumont Centre d’Art, Aix-en-Provence


Header-Bild: Angelika Schoder – Bonnard et le Japon, Aix-en-Provence 2024


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Angelika Schoder

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