Damien Hirst im Château La Coste: The Light That Shines

Ob mythologische Monster, Weltraum-Bilder oder Disney-Figuren – das Château La Coste in der Provence zeigt in diesem Frühjahr gleich fünf Ausstellungen des britischen Künstlers Damien Hirst.

Ob mythologische Monster, Weltraum-Bildern oder Disney-Figuren - das Château La Coste zeigt fünf Ausstellungen des Künstlers Damien Hirst.

[Pressereise] Schon kurz hinter dem Eingangstor des Château La Coste wird man von einem riesigen menschlichen Torso begrüßt, ein medizinisches Forschungsmodell, das einen Blick auf seine inneren Organe freigibt. Die rund 6,5 Meter hohe und über drei Tonnen schwere Bronze mit dem Titel „Temple“ (2008) ist die erste von insgesamt zehn Skulpturen, die der Künstler Damien Hirst (*1965) aktuell auf dem rund 500 Hektar großes Anwesen in der Provence zeigt. Auf dem Weingut, auf dem unter anderem Chardonnay, Sauvignon Blanc oder Cabernet Sauvignon angebaut werden, erwarten Besucher insgesamt 46 Skulpturen, Kunst-Installationen und Architektur-Highlights. Diese werden regelmäßig durch die Arbeiten von Gast-Künstlern ergänzt, wie etwa aktuell durch die Skulpturen von Damien Hirst.

Doch der britische Künstler bespielt nicht nur den Art Walk, der sich zwischen den Weinbergen des Château La Coste durch die südfranzösische Landschaft zieht. Erstmals stellt das Anwesen auch seine fünf Ausstellungs-Pavillons, die von renommierten Architekten entworfen wurden, einem einzigen Künstler zur Verfügung. So bietet sich in diesem Frühjahr mit „The Light That Shines“ die Gelegenheit, gleich fünf Ausstellungen von Damien Hirst an einem Ort zu besuchen.


In der von Architekt Richard Rogers entworfenen Galerie, die 2021 an einem Berghang des Château La Coste erbaut wurde, zeigt Damien Hirst Bilder seiner Serie "The Empresses".
In der von Architekt Richard Rogers entworfenen Galerie, die 2021 an einem Berghang des Château La Coste erbaut wurde, zeigt Damien Hirst Bilder seiner Serie „The Empresses“.

Wenn Kunst auf Natur trifft

Das Château La Coste liegt inmitten einer der ältesten Weinbau-Regionen Frankreichs, zwischen der Stadt Aix-en-Provence und dem Luberon-Nationalpark. Hinter dem 2011 eröffneten Anwesen, das Wein, Kunst und Architektur miteinander verbindet, steht der nordirische Unternehmer Paddy McKillen. Jedes Jahr lädt dieser befreundete Kunstschaffende und Architekten dazu ein, in die Provence zu kommen, um sich hier zu einem ortsspezifisches Werk auf dem Gelände des Château La Coste inspirieren zu lassen. So finden sich heute auf dem Anwesen Werke von unter anderem Frank O. Gehry, Hiroshi Sugimoto, Louise Bourgeois, Sophie Calle, Prune Nourry, Tracey Emin oder Jean Nouvel. Im Frühjahr 2024 ist es nun Damien Hirst, der als erster Künstler eine Takeover-Show auf dem gesamten Areal realisiert. Unter dem Titel „The Light That Shines“ zeigt Hirst diverse Skulpturen und Gemälde aus seinen bekannten Serien, aber auch Werke, die noch nie zuvor zu sehen waren.

Zu diesen erstmals ausgestellten Werken zählen die Gemälde aus der Serie „The Emperesses“. Im Mittelpunkt steht hier eines der bekanntesten Motive von Hirst, der Schmetterling, den der Künstler als Symbol für Freiheit, Religion, Leben und Tod betrachtet. Die Bilder mit roten und schwarzen Schmetterlingsflügeln, die in diversen Kaleidoskop-artigen Mustern angeordnet sind, wirken wie optische Illusionen und scheinen die Schmetterlinge in Momenten des Fluges in verschiedene Richtungen einzufangen. Der Titel der Werkserie „Die Herrscherinnen“ bezieht sich auf einflussreiche Persönlichkeiten der Geschichte, etwa Wu Zetian, Theodora, Nūr Jahān, Suiko und Taytu Betul. Die in den Gemälden dominierende Rot-Farbe soll dabei auf die Charaktere und Geschichten der historischen Frauen verweisen und für Leben, Krieg, Macht, Zorn, Liebe, Freude und Glück stehen.

Mit „The Empresses“ entwickelte Hirst seine 2001 begonnene Serie der „Kaleidoscope Paintings“ weiter, zunächst in Form von Drucken und danach in Form von Gemälden, die nun in der Ausstellung „The Light That Shines“ zu sehen sind. Präsentiert werden die Arbeiten in der Richard Rogers Gallery, einer 2021 erbauten orangen Stahlkonstruktion, die an einem Berg auf dem Gelände des Château La Coste fast schwerelos zu schweben scheint. Nicht nur farblich passt das Ausstellungsgebäude zu Hirsts Werken, auch der Aspekt des in der Luft-Schwebens wird hier aufgegriffen. Die Galerie, die man übrigens nur ohne Schuhe betreten darf, dient nicht nur als Ausstellungsraum, sondern auch als Aussichtspunkt. Über ein Panoramafenster kann man fast das gesamte Anwesen von La Coste und die umliegenden Weinberge überblicken.


Auf dem Art Walk, dem Kunst-Wanderweg des Château La Coste, trifft man aktuell nicht nur auf zehn Skulpturen von Damien Hirst, sondern auch auf permanente Kunst-Installationen, etwa die Brücken "Donegal" (2013) von Larry Neufeld.
Auf dem Art Walk, dem Kunst-Wanderweg des Château La Coste, trifft man aktuell nicht nur auf zehn Skulpturen von Damien Hirst, sondern auch auf permanente Kunst-Installationen, etwa die Brücken „Donegal“ (2013) von Larry Neufeld.

Weltraum-Kunst, Satelliten und Meteoriten

In der Galerie des Ancient Chais, die 2015 nach den Entwürfen von Jean-Michel Wilmotte entstand, zeigt Damien Hirst seine „Cosmos Paintings“. Auch Skulpturen aus den Serien „Meteorites“ und „Satellites“ sind zum ersten Mal im ehemaligen Weinlagerhaus des Château La Coste zu sehen. Die Galerie eröffnete, nachdem die neue Weinkellereie nach Entwürfen von Jean Nouvel nebenan fertig gestellt wurde.

Für die Galerie entschied sich Wilmotte dafür, das Äußere des alten Weinkellers beizubehalten und das Innere in einen minimalistischen Ausstellungsraum mit grauem Betonboden zu verwandeln. Der White Cube bildet nun den perfekten Rahmen für Hirsts Gemälde und Skulpturen, für die er sich von den Langzeitaufnahmen des Hubble-Teleskops inspirieren ließ. Ähnlich der Weltraum-Aufnahmen mit Milliarden von Sternen, schuf der Künstler schwarze Leinwände, die er auf dem Boden seines Ateliers mit Farbspritzern überzog, bis die verschiedenen Farbschichten den Eindruck von leuchtenden Himmelskörpern vermittelten. Durch das zusätzliche Aufsprühen von Farbe und das Applizieren dicker schwarzer Farbkleckse kamen dann noch an Galaxien erinnernde Formen und „Schwarze Löcher“ hinzu – ein „intergalaktisches Gemetzel“, wie es der Künstler selbst bezeichnet.

Die „Cosmos Paintings“ (2021) werden von „Satelliten“ (2022) begleitet, eine Serie von Skulpturen, die ebenfalls mit der Faszination der Menschheit für den Weltraum spielt. Jedes Werk ist real existierenden Satelliten nachempfunden und nach ihnen benannt, von „Hubble“ bis „Sputnik-1“, wobei die Bronze-Skulpturen selbst aber deutlich verkleinert sind, im Vergleich zu den Originalen. Die Metall-Beschriftungen an den Skulpturen sind mit Buchstaben im viktorianischen Stil versehen, um Zweifel aufkommen zu lassen, ob es sich um moderne technische Innovationen oder um historische Exponate handelt. Durch die Verkleinerung und Historisierung der Technologie versucht der Künstler den Betrachter in die Position einer Allwissenheit zu versetzen, so als würde er aus der Zukunft zurück auf unsere Gegenwart blicken. Daneben sind in der Ausstellung bronzene „Meteoriten“ zu sehen, die an Objekte erinnern, die Hirst in verschiedenen naturhistorischen Museen gesehen hat.


Der Renzo Piano Pavilion verschwindet fast zwischen den Weinbergen des Château La Coste. Damien Hirst zeigt hier Werke seiner Serie "Natural History".
Der Renzo Piano Pavilion verschwindet fast zwischen den Weinbergen des Château La Coste. Damien Hirst zeigt hier Werke seiner Serie „Natural History“.

Geheime Gärten und präparierte Tiere

Zu Damien Hirsts jüngsten Werken zählen die Gemälde aus der Serie „The Secret Gardens“ (2023). Die Leinwände zeigen leuchtende Blumen, teils mit Zentimeter-dicker Farbe aufgetragen, vor verschwommenen Landschaften. Der Künstler schafft damit ein Spannungsfeld zwischen Realismus und Abstraktion und versuch damit das Gefühl für die Hoffnung und die Vergeblichkeit zu vermitteln, die mit dem Versuch verbunden sind, die Natur kontrollieren zu wollen. Die „Secret Gardens Paintings“ wurden erstmals auf der Frieze Art Fair in London 2023 gezeigt; eine Auswahl der Gemälde ist nun im Château La Coste zu sehen, und zwar in der Bastide Gallery. Die Galerie mit ihrer handgefertigten Ziegeldecke ist Teil des ältesten Gebäudes des Châteaus, das aus dem Jahr 1682 stammt.

Einige Meter weiter befindet sich, inmitten der Weinberge, ein von Architekt Renzo Piano gestalteter Pavillon. Das rund 160 Quadratmeter große Gebäude ist sowohl darauf ausgelegt, einen optimalen Rahmen für die Präsentation von Kunst zu bieten, als auch den umliegenden Wein bestmöglich gedeihen zu lassen. Piano entschied sich deshalb dazu, den Pavillon sechs Meter tief in den Weinberg zu versenken. Dies lenkt den Fokus auf die Dachkonstruktion des Gebäudes, die an Segel erinnert und die Struktur des Weinberges aufgreift. Im Licht-durchfluteten Pavillon zeigt Damien Hirst Werke aus seiner bekannten Serie „Natural History“, mit der er in den 1990er Jahren bekannt wurde. In Formaldehyd-Lösungen konserviert sind in riesigen Tanks hier Haie und Fische zu sehen, aber auch ein Kalb und Kuhköpfe sowie Fluggänse und Tauben. Die Werke spiegeln Hirsts Interesse für Themen an der Schnittstelle zwischen Leben, Tod und der Wissenschaft wider. Doch auch die Auseinandersetzung mit religiösen Themen spielt hier eine Rolle, wie die Symbolik und die Titel bestimmter Werke zeigen, etwa „Die Himmelfahrt“ oder „Die unmögliche Wahrheit“.


Im Oscar Niemeyer Auditorium zeigt Damien Hirst Werke aus seiner Serie "Treasure from the Wreck of the Unbelievable".
Im Oscar Niemeyer Auditorium zeigt Damien Hirst Werke aus seiner Serie „Treasure from the Wreck of the Unbelievable“.

Versunkene Schätze und mythologische Monster

Auf der anderen Seite des Geländes befindet sich, ebenfalls eingebettet zwischen Weinfeldern, das von Oscar Niemeyer gestaltete Auditorium. Der geschwungene Bau, der ein bisschen an die Form eines Kommas erinnert, wurde 2011 errichtet. Umgeben ist das Auditorium von einer Wasserfläche, in der aktuell der gigantische „Kopf eines Dämon“ (2015) liegt. Die Bronzeskulptur gehört zu Damien Hirsts Serie „Treasure from The Wreck of the Unbelievable“, deren Werke auch innerhalb des Gebäudes im Mittelpunkt stehen. Sie wurden 2017 erstmals an der Punta della Dogana und im Palazzo Grassi in Venedig im Rahmen der Biennale gezeigt.

Ergänzt werden die Skulpturen, die mal an antike Kunstwerke oder an moderne Disney-Figuren erinnern, durch einen bisher unveröffentlichten Film, der in einem kleinen Kino im Nebenraum des Auditoriums gezeigt wird. Der Film erzählt im Stil einer Dokumentation die Geschichte von der angeblichen Entdeckung eines antiken Schiffswracks vor der Küste Ostafrikas im Jahr 2008. Hier wurden von Tauchern unglaubliche Funde geborgen, etwa Kunstwerke und monumentale Skulpturen, die mit Korallen und anderen Meeres-Organismen bedeckt waren. Das Wrack wird einem fiktiven Sammler zugeschrieben, einem freigelassenen Sklaven namens Cif Amotan II, der sein Vermögen auf dem Schiff mit dem Namen „The Unbelievable“ transportierte, bis dies versank. Der Legende nach hat Damien Hirst die Bergung der versunkenen Schätze finanziert – und macht diese nun in der Provence erneut zugänglich.

Zusätzlich zu den in den Pavillons präsentierten Werken werden zehn Skulpturen von Damien Hirst auf dem Gelände des Château La Coste ausgestellt, unter anderem am von Frank Gehry gestalteten Musikpavillon und in der Wasserfläche vor dem von Tadao Ando gestalteten Kunstzentrum. Zwischen Zypressen, Pinien, Olivenbäumen und alten Eichen stößt man auf dem Art Walk, der hier vorbei führt, unter anderem auf die monumentale Marmorskulptur „The Fate of a Banished Man (Standing)“ (2008), in der eine schreiende Reiter-Figur von Schlangen angegriffen wird, oder auf die vermeintlich von Tiefsee-Pflanzen bewachsene Skulptur „The Monk“ (2014), die bereits 2017 in Venedig im Rahmen der Ausstellung „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ zu sehen war.


Damian Hirst. The Light That Shines

02.03.-23.06.2024
Château La Coste, Provence


Bilder: Angelika Schoder – Château La Coste, 2024


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Angelika Schoder

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Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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