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Bourgeois x Holzer: Das geschriebene Wort

In der Ausstellung „The Violence of Handwriting Across a Page“ im Kunstmuseum Basel zeigt die US-amerikanische Künstlerin Jenny Holzer ihre Sicht auf das Werk von Louise Bourgeois.

Rezension/Werbung – Im Werk von Louise Bourgeois stehen Emotionen im Fokus: In ihren Zeichnungen, Skulpturen und Installationen geht es um Begehren und Abhängigkeit, um Sexualität oder Zurückweisung, um Eifersucht und Einsamkeit. Einen besonderen Blick auf die Arbeiten der Künstlerin bietet nun das Kunstmuseum Basel mit der Ausstellung „Louise Bourgeois x Jenny Holzer. The Violence of Handwriting Across a Page“. Kuratiert wurde sie ebenfalls von einer Künstlerin: Jenny Holzer, die für ihre Arbeit mit Sprachbotschaften bekannt ist. Von Projektionen bis hin zu LED-Schriftzügen, für Holzer ist Text essenzieller Bestandteil ihrer künstlerischen Arbeit. Aus diesem Blickwinkel nähert sie sich auch dem Werk von Louise Bourgeois, mit der sie freundschaftlich verbunden war. Holzer zeigt vor allem ihre Arbeiten mit Text und bezieht auch die persönlichen Aufzeichnungen der Künstlerin mit ein.


Das Kunstmuseum Basel zeigt die Ausstellung "Louise Bourgeois x Jenny Holzer. The Violence of Handwriting Across a Page" im Obergeschoss des Museumsneubaus.
Das Kunstmuseum Basel zeigt die Ausstellung „Louise Bourgeois x Jenny Holzer. The Violence of Handwriting Across a Page“ im Obergeschoss des Museumsneubaus.

Louise Bourgeois aus der Sicht von Jenny Holzer

Die Kindheit von Louise Bourgeois (1911 Paris – 2010 New York) war geprägt von der komplizierten Beziehung zu ihrer Familie und von traumatischen Erfahrungen. Ihr ganzes Leben setzte sich die Künstlerin mit diesen Traumata auseinander und verarbeitete diese auch in ihrer Kunst. Zunächst konzentrierte sie sich auf Malerei und Druckgrafik, in den späten 1940er Jahren begann sie mit dem Anfertigen von Skulpturen. Die Arbeiten von Bourgeois bewegen sich zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, sie variieren in den genutzten Materialien und in ihren Dimensionen – von sehr klein bis meterhoch. Neben dem Zeichnen war für Bourgeois auch obsessives Schreiben eine wichtige Form ihres Ausdrucks.

Genau über diese umfangreiche Schreibtätigkeit nähert sich die Künstlerin Jenny Holzer an das Werk von Louise Bourgeois an. Holzer (*1950, Ohio) ist dafür bekannt, die öffentliche Dimension in ihre Werke mit einzubeziehen – ihr Schwerpunkt ist dabei die Schrift. Ihre Statements und Schlagworte, die gesellschaftlichen Missständen oft Ironie und Humor entgegensetzen, waren bereits in den 1970er Jahren als Straßenplakate in New York zu sehen, aber auch als Lichtprojektionen auf Landschaften und Gebäuden.

Es überrascht nicht, dass sich Jenny Holzer für das schriftliche Werk von Louise Bourgeois besonders interessiert. Das reichhaltige Archiv von Bourgeois umfasst jahrzehntelang geführte Tagebücher, Briefwechsel und mehrere hundert psychoanalytische Texte. Neben diesen privaten Aufzeichnungen nutzte Bourgeois geschriebene Worte zudem auch häufig in ihrer Kunst. All dies hat Jenny Holzer nun, zusammen mit Kuratorin Anita Haldemann, in einer Umfangreichen Ausstellung vereint.


Auch im Altbau des Kunstmuseums Basel sind Werke von Louise Bourgeois zu sehen.
Auch im Altbau des Kunstmuseums Basel sind Werke von Louise Bourgeois zu sehen. Jenny Holzer hat einige Skulpturen der Künstlerin als Interventionen zwischen den Werken der Sammlung platziert.

Botschaften und Interventionen

Für die Ausstellung „The Violence of Handwriting Across a Page“ wählte Jenny Holzer Werke aus allen Schaffensphasen von Louise Bourgeois: Zu sehen sind Skulpturen, Installationen, Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik und Texte, die in neun Räumen zu thematischen Gruppen zusammengefasst wurden. Jeder Raum steht dabei in gewisser Weise für sich, gleichzeitig verbindet sich alles aber auch zu einer komplexen Erzählung.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht oft das geschriebene Wort, das bei Bourgeois in vielen Formen auftaucht: geprägte Bleitafeln, bestickte Stoffe, bedrucktes Papier und Installationen, die Text enthalten, finden sich in der zentralen Ausstellung im Neubau des Kunstmuseums. Hinzu kommen zahlreiche Tagebuchaufzeichnungen und andere persönliche Schriften, die Bourgeois vor allem in ihr späteres Werk einfließen ließ und die Holzer in der Ausstellung zusammen arrangiert.

Jenny Holzer wurde bei der Umsetzung der Ausstellung vom Kunstmuseum Basel sehr viel Freiheit eingeräumt. Und so breiten sich die Arbeiten von Louise Bourgeois weit über die eigentliche Ausstellungsfläche im Neubau des Museums aus. In der Passage zum Altbau wurde von Holzer die mechanische Skulptur „Twosome“ (1991) platziert. Der große, auf Schienen laufende Zylinder, der sich immer vor und zurück bewegt, evoziert Gedanken an Anziehung und Abstoßung, vielleicht auch an die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Die Installation bildet den Übergang zu verschiedenen Werken von Bourgeois, die als Interventionen zwischen den Werken der Sammlung im Hauptgebäude des Museums auftauchen. Holzer ließ sich bei der Platzierung hierbei oft von Motiven, Formen und Strukturen leiten – einige Gemälde aus der Sammlung boten sich ganz intuitiv für einen Dialog mit bestimmten Arbeiten von Louise Bourgeois an.


Mit der Augmented Reality App "LOUISE BOURGEOIS XX" lassen sich Worte der Künstlerin überall hin projizieren.
Mit der Augmented Reality App „LOUISE BOURGEOIS XX“ lassen sich Worte der Künstlerin überall hin projizieren.

Mediale Vielfalt

Im Hauptbau des Kunstmuseums Basel ist in den Graphikkabinetten die begleitende Ausstellung „Körper und Schrift – Werke auf Papier“ zu sehen. Hierfür wählte Jenny Holzer einige Werke aus der Sammlung des Kupferstichkabinetts des Museums aus, die sie auch im Künstlerbuch zu den Arbeiten von Bourgeois in Bezug setzt. Hinzu kommen Zeichnungen und Druckgrafiken, die sich thematisch oder formal einfügen. Zentrale Themen sind hier etwa Mutterschaft oder Gewalt – also Motive, die auch für Bourgeois‘ Schaffen zentral sind. Auch das Thema Schrift wird hier natürlich wieder aufgegriffen.

Doch nicht nur innerhalb des Museums erfolgt eine Auseinandersetzung mit Louise Bourgeois – auch der öffentliche Raum wird mit einbezogen, wie es auch typisch für viele Arbeiten von Jenny Holzer ist. Zum einen erscheinen die Worte von Bourgeois am Lichtfries des Museums und sind so auf der Fassade des Gebäudes lesbar. Zum anderen wurden im Februar auch Statements an die Fassaden des Basler Rathauses, der Alten Universität am Rhein und an den Hauptbau des Kunstmuseums projiziert. Und schließlich erhalten auch Besucher der Ausstellung die Möglichkeit, die Worte von Louise Bourgeois selbst zu projizieren. Möglich macht dies die Augmented Reality App „LOUISE BOURGEOIS XX“, mit der auch in der Ausstellung vor Ort das Werk „The Destruction of the Father“ (1974) immersiv erlebt werden kann.


Anlässlich der Ausstellung erscheint ein aufwändiges Künstlerbuch, das Jenny Holzers persönliche Perspektive auf das Werk von Louise Bourgeois zeigt. Holzer stellt hier die Werke und Texte von Bourgeois einander gegenüber, ergänzt durch symbolisch passende Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken aus der Sammlung des Kunstmuseums Basel. Die Publikation „Louise Bourgeois x Jenny Holzer. The Violence of Handwriting Across a Page“ ist 2022 bei JRP|Editions erschienen (ISBN: 978-3-03764-584-0).


Louise Bourgeois x Jenny Holzer. The Violence of Handwriting Across a Page

Kunstmuseum Basel, Neubau
19.02.–15.05.2022

musermeku dankt dem Kunstmuseum Basel für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.


Bilder: Angelika Schoder – Ausstellungsansichten: Louise Bourgeois x Jenny Holzer, Kunstmuseum Basel 2022


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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